Plötzlich schwul? Wenn Ehemänner ihre Homosexualität entdecken

„Ich nehme dich zu meinem angetrauten Mann, ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens, in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit. Bis dass der Tod uns scheidet.“ Ein Eheversprechen, das sich viele Männer und Frauen gegeben haben. Doch was ist wirklich an diesem Versprechen dran, wenn einer der Partner gar nicht heterosexuell ist? Gerade in vergangenen Jahrzehnten waren diese gemischtorientierten Ehen häufiger anzutreffen. Ein bisexueller oder homosexueller Partner, der aufgrund von fehlender Akzeptanz von der Gesellschaft und/oder sich selbst seiner Sexualität gegenüber eine heterosexuelle Partnerschaft und Ehe eingegangen ist, war und ist ein häufig anzutreffendes Phänomen. Ein Leben, in dem man seine homosexuelle Identität ausleben kann, kam für viele gar nicht in Frage. Doch mit den Worten „Ja, ich will!“ besiegelt man zwei Schicksale – sein eigenes und das Schicksal des Partners. Es mag eine zu große Herausforderung sein, sein Leben lang ein Doppelleben zu führen oder gar seine Sexualität zu unterdrücken. In den meisten Fällen gelangt ein Ehepaar eines Tages an den Punkt, an dem das Versteckspiel endet und die Wahrheit ans Licht kommt. Doch wie geht der heterosexuelle Partner damit um und welche Gedanken und Ängste kreisen in ihm, nachdem der angetraute Partner sich als bi- oder homosexuell geoutet hat? Diese gemischtorientierte Ehen („mixed-orientation marriage“) sind zu unterscheiden in Partnerschaften, in denen die Frau über die sexuelle Orientierung des Mannes von vornherein vollumfänglich Bescheid wusste, und solchen, in denen sie davon erst im Verlaufe der Ehe Kenntnis erhält. Häufig findet ein Coming-out des homo- oder bisexuellen Partners auch gar nicht statt. In der Literatur wird häufig nur von diesem Rollenverhältnis gesprochen, wobei es natürlich auch sein kann, dass die Frau der homosexuelle Part ist.

Vereinzelt kommt es vor, dass sich jemand, der in Bezug auf Verhalten und sexuelle Fantasien zunächst ausschließlich heterosexuell gelebt hat, im Verlaufe einer Ehe dem gleichen Geschlecht stärker hingezogen fühlt als dem eigenen Ehepartner. Fast immer allerdings ist die homosexuelle Orientierung von Anfang an vorhanden. Doch sind die Motive von schwulen und bisexuellen Männern wesentlich vielfältiger, als nur die Wahrung eines Scheins oder die Verschleierung der eigenen Identität. Der Wunsch, respektiert zu werden, keinen Anstoß zu erregen, sich vor Klatsch zu schützen, den Erwartungen der Eltern zu entsprechen oder so konfliktarm wie möglich durchs Leben zu kommen, sind nur einige davon. Auch im Job kann eine heterosexuelle Ehe immer noch die Karriere schützen und fördern. Bei vielen schwulen Männern, die eine heterosexuelle Frau heiraten, spielt internalisierte Homophobie eine Rolle. Sie erschrecken vor ihren homosexuellen Sehnsüchten und glauben, dass eine tiefe Bindung an eine Frau sie auf den „richtigen Weg“ führen wird. Sie empfinden zu ihrer Partnerin eine aufrichtige Zuneigung und sind bei ihr vor dem emotionalen Kontrollverlust und vor den Ungewissheiten der sexuellen Liebe geschützt. Viele haben einen starken Kinderwunsch. In der Ehe bauen schwule und bisexuelle Männer oft ein harmonisch-zugeneigtes Verhältnis zu ihrer Frau auf. Die über Freundschaft oder platonische Liebe nicht hinausgehenden Gefühle werden oft als „Liebe“ interpretiert. Nach den Theorien des Therapeuten Joe Kort sind homosexuelle Männer in den ersten sieben Jahren der Ehe in einem chemischen, romantischen Hoch. Nach etwa sieben Jahren fällt das Hochgefühl weg und ihre schwule Identität beginnt sich herauszubilden.

Manche bisexuelle Männer können ihre homo- und heterosexuellen Neigungen in einer gemischtorientierten Ehe weitgehend konfliktfrei ausleben. Hier ist es jedoch immer von Bedeutung, ob der Partner von der sexuellen Orientierung weiß oder nicht. Andere, die sich dem Partner gegenüber nicht outen, haben ein sauber getrenntes Doppelleben, in dem sie ihre homosexuellen und ihre heterosexuellen Handlungen und Gefühle strickt trennen. Auf dem ungeouteten Ehepartner liegt häufig eine unvorstellbare Last, die diesen krank oder depressiv machen kann. In einigen Fällen kann dies auch bis zum Suizidversuch führen. Das Coming-out gegenüber der Ehefrau fällt den meisten Männern sehr schwer, weil sie ihre Partnerin und die Kinder nicht verlieren wollen. Das Trümmerfeld, das nach dem Coming-out zurückbleibt, entspricht dem, was nach schwerwiegender und nicht verzeihbarer heterosexueller Untreue zurückbleibt. Etwa ein Drittel der Ehen endet sofort und ein weiteres Drittel kurze Zeit nachdem der homosexuelle Ehepartner seine sexuelle Orientierung bekannt gibt. Das verbliebene Drittel versucht, die Ehe noch einmal aufleben zu lassen. Wichtig hierbei ist es, dass Versuche, die die Beziehung in Bezug auf die eigene sexuelle Orientierung überdenken, meist erfolgreicher sind, als Versuche, bei denen man zum „alten“ Leben zurückkehrt.

SCHWULISSIMO sprach mit Martina (Name von der Redaktion geändert). Sie ist seit 21 Jahren mit ihrem Mann zusammen. Dass ihr Ehemann schwul ist, hat sie geahnt. Ein Schock war es nach dem Outing dennoch.

SCHWULISSIMO: Kannst du zum Einstieg ein wenig deine Lebenssituation beschreiben, wie du deinen Ehemann kennengelernt hast, wie es zu Hochzeit kam und wie die Ehe verlaufen ist?
Martina: Also mein Name ist Martina, ich bin 39 Jahre und mein Mann ist ein Jahr jünger. Wir sind bereits seit 21 Jahren zusammen und seit elf Jahren verheiratet. Da wir kirchlich sehr aktiv sind, haben wir uns auch über diese Weg damals kennengelernt, als mein Mann mit seiner Familie in unseren Ort gezogen ist. Nachdem wir zusammen gekommen sind, hat es allerdings noch zehn Jahre bis zur Hochzeit gedauert. Heute glaube ich zu wissen, dass mein Mann sich nie ganz schlüssig war, diesen Schritt zu gehen. Aber dennoch hat er mir versichert, ihn aus Überzeugung getan zu haben. Wir sind im Grunde genommen wirklich ein Dream-Team, verstehen und ergänzen uns in allem. Mit einer Ausnahme: Sex. Aber auch das war nicht immer so. Zudem haben wir uns auch Kinder gewünscht, was leider nicht geklappt hat. Nach sechs künstlichen Befruchtungen und zwei Fehlgeburten sind wir leider kinderlos. Wir reisen und unternehmen sehr viel zusammen.

SCHWULISSIMO: Wie kam es zu dem Outing deines Ehemannes? Zu welchem Zeitpunkt ist dein Mann mit der Wahrheit rausgekommen? Hat er sich selbst geoutet oder hast du es rausgefunden?
Martina: Im Grunde genommen habe ich schon immer geahnt, dass mein Mann schwul ist. Wir hatten bevor wir zusammengezogen sind jeder seine eigene Wohnung und jeder hatte von dem anderen einen Schlüssel. So kam es, dass ich damals dort einen homosexuellen Pornofilm gefunden habe. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich geschockt war. Aber ich habe mir dann gesagt, dass es wahrscheinlich nicht so schlimm ist und jeder schaut sich mal solche Filme an. Meinen Mann habe ich darauf natürlich nie angesprochen. Wahrscheinlich hatten wir beide Angst, die Wahrheit anzusprechen. Vor ca. zwei Jahren hat mein Mann angefangen, mit einem Mann zu chatten. Immer wenn ich in die Nähe meines Mannes bzw. des PCs kam, hat er den Bildschirm weggedrückt. Je häufiger er dieses Verhalten an den Tag gelegt hat, desto häufiger „musste“ ich natürlich an dem Zimmer vorbei. Es kam dann so weit, dass ich nicht mehr schlafen konnte und meinen Mann eines Nachts angesprochen habe, ob er auch auf Männer steht. Es kam erst keine Reaktion und nachdem ich eine Zigarette rauchen war, habe ich meinen Mann weinend im Bett vorgefunden. Es hat mir das Herz zerrissen und ich habe versucht, ihm gut zuzureden, dass wir das alles gemeinsam schon in den Griff bekommen. Wir haben schon so viel zusammen gemeistert, also warum nicht auch das, sagte ich mir. Zu dem Zeitpunkt habe ich aber nicht geahnt, dass er homosexuell ist. Ich dachte, er sei bisexuell. Aber das erklärte auch, warum wir kaum oder gar keinen Sex mehr hatten, was in mir immer die Frage aufkommen ließ: Was ist mit mir? Bin ich nicht attraktiv, zu dick, zu hässlich, oder, oder, oder? Nachdem es nun raus war, hatten wir wieder öfters Sex, was sich dann aber wieder einstellte. Auf eine Art war mein Mann erleichtert, dass es raus war, aber auf der anderen Art war sein Geheimnis nun gelüftet. Wir haben Nächte lang darüber geredet.

SCHWULISSIMO: Wie bist du selbst damit umgegangen, dass dein Mann schwul ist? Hast du ihn verstoßen oder hast du versucht, ihn zu verstehen? Wie geht ihr heute miteinander um?
Martina: Ich muss sagen, ich bin sehr verständnisvoll, mitfühlend und einfühlsam meinem Mann gegenüber – auch nachdem es herauskam. Ich habe meinem Mann zugesagt, dass es unter uns bleibt und er selber entscheiden muss, wann und ob er es öffentlich sagen möchte. Für mich persönlich ist er der gleiche Mensch und hat eine Persönlichkeit nichts mit der Sexualität zu tun. Bis heute habe ich es nur meinem Chef anvertraut und das nur, weil ich jemanden zum Reden brauchte. Ich habe sonst niemanden, dem ich davon erzählen kann, was manchmal sehr schwierig ist. Ich will nicht, dass mein Mann vor Freunden oder in der Familie anders dasteht, und machen wir uns nichts vor, er würde anders behandelt werden. Zumindest die erste Zeit, vielleicht bis Gras über die Sache gewachsen ist. Das will ich nicht! Mein Mann ist ein liebevoller, humorvoller, einzigartiger Mensch. Und ja, ich liebe ihn immer noch genauso wie „vorher“! Nachdem es dann zwischen uns offiziell war, ist mein Mann „losgezogen“ in Gaykinos. Meistens außerhalb von unserer Stadt, damit er nicht gesehen wird. Wir haben auch öfters Urlaub in Berlin gemacht, wo natürlich die „Szene“ mehr Möglichkeiten hergibt. Ich habe immer versucht, meinen Mann zu unterstützen und ihm gut zuzureden. Selbst ich war dann mehrfach in einer Gay-Disco mit. Mal fällt es mir leichter und mal schwerer, zu meinem Mann zu stehen.

SCHWULISSIMO: Wie fühlt es sich an, wenn dein Mann nicht mehr die Nähe zu dir sucht? Welche Möglichkeiten für euer zukünftiges Leben siehst du? Gibt es weiterhin ein Zusammenleben?
Martina: Ja, es tut weh, den eigenen Mann so zu sehen und ich habe ihm auch immer gesagt, dass ich bereit bin, ihn „frei“ zu lassen, wenn es ihm dann besser gehen würde. Ich habe keine Wut oder keinen Hass auf meinen Mann. Wir leben zusammen und wenn ich ehrlich bin, hoffe ich, dass ich diesen Menschen niemals verlieren werde. Wenn ich ihn vielleicht auch nicht mehr als Ehemann haben werde, dann wenigstens noch als Freund. Ich möchte keine Trennung, würde ihn aber ziehen lassen, damit er „endlich“ anfängt, zu leben! Auch für ihn muss es bisher ein schweres Leben gewesen sein, nicht so sein zu können, wie er wirklich ist.

SCHWULISSIMO: Hast du jemals das Gefühl gehabt, dass du eine Schuld trägst, dass dein Mann homosexuell ist? Was waren die ersten Gedanken, nachdem du die Wahrheit gehört hast?
Martina: Natürlich habe ich daran gedacht, dass ich schuld bin! Was habe ich nur falsch gemacht? Ich war und bin mir immer sicher, dass ich alles zu seinem Wohle mach(t)e. Ich bin immer bemüht, dass er sich zu Hause wohlfühlt, aber manchmal reicht das nicht. Ich denke sehr oft, dass ihm der Sex fehlt. Jeder Mensch braucht Zuneigung und Bestätigung. Außerdem tut er mir manchmal einfach leid, weil er nicht er selbst sein kann. Es tut mir weh, wenn er leiden muss. Ich würde ihm so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie. Aber es tut auch mir teilweise weh, denn wenn man jemanden liebt, dann will man ihn ja für sich alleine haben. Mich nimmt die Situation so sehr mit, dass ich psychisch erkrankt bin.

SCHWULISSIMO: Was kannst du anderen Ehefrauen raten, die vermuten, dass sie in einer ähnlichen Situation stecken wie du oder die bereits erfahren haben, dass ihr Mann homosexuell ist?
Martina: Tja, das ist sehr sehr schwierig, denn jeder Mensch reagiert anders auf so eine Situation und ein Coming-Out des Mannes. Aus diesem Grund kann ich auch leider niemanden davon erzählen, denn ich würde nur auf Unverständnis treffen, was ja vielleicht auch normal wäre. Wahrscheinlich würde ich auch so reagieren, wenn es mir jemand erzählen würde. Die Reaktion wäre vor allen, dass man mir zur Trennung raten würde. Wie schon gesagt, für mich ist der Mensch an sich sehr wichtig und nicht seine sexuelle Neigung. Ich weiß nicht, was das Beste für uns beide ist. Ich glaube auch nicht, dass ich meinem Mann egal bin, denn ansonsten hätte er es nicht so lange mit mir ausgehalten. Ich denke einfach, es ist eine andere Liebe zu mir. Ich finde, auch wenn es sehr schwer ist, sollte man seinem Mann zuhören und versuchen, ihn zu verstehen. Teilweise sind die Männer, glaube ich, einfach nur in ihrer Rolle gefangen. Wenn die Gesellschaft heute nicht immer noch so reagieren würde, dann würden sich mit Sicherheit noch mehr Männer zu ihrer Homosexualität bekennen. Es ist ein heikles Thema und leider findet man im Netz auch nicht all zu viel Informationen bzw. Literatur darüber. (sr)

29.08.2014


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