Vorgestellt: Bernd Sondergeld von „Jot Jelunge“

Bernd, wie hast du den eben gefeierten CSD über die Runden gebracht?
Eigentlich sehr gut, wenn man bedenkt, dass ich im Vorfeld extreme Ischias-Probleme hatte und samstags auch noch im Laden stand. Nach der Arbeit habe ich mir dann doch noch eine Kopfbedeckung geklöppelt (siehe Foto) und bin am Sonntag in der Demo als „kleinste Gruppe“ – nämlich als Einzelperson – mitgelaufen. Nach dem Motto: Es gibt „außerirdisch“ viel zu feiern und auch immer noch zu beklagen …

Wie war dein Urteil zum Thema „Nie wieder“?
Ich fand das Motto gut! Es ist ja relativ offen und lässt sich auf viele Bereiche übertragen. Zum Beispiel nie wieder „Diskriminierung“, nie wieder „Rosa Winkel“ und nie wieder Todesangst und Verzweiflung!

Was übrigens würdest du privat „Nie wieder“ machen?
Schwere Frage. Ich habe das Gefühl, dass ich nie etwas gemacht habe, was ich unbedingt aus meinem Gedächtnis streichen müsste. Trotzdem waren solche Episoden ja wichtig, um Entwicklungen machen zu können, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin.

Wir haben die „Ehe für alle“ – jetzt auch für dich?
Ich bin in meinem Leben fast nie Single gewesen und scheinbar gar kein Single-Typ. Ich hatte immer das Glück, jemanden an meiner Seite zu haben. Ich bin seit gut 7 Jahren mit Ingmar zusammen, den ich auf seinem Gastspiel in Köln kennenlernte und der schon nach 6 Monaten von Berlin zu mir nach Köln zog. Ich habe schon mal das Thema „Ehe“ angesprochen. Er gab mir einen Korb, weil er meine „praktischen Gründe“ zu unromantisch fand. Bei der nächsten Runde möchte ich nun gerne derjenige sein, der gefragt wird. :-)

Gestern hast Du zum 2. Mal die Veranstaltung „Sperenzien“ – eine Mixed Show im Ausstellungsraum deines Geschäftes „Jot Jelunge“ (gut gelungen) auf die die Bühne gebracht. Was steckt dahinter?
Da ich sehr Theater- und Comedy-affin bin, wollte ich in den Räumen von „Jot Jelunge“ immer auch für sowas eine Plattform bieten. Durch die Begegnung mit dem Slam-Poet Julius Esser ist irgendwann dieses schräge Konzept entstanden. „Sperenzien“ bedeutet „etwas daneben, etwas unbequem sein“ – wir fanden wir, das passt gut zu unserer Kleinkunst-Mixed-Show. Im Juni war Premiere, weitere Termine sind am 10. 08.; 14. 09. und 12. 10. Übrigens ist der Eintritt frei. Und wir sind immer offen für Menschen, die sich bei uns „ausprobieren“ möchten!

Was erwartet den Besucher sonst noch im „Jot Jelunge“?
Als „Jot Jelunge“ sind wir Ausstatter in den Bereichen Kostümierung, Dekoration, Maske, Party, Show, Verpackung, Werbung etc. Das beschränkt sich jedoch nicht nur auf Karneval, sondern wir haben ganzjährig Saison.

Was ist dir denn im Leben besonders jot jelunge?
Ich glaube mein Laden, den ich vor über 21 Jahren eröffnet habe: Die Kombination aus Fundgrube, Gestaltungsspielraum und Ort für Begegnung und Darbietung ist in Köln sicher einmalig.

Vor Karneval und Halloween stürmen sicher die Kunden dein Geschäft, was machst du denn in den ruhigeren Zeiten?
Halloween ist nicht mehr ein so großes Thema. Generell bieten wir Kreativ-Workshops und -Events für Kinder und Erwachsene an. Ein zweites Standbein ist der Bereich Propmaking – also Entwurf und Bau von Filmausstattungen, dazu klassische Schaufensterdekorationen und Werbetechnik; als Projektleiter und 3D-Konstrukteur komme ich ursprünglich aus dem Messebau-Bereich.

Du bist ein Allround-Talent; wir kennen dich als Künstler auf und hinter der Bühne.
Ich habe bei einigen Theater-, Foto- und Filmprojekten mitgemacht. Musikalisch war ich bis zu deren Auflösung in der A cappella-Gruppe „Die Fetten Koketten Soubretten“, viele Jahre davor noch bei den legendären „Triviatas, dem 1. schwulen Kölner Männerchor“. Seit einigen Jahren gibt es zusammen mit meinem Freund das Projekt „GoOld-Guys“. Wir verstehen uns augenzwinkernd als die Erben der Golden Girls. Das ist eine Comedy-Mischung von sehr lustigen bis ernsthaft-nachdenklichen Themen.

Was kannst du eigentlich nicht?
Ich bin kein Automechaniker und auch kein Arzt. Ebenso wenig kann ich keine Tiere töten, schon allein deshalb, weil ich Vegetarier bin. Und wenn mich mein Ischias plagt, kann ich auch kein Fußballspielen.

Bist du mehr ein Allroundtalent oder eine Rampensau?
Rampensau eher nicht. Dass ich hin und wieder auf der Bühne stehe, liegt vielleicht an meiner Klaustrophobie. Menschenmassen und Enge meide ich möglichst. Und wo ist in einem gefüllten Saal der meiste Platz? Natürlich auf der Bühne.

Du hast – wie viele andere Schwule – ein besonderes Händchen für gute und ausgefallene Dekorationen.
Ich weiß nicht, ob dafür generell schon eine genetische Veranlagung gefunden wurde. Aber letztens hat mir ein Cousin erzählt, dass ich ihn schon, als wir Kinder waren, verkleidet und geschminkt hätte. Daran habe ich selbst gar keine Erinnerung mehr.

Liegt die Kreativität nicht auch irgendwie in der Familie? Da gibt es doch noch ein Geheimnis?
Na, nicht wirklich. Ich habe gemeinsame Urgroßeltern mit Bruce Willis, also sind wir Groß-Cousins. Seine deutsche Mutter pflegt noch den Kontakt zu meiner Familie, aber ihn selbst habe ich nie auf Familienfeiern getroffen. Ich würde ihn schon gerne einmal kennenlernen, aber als Mensch und nicht, um mich mit ihm zu schmücken. Wenn ich Menschen kennenlerne, ist mir ihr Status pups-egal.

Was kann man noch wichtiges über dich und zukünftige Projekte erfahren?
Ich probe gerade an einem neuen Musikprojekt mit einem Songwriter, der allerdings gerade gesundheitlich angeschlagen ist. Deswegen kann ich darüber nicht viel sagen. Eine andere Sache sind die Proben mit der bekannten Kölner Schauspielerin und phantastischen Sängerin Natascha Balzat. Vielleicht entsteht daraus etwas Gemeinsames...

Was stört dich an der Szene?
Mich stört generell, wenn Menschen oberflächlich und verletzend sind und dabei vergessen, worauf es im Leben ankommt. Das ist aber szeneunabhängig. Und ich finde, dass man nicht muffelig in den Tag schauen sollte. Stattdessen hilft ein Lächeln über sich selbst, viele Dinge entspannter zu sehen. (vvg)

10.08.2017


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