„Wenn Politiker voran gehen, dann zieht das Volk auch nach“

Der Verein BLIST e.V. in Lüneburg setzt sich zur Förderung der Interessen
von Bisexuellen, Lesben, Intersexuellen, Schwulen und Transgender ein. Seit August 2017 hat der Verein einen neuen Vorstand. Birger Johnson, der Pressesprecher von BLIST, hat mit uns über die Arbeit des Vereins, Reformen für Transgender und über die Wunschvorstellung seiner Zukunft geredet.


Die Struktur des Vereins ist in Deutschland einmalig. Was unterscheidet Sie mit Ihrer Struktur von anderen Vereinen?
Wir haben uns für diese fünf Gruppen gegründet, die vom Gesetzgeber benachteiligt werden. Es sind ja nicht nur Schwule, Lesben und Bisexuelle benachteiligt, sondern auch Intersexuelle. Sie haben beide Geschlechtsmerkmale. Wenn ein Kind geboren wurde, musste in die Geburtsurkunde eingetragen werden, ob das Kind männlich oder weiblich ist. Früher hat man diese Kinder operativ zu Jungen oder Mädchen gemacht. Was falsch ist, denn in diesem Alter können die Kinder sich ja noch gar nicht äußern. Wenn es dann doch die falsche Entscheidung war, konnte man das ja nicht mehr rückgängig machen. Zum Glück wurde das mittlerweile geändert. BLIST beinhaltet auch die Transgender und Transidenten. Man kann uns auch kaum in fünf Gruppen einteilen, denn das sind fließende Übergänge und etliche, verschiedene Zwischenstadien. Zu der Zeit, als wir den Verein gegründet haben, war es einmalig. In der Zwischenzeit gibt es aber Tendenzen, dass andere Vereine unserem Beispiel gefolgt sind und sich nicht nur für Schwule und Lesben einsetzten, sondern auch für Transidenten.

BLIST e.V. macht Aufklärungsarbeit an Schulen ab der vierten Klasse. Wie muss man sich das vorstellen?
Als wir noch eine größere Mitgliederzahl hatten sind wir auch in die Schulen gegangen. Ich halte davon sehr viel, dass diese Aufklärung spätestens in der vierten Klasse gemacht wird. Ich habe selbst zwei Kinder und die waren schon mit 6 Jahren aufgeklärt. Wir sind ja eine Regenbogenfamilie, aber bei anderen Familien ist das eben nicht immer der Fall. Und deshalb ist es wichtig, dass die Aufklärung in der Schule stattfindet. Also haben wir uns an alle Grundschulen in Lüneburg gewandt und sind da auf Offenheit gestoßen. Erst fand ein Gespräch mit den Lehrern, danach mit den Eltern statt. Da haben wir uns vorgestellt. Erst dann machen wir zwei Termine mit den Kindern. Erstmal sollen die Kinder uns kennenlernen und für den zweiten Termin sollen sie sich dann Fragen überlegen. Wir haben dann auch Fragebögen gemacht, wo die Kinder uns dann Fragen beantworten sollten, damit wir sehen, wie weit sie schon aufgeklärt sind. Wir gehen dort mit vier oder fünf Leuten hin. Da ist meist ein Schwuler, eine Lesbe, ein Bisexueller und eine Transfrau oder ein Transmann dabei. Als ich einmal fragte, was die Schüler dabei gelernt haben, antwortete ein Mädchen: „Also ich habe gelernt, dass da eigentlich gar kein großer Unterschied ist.“ Das ist so schön, denn Kinder haben keine Vorurteile. In Kroatien wurde beschlossen, dass Aufklärungsarbeit in der Schule nicht stattfinden darf. Das ist so falsch, denn Kinder müssen aufgeklärt werden.

[img2639]Sie wollen sich bezüglich überfälliger Gesetzesreformen mehr für Transgender einsetzen. Wie genau soll das aussehen?
Bald haben wir unseren ersten Termin, seitdem der neue Vorstand gewählt wurde. Da werden wir auch über dieses Thema reden. Wichtig ist, dass wir den Leuten klar machen, dass Homo- und Transphobie in unserem Land nichts zu suchen hat. Bei der Reform des Transidenten-Gesetzes geht es darum, dass einem Transmenschen nicht zugemutet wird, dass er zwei Jahre lang zum Psychiater gehen muss, damit er beweisen kann, das nicht nur aus Spaß zu machen. Erst nach diesen zwei Jahren kann man den Antrag auf die Personenstandsänderung stellen. In England gibt es das gar nicht. Dort geht das sofort. Kein Transgender macht das einfach aus Spaß. Frau Merkel hat dieses Transidenten-Reformgesetz in der Schreibtischschublade liegen. Und das seit 15 Jahren. Dieses Gesetz ist fertig. Es muss nur vom Bundestag verabschiedet werden. Es wird nicht verabschiedet, weil Frau Merkel keinen Handlungsbedarf sieht. Frau Merkel ist eine Verdrängerin, sie tut nichts. Sie wartet, bis es gar nicht mehr weiter geht. Auch bei der Ehe für Alle. Erst als sie merkte, dass es ein Thema für die Bundestagswahl wird, wollte sie das Thema schnell weg haben und hat es zur Abstimmung freigegeben.

Sie bieten auch Gesprächskreise an. Wie oft finden diese statt? Kann man ohne Anmeldung daran teilnehmen?
Ja, ab November finden diese Treffen, jeden ersten Freitag im Monat um 19 Uhr, statt. Jeder, der will, kann ohne Anmeldung einfach kommen. Das findet im Checkpoint Queer in Lüneburg statt. Wir haben noch keinen Namen für diese Treffen. Wir wollten da mal Ideen sammeln.

Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass alles ein wenig schneller geht. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch. Die Politiker sind einfach zu langsam. Sie müssen doch mal in die Gesellschaft reinhören und mit gutem Beispiel voran gehen. Wenn Politiker voran gehen, dann zieht das Volk auch nach. In meiner Zukunft akzeptiert man jeden, so wie er ist, egal woher er kommt und welche Religion er hat. Wir sind jetzt das 24. Land auf der Erde, wo die Ehe für alle gilt. Wir waren nicht die Ersten, sondern Nummer 24. Und es gibt immer noch 200 Länder, in denen die Ehe für alle nicht gilt. Natürlich geht uns das auch etwas an, was in den anderen Ländern vor sich geht. Das betrifft eine Weltbevölkerung. Aber für Deutschland wünsche ich mir einfach, dass Politiker Veränderungen ein wenig schneller durchbringen und das nicht so aussitzen, denn das Leben geht so schnell vorbei.
(js)

05.12.2017


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