Anorexie - Über die Volkskrankheit Magersucht

"Wem Essen und Trinken nicht mundet, ist in einer Gefahr, ob er es wisse oder nicht" (Elvira in "Die Nacht aus Blei")

Nicht munden kann es aus unterschiedlichen Gründen. Vielleicht handelt es sichbei dem Vorgesetzten ja um Schweinehirn oder Lamminnereien, vielleicht magman ein-fach keine Erbsen oder es sieht grauenerregend aus. Aber es gibt nocheine weitere, etwas diffizilere Dimension.

Ohne die Esskultur gäbe es keine Kultur, das hat ein Restaurantkritiker mal gesagt. Essen zählt zu den wichtigsten Dingen im Leben. Nicht nur weil es lebenswichtig ist, seinem Körper Nährstoffe zukommen zu lassen. Auch aus dem sozialen Bereich ist Die Wege in die Magersucht sind vielfältig. Nicht immer geht es ums Abnehmen. das Essen nicht mehr wegzudenken. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, gehen wir mit unserem Liebsten gerne essen oder kochen gemeinsam. Das hat auch etwas mit Vertrauen zu tun, denn nur von dem Menschen, dem wir Vertrauen entgegenbringen, nehmen wir auch Essen an.

»Wie wichtig die Ernährung für die Gesellschaft ist und war, sieht man an den Nahrungstabus der religiösen Glaubensgemeinschaften«, erklärt mir David. David ist neunzehn Jahre alt, knapp einsachtzig groß, hat braune Augen und hellbraune Haare, etwa schulterlang. Und er wiegt neunundvierzig Kilo. David ist magersüchtig. »Wie es angefangen hat weiß ich nicht mehr. Da war ich vierzehn oder so.« David leidet unter Anorexia Nervosa (»nervlich bedingte Appetitlosigkeit«), einer Krankheit, die schleichend anfängt und irgendwann zum Lebensinhalt wird. David hat einen BMI von 15, normal wäre für sein Alter ein BMI ab 19, David ist stolz auf seine Figur. Trotzdem: »Auch im Sommer habe ich immer lange Klamotten an, denn es ist mir peinlich, so spindeldürr zu sein.« Für den Normalessenden ein Widerspruch. David zuckt nur die Schultern.

Wir sitzen im Café unter den Linden, David raucht eine Zigarette nach der anderen, trinkt Latte Macchiato. Anorexia Nervosa ist eine schwerwiegende Krankheit, die, wird sie nicht behandelt, zum Tod führen kann. »Es war mir die ganze Zeit bewusst, dass ich meinem Körper schade. Aber ich habe das so hingenommen, das Dünnsein fühlte sich einfach zu gut an.« Es geht dabei schließlich auch um Macht. Macht über den eigenen Körper. Seine eigenen Grenzen überwinden. »Die meisten Tage habe ich morgens einen Toast gegessen und abends einen Apfel oder auch mal ein Müsli, das reichte mir.« Gegen den Hunger? »Zigaretten, Kaffee. Tabletten habe ich auch mal genommen, davon wurde mir aber schwindelig und ich konnte mich nicht konzentrieren.«

Die Wege in die Magersucht sind vielfältig, nicht immer geht es um das Abnehmen. David zum Beispiel war schon immer dünn. Auf Fotos aus der Zeit vor der Krankheit ist er auch sehr mager, aber er ist fröhlich, lächelt, streckt die Zunge in die Kamera. Die Magersucht kam und die Fröhlichkeit ging. Die Anorexie hat ihn nachdenklich gemacht. »Damals hat man mich immer öfter zum Essen gezwungen, weil ich so mager war.« David kommt aus einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, da konnte man mit einem so schwammigen Begriff wie »Magersucht« nichts anfangen. Und ein magersüchtiger Junge? Nicht möglich! Irgendwann verweigerte David dann das Essen, seine Ausreden den Verwandten gegenüber waren vielfältig. »Meistens habe ich gesagt, ich hätte schon bei einem Freund gegessen. Einmal musste ich sogar Liebeskummer vortäuschen, um mich in mein Zimmer verkrümeln zu können.«

Dann, mit siebzehn, der Zusammenbruch: David war auf einer Geburtstagsparty,
hat eine Ecstasy genommen und ist zusammengebrochen. Kam ins Krankenhaus.
Und blieb gleich da. Extremes Untergewicht, Herzrhythmusstörungen, Schwäche.
Die Diagnose: Magersucht. David wog damals nur noch einundvierzig Kilo. Zu der Zeit war er nicht magersüchtig im Sinne des Wortes: »Ich war süchtig nach dem Hunger, den ich dann unterdrücken konnte.« Süchtig nach der Macht über den eigenen Körper.

Er kam in eine Klinik für Jugendliche wie ihn. Viele Mädchen, dünne, dicke. »Es war schon ziemlich abgefahren: Da saßen extrem Dünne mit extrem Dicken an einem Tisch, die eine aß wie ein Schwein, die andere wie ein Spatz.« Für fast drei Monate blieb David in der Klinik, malte Bilder, unterhielt sich mit Psychologen, lernte, normal zu essen. Er hätte danach in eine Wohngruppe ziehen können, wo er weiterhin betreut worden wäre, aber er hat sich dagegen entschieden. »Ich schaffe es jetzt auch alleine.« Sagt er, lächelt flüchtig, steckt sich die nächste Zigarette an und nippt an dem Latte Macchiato.

Vorher hat er es ja auch alleine schaffen müssen. Seine Eltern hatten keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollten, der Vater besuchte ihn in der Klinik nie. Er wollte einen schwulen Sohn mit so einer Mädchenkrankheit nicht in seiner Nähe haben. David ist nicht schwul. Aber auch nicht heterosexuell. »Ich habe noch nie jemanden geliebt. Ich kann mir das auch überhaupt nicht vorstellen«, sagt er. Der Journalist in mir wird zum Menschen. Hat er denn keine Sehnsucht nach Berührung, nach Nähe? Er fröstelt. »Nein«, sagt er bestimmt, »um Gottes Willen, nein.«

Ich fahre nach St. Georg, gerade rast die Schanze unter mir hinweg. Ich lese Volkers E-Mail. Der letzte Satz: »Aber ich will nicht, dass mein Name in dem Artikel steht.« Bulimie macht scheu. »Und einsam«, ergänzt Volker, der eigentlich anders heißt, als ich ihn darauf anspreche. Er sieht aus wie ein ganz normaler Einunddreißigjähriger. Aber wie hatte ich ihn mir vorgestellt? Blasses Gesicht, eingefallene Wangen, dunkle Augenringe?

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Stattdessen sitzt mir ein gutaussehender junger Mann gegenüber, in seinem Gesicht ist kein Anzeichen einer Krankheit zu finden. Und doch übergibt er sich regelmäßig nach dem Essen. Vor ihm steht ein Teller, leer, Reste eines Sandwichs. Er sieht meinen Blick. »Ab und zu muss man ja auch richtig essen«, sagt er lächelnd, zuckt mit den Schultern. Er erbricht nicht alles? »Nein, aber das meiste.« Alles fing an, als der erste Freund mit ihm Schluss machte. Da war er einundzwanzig, die Beziehung starb im Alter von zweieinhalb Jahren. Volker fiel in ein bodenloses Loch, fand sich unattraktiv, hässlich, fett. »Ich war damals viel unterwegs. Mit
mei-nem Freund. Wir waren auf so ziemlich jeder Party. Danach ging ich nur noch selten aus, habe mich zurückgezogen, saß oft alleine in meiner Wohnung.« Er vernachlässigte das Studium, brach irgendwann einfach ab, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und steckte sich nach dem Essen den Finger in den Hals. Nach eine Therapie fragt man vergeblich: »Nein, da würde ich mir doof vorkommen. Aber ich bin in einem Club, da hilft man mir.« Was das für ein Club ist, sagt er nicht.

Vielleicht handelt es sich dabei um Pro Ana, eine Vereinigung von Menschen, zumeist Frauen, die Essstörungen als durchaus unterstützenswerte Lebenseinstellung definieren anstatt als Krankheit.

Vielleicht meint er auch nur einen jener unzähligen Gayromeo-Clubs, die Abnehm-tricks wie diesen nennen: »Also erst mal solltest du dafür sorgen, dass dich deine Umwelt nicht nervt.« Das ist auch Volkers Problem: »Manchen meiner Freunde ist es schon verdächtig vorgekommen, dass ich nach gemeinsamem Essen relativ schnell aufs Klo gehe.« Ja, das nervt, wenn sich die Freunde Gedanken machen.

Ich muss mal aufs Klo«, sagt er. Ich erschrecke. »Keine Angst, nur pinkeln«, lächelt er erklärend und ich weiß nicht, ob ich das glauben kann.

Essstörungen kommen nicht von irgendwoher und sie kommen zumeist nicht allein.

Bulimia Nervosa heißt seine Krankheit, Ess-Brech-Sucht oder Bulimie im allgemeinen Sprachgebrauch, und ist die bekannteste Vertreterin unter den Essstörungen. Abnehmen um jeden Preis, das ist die Devise. Es beginnt zumeist selbstbestimmt, erlangt aber recht schnell eine Eigendynamik. Der Mensch fühlt sich zu dick, steckt sich nach dem Essen den Finger in den Hals und erbricht. Nach einiger Zeit gelingt es auch ohne den Finger im Hals.

Aber auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel: Bulimie kann wie auch die Anorexie psychische Ursachen haben, die weit über eine gewünschte Gewichtsabnahme hin-ausgehen. Sexueller Missbrauch, Scheidungen, Verlust eines geliebten Menschen. Essstörungen kommen nicht von irgendwoher und sie kommen zumeist nicht allein. Ihre Begleiter sind Depressionen, Minderwertigkeitskomplexe, Ablehnung der eige-nen Identität, Selbstverletzung, Alkohol- oder Drogenmissbrauch können Auslöser und Begleiterscheinung sein.

Ein weiterer Irrtum ist, dass Essstörungen nur in der Pubertät auftreten. Der Anteil der minderjährigen Patienten liegt bei weniger als zehn Prozent. Ich treffe mich mit Harald. Er ist achtundvierzig Jahre alt, ein freundlicher, gutmütiger Kerl mit schütterem Haar, das grau und licht ist. Er ist Beamter, wo, das verrät er mir nicht. Zu peinlich ist ihm seine Bulimie.

Vor knapp fünf Jahren hat sich alles geändert. Ich wachte eines Morgens auf, sah meine Frau an und wusste: Das ist es nicht.« Er verließ seine Frau, seine Tochter, seinen Sohn, traf einen Mann, mit dem wohnt und lebt er jetzt zusammen. Eine schöne Wohnung, hübsch eingerichtet, man kann bis zum Hafen gucken. »Ich war und bin glücklich. Aber es wurde einfach irgendwann zuviel.« Mit seiner Frau und seinen Kindern versteht er sich blendend, sie haben seinen Freund herzlich aufgenommen.

Kein Grund, krank zu werden. Und doch war der Einschnitt zu jäh, zu
tiefgreifend. Es kam von selbst. Eines Abends nach dem Essen rannte Harald aufs Klo und übergab sich. Seinem Freund hat er gesagt, dass er Durchfall hätte. Nur seine Frau weiß bescheid. Mit ihr kann er darüber reden. »Vielleicht wäre ich ohne sie schon tot.« Wir sitzen auf dem Balkon in der Sonne, er sieht auf die Stadt hinab. Er sollte glücklich sein. Und trotzdem leidet er » an Depressionen. Seit einem halben Jahr ist er nun in Therapie. »Aber es ist noch kein Licht am Ende des Tunnels. Es ist zuviel aufzuarbeiten.« Ein ganzes Leben voller Lüge. »Nein, ich habe meine Familie nie belogen. Aber eines Tages war es einfach anders.« Das restriktive Essen
entspannt ihn, nimmt ihm seine Ängste.

Genaue Zahlen, wie viel Prozent der Männer essgestört sind, wie viele von ihnen über oder unter 18 Jahren alt sind, gibt es nicht. Zu peinlich ist vielen Betroffenen ihre Erkrankung, da sie als »unmännliche Frauenkrankheit« in den Medien stattfindet. Trotzdem alarmieren in schöner Regelmäßigkeit
mehr oder weniger seriöse Magazine: Es werden immer mehr! Belegt
wird diese These dann mit nicht belegbaren und wissenschaftlich umstrittenen
Zahlen wie denen des »Ernährungspapstes« Volker Pudel, der 1.000 Männer
in West- und Ostdeutschland nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragte. Sein
Ergebnis: Etwa zehn Prozent aller Männer leiden an Essstörungen. Wegen diffuser Fragestellung jedoch will niemand so recht an seine Zahlen glauben.

So bestätigt auch Georg Ernst Jacoby, Chefarzt der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen, einem Fachzentrum für gestörtes Essverhalten, dass der Anteil seiner männlichen Patienten stetig wächst, aber trotzdem immer noch nur einen kleinen Prozent-satz aller Patienten stellt.
Aber nicht nur der Anteil der männlichen Patienten wächst stetig: Auch immer
mehr Frauen suchen sich professionelle Hilfe und Beratung. Diesen Effekt kann man der Tatsache zuschreiben, dass erst seit etwa zehn Jahren das Thema »Magersucht« aus seiner Tabu-Ecke gerückt und über Essstörungen, welcher Art auch immer, in den Medien berichtet und aufgeklärt wird. Ein Umstand, von dem auch die betroffenen Männer profitieren. Somit ist die Aussage
»Immer mehr Männer werden magersüchtig« unvollständig und schlichtweg
nicht richtig. Vielmehr werden immer mehr betroffene Männer (und auch Frauen) »aktenkundig«, weil sie sich aufgrund zunehmender Aufklärung über das Krankheitsbild, professionelle Hilfe suchen. Die Dunkelziffer, da sind sich alle einig, ist jedoch viel höher.

Warum aber suchen sich viele Betroffene keine adäquate Hilfe? Auf der einen Seite ist es, wie bereits erwähnt, die mit der Krankheit verbundene Peinlichkeit. Dies gilt jedoch nur für Essgestörte, die sich bewusst sind über die Essstörungen. Was längst nicht auf alle zutrifft. Die Diagnose einer Anorexie gestaltet sich als äußerst schwierig, so wird die Erkrankung in den meisten Fällen erst dann erkannt, wenn sie gesundheitsgefährdende Ausmaße annimmt. Und bis dahin können Jahre vergehen, in denen sich der Betroffene langsam auf den Zusammenbruch zuhungert.

Ärzte in ländlichen Gebieten können aufgrund der Tatsache, dass die Erkrankung hier sehr viel seltener vorkommt als in Großstädten, zumeist nichts anderes diagnostizieren als Das ist die Pubertät, das gibt sich mit der Zeit«. Auch sind die Patienten in vielen Fällen eher als »ungewöhnlich« zu bezeichnen; Menschen, denen man ein solches Krankheitsbild niemals zutrauen würde: Athleten, Senioren – betroffen kann inzwischen sogar der mitten im Leben stehende erfolgreiche Manager sein. Der Druck, bestimmte Normen zu erfüllen, zu denen auch der Umgang mit dem Körper gehört,
wächst zunehmend. »Wer dick ist, gehört nicht der Aufmerksamkeitselite an«, so Deanne Jade vom National Centre for Eating Disorders.

Der Glauben, Essstörungen müssten aus einem traumatisierenden Kindheitserlebnis wie einer Vergewaltigung resultieren, ist falsch. Vielmehr ist es der Leistungsdruck, der in unserer Gesellschaft an allen Stellen vorherrscht, der den Menschen ein Zerr-bild des eigenen Körpers vermittelt: Du musst erfolgreich sein, gut aussehen, viel Geld verdienen. Stress, der sich durch die Selbstkasteiung katalysieren lässt. Aber auch soziale Vereinsamung oder Verwahrlosung können einen Menschen in die Magersucht treiben - ein Auslöser, den Psychologen vor allem bei minderjährigen
Patienten und Senioren feststellen. Manfred Fichter, Leiter der Medizinisch-
Psychosomatischen Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee kommt in seinen
Studien zum Thema »Magersucht bei Männern« zu noch einem weiteren Ergebnis:
Das Risiko scheint für solche Männer besonders hoch zu sein, die Schwierigkeiten mit ihrer Identität als Mann haben, zum Beispiel weil sie ohne Vater aufwuchsen.

Gerade weil die Gründe für die Essstörungen so mannigfaltig sind, ist Aufklärung geboten. Denn der Schlüssel zur Heilung ist immer die Selbsterkenntnis des Patienten, dass er krank ist. Denn ein Patient, der seine Krankheit leugnet, kann nicht geheilt werden. Das wusste schon Äskulap. Und das weiß der gesunde Menschenverstand.

Mehr Informationen auf www.bzga-essstoerungen.de

(ws)

13.04.2018


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