Ausgequetscht - Mary Roos

Mary Roos ist eine der beliebtesten Ikonen in der deutschsprachigen Musik. Gegenwärtig kann man sie in der Sendung „Sing meinen Song“ erleben. Am 4. Mai erschien ihre aktuelle CD „Abenteuer Unvernunft“, gute Gründe um mit ihr zu reden.

Mary, herzlichen Glückwunsch zur neuen CD „Abenteuer Unvernunft“ die am 4. Mai erschien; wie kam es zum Titel?
Danke schön. Das war wieder einmal eine meiner Ideen, so wie letztens bei „Ab jetzt nur noch Zugaben“. Das habe ich mir überlegt, weil ich jetzt in einem Alter bin, wo der Bauch wichtiger wird, als der Kopf. Daher der Titel.

Songwriter wie u.a. Johannes Oerding, Pe Werner, Andreas Zaron, Frank Ramond, Tobias Reitz und Sven Bünger haben dir Lieder auf den Leib geschrieben. Was ist leichter: Wenn Text und Musik aus einer Hand stammt, oder wenn mehrere Köpfe daran basteln? Und wie ist dein Anteil als Interpretin?
Manchmal sind mehrere Köpfe gut; auf der anderen Seite ist es aber auch gut, wenn alles aus einem Guss ist. Oftmals bekomme ich die Lieder und weiß gar nicht, wer was gemacht hat. Dann ist das Gesamtbild wichtig, die Melodie und die Aussage. Ich finde es wichtig, je älter man wird, dass man authentisch bleibt. Das man so singt, wie man spricht und denkt. Als Interpretin habe ich auch schon Ideen und Wünsche vorgegeben, die mir wichtig waren. Das wird dann besprochen.
Dieses Mal war alles anders: Ich kam gerade aus Südafrika von „Sing meinen Song“ zurück und musste praktisch vom Flieger aus direkt ins Studio. Es blieb einfach wenig Zeit. Die Titel waren zwar schon da, aber es musste ja noch produziert, abgemischt und Fotos gemacht werden. Und es braucht ja auch Zeit, bis so eine CD auf den Markt kommt.

Deine 1. Singleauskopplung heißt „Am Anfang der besten Geschichten“ - um im Text zu bleiben: Wer kam auf die Schnapsidee?
Das war wohl der Texter selbst. Es geht darum, dass man manchmal aus dem Zufall heraus wichtige Entdeckungen macht. Wie z.B. bei der NASA, da sind ja Dinge entdeckt worden, die uns gesundheitlich zu Gute kommen. Oder dass man durch Zufall ein tolles Rezept kreiert, nur weil man eine falsche Zutat hinzugegeben hat. Und wenn man nicht mutig genug ist, Dinge im Leben anzugehen, weiß man später nicht, ob sie gut oder schlecht gewesen wären.
Wie auch bei „Sekretärin Rita“, die immer nur zweifelt und fragt „Was wäre wenn“ und ihre Träume verpasst.
Und am Ende seines Lebens sagt man dann: „Hätte ich doch nur.“ Die meisten Leute sagen immer: „Das mache ich noch; ich habe ja noch so viel Zeit!“ Und plötzlich ist die Zeit weg und man ärgert sich über das Versäumte. Das ist doch schade.

Ist dir das schon passiert?
Ich habe eigentlich alles gemacht, was ich machen wollte. Weil ich genau weiß, dass es später schwierig wird, verpatzte Chancen neu zu suchen. Man muss einfach mutig sein; in dem Moment, wo man eine Idee hat und sie gleich durchführen. Die Zeit, die Gelegenheit und der Moment kommt nicht wieder.

Versteh ich „Schweig mit mir“ richtig: Verstanden wird man erst, wenn man auch miteinander schweigen kann?
Und auch weil die Stille ganz wichtig ist. Viele Leute fragen mich immer, wie ich das alles schaffe – und ich habe noch eine ganze Menge vor – und dann antworte ich, dass ich auch zurück in die Stille gehe. Ich war sogar schon einige Tage im Kloster, was mir sehr gut getan hat. Und ich kann zu Hause sein, ohne vor die Tür zu gehen. Das brauche ich einfach, um meinen Akku wieder aufzuladen.

„In deinem Schatten“ geht es um Liebe, Nähe und Geborgenheit, was uns interessiert: Gibt es bei dir einen Schatten?
Ich liebe das Lied von Pe Werner, aber ich hasse die Frage wie die Pest. Weil: Ich kann erzählen was ich will, geschrieben wird immer etwas anderes. Kürzlich stand sogar auf einem Titel „Mary sucht einen jüngeren Mann.“ Niemals im Leben würde ich so einen Sch*** sagen.

Wir erinnern uns an die Schlagzeile „Mary liebt Travestiestar!“.
Genau, ihr wisst noch, was das für ein Theater war. Lola rief mich an und sagte, dass etwas ganz Schreckliches passiert sei und ich befürchtete schon das Schlimmste. Als sie mir dann von unserem vermeintlichen Verhältnis berichtete, habe ich nur noch gelacht. Die Zeitungen schreiben halt, was sie wollen; deswegen sage ich lieber gar nichts mehr zu dem Thema.

„Steinalte Kinder“ soll sagen: alt an Jahren - jung im Herzen, oder?
So ist es und dass wir nie vergessen, unser naives Kind sein zu behalten. Viele Menschen sind mit 20 schon so alt, dass man gar nicht mehr mit denen reden möchte. Dieses naiv-kindliche und die Lust am Leben geht leider vielen Menschen viel zu früh verloren.

Du sagst in der ersten Folge von „Sing meinen Song“ du wolltest eine schrille Alte sein.
Das will ich auch. Ich finde es wunderbar, wenn man anstatt: „Ich werde alt“ sagt: „Ich werde schrill!“. Ich finde z.B. Bette Midler fantastisch; wie sie lebt und was sie für einen Humor hat. Wenn sie eine Ballade singt, könnte ich heulen. Wenn sie über sich erzählt, muss ich lachen.

Das Lied „Ich wär bei mir geblieben“ strotzt vor Selbstbewusstsein.
Das heißt ja richtig „Wenn ich Du wäre, wäre ich bei mir geblieben“. Wir machen ja alle das gleiche bei Liebesschmerz durch: den Schmerz, die Wut und die Phase, wo man überlegt, welche Fehler man selbst gemacht hat.

Es erinnert sehr an „Ich bin stark“, obwohl es ja auch eine unglückliche Trennung beschreibt.
Weil man ja stark wird, wenn man aus dem Loch wieder raus kommt, in das man gefallen war.

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In „Alles muss raus“ rätst du, dass man im Leben mal aufräumen muss.
Das man auch mal mit weniger Gepäck reist. Das ist eine wichtige Erfahrung: Früher bin ich mit 3 Koffern gereist, heute brauche ich nur noch einen. Loslassen können, von dem was man hat. Ich möchte einfach diesen Ballast nicht mehr mit mir rumtragen.

Das besingt Silbermond im „Leichtes Gepäck“.
Einem grandiosen Lied. Ich habe kürzlich im Keller aufgeräumt und war überrascht, was sich da alles für Sachen angesammelt haben, die man nicht braucht. Oder man zieht mehrmals um, dann löst sich das Problem auch von alleine, weil man sich von vielen Dingen trennt.

„Danke ans Leben“. Andere bedanken sich bei Partnern, Eltern, Freunden – du dich ans Leben.
Ich war in einem Singer-Songwriter-Camp, wo junge Leute für Interpreten komponieren. Und als ich erzählte, dass ich mich täglich dafür bedanke, weil es mir gut geht, weil ich gesund und zufrieden bin, sagte ein junges Mädchen, dass sie den richtigen Song für mich hätte.

Deine „Abenteuer Unvernunft-Tour“ beinhaltet 28 Auftritte in 28 Städten. Sie startet am 17.11.2018 im Berliner Admiralspalast und endet am 2. Juni 2019 in der Siegerlandhalle in Siegen. Deine zweite Solo-Tour heißt: große Städte, große Hallen, großes Lampenfieber? Ja natürlich, schon deswegen, ob die Hallen auch voll werden (lach). Und es werden auch noch weitere Tourtermine hinzukommen, zurzeit sind es bereits knapp 30.


Der passt absolut. Und ich war mega überrascht, als ich von Kim Fischer erfuhr, wie positiv die Sendung nach der Ausstrahlung im Netz abging, weil alle so begeistert waren. Und im Netz stehen nicht immer gute Sachen.

Auf der CD singst du auch „Bauch und Kopf“ Frage: Bist du mehr „Gefühl oder Verstand“? Das ist die Frage gewesen, die mich beschäftigt hat. Oft steht das ja sehr konträr gegenüber. Ich habe das Lied von Mark Forster auf die CD genommen, weil ich das sehr schön finde. Es sollte einfach eine Erinnerung an Südafrika sein und ich hoffe sehr, dass ihm meine Version gefällt. Er ist ein großartiger Mann; ich war total schockverliebt in ihn. Aber das ganze Team war super drauf und supernett; wir hatten eine großartige Zeit zusammen.
Mein Abend ist übrigens am 29. Mai auf Sendung. Danach gibt es noch mein Special, auf das ich selbst sehr gespannt bin. Die haben alles ausgekramt, was sie bekommen konnten.

Mal sehen, ob sie dein Travestie-Verhältnis auch ausgebuddelt haben. Kommen wir zum ESC. Beim Vorentscheid warst 3x dabei: 1970 mit „Bei jedem Kuss“, 1975 mit „Eine Liebe ist wie ein Lied“ und 1982 mit „Lady“ im Duett mit David Henselmann. 1972 wurdest du mit „Nur die Liebe lässt uns leben“ Dritte – 1984 warst du mit „Aufrecht gehn“ dabei und 2010 hast du beim Lied für Oslo sogar in der Expertenjury gesessen. Würdest du selbst heute noch einmal an den Start gehen?
Nein, und obwohl ich noch Jahre danach mehrere Anfragen erhielt, überlasse ich das doch lieber der jüngeren Generation. Aber in der Jury sitze ich dieses Jahr wieder.

Seit drei Jahren machst du dich zusammen mit Wolfgang Trepper in eurem Programm „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ über den Schlager lustig. Würdest du dich heute musikalisch breiter einordnen?
Mir ist es egal, ob ich als Schlager-, Chanson- oder Pop-Sängerin bezeichnet werde; Hauptsache die Leute hören und lieben meine Lieder. Heute wird man zu schnell in eine Schublade gesteckt, aus der man dann nicht mehr herauskommt.

Schon vor mehr als 30 Jahren hast du gesungen „Keine Träne tut mir leid“...
Das kann ich heute auch noch behaupten. Ich habe in meinem Leben nie gesagt „Ach hätte ich das doch nicht gemacht.“ Alles ist für irgendetwas gut.

In deinem Familienkreis hat man ja schon sehr früh behauptet „Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“. Deine Schwester Tina York war zwar nur um die ½ Welt, dafür aber im Dschungel – steht das für dich auch noch als „Möglich aber sinnlos“ auf deiner Liste?
Nur für sinnlos. Aber ehrlich, ich habe meine Schwester schwer bewundert und ich bin unendlich stolz auf sie.

„Arizona Man“ (1970) war dein erster Hit, den du mit auf das Album genommen hast, sozusagen: die 1. Liebe vergisst man nicht?
Exakt und das war bei mir privat auch so. Den habe ich nach Jahren wiedergetroffen und dachte nur, gut, dass das nichts geworden ist. Die späte Rache der Mary Roos. Du siehst, ich kann auch biestig sein. Und seitdem ich den Trepper kenne – mit dem ich gerade auf der Autobahn bin – wird das immer schlimmer. Das steckt so an.

(vvg)

08.06.2018
© Stephan Pick
© Stephan Pick

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