Rainer Bielfeldts neue CD: Die Erinnerung von morgen

Rainer, du hast gerade eine neue CD mit dem Namen „Die Erinnerung von Morgen“ fertiggestellt, da stellt sich die Frage: Wie sind denn „Die Erinnerungen von Gestern“?
Die sind natürlich grundsätzlich gemischt, weil man das eine oder andere Blöde gemacht hat oder das Schicksal mal härter zuschlägt. Aber im Großen und Ganzen überwiegt das Positive. Der Titel soll mich immer wieder daran erinnern, dass ich heute verantwortlich bin, meine Erinnerungen von morgen zu schaffen; vor allem die guten.

Eigentlich heißt es „Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf Morgen“, bei dir heißt es aber „ ... ist die Erinnerung von Morgen“. Hast du Angst vor Veränderungen?
Grundsätzlich nicht, das ist immer ambivalent. Es ist wichtig sich im Leben immer wieder zu verändern, sich neu auszubalancieren und zu definieren. Kaum einer marschiert heute noch einfach geradeaus und macht sein Leben lang dasselbe. Persönliche Veränderungen sind notwendig, machen aber manchmal Angst, ob man sich richtig entscheidet. Aber sehr oft wird es belohnt, wenn man den Mut aufbringt, neue Ufer zu erreichen.

In welcher Zeit ist das Album entstanden?
Das Schreiben der Lieder ist über Jahre gegangen, weil ich seit 11 Jahren kein Solo-Album mehr gemacht habe. In dieser Zeit hatte sich schon ein Großteil der Lieder angesammelt. Die andere Hälfte habe ich tatsächlich im letzten Jahr geschrieben.

Nach welchen Kriterien hast du die Texte und vor allem die Texter ausgewählt?
Eigentlich in erster Linie aus dem Bauch heraus. Ich habe selbst Texte geschrieben, andere wieder mit Leuten zusammen gemacht, bzw. Texte von anderen genommen. Ich entscheide da sehr mit dem Herzen. Wenn mich ein Text „anmacht“, in meinem Kopf sofort Bilder entstehen und ein Film losgeht, denke ich, dass er nicht nur mir sondern auch anderen gefallen wird.

Wie arbeitest du, entsteht zuerst die Melodie danach der Text - oder ist es umgekehrt?
Das ist unterschiedlich, meistens geht das Hand in Hand. Von meiner Lieblingstexterin Edith Jeske bekomme ich fertige Texte, dazu schaffe eine Melodie; bei meinen eigenen Liedern habe ich meist zuerst die Melodie, ehe ich den Text dazu mache.

Welcher der 14 neuen Songs ist dein persönlichster?
„Nicht mal 10 Schritte“ ist ein mir sehr persönlicher Text, wo es darum geht, aus einer Beziehung auszubrechen. Ich muss immer sehr gegen diesen Fluchtreflex ankämpfen und entscheide mich dann in der Beziehung zu bleiben, zwar erst einmal bis morgen, aber morgen entscheide ich mich erneut. Aber auch bei den 13 anderen sind eine Menge sehr persönlicher Lieder.

Warum wirkt das Album so düster und in Moll, selbst das Booklet ist grau …?
Offen gestanden sehe ich das Album überhaupt nicht düster und habe das bisher auch nicht als Rückmeldung bekommen. Es ist eher melancholisch, nachdenklich und da wo es heiter ist, soll es kein Schenkelklopfer sein, sondern eher augenzwinkernde Selbstironie. Ich bin ja Hanseat und ein eher ruhiger Typ, da ist das Album für mich nicht düster, sondern lebensbejahend.

Wir meinen mit düster, weil stetig Gefühle auftreten wie: Abschied, Kälte, Tränen, Regen, Überleben, Unsicherheit, verletzter Stolz sowie verlorene Gelegenheiten.
Diese Gefühle sind aber auch ein Teil des Lebens. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass etwas zu Ende geht, dass etwas mit Schmerz verbunden ist. Es ergibt keinen Sinn, nicht mehr zu lieben, weil Liebe auch wehtun kann. Natürlich sind die dunklen Momente Teil unseres Lebens und die lassen sich nur vermeiden, wenn man gar keine Gefühle an sich ran lässt - und das ist nicht mein Lebensideal.

„Dazwischen“ ist dein erstes Album nach 11 Jahren, warum hat es so lange gedauert und wie unterscheidet es sich von früheren CDs?
Ich habe in den 11 Jahren vieles gemacht, u.a. mit Tim Fischer gearbeitet, mit ihm Touren gemacht, für andere Leute geschrieben, Kinder-Musicals und Hörspiele geschrieben und produziert. Meine Solo-CD ist dabei immer auf der Strecke geblieben, weil andere Kunstzwänge im Vordergrund standen. Aber jetzt war es wieder mal an der Zeit. Das Album ist natürlich anders als seine Vorgänger, weil ich mich ja auch verändert habe.

Du hast eben Edith Jeske erwähnt, von ihr stammen auf der neuen CD die Lieder „Tod in Venedig“ und „Gute Reise mein Herz“. Zwei deiner CDs hießen „Nachtzug“ und „Herzen mit Koffer“. Hört sich an, als wärest du ständig „unterwegs“ oder sollten wir sagen „auf der Suche“?
Sowohl als auch, natürlich bin ich viel unterwegs als Musiker und auch privat gern auf Reisen. Mein Mann ist Brasilianer und da sind wir öfter in Brasilien. Da bin ich also insofern nicht mehr auf der Suche, denn ich habe meine Liebe gefunden. Ich bin eher auf der Suche nach mir selbst und meiner eigenen Mitte. Das klingt jetzt wahnsinnig esoterisch, aber es ist so. Ich bin noch nicht ganz bei mir angekommen, aber schon ganz schön nah dran.

Gehörst du zu den Menschen, die durchs Leben schweben, oder zu denen, die ganz fest am Boden kleben?
Ich bin mehr und mehr geerdet, bin in einer schönen Beziehung, die aber stetig neu erkämpft und ausbalanciert werden muss. Es gefällt mir gut, es zwischendrin auch mal auszuhalten, dass man sich reibt und es nicht immer eitel Sonnenschein ist. Ich habe viele stabile Freundschaften vom Leben geschenkt bekommen, sowie eine tolle Familie, was mich wahnsinnig erdet.

Deine Antwort auf die nächste Frage, ob du noch mit Tim Fischer unterwegs bist, müsste eigentlich „Absolut“ heißen?
Selbstverständlich sind wir noch unterwegs, wir treffen uns regelmäßig und snacken schon über unser neues Programm 2019. Momentan spielt er noch das Programm „Die schönen alten Lieder“ mit einem anderen Pianisten, aber auch „Absolut“ wird weitergespielt und da sitze ich am Klavier.

Bist du mit deinem Herzen und dem Koffer demnächst wieder auf Tour und wo kann man dich dann live erleben?
Ich freue mich auf Hamburg, Anfang Mai und auf Köln, Mitte Juni - Aber bevor ich jetzt alle Termine aufzähle, empfehle ich eher einen Blick auf meine Homepage www.rainerbielfeldt.de oder mein Facebook-Profil, denn da findet man alle weiteren Termine, die „Dazwischen“ liegen.
(vvg)

12.06.2018
© vvg
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