Rosarote Panther, grüne Modefreaks und wilde Tattoos: Anything-goes-Ästhetik auf der Fashion Week
Mitte Juli hieß es wieder „Willkommen, bienvenue, welcome“ auf den roten Teppichen der Hauptstadt: Die Berlin Fashion Week präsentierte die besten Designer, erfolgreichsten Brands und neuesten Trendkollektionen aus aller Welt. Die Besucher präsentierten vor allem sich. Ganz Berlin war ein einziger Catwalk aus rosaroten Panthern. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Hübsch anzusehen und mit großem Flirt-Faktor. Insgesamt kristallisierte sich auf den Messen eine „Anything-goes“-Modeästhetik heraus bestehend aus verschiedensten außergewöhnlichen Mustern, schrillen Farben, neuen Accessoires und vielen Anklängen an die 1970er und 80er Jahre. Vor allem aber: alles ganz schön bunt, ganz schön schrill, ganz schön schwul: Mode als gefühlte Vision extrovertierter und wilder Hedonisten. Alles ist tragbar, wenn der charakterstarke Mann es richtig anstellt.
Als 2003 eine junge Streetwear-Messe namens Bread & Butter von Köln nach Berlin übersiedelte, ahnte kaum einer, welches Potenzial diese Ankerveranstaltung einmal für den Modestandort Berlin, ja für die gesamte Modebranche Deutschlands entfalten würde. Der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit erkannte früh die Chancen für die Stadt und förderte die auf inzwischen sechs große Modemessen unter dem Dach der Berlin Fashion Week vereinte Megaveranstaltung nach Kräften. Das brachte ihm viel Kritik wegen angeblich „einseitiger Förderung“ der inzwischen weltweit größten Jeans-Messe Bread & Butter auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ein. Heute sind die meisten Kritiker verstummt. Berlin ist fast wieder die Modemetropole der „Goldenen 1920er“, und die Zahlen 2011 sprechen für sich: Fünf Tage Mode rund um die Uhr, mehr als 50 Modeschauen, 120.000 Besucher, Hunderte akkreditierte Fachjournalisten vom Fashion Magazin aus Peking, der Vogue aus Paris, Underground-Radios aus Russland, Kritikerinnen aus Mailand bis zum schwulen Modeblog aus Brasilien.
Was die ein halbes Dutzend Catwalk- und Messe-Veranstaltungen Bread & Butter, Mercedes-Benz-Fashion-Week, Premium Exhibitions , In Fashion Berlin, Capsule und Bright Show unter dem Dach der Berlin Week für Fachbesucher und Industrieeinkäufer sind, sind die zahlreichen, häufig kostenlosen Modenschauen wie z. B . Lavera Showfloor, Show 0711 oder Greenshowroom für den ökologisch anspruchsvollen grünen Modefreak: Auch Eco Fashion, also nachhaltig produzierte Mode und passende Naturkosmetik wie z. B . Re-Clothing, Lavera, Ksia, Grüne Erde oder Ansoho hat sich längst im Markt etabliert und werden immer stärker nachgefragt.
Hauchdünne Schals, leichte Kopfbedeckungen jeder Art, schwere Armbänder und breite Ringe, große Manschettenknöpfe, bunte Hosenträger und wilde Binder sind voll im Trend. „Rough, but gentle“ scheint der Leitgedanke für die Männermode nicht nur bei Baldessarini zu sein. Nicht nur die Stoffe sind rau in der Optik: Die Herren tragen Vollbart oder Schnauzer mit Hut, fließend-leichte Leinen-Baumwoll-Sakkos, dicke Brillengestelle und Mäntel mit markant militärischen Taschen, Schulterriegeln und großen Knöpfen. Insgesamt kehrt auch die Eleganz in die Herrenmode zurück. Rot- und Pinktöne sind überall zu sehen, wie bei Kilian Kerner. Berlins cooles Label Firma präsentierte sich im Berghain: Ihre Smoking-Jacketts in der Farbe Greige (einer Mischung aus Grau und Beige) sind längst kein Geheimtipp mehr und werden in Sao Paulo, Moskau oder Peking getragen, aus denen immer mehr Fachbesucher zu Fashion Week anreisen. Michael Michalsky zeigte auf seiner schon traditionellen „Style Nite“ seine Winterkollektion „Urban Nomads“. Sie ist minimalistisch, futuristisch und geometrisch.
Eine solche Auswahl und Vielfalt an Denim-Stoffen gab es noch nie: Die Bread & Butter ist inzwischen die größte Jeans-Messe der Welt. Und es fällt auf, wie sehr vor allem die großen Sportausrüster mit pfiffigen Ideen und Marketingpower in das Geschäft mit Urban Streetwear drängen: Adidas, Puma, Converse, Asics und Co. präsentieren für 2012 auffallend bunte Kollektionen und breite Sneakers-Sortimente. Neben den Designerjeans und großen Marken wie Levi´s, Pepe, G-Star, Hilfiger, Replay, Ben Shermann, Mustang, Mavi, Desigual, Diesel, Edwin, Lacoste, ADenim oder Timezone etablieren sich aber auch immer mehr bisher eher kleinere Labels wie Supremebeing, Wood Wood, Alprausch, Federation Clothing, Eleven Paris oder Wesc. Der Kunde will mehr und mehr Authentizität statt Massenware: scheinbare Unikate. Die Trends sind Vagabunden-Looks, aufwendige Reliefs, neue Jeansfarben, veredelter Denim mit Lycra oder Kaschmir und Lokalkolorit wie der Berlin- oder Tokyo-Bezug in den Motiven.
Viele Besucher scheinen wenig bis gar nicht geschlafen zu haben, denn die angesagtesten Bars waren bis tief in die Nacht überfüllt: Überall traf man schöne Menschen, hörte Lachen, Champagnerkorkenknallen und sah funkelnd-leuchtende Ikonen-Tattoos auf Wadenbein, Schulter oder Oberarm. Schöne bunte Fashion Week. Karl-Heinz Müller, Geschäftsführer der Bread & Butter, brachte das Ergebnis auf den Punkt: „Wo Supershow drauf steht, ist auch Supershow drin!“ Laut Investitionsbank Berlin wird sie der Stadt allein in diesem Jahr knapp 120 Millionen Euro an zusätzlicher Wirtschaftsleistung einbringen. Die Berlin Fashion Week war diesmal noch erfolgreicher, noch internationaler, noch tougher, noch sexier – vor allem aber noch schwuler als je zuvor. (jvz)
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02.08.2011
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