HIV & Syphilis - Anstieg der Neuinfektionen
In den Jahren 2001 bis 2007 stiegen die HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern signifikant an. Diese alarmierende Botschaft führte zu spontanen Spekulationen und kritischen Reaktionen hinsichtlich der Herangehensweise von Aufklärung und Prävention. So wurde zunächst vermutet, aufgrund der verbesserten medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten habe HIV und AIDS seinen Schrecken verloren. Zudem habe sich die Wirkung von Prävention und Aufklärungskampagnen abgenutzt.
Wie sich jedoch nach einer erneut erfolgten Erhebung von 2007 herausstellte, liegt bei Verkehr zwischen Männern nach wie vor eine verbreitete Orientierung an den Normen des Safer Sex vor. Zudem haben sich bei den Sexualgewohnheiten zwischen Männern die Häufigkeiten von geschütztem Verkehr und ungeschütztem Verkehr als stabil erwiesen. 70 % der Teilnehmer der Erhebung schützen sich immer oder fast immer, 20 % meistens und lediglich 10 % selten oder nie. Dem zunächst vermuteten Argument der »neuen Sorglosigkeit« muss daher eine klare Absage erteilt werden.
Allerdings fand sich eine signifikante Zunahme der Frequenz analgenitaler Kontakte, insbesondere mit nicht festen Sexualpartnern. Insofern kommt es trotz konstanter Kondomverwendung allein aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit zu einer Erhöhung der Infektionszahlen.
Dazu kommt der Einbruch einer Syphilisepidemie. Epidemiologisch betrachtet liegt ein Synergismus zwischen HIV und Syphilis vor, der auf mehreren Faktoren beruht. Zunächst liegen einfach ähnliche Übertragungswege vor. Dazu kommt, dass die Barrierefunktion der Haut und Schleimhaut bei Syphilis in den frühen Stadien durch den Primärulkus (Geschwür) eingeschränkt ist. So kann es etwa bei einem Syphilis-Infizierten einerseits leichter zu einer HIV-Infektion kommen, andrerseits kann ein Syphilis-HIV-Infizierter leichter HIV übertragen. Weiterhin ist bei HIV-Syphilis-Infizierten die Viruslast von HIV im Blut erhöht, wie auch die HI-Viruskonzentration in genitalen Sekreten gesteigert. Neue Untersuchungen zeigen zudem, dass die der Syphilis eigenen Hautläsionen (Geschwüre) ebenfalls eine Rolle spielen. Denn sowohl in den Hautläsionen wie auch im oberflächlichen Blut sondern Immunzellen verstärkt den HIV-Korezeptor CCR5 ab, was einerseits zu verbesserten Bedingungen für das Angehen einer HIVInfektion führt, andrerseits aber in Falle des HIV-Infizierten die Replikation von HIV und damit die Viruskonzentration steigert. Das Risiko HIV weiterzugeben oder sich damit zu infizieren ist somit bei gleichzeitig bestehender Syphilis erhöht.
Inwieweit der Synergismus von HIV und Syphilis für den epidemiologischen Verlauf tatsächlich eine entscheidende Rolle spielt, könnte anhand von Statistiken ersichtlich sein. Der Verlauf der HIV-Neudiagnosen in der Gruppe der sexuellen Kontakte zwischen Männern war seit dem Jahre 2001 bis 2007 in alarmierender Weise stetig angestiegen. Erst im Jahre 2008 wurde im Vergleich zum Vorjahr keine nennenswerte Veränderung beobachtet, so dass es zu einer Stagnation der Steigerungsrate kam. Parallel zu dieser Entwicklung verläuft in dieser Bevölkerungsgruppe beinahe bundesweit auch die Zahl der Syphilis-Neudiagnosen, was für sich genommen für einen direkten Zusammenhang spricht.
Lediglich Hamburg und Berlin weichen von dieser Entwicklung ab. So wurde in Berlin von 2007 bis 2008 eine Zunahme der HIVNeudiagnosen von 7 % festegestellt, die mit einer Steigerung der Syphilis-Neudiagnosen um 46 % einhergeht. Auch dieser Umstand spricht insofern für eine Korrelation beider Infektionen.
Wirklich bedenklich stimmt die Situation jedoch erst, wenn man diese Zahlen im Lichte der als stabil geltenden Praktizierung der Safer-Sex-Richtlinien interpretiert. Es drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob im Falle einer vorliegenden HIV-Syphilis-Infektion die Safer-Sex-Richtlinien in der bisherigen Form greifen und ob einer erhöhten Infektionsgefahr durch adäquate Präventions-Strategien begegnet werden soll oder kann.
Ein neuer Ansatz in der HIV-Prävention (ICH WEISS WAS ICH TU, IWWIT) stellt daher auf das Verständnis der Infektionswege und ein Abschätzen der jeweiligen Risiken ab. Auf das gebetsmühlenartige Wiederholen längst bekannter Botschaften wird verzichtet, dafür wird jedoch differenziertes Wissen vermittelt. Durch das Verständnis der Abläufe werden damit die bislang vorkommenden Fehleinschätzungen von Risiken weitestgehend vermieden.
In diesem Zusammenhang empfiehlt es sich daher, die Syphilis verstärkt mit in die HIV-Prävention zu integrieren. Syphilis isoliert betrachtet ist je nach Stadium als hochinfektiös einzustufen. Eine Übertragung erfolgt zumeist auf dem sexuellen Wege über kleinste Verletzungen von Haut oder Schleimhaut. Die in den Frühstadien der Erkrankung meist am Penis, in der Mundschleimhaut, oder Analregion auftretenden Geschwüre sondern eine so hochinfektiöse Flüssigkeit ab, dass bereits durch bloße Berührung damit eine Syphilis-Infektion erfolgen kann. Die Therapie der Syphilis ist jedoch durch das Ausbleiben von Resistenzen gegenüber Antibiotika (nach wie vor ist Penicillin das Mittel der Wahl) in der Regel unkompliziert.
Übertragen auf den hier betrachteten Fall ist insbesondere die Ansteckungsgefahr mit HI-Viren bei bestehender HIV-Syphilis- Infektion etwa bei Oralverkehr klärungsbedürftig. Dies ist abhängig von dem jeweiligen Stadium der Syphilis. Im Rahmen der Frühstadien mit Auftreten von Geschwüren dürfte die Gefahr der Übertragung von HIV naturgemäß am größten sein. Besonders vor diesem Hintergrund gilt daher nach wie vor der altbewährte Grundsatz, dass bei Bestehen von Haut- oder Schleimhautdefekten an den entsprechenden Körperregionen – ungeachtet dessen ob diese nun einer Syphilis zuzuordnen sind oder aus anderen Gründen bestehen – auf den Oralverkehr zu verzichten. Damit kann davon ausgegangen werden, das durch das Praktizieren der Safer-Sex-Richtlinien und insbesondere auch der Beachtung des oben gesagten in jedem Falle eine erhebliche Risikoverringerung hinsichtlich HIV erzielt wird.
Ein Ausweitung der Präventionsarbeit, welche die Symptomatik und Erkennung von Syphilis-Symptomen thematisiert, erscheint insofern sinnvoll. Sicherlich ist ein solcher Denkansatz nur bedingt geeignet, denn man kann nicht erwarten, dass potentielle Sexualpartner sich vorab untersuchen, um dann treffsicher einen Befund zu erheben. Dennoch kann es nicht schaden, entsprechende Hautsymptome schon einmal gesehen zu haben. Weiterhin wird zur Eindämmung der Neuinfektionen darauf gesetzt, die Testhäufigkeit hinsichtlich HIV zu erhöhen, welche zusätzlich standardmäßig auf Syphilis ausgeweitet werden kann. Das Anraten zu vermehrter Nutzung von HIV-Schnelltests hingegen ist als fragwürdig zu beurteilen, da diese nur unter strikter Einhaltung der Verfahrensweise (z.B. bestimmte Raumtemperatur, Lagerung, Einhaltung von Reaktionszeiten) als zuverlässig gelten und der Benutzer im Falle eines positiven oder falsch-positiven Ergebnisses ohne jede Beratung allein da steht. Ein Abgabeverbot von HIV-Schnelltests an Privatpersonen geht jedoch zu weit und führt neben einer Entmündigung im Einzelfall zu einer bedenklichen Verkürzung der individuellen Prävention. (cs)
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01.12.2009  Anstieg der Neuinfektionen
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