Welt-Aids-Tag 2011
Am 1. Dezember 2011 jährt sich der an diesem Tag begonnene Tag zum 23. Mal. H.I.V. und AIDS „feierte“ vor kurzem ebenfalls ein trauriges Jubiläum, nämlich 25 Jahre nach den ersten Meldungen zu dieser Krankheit. Wie sieht es heute aus? Ende 2010 lebten nach Schätzungen der UN weltweit rund 34 Millionen Menschen mit H.I.V., auf Deutschland entfallen dabei ca. 70.000 Menschen, wovon ca. 90 % Männer sind. Tagtäglich infizieren sich weltweit etwa 7.000 Menschen mit H.I.V.. Das H.I.V. & AIDS ein „schwules“ Problem ist, mag vielleicht auf westliche Nationen zutreffen, aber es gibt weltweit auch rund 2,5 Millionen Kinder, die erkrankt sind. Am schwersten betroffen sind dabei Afrika südlich der Sahara. Hier trifft es vor allem Frauen und Kinder. In Teilen Ost- und Zentralasiens sowie in großen Teilens Osteuropas sind die Infektionszahlen stark angestiegen.
Die Gesamtzahl der in Deutschland mit H.I.V. oder AIDS lebenden Menschen beträgt etwa 73.000. Diese Zahl steigt seit Mitte der 1990er Jahre, da die Zahl der Neuinfektionen höher ist als die Zahl der Todesfälle. Für das Jahr 2011 werden etwa 500 Todesfälle bei HIV-Infizierten geschätzt. Die am stärksten von HIV betroffene Gruppe sind nach wie vor Männer, die Sex mit Männern haben, 45.000 der in Deutschland mit H.I.V. oder AIDS lebenden Personen gehören zu dieser Gruppe.
Immerhin hat Deutschland unter den westeuropäischen Ländern die niedrigsten Zahlen bei den Neuinfektionen, allerdings sind selbst die geschätzten 2.700 Neuinfektionen für das Jahr 2011 noch zu viel. Wie kommt es zu diesen Neuinfektionen? Ist es eine gewisse Sorglosigkeit? Oder Unwissenheit? Wahrscheinlich von allem etwas. Gerade bei jüngeren Menschen – egal welcher sexuellen Ausrichtung – gibt es trotz Aufklärung in der Schule immer wieder große Wissenslücken, was das Thema AIDS angeht. So berichtet beispielsweise Schwester Desi von den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz zu Hamburg: „Es ist erschreckend, wie wenig manche der heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen über das Thema wissen. Da werden wieder Fragen gestellt, die wir bereits in den 80ern und 90ern hatten wie beispielsweise, ob man sich beim Küssen anstecken kann oder das man als aktiver Part ein eher geringes Risiko beim Sex hat.“
Das scheint ein allgemein bekanntes Problem zu sein, denn auch die staatlichen Aufklärungsstellen wie beispielsweise die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sieht vor allem Jugendliche nach wie vor als Hauptgruppe für die Prävention. Für die Gruppe der schwulen bzw. bisexuellen Männer leistet nach wie vor die Deutsche Aidshilfe u. a. mit ihrer Aktion „Ich weiß, was ich tu“ sehr gute Arbeit. Dennoch gibt es gerade auch bei Männern, die Sex mit Männern haben in letzter Zeit immer häufiger das Problem der Sorglosigkeit. Heutzutage sieht man eben kaum noch „schrecklich krank aussehende Menschen“, die prominenten Aids-Toten fehlen und die heutige Therapien gaukeln ein trügerisches Bild der Sicherheit vor.
Die diesjährige Kampagne „Positiv zusammen leben. Aber sicher!“ greift daher in vorbildlicher Weise verschiedene Betroffenengruppen auf und macht einzelne Personen stellvertretend zu ihren „Botschaftern“. Da ist Zübeyde, eine 43-jährige alleinerziehende Mutter neben dem 22-jährigen Marcel, einem jungen Schwulen genauso wie dem Fünfzigjährigen Ernst oder Thomas (38).
So berichtet Marcel beispielsweise, dass er durch seine Infektion gelernt hat, was Freundschaft wirklich bedeutet. Marcel weiter: „Mein Freund sagte, dass er immer zu mir steht, egal, was passiert.“
Der junge Verwaltungsfachangestellte hatte vor zwei Jahren ungeschützten Sex mit einem Mann, mit dem sich eine ernsthafte Beziehung anbahnte. Er vertraute ihm. Dass es Menschen gibt, die gar nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind, daran hatte Marcel nicht gedacht und infizierte sich dabei. „Es war ein Schock, nicht nur für mich, auch für meine Familie.“ Zu seinen Eltern hat Marcel ein sehr offenes Verhältnis. Seit seinem 14. Lebensjahr wissen sie von seiner Homosexualität. Ihnen hat er schnell von der Diagnose erzählt. Doch seinen Freunden gegenüber offen zu sein, fiel Marcel sehr schwer. „Ich habe mich zurückgezogen, bin einige Zeit nicht mehr ausgegangen. Irgendwann kamen Fragen, was denn mit mir los sei.“ Marcel schiebt alles auf eine Grippe, die er nicht loswerde. Er schämt sich für seine Infektion. Irgendwann vertraut er sich seinem besten Freund an. „Der hat dann gesagt: Marcel, jeder Mensch ist unterschiedlich. Manche haben große Füße, manche kleine, manche sind chronisch krank, andere nicht“, und dass Marcel für ihn immer jemand Besonderes sei und er zu ihm stehe, egal was passiere. Diese Worte seines Freundes haben Marcel geholfen, ihn ermutigt, wieder Spaß am Leben zu entwickeln.
Marcels größte Angst war es, abgelehnt zu werden. In seinen Augen gibt es immer noch viel zu viele Menschen, die kein Verständnis für Männer, die sich beim Sex mit Männern infizieren, haben, sie einfach links liegen und ihrem Schicksal überlassen, weil sie in ihren Augen schlichtweg selbst schuld sind. Dieser Vorwurf stehe häufig unausgesprochen oder ausgesprochen im Raum und das nerve ihn ungemein. „Ich wünsche mir, dass meine Mitmenschen sich in meine Lage hinein versetzen und berücksichtigen, dass es immer eine ganz persönliche Geschichte hinter jeder Erkrankung gibt“, sagt der sonst sehr beherrschte Marcel wütend. „Es stimmt vielleicht, dass ich in dieser Nacht dumm war, aber das kann man doch nicht auf mein ganzes Leben übertragen!“
Eine bemerkenswerte Lebensgeschichte hat auch die mittlerweile 74 Jahre alte Waltraud zu erzählen. Waltraud hat die fünfte künstliche Hüfte, „und auch die sitzt inzwischen locker“, sagt sie und lacht. Waltraud ist seit 1983 mit dem HI-Virus infiziert. Bei einer Hüftoperation verabreichen die Ärzte der gelernten Buchhändlerin das Blutgerinnungsmittel „Faktor 8“. Anhand der Poolnummer kann sie später nachweisen, dass das Medikament mit infiziertem Blut hergestellt wurde. Erst sechs Jahre später, vor einer erneuten Hüftoperation, wird sie auf HIV getestet: Diagnose „HIV-positiv“. „Es tut mir heute noch leid, dass ich dem Arzt damals nicht eine gescheuert habe, als er zu mir sagte, das käme halt davon, wenn man häufig die Sexualpartner wechsle. Ich habe meinem Mann damals Treue bis in den Tod geschworen und mich immer daran gehalten“, sagt Waltraud empört.
 Waltraud (74) wurde bei einer Hüftoperation infiziert Waltraud gelingt es, sich durch ehrenamtliches Engagement mit ihrer eigenen Lage zu arrangieren. Dennoch: „HIV-positiv zu sein, war für mich ein ungeheurer Schock.“ Als verheiratete Frau mit drei Kindern hatte sie keinen besonderen Bezug zu HIV und Aids. „Aber ich wusste trotzdem besser über HIV Bescheid als mein Arzt!“ Seit Anfang der 80er liest und hört sie in den Medien sehr viel über die Infektionskrankheit. Anders als ihr Ehemann: „Der hat ja sogar Witze gemacht“, erzählt sie. Waltrauds Mann begreift lange Zeit nicht, was die Diagnose HIV-Infektion bedeutet. „Du brauchst ja gar nichts mehr zu essen“, kommentiert er, wenn Waltraud vor dem Essen 13 Tabletten nimmt. „Die Berater der Aids-Hilfe haben mich in dieser schwierigen Zeit aufgefangen. Diese Menschen haben mich wieder aufgebaut“, erinnert sie sich. Waltraud würde gerne heute noch Präventionsarbeit leisten. Doch das lässt ihre Gesundheit nicht mehr zu. Die 74-jährige braucht zum Gehen einen Rollator.
Die Erkrankung des peripheren Nervensystems äußert sich in unerträglichen Schmerzen und in Gefühllosigkeit ganzer Körperteile. Sie ist eine Folge der langjährigen Einnahme von HIV-Medikamenten. Waltraud leidet außerdem an Lipodystrophie. Viele HIV-Positive, die mit einer hoch aktiven antiretroviralen Therapie (HAART) behandelt werden, leiden an dieser Fettumverteilungsstörung. „Bei mir wandert alles zur Körpermitte “, sagt sie und klopft sich auf den rundlichen Bauch. Starkes Sodbrennen zwingt Waltraud oft, nachts im Sitzen zu schlafen.
Die Vorstellung, dass es ein leichtes Leben sei mit all den Medikamenten und Nebenwirkungen, die halte ich für vollkommen falsch“, warnt sie. Waltrauds Mann braucht zwar etwas länger, versteht aber irgendwann, welche Tragweite die Diagnose HIV-positiv hat. Seit Jahren hilft er ihr, so gut er kann. Er ist sehr geduldig, wenn Waltraud für alles ein bisschen länger braucht als früher. Trotz aller Einschränkungen strahlt seine Frau nochviel Lebensenergie aus. Sie ist ein Stehaufmännchen, darauf ist er stolz. Die 7-fache Oma unterstützt die Aktiven ihrer lokalen Aidshilfe heute, indem sie die Bauchläden auffüllt, mit denen sie früher selbst durch Kneipen gezogen ist. „Und als meine Enkelinnen ins Pussieralter kamen, habe ich sie immer gewarnt: Benutzt Kondome! Es reicht, wenn die Oma HIV hat! Waltraud wünscht sich Urenkel – und denen wird sie das auch noch sagen.
Obwohl man heute eher nur zum Welt-Aids-Tag etwas über H.I.V. und AIDS in den Medien mitbekommt, so haben gerade auch die immer schnelllebigeren Medien eine hohe Verantwortung. Bestes Beispiel dafür, was Effektheischende Meldungen der Boulevardmedien ausmachen können, hat der Fall der früheren No Angels Sängerin Nadja Benaissa im Jahr 2009 deutlich gezeigt. Damals berichtete ausgerechnet die zuständige Staatsanwaltschaft Darmstand ausführlich über die Anklage und überschritt dabei deutlich ihre Grenzen. Es wurden persönliche Lebensumstände genauso an die Öffentlichkeit gezerrt, wie Hintergründe zu den Tatvorwürfen. Im Sommer des darauffolgenden Jahres wurde im Zuge des Prozesses in der Berichterstattung immerhin auf die Verantwortung der Sexualpartner hingewiesen. Denn wie sagt man so schön? Zum Sex gehören immer mindestens zwei Personen. Und diese sollten auch beide Verantwortung für den Schutz tragen. Zwar wurde Nadja Benaissa letztendlich auf Bewährung verurteilt, aber nicht wenige in der Prävention tätige Personen sehen darin auch die Gefahr, dass dieses Urteil für die Präventionsarbeit kontraproduktiv sein könnte. Die Schlussfolgerung wäre nämlich, dass sich weniger Personen testen lassen, weil sie dann eben nicht ihren Status kennen würden und somit in einem ähnlich gelagerten Fall „unschuldig“ wären. Genau aus diesem Grunde ist es eben besonders wichtig, wenn sich jeder sexuell aktive Mensch darüber Gedanken macht, welche Risiken er einzugehen bereit ist.
Infos & viele weitere Botschafter:
www.welt-aids-tag.de (id)
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25.11.2011
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