„Lass es dir durch den Kopf gehen und wenn du jetzt sagst, dass hier irgendwie Schluss ist, dann ist jetzt Schluss.“
Roger und Sebastian* (Namen der Redaktion geändert) sind ein Paar. Ein Paar, das mit HIV zu leben gelernt hat, das sich arrangiert hat. Zwei Männer die sich, wie die meisten von HIV betroffenen Menschen, nicht trauen, offen über ihre Infektion zu sprechen. Für SCHWULISSIMO sprachen sie mit Hartmut Evermann, Hauptamtlicher Mitarbeiter der Lübecker AIDS-Hilfe e.V. Kennenlernen:
Sie haben sich die kleine 2-Zimmer-Wohnung gemütlich eingerichtet, moderne Möbel, keine Designermodelle, aber praktisch. Auf dem Balkon zum Hinterhof blühen im Sommer die Blumen und strahlen einen Hauch von warmer Behaglichkeit aus.
Roger ist 37 Jahre alt, Sebastian ist 32. Sie kennen sich seit über 10 Jahren, irgendwann sind sie ein Paar geworden, vor gut drei Jahren haben sie die gemeinsame Wohnung bezogen. Auf dem ersten Blick ein ganz normales schwules Paar. Sie haben sich auf ein gemeinsames Leben eingerichtet, wie Tausende andere schwule Paare in Deutschland. Und doch gibt es einen Unterschied: der 37-jährige Roger hat das AIDS-auslösende Virus in seinem Körper. Er ist HIV-positiv.
„Es war 2001“, beginnt Roger zu erzählen, „ich war ziemlich krank, das Blut wurde untersucht und da wurde vom Arzt auch vorgeschlagen, einen Test durchzuführen.“ Kurz danach lernten sich die beiden kennen. Sebastian steckte noch mitten in seinem Coming-Out.
„Die Ergebnismitteilung war schlimm und schrecklich“, fährt Roger fort „und bald wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich nicht so alt werde wie andere. Es war mir klar, dass ich in zehn Jahren nicht mehr sein werde. Ich staune, dass ich immer noch hier sitze“.
Das Zueinander-Finden, das sich als Paar zu verstehen, gestaltete sich schwierig: „Für mich war alles klar…“ Roger schaut Sebastian verliebt an, „das habe ich dir noch nie erzählt – also, ich konnte dir nicht widerstehen und wusste aber gleichzeitig, dass ich eigentlich nicht gut für dich bin.“ Für Roger war es eine Vorsichtsmaßnahme, dass er Sebastian nicht zu nahe treten wollte. Schutz für sich selbst, damit es nach Bekanntwerden seiner Infektion nicht zu einem Bruch kommt und Schutz für Sebastian, damit er ein vernünftiges Leben führen kann und nicht mit jemandem, der ja wahrscheinlich einige Jahre vor ihm gehen wird.
Sie kannten sich schon zwei Jahre, können selbst nicht definieren, ob sie zu diesem Zeitpunkt schon zusammen waren oder nicht. Wahrscheinlich hat es jeder anders für sich definiert. Roger wird krank, bekommt Läsionen an der Haut, im Krankenhaus wird Kaposi diagnostiziert, eine Aids-definierende Hautkrebserkrankung. Roger ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter Therapie, da seine Werte gut sind, es ist ungewöhnlich, dass bei einem Menschen zu diesem Zeitpunkt Kaposi ausbricht. „Wir haben im Grunde erst darüber gesprochen, als du anfingst, die Therapie zu nehmen, über deine Hautveränderungen und weil du wegen der Medikamente ziemlich schlapp warst. Da hast du es mir gesagt. Aber ich hatte nie soweit gedacht“.
Roger hat Sebastian die Entscheidung überlassen, jetzt Schluss zu machen, natürlich hatte er Angst davor, dass Sebastian es wahr macht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er das als eine Sache für sich gesehen. Er denkt nach, es fällt ihm schwer zu sprechen: „Es ging mir zu dem Zeitpunkt immer schlechter, ich war ständig niedergeschlagen und ich wusste, irgendwas passiert jetzt und hier … und zu dem Zeitpunkt hatte er mein volles Vertrauen, sodass halt eben der Rest dazu gehört. Leider Gottes. Gehört sich so.“
Als Sebastian von der Infektion erfährt, geht alles Mögliche durch seinen Kopf: „Es war Verwirrung, und dann Wut und dann Trauer und dann war ich irgendwie hin und her gerissen.“ Er fängt an, von sich in der dritten Person zu sprechen, so als würde es ihn nicht betreffen: „Man wusste gar nicht viel über die Krankheit, aber ich weiß noch, am ersten Abend zuhause hat man selbst fast so’n kleinen Zusammenbruch gehabt. Warum wusste man das nicht vorher? Aber nach ’ner Zeit konnte man es wieder nachvollziehen, dass es nicht gesagt wurde.“ Nachdenklich kommt er zu sich zurück: „Dann hatte ich auch selber für mich Angst gehabt und überlegt, ob was hätte passieren können.“ Er schaut auf, schaut Roger in die Augen: „Ich weiß noch, dass du zu mir gesagt hattest: ‚Lass es dir durch den Kopf gehen und wenn du jetzt sagst, dass hier irgendwie Schluss ist, dann ist jetzt Schluss‘. Ich glaube, dass hast du auch so direkt gesagt. Ich habe dann auch ein/zwei Tage überlegt, darüber, was wir schon miteinander durchgemacht haben, was für Pläne wir für die Zukunft haben. Mein Entschluss stand fest: das stehen wir jetzt gemeinsam durch und dann ist es das eben! Ich wollte unsere gemeinsame Vergangenheit, mein Bemühen um dich nicht so einfach aufgeben.“
 Hartmut Evermann arbeitet Hauptamtlich bei der AIDS-Hilfe in Lübeck und traf die beiden zu einem Interview in ihrer Wohnung. Darüber sprechen:Während des ganzen Interviews vermeiden beide die Wörter HIV und AIDS auszusprechen.
Nach wie vor betrachtet Roger die Infektion als sein Privates. Die, denen er vertraut, sollen es auch von ihm erfahren, irgendwann, aber die, die es nicht zu interessieren hat, müssen es auch nicht wissen. Sie haben ein Übereinkommen, dass es auch Sebastian niemandem erzählt. Möchte Sebastian sich jemandem anvertrauen, soll es Roger vorher erzählen.
Auch die Familien der beiden wissen nicht über die HIV-Infektion von Roger Bescheid. „Es gab mal so ein zwei Situationen, wo ich meinte, es meiner Mutter sagen zu müssen, aber bisher weiß sie es nicht.“ Rogers Mutter ist Mitte 70. Er beschreibt sie als ganz fidel und wird nachdenklich: „Wahrscheinlich überlebt sie mich noch!“ Er macht eine Pause und plötzlich wirkt er entschlossener: „Aber inzwischen bin ich der Meinung, dass ich es ihr eines Tages sagen werde. Sie musste schon durch so viele Dinge durch, da muss sie da auch noch durch.“ Seine Entschlossenheit verpufft ganz schnell, „aber es wäre eine Belastung für sie, ich würde es ihr eigentlich gerne ersparen“. Aber das Geheimnis belastet ihn, vielleicht stärker als es ihm bewusst ist. „Ich steh ihr immer bei, höre mir ihre Leiden an und manchmal ist es so, dass ich ihr sage, dass es schlimmeres gibt. Aber ich sag nicht, was ich damit meine. Das ist mein großes Problem.“
Gesundheit:Roger wechselt das Thema und beginnt über seine gesundheitlichen Probleme zu erzählen: „Wenn ich krank bin, belastet mich das körperlich völlig, ich bin runter, ich war inzwischen schon drei Mal im Krankenhaus. Die persönliche Planung kommt dann durcheinander, weil man plötzlich wieder nicht mehr so fit ist, wie man das sein möchte. Also, selbst wenn ich damit alt werden kann, es wird ja nicht besser. Es gab schon so einige kritische Momente, es ist völlig unnatürlich so etwas schon in meinem Alter zu bekommen. Und es war hart an der Grenze. Mit dieser Angst lebe ich ständig, dass vielleicht irgendwas dazwischen kommt. Ich lebe gerne mit den Fakten und ich bin mir sehr bewusst, dass immer etwas dazwischen kommen kann. Ich bin über jedes überstandene Jahr froh, in dem ich nicht im Krankenhaus war. Krankenhausaufenthalte sind das schlimmste in meinem Leben. Besonders dann, wenn du nicht weißt, ob du wieder raus kommst.“ Er redet sich immer tiefer in seine Ängste und Sorgen. „Ich bin skeptisch, sehr skeptisch, so skeptisch, dass ich nicht einen einzigen Cent in meine Altersversorgung gesteckt habe. Wenn ich könnte, würde ich sogar meine Betriebsrente kündigen. Nicht des Geldes wegen, sondern, weil ich sie nicht in Anspruch nehmen werde. Was ich damit sagen will, ich bin nicht schwarzmalerisch, aber ich bin skeptisch. Ich bin mir jeden Tag der Sache bewusst und das nervt mich. Ich weiß, dass eine Erkältung jetzt immer zwei Wochen dauert, statt wie früher eine Woche, wie alle Krankheiten länger dauern als früher.“
Sexualität:Spricht man über HIV, muss man auch über Sex sprechen, es fällt beiden nicht leicht, darüber zu reden. Sie sprechen nicht gerne offen über ihre gemeinsamen Stunden im Bett. Sebastian ergreift als erster das Wort: „Als ich es noch nicht wusste, hast du immer darauf geachtet, dass halt nichts passiert und dass man hinterher, was weiß ich, alles gleich abwäscht oder sich duscht oder so, ohne dass mir das so bewusst aufgefallen ist.“ Er denkt nach: „Aber eigentlich hat sich in dem Sinne gar nichts geändert nur, dass ich jetzt selber natürlich auch noch drauf achte. Auf Kondom wird halt nicht verzichtet. Wir gehen manchmal an die Grenze, aber eigentlich nie soweit, dass es für mich gefährlich werden könnte.“
Roger wird deutlich: „Es gibt diese grenzwertige Momente und für mich ist es dann auch belastend, so dass es für mich teilweise einfach nicht das ist, was ich möchte. Zum ungeschützten Sex gehören zwar immer zwei, aber ich habe das Gefühl, die Verantwortung lastet trotzdem immer nur auf mir. Nee, ich habe nie das Gefühl, dass ich mich einfach fallen lassen kann“, Roger redet sich in seine Emotionen hinein, man merkt, dass Sex für die beiden kein leichtfertiges Spiel ist und dass er sich nicht so einfach fallen lassen kann, dass kotze ihn an, „und es kotzt mich an, dass ich nicht einfach so sein kann, wie ich es früher war und es möchte. Das ist nicht schön, es ist anstrengend, es ist belastend.“
Sebastian hat sich, nachdem er von der Infektion von Roger erfahren hat, auf HIV testen lassen, er wollte von Grund auf einmal sicher sein, obwohl praktisch da nichts passiert war, was ein Risiko gewesen wäre. Und auch ihn belastet die Situation und obwohl immer auf Safer Sex geachtet wird, es bisher keine „Pannen“ gegeben hat, hat er sich schon mehrmals routinemäßig testen lassen.
Roger hält Sebastian manchmal für ein bisschen panisch, hat aber Verständnis für ihn. Trotz dieser Schwierigkeiten, dieser belastenden Momente, Safer Sex hat sich etabliert,Sex ohne Kondom geht nicht, auch wenn dabei etwas Spaß verloren geht. Sebastian bringt es auf dem Punkt: „So wie sich das entwickelt hat, ist es im Grunde schon so im Kopf drin, dass man es immer mit Gummi macht, es ist so verankert, dass das Verlangen ohne gar nicht mehr da ist.“ Und auch für Roger ist Sex ohne Kondom kein Punkt der Diskussion: „Auch wenn ich es schon manchmal möchte … wenn dabei etwas passiert, wäre es unverzeihlich.“
Miteinander reden:Roger nimmt morgens zwei, abends eine Tablette, obwohl er im Schichtdienst tätig ist, hat er sich daran gewöhnt. Für ihn ist es kein Problem, die Pillen in den Mund zu stecken, ein Schluck Wasser hinterher, das belastet ihn nicht. Nicht im täglichen Leben. Schwieriger wird es, wenn sie unterwegs sind, auf einer Party, bei Freunden, im Urlaub oder übers Wochenende verreisen. Dann ist es belastend, man muss voraus denken, man darf nichts vergessen und häufig beginnt genau dann, wenn man relaxen will, das Versteckspiel um die Medikamente. Aber all das ist zu bewältigen, es gibt Schlimmeres: „Der Gedanke daran, die ständige Präsenz, es zu haben!“
Sebastian lässt ihn nicht allein, unterstützt oder erinnert ihn: „Wenn wir jetzt unterwegs sind, dann frag ich auch ... also, ich will nicht aufdringlich wirken, sondern frag dann ganz dezent, hast du schon oder nicht?“ Das kommt nicht immer gut an, denn genau das belastet Roger, dieses ständige daran erinnert werden.
Positive Stimmung:Kann man eigentlich noch positiv leben, wenn man HIV-positiv leben muss? Es gibt sie, diese Momente in seinem Leben mit HIV, die Roger liebt, die er vorher nicht mal beachtet hat: „Ich genieße mehr als zuvor, ich lebe viel bewusster und genussvoller, ich streite mich nie um Geld. Früher war ich geizig, und Geld ist was vom Menschen erschaffenes, das kann man regeln, darüber muss man sich nicht in die Haare kriegen. Sebastian erinnert ihn an etwas, was er so sehr mag: „Der Balkon: Du hast noch nie so die Natur…“
Roger lässt ihn nicht aussprechen. „Ich schaff es, worüber Sebastian immer wieder staunt, stundenlang auf dem Balkon zu sitzen und nichts zu machen. Schaff ich. Gerne sogar. Weil er mich immer fragt, was machst du eigentlich, ich sag ‚gar nichts‘, ich sitze einfach nur hier und mache gar nichts.“ Wir schauen uns alle an und beginnen herzlich zu lachen, wir alle mussten gerade an Loriot denken. Sebastian lacht besonders befreit und lehnt sich glücklich an Rogers Schultern. Er redet weiter: „ Ich nehme die Natur war, früher wäre ich dran vorbei gefahren, heute weiß ich genau, wann was wächst, wann die Pflanzen grün werden, wie sie heißen, das interessiert mich alles.“
„Und ich vermeide es mich zu streiten und ich wünschte es wären alle Menschen so, obwohl wenn ich jetzt wie ein Weltverbesserer klinge, aber, dass die Menschen sich immer in die Haare kriegen müssen, es gibt doch keinen Grund dafür. Die streiten sich wegen Kleinigkeiten, jetzt kommt mein berühmter Satz, ‚es gibt schlimmeres‘. Aber ich erreich sie meistens nicht.“ Man spürt in seinen Worten deutlich das Harmoniebedürfnis nach außen. Der Konflikt spielt sich bei ihm im Körper ab, dort muss er ständig kämpfen gegen das Virus, kämpft er nicht, hat er verloren. Das kostet Kraft, viel mehr Kraft, als wir uns alle vorstellen können. Sich wegen Kleinigkeiten streiten oder jammern auf hohem Niveau, das kostet zu viel unnötige Energie.
Gleich zu Anfang der Infektion hatte Roger eine Zeit, da hat er kaum Geschmack wahrgenommen und Sebastian erinnert ihn: „Da hast du überhaupt keine Lust gehabt, was zu essen, weil du keine Freude daran hattest.“ Roger schaut zu mir rüber: „Das Brot hat wie Papier geschmeckt; und kaust du gerne auf Papier?“
„Nach vier Wochen kam der Geschmack wieder“, erinnert er sich „und ich war froh und glücklich, seitdem esse ich natürlich umso lieber und genieße es umso mehr!“
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27.01.2012
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