Schwule im Beruf: Mario Marquitan
Hallo Mario, seit wann bist du Friseur?
Ich bin seit 1990 Friseur. Zuerst habe ich in Berlin gearbeitet und bin dann nach Hamburg gezogen.
Was hat dich nach Hamburg verschlagen?
Nach Hamburg bin ich der Liebe wegen gegangen.
Na, das musst du aber mal erzählen!
Ja also das war so: Ich bin mal auf dem Flughafen Hamburg gewesen, weil ab Berlin kein Flieger ging. Ich wollte alleine in den Urlaub nach Ibiza. Und als ich da so am Flughafen stand, sah ich einen Typen, der irgendwie interessant auf mich wirkte. Derjenige sah mich auch, wir sahen uns quasi beide an und im Laufen begriffen rannte er gegen einen Pfosten. Ich reagierte damals so, dass ich total arrogant wegschaute, weil ich sonst fürchterlich angefangen hätte zu lachen. Es sah ja auch wirklich komisch aus ... Na ja, und wie es der Zufall wollte, ich saß mit demjenigen dann auch noch nebeneinander im gleichen Flieger. Drei Tage später auf Ibiza haben wir uns dann wieder getroffen und sind zusammengekommen. Und sogar auf dem Rückflug waren wir zusammen, wir hatten nämlich beide 10 Tage gebucht.
Das scheint ja eine Fügung gewesen zu sein!
Ja, und da er Hamburger war, bin ich etwa ein halbes Jahr später zu ihm nach Hamburg gezogen. Demnächst sind wir übrigens 10 Jahre zusammen!
Und wie ging es dann beruflich weiter?
Ja, im Jahre 2003 hab ich mich selbständig gemacht, damals mit Cut & Cruise, also als Friseur und Reisebüro in der Langen Reihe. Später habe ich dann häufig auch andere Projekte übernommen, wie etwa Haare und Make-up für Fotoshoots, Hochzeiten und Video-Drehs. Derzeit arbeite ich auch häufig für Modeschauen oder wir arbeiten an Spendenprojekten mit. Mein neuestes Projekt ist die Scheidungsfotografie. Da werden meist Frauen, die geschieden sind oder in Trennung leben wie zur Hochzeit zurecht gemacht, also mit Make-up und allem Drum und Dran. Danach wird dann das Brautkleid zerstört, indem man es zum Beispiel mit Schokolade bekleckert oder es von Hunden schreddern lässt! Das ganze setzt ein Zeichen und hilft einem mental, einen Schlussstrich zu ziehen.
Das klingt ja wirklich unkonventionell aber auch irgendwie einleuchtend. Mal eine andere Frage: Ist dir als Schwuler in deiner beruflichen Laufbahn eigentlich einmal eine Diskriminierung widerfahren?
Eigentlich niemals. Obwohl, genau genommen vielleicht doch, aber im umgekehrten Sinn: Im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs wurde mir mal von meinem ehemaligen Chef gesagt, dass er mich nicht einstellen würde weil ich nicht schwul sei. Er selbst sei zwar hetero aber er würde nur schwule Friseure einstellen. Letztlich wurde ich dann aber doch eingestellt, nachdem ich glaubhaft machen konnte, dass ich schwul bin!
Da hast du aber noch mal Glück gehabt! Und wie stehst du dazu?
Mir ist es eigentlich egal, ob ein Mitarbeiter schwul ist oder nicht. Nur bei Frauen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die sich gerne mal zusammentun und sich dann gemeinsam gegen mich solidarisieren ...
Nun ja, das könnte vielleicht davon kommen, dass Frauen jemanden, der schwul ist, zumindest auf dieser Verhaltensebene nicht als Mann einordnen, was wiederum für den Mann verwirrend sein kann!
Hm ... (nachdenklich und den Blick auf einen jungen Mann richtend): Im Wandel der Zeit ändert sich so manches. Nimm zum Beispiel meinen Azubi Kevin, er steht als Hete wann immer es geht vor dem Spiegel und beäugt sich kritisch. So etwas war früher auch nur uns Schwulen vorbehalten, ist heute aber völlig normal (Belegschaft und Kunden grinsen, der Azubi namens Kevin steht noch immer vor dem Spiegel und zeigt sich völlig unbeeindruckt). Aber um noch mal zu der Ausgangsfrage zurück zu kommen, ich glaube, es mangelt mir auch an diskriminierenden Erfahrungen, weil ich einfach nur in Großstädten wie Hamburg oder Berlin gearbeitet habe. Hier ist man eben offener und toleranter als auf dem Land oder in der Kleinstadt. Wobei es allerdings auch hier mal Ausnahmen gibt. Ausgerechnet Kevin als Hete wurde an einem Wochenende auf dem Kiez von Südländern tätlich angegriffen. Sie unterstellten ihm, schwul zu sein und er bezog von denen deshalb Schläge.
Ach du meine Güte! Und ist ihm etwas passiert, wurde er ernstlich verletzt?
Nach drei Tagen war alles wieder in Ordnung, es war zum Glück nicht so schlimm ... (cs)
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08.01.2010  Schwule im Beruf: Mario Marquitan
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