Der Öko- und Bio-Boom
Jeder fühlt sich mehr oder weniger vom Thema „Bio“ gesättigt und wird durch die Nachrichtenflut in den Medien erdrückt. Doch ist der Schein hinter dem Bio-Boom auch wirklich wie das tatsächliche Sein? Wie entstand die enorme Nachfrage in der Bevölkerung nach biologisch und ökologisch nachhaltig produzierten Waren und welchen Einfluss habe ich als Konsument auf die Entwicklung unserer Umwelt?
Selten war ein Wertewandel innerhalb so kurzer Zeit und in einem solchen Ausmaß spürbar, wie es zuletzt in Deutschland und zum Teil auch im Ausland nach Umweltkatastrophen und Lebensmittelskandalen der Fall war.
Man könnte geradezu von einer stillen, aber stetigen Revolution sprechen. Der Motor dieser Grünen Revolution wird gespeist durch die steigende Nachfrage nach Produkten, die den Titel „Öko“ oder „Bio“ tragen. Betrachtet man Wirtschaft und Gesellschaft der vergangenen Jahre, so zeigt sich ein völlig anderes Bild in Bezug auf Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie. Werte, die heute zur alltäglichen Debatte dazu gehören, waren damals nur Randerscheinungen und wurden eher belächelt als ernst genommen. Durch die Industrialisierung und den Ausbau der Wirtschaftsmächte gerieten biologische Themen ins Abseits und wurden als Dämpfer für das Wirtschaftswachstum eher verharmlost oder verschwiegen. Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz wurden als Gegenspieler wahrgenommen, die bei der Zunahme des Einen eine Abnahme des Anderen verursachte: Wirtschaftlicher Erfolg und Rendite gingen einher mit Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Ressourcen. Die Weitsicht in die Zukunft war so gut wie nicht vorhanden. Das Wort Nachhaltigkeit wurde nur in Bezug auf Profite angewendet.
Doch wurde die Rechnung lange Zeit nicht mit der Natur gemacht, in dessen empfindlichem Ökosystem der Mensch eine verheerende und tragische Rolle spielen kann. Jeder Eingriff in das Ökosystem hat eine Reaktion zufolge, die nicht immer auf dem Fuße folgt, aber definitiv das natürliche Gleichgewicht durcheinander bringt.
Schwulissimo macht die Entstehung des Öko- und Bio-Booms der letzten Monate und Jahre zum Thema und durchleuchtet die enorme Nachfrage nach grünen Produkten – seien es Lebensmittel, Ökostrom oder grüne Wirtschaftlichkeit von Unternehmen – auf dem deutschen Markt.
Lebensmittel: Biologisch und ökologisch angebaut
Der Wandel im Bewusstsein der Menschen entstand nicht aus dem Nichts. Am häufigsten lernt der Mensch durch negative Erfahrungen und aus seinen eigenen Fehlern. Mit anderen Worten: Der Mensch lernt durch sein Leiden. In der Vergangenheit prägten Begriffe, wie Dioxin-Skandal, Rinderwahn, Schweinepest, Gammelfleisch-Affäre, Vogelgrippe und andere Unwörter des Jahres die Schlagzeilen.
Das Eingreifen des Menschen in die Evolution durch Massentierhaltung und zielgerichteten Zuchtprogrammen, lassen die Gefahren für Krankheiten und Epidemien beträchtlich ansteigen. Wenn die Produktion von Lebensmitteln von Lebewesen abhängt, dann ist der Öffentlichkeit oft die Tierquälerei in Form von niederen Lebensumständen, besorgniserregender Medikamentierung, um Krankheiten und Seuchen zu verhindern und die in vielen Fällen unhygienische Verarbeitung nur in geringster Weise bekannt. Sowohl Produzent als auch Konsument verfahren nach dem Prinzip: „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß“. Doch die über Jahre immer wieder erschütterte Lebensmittelindustrie reagiert mit einer Vielzahl an Biosiegeln und Umstellungen der Sortimente auf die veränderte Nachfrage beim Konsumenten. Bereits mit dem BSE-Skandal (Bovine spongiforme Enzephalopathie = „die schwammartige Gehirnkrankheit der Rinder“) hat sich das Bewusstsein der Bevölkerung spürbar verändert. Sei es zunächst eher nur kurzlebig, aber die Tierseuche „Rinderwahn“, die eine tödliche Erkrankung des Gehirns bei Hausrindern hervorgerufen hat, war wie die ebenso bekannte Schweinepest ein Schock für den Endverbraucher. Nach und nach wurde einem selbst bewusst, dass kein Bereich der Ernährung verschont bleibt von Skandalen und Seuchen. Nach der Vogelgrippe, einer Viruserkrankung der Vögel durch Influenzaviren, machte in neuster Zeit vor allem der Dioxin-Skandal Negativ-Schlagzeilen. Ende 2010 wurde bekannt, dass „Harles und Jentzsch“ im November und Dezember 2010 mindestens 3.000 Tonnen dioxinbelastetes Futterfett hergestellt und zur Weiterverarbeitung an Futtermittelhersteller in ganz Deutschland vertrieben hat. Insgesamt wurden 150.000 Tonnen dioxinbelastetes Futtermittel an unzählige Legehennen-, Putenund Schweinemastbetriebe geliefert. Dem Konsumenten wurde spätestens jetzt klar, dass „biologisch“ und „ökologisch“ nicht nur in Mode gekommene Begriffe sind, sondern, dass sogenannte grüne Produkte auch die eigene Gesundheit beeinflussen können.
Es ist die Rede von einem neuen Konsumenten, der Umsätze von Lebensmitteln mit dem Bio-Siegel, also aus erkennbarem und einheitlichem ökologischen Anbau, explodieren lässt. Um dieses Ausmaß zu verdeutlichen, dass Ende 2009 3.413 Unternehmen das Bio-Siegel auf 56.065 Produkten genutzt haben. Dabei wird selbst dann zum Bio-Lebensmittel gegriffen, wenn das Produkt im Schnitt 15 bis 25 Prozent teurer ist als herkömmlich produzierte Lebensmittel. Neben dem Bio-Siegel gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Zertifikaten für Produkte, die aus einem biologischen und ökologischen Anbau kommen: Auch Produkte mit dem Fairtrade-Logo – Waren, wie Kaffee oder Baumwolle, die zu einem angemessen Weltmarktpreis mit den Produzentenländern aus der Dritten Welt gehandelt werden - wiesen einen erhöhten Absatz auf. Die Umstände der Produktion dieser Waren richten sich nach sozialer Gerechtigkeit und fairen Handelsbeziehungen. Der Wertewandel beim Konsumenten wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass rund 150 Millionen Konsumentenentscheidungen in Deutschland jeden Tag mit einem bestimmten Kauf getroffen werden. Jede Entscheidung für ein Produkt aus einem nachhaltigen Anbau oder einer ökologischen Produktion hilft die Ausbeutung der Umwelt zu stoppen.
Der stattfindende Wertewandel geht aber auch mit einem Wertekonflikt einher, da nicht alle Maßnahmen der Unternehmen auch wirklich die Nachhaltigkeit und die Umwelt schonen oder positiv beeinflussen. Autorin Doris Iding verdeutlicht die Situation durch den Dschungel der Angebotspalette, die zur Zeit auf dem Markt einen Beitrag zum Öko-, Natur- und Umweltbewusstsein beitragen soll: „Ritter Sport zahlt pro quadratisch-praktischer Tafel Schokolade 1,4 Cent für Schulmaterial in Afrika, wer einen Kasten Krombacher Bier kauft, rettet einen Quadratmeter Regenwald, und Volvic, ein Hersteller von Mineralwasser, spendiert Brunnenwasser für die Sahelzone. […] Lebensmittel und Produkte mit dem Label Bio soweit das Auge reicht; Bio-Kartoffeln bei Rewe, Ökomode bei H&M, eine Umweltzone beim Reiseveranstalter TUI, klimaneutrale Blumensträuße von Fleurop, Fairtrade-Kaffee bei McDonalds und auf der IAA so viele umweltfreundliche Autoprototypen, dass der Konsument das Gefühl hat, man verhindere durch Autofahren die Klimakatastrophe.“ Der Irrsinn dieser Marktmaschinerie wird hierdurch deutlich, denn „Bio“ boomt und jedes Unternehmen will sich ein großes Stück des Umsatz-Kuchens abschneiden. Dem Konsumenten bleibt einzig allein ein kritisches Auge gegenüber dem sogenannten Greenwashing von Unternehmen. Der Begriff stammt aus dem Symbol des Geldwaschens und das sich rein waschen auf der Basis der Natur und des Umweltschutzes. Aber die Intention liegt hier auf der Irreführung des Konsumenten und der Schönmalerei der Unternehmen, die sich in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image verleihen wollen. Ein bekanntes Beispiel ist Europas größter Kohlendioxid-Erzeuger RWE. In einem TVWerbespot zeigt man sich als grüner Energieriese, der mittels Wind- und Wasserstrom einen positiven Beitrag für die Natur leistet. Diese Manipulation soll dem Unternehmen eine weiße Weste verleihen und über die Realität hinwegtäuschen.
Nur zwei Prozent des von RWE produzierten Stromes werden aus erneuerbaren Energien hergestellt. Und auch der Energiekonzern Vattenfall wirbt mit Windrädern, obwohl gleichzeitig von ihm in Hamburg das größte Kohlekraftwerk Europas gebaut wird. Der Verbraucher sollte kritisch hinterfragen, was er kauft, denn nicht überall wo „Bio“ draufsteht, ist auch „Bio“ drin.
Atom-Konflikt: Der Steinige Weg zum Öko-Strom
Aber nicht nur die Lebensmittelindustrie sieht sich starken Veränderungen gegenüber: Seit den neusten Entwicklungen in Japan durch die Tsunami- und Atom-Katastrophe im März 2011 steht die Atom-Frage so stark zur Debatte wie noch nie zuvor. Wieder einmal musste erst eine große Naturkatastrophe den Menschen bedrohen, bevor man eigene Fehler bemerkt und gegebenenfalls von ihnen lernt. Aber nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen hat der entstandene Wertewandel nach so einer Katastrophe, denn auch politisch kann es zu starken Veränderungen kommen.
So ereigneten sich im Wahljahr 2011 in Deutschland geradezu bizarre Wahlergebnisse nach den Ereignissen in Japan. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2011 erzielten die Grünen mit 24,2 Prozent der abgegebenen Stimmen ihr bestes Ergebnis auf Landesebene, das sie je erzielt haben. Winfried Kretschmann wurde im Landtag von Baden-Württemberg zum Ministerpräsidenten gewählt und wurde erster grüner Ministerpräsident Deutschlands. Gründe für das Wahlergebnis sind sicherlich komplexer und vielseitiger als hier angenommen, doch spielte das atomare Drama in Fukushima eine bedeutende Rolle.
Es ist falsch zu denken, dass der Mensch immer aus solchen Ereignissen lernen würde, denn bereits die Katastrophen im Atomkraftwerk Three Mile Island im USBundesstaat Pennsylvania und der bekannteste Vorfall in Tschernobyl (Ukraine), haben das Bewusstsein der Bevölkerung nicht im gleichen Maße beeinflusst. Am 28. März 1979 kommt es im Three Mile Island-Atomkraftwerk zu einer teilweisen Kernschmelze, durch die im Reaktor Radioaktivität freigesetzt wurde. Die unglaubliche Zahl von 140.000 Menschen wurde vorübergehend evakuiert, um Schlimmeres zu verhindern. Doch die schlimmste Atom-Alarmstufe, wie in Fukushima 2011, wurde zum ersten Mal am 26. April 1986 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ausgerufen. Nach einer Explosion in einem der Reaktoren wurde eine riesige radioaktive Wolke freigesetzt, die länderübergreifend gigantische Flächen verseucht haben.
Genau wie in Fukushima wurden Versuche, die Katastrophe zu vertuschen, aufgedeckt, da der Unfall erst öffentlich wurde, als in Nordeuropa erhöhte Radioaktivität gemessen wurden. Niemand kann feststellen wie viele hunderttausende Menschen verstrahlt wurden. Die Langzeitfolgen für die Menschen in den damaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrussland und Russland werden nie zu 100 % aufgedeckt werden können. Durch die lange Halbwertszeit von Uran wird die atomare Strahlung in verseuchten Gebieten uns und viele Generationen nach uns noch überleben.
Politisch gesehen gab es in Deutschland bereits Pläne zum längerfristigen Atomausstieg, aber kein Politiker hätte mit einem derartigen Wertewandel in der Bevölkerung gerechnet. Die leise Grüne Revolution findet bei jedem einzelnen Bürger statt, der sich gegen Atom-Strom und für die Stromversorgung durch einen Anbieter mit ökologischer und nachhaltiger Erzeugung entschließt. Neuste Meldungen der Gemeinsamen Forschungsstelle der EUKommission veröffentlichen Zahlen, laut denen der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung in Europa im vergangenen Jahr kräftig zugelegt hat. Viele fordern den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft und die Stilllegung aller aktiven Atomkraftwerke in Deutschland. Dies sei zwar sofort in Deutschland möglich, so UBA-Präsident Jochen Flasbarth, jedoch brauche es noch mehr Zeit für die notwendige technische und gesellschaftliche Anpassung, um vollkommen auf erneuerbare Energien wie Photovoltaik, Wasserkraft sowie Wind- und Solarenergie umzustellen. Die benötige Infrastruktur zur Stromversorgung aus erneuerbaren Energiequellen sei noch nicht ausreichend vorhanden.
Manche reden von einem sinnvollen Atomausstieg im Jahre 2050, die Bundesregierung hatte den Plan den letzten Meiler im Jahr 2022 abzuschalten, aber es gibt auch andere Stimmen, wie Greenpeace, die eine komplette Umstellung auf erneuerbare Energien bis zum Jahr 2015 für gewährleistet halten. Doch einig ist sich die Mehrheit, dass der Ausstieg aus der Atomkraft unumgänglich ist – sei es nun aus sicherheitstechnischer, humanitärer oder ökologischer Hinsicht. Der Endverbraucher müsse sich allerdings in Zukunft auf erhöhte Strompreise einstellen, denn der Ausbau des Stromnetzes der erneuerbaren Energiequellen verbraucht einige finanzielle Investitionen. Im Vergleich sind jedoch momentan viele Anbieter von Ökostrom sogar billiger als die herkömmliche Konkurrenz.
Der Ansturm auf solche Ökostrom-Anbieter war und ist nach Fukushima anhaltend groß: Der größte Anbieter von Ökostrom in Deutschland, das Hamburger Unternehmen Lichtblick, hat seit Mitte März 20.000 Neukunden gewonnen und damit dreimal so viele wie in dieser Zeit üblich. Aber auch andere Anbieter, wie Naturstrom und Greenpeace Energy berichten über ähnliche Neukunden-Zahlen.
Egal wann wir den Ausstieg aus der Atomenergie schaffen, das Bewusstsein für biologische und ökologische Lösungen scheint in der Bevölkerung so stark etabliert wie noch nie zu vor. Es bleibt zu hoffen, dass nicht erst weitere Lebensmittel-Skandale und Naturkatastrophen den Menschen aufrütteln müssen, um die enorme Bedeutung vom Leben im Einklang mit der Umwelt tief im Handeln der Menschen zu verankern. Man mag von Öko- und Bio-Siegeln halten was man mag, aber der Nutzen für die Nachhaltigkeit der natürlichen Ressourcen und vor allem der Mutter Erde, wie wir sie noch kennen, ist unbestreitbar.
Es liegt an uns selbst aus dem Bio-Boom nicht nur ein wirtschaftliches Laubfeuer werden zu lassen, sondern den Funke überspringen zu lassen, um ein Bewusstsein für ein grüneres Deutschland und eine grünere Welt entstehen zu lassen.
(sr)
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27.05.2011
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