Der Papst kommt!
Der Papst ist vom 21. bis zum 25. September in seiner Heimat auf Besuch.
Unter dem Motto „Wo Gott ist, da ist Zukunft“ stehen die Erzbistümer Berlin und Freiburg sowie das Bistum Erfurt auf dem Reiseplan des Oberhauptes der Katholischen Kirche. Am 22. September besucht er Berlin: Die Messe im Olympiastadion, die er mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit und dem zukünftigen Erzbischof von Berlin Rainer-Maria Woelki feiert, ist ausverkauft – es werden dort bis zu 70.000 Teilnehmer erwartet. Parallel startet um 16.00 Uhr eine politische Demonstration „gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes“. Das vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg e. V. (LSVD) koordinierte Bündnis wird von mehr als 50 Organisationen und zahlreichen Privatpersonen getragen und erwartet bis zu 15.000 Teilnehmer. Die gemeinsame Demo organisiert der Berliner CSD e. V. Sie soll am Brandenburger Tor mit einer Kundgebung beginnen und durch Berlin-Mitte und -Tiergarten führen. Dies ist aus Sicherheitsgründen von den Behörden nicht genehmigt worden. Gerade vor dem Hintergrund des angeblich vereitelten chemischen Anschlags eines Studenten am 16. August auf Papstgegner während des Weltjugendtags in Madrid herrscht bei der Berliner Polizei und weiteren Sicherheitsdiensten große Sorge. Die Demo-Veranstalter werden nun Klage gegen das Demoverbot einreichen, um die ursprüngliche oder zumindest eine möglichst ähnliche Route durchzusetzen. Das Medieninteresse an der Auseinandersetzung ist groß und scheint die Katholische Kirche nicht nur in Deutschland zu irritieren.
 Die drei Macher Jörg Steinert (29), Pascal Ferro (28), und Robert Kastl (40)
SCHWULISSIMO: Wie ist überhaupt die Idee entstanden, eine Demonstration während des Berliner Papst-Besuches zu veranstalten?
Jörg: Als angekündigt wurde, dass der Papst während seines Deutschlandbesuchs auch in Berlin Station macht und sogar im Deutschen Bundestag sprechen wird, war für uns als LSVD klar, dass wir gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik der Katholischen Kirche demonstrieren wollen. Wir haben daher Vereine und Einzelpersonen – nicht nur aus der Community – zu einem Netzwerktreffen eingeladen. Es kamen mehr als 70 Interessierte und Unterstützer, so dass gar nicht genug Platz in unseren Räumen war. Der Berliner CSD hat von Anfang an seine Unterstützung zugesagt, und Bruno Gmünder hat Geld für die Einrichtung einer professionellen Koordinierungsstelle gespendet, die mit Pascal Ferro sehr gut besetzt worden ist. Aus anfänglich 20 Organisationen sind inzwischen über 50 Bündnispartner geworden. Neben den lesbisch-schwulen Vereinen war von Anfang an zum Beispiel Pro Familia dabei, kurz danach ist auch der Humanistische Verband dazu gestoßen. Auch gegensätzliche Interessen lassen sich unter einen Hut bringen: Wir vereinen im Bündnis Gläubige und Nichtgläubige, Kirchenkritiker und Menschen, die Kirche, die Religion von innen heraus reformieren möchten.
Robert: Die individuelle Antriebskraft der Bündnispartner ist verschieden. Uns alle eint, dass wir unsere berechtigte Kritik am Papst gemeinsam möglichst öffentlichkeitswirksam äußern wollen. Der Berliner CSD wird seit Jahren nicht müde aufzuzeigen, was wir alles an der Katholischen Kirche und ihrem obersten Repräsentanten, dem Papst, zu kritisieren haben: Zum Beispiel seine konkreten Verunglimpfungen von Homosexuellen. In Deutschland mag das „nur“ ärgerlich sein, in Afrika veranstalten Christen wahre Hetzjagden auf Schwule. Daher war es für uns selbstverständlich, dass wir den LSVD und die weiteren Partner mit aller Kraft bei der Planung und Umsetzung der Demonstration unterstützen werden. Wir haben ja auch viel Erfahrung durch die CSD-Demos. Es ist wichtig, dass hier nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern wir alle gemeinsam als eine starke Stimme uns in einer riesigen Demo artikulieren. Viele der Partner sind kirchenkritisch, was nicht mit religionskritisch verwechselt werden darf. Es ist aber nicht das Ziel unseres Bündnisses, die Katholische Kirche zu reformieren. Und wir wollen auch keinen Gläubigen in seinen religiösen Gefühlen verletzten. Wir üben ganz klar Kritik an der Amtskirche, an der Institution Kirche und primär an den konkreten Amtshandlungen des Papstes. Die Glaubensgrundlagen dahinter möchten wir nicht kritisieren.
SCHWULISSIMO: Was ist denn so schändlich an den Amtshandlungen des obersten Würdenträgers der Katholischen Kirche?
Robert: Es geht natürlich nicht um den Papst allein. Aber er ist nun mal der oberste Repräsentant der Katholischen Kirche und des Vatikanstaats und hat über Jahrzehnte noch unter seinem bürgerlichen Namen Josef Ratzinger zum Beispiel als Chef der Glaubenskongregation eine homosexuellenfeindliche Politik betrieben.
 Jörg Die Strategie der Katholischen Kirche, die Kritik am Papst ausblenden zu wollen, wird nicht aufgehen. Jörg: Wir kritisieren nicht in erste Linie die Moral der Katholischen Kirche, sondern vor allem deren Geschlechter- und Sexualpolitik. Die Katholische Kirche kämpft gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen, gegen die freie Entscheidung, diskriminiert Schwule und verhindert eine wirksame HIV-Prävention durch das Verbot des Kondomgebrauchs. Die Kirche mißbraucht hier ihre Meinungsführerschaft, gerade in afrikanischen oder südamerkanischen Staaten. In einigen dieser Länder verfolgen Christen Homosexuelle. Der Vatikan stellt sich damit an die Seite von Unrechtsstaaten und geht schändliche Koalitionen mit Staaten wir dem Iran ein, die sich auf internationaler Ebene – bei der UN – mit Händen und Füßen gegen die Nicht-Verfolgung und Entkriminalisierung von Homosexuellen wenden.
Robert: Ratzinger hat bei der Einführung der eingetragen Lebenspartnerschaft sogar von der Legalisierung des Bösen gesprochen. Wir wollen uns nicht von der Katholischen Kirche vorschreiben lassen, wie man zu leben hat. Alle Einmischung der Kirche ins Weltliche muss zurückgedrängt werden. Der Papst fordert Religionsfreiheit als Menschenrecht ein und verstößt selbst gegen die Menschenrechte.
SCHWULISSIMO: Wie passt das damit zusammen, dass der neue Erzbischof von Berlin Woelki gerade einen Eid auf die Berliner Landesverfassen abgelegt hat? Da steht doch drin, dass niemand aufgrund seiner sexuellen Identität diskriminiert werden darf…
Jörg: Das ist in der Tat eine spannende Frage, denn der frühere Kardinal Sterzinsky hat auf Grund der deutschen Teilung bei seiner Ernennung zum Erzbischof keinen Eid ablegen müssen.
Pascal: Die Zusage des Erzbischofs Woelki, das Gesprächsangebot des LSVD anzunehmen, ist da schon ein Fortschritt…
Jörg: …zumal die Katholische Kirche bisher auf LSVD-Gesprächsangebote nicht reagiert hat.
SCHWULISSIMO: Gibt es Einflussnahmen des Erzbistums auf das Land Berlin, um die Demo zu behindern?
 Robert Die erzkonservativen katholischen Piusbrüder haben immer wieder bei Demonstrationen gegen Lesben, Schwule und transidente Menschen gehetzt und sich selbst als Opfer inszeniert. Robert: Uns sind keine Maßnahmen bekannt. Die Berliner Verwaltung ist außerdem ziemlich selbstbewusst, wenn ihr jemand etwas vorschreiben wollte. Das würde eher nach hinten losgehen.
Pascal: …zudem ist Berlin eher evangelisch geprägt, viele Leute sind außerdem nicht religiös, und in Berlin sind sehr viele unterschiedliche Religions- und Glaubensgemeinschaften beheimatet.
Jörg: Wir merken dennoch, dass die Katholische Kirche genau beobachtet, was wir gerade tun. Und es gibt einige Boulevardmedien, die zum Sprachrohr der Kirche geworden sind oder – wie schon oft – aus der konservative Ecke gegen Homosexuelle hetzen.
SCHWULISSIMO: Was heißt das genau?
Jörg: Die BZ zum Beispiel diffamiert uns als „Störer“. Unsere begründete Kritik wird weitestgehend ausgeblendet, und uns schreibt man das Negative zu.
Pascal: Wir sind keine Störer, sondern nehmen unser Recht auf Versammlungsfreiheit wahr. Und die garantiert, dass man in der Nähe des Ereignisses oder der Person, das und die man kritisiert, auch gehört werden kann.
Robert: Die erzkonservativen katholischen Piusbrüder haben ja immer wieder bei Demonstrationen gegen Lesben, Schwule und transidente Menschen gehetzt und sich selbst als Opfer inszeniert. Dabei sind wir die Diskriminierten und bekommen eine „Täterrolle“ zugeschrieben. Wir stören keine Gläubigen. Und wir wollen auch keine religiösen Gefühle der Pilger, die zum Beispiel reisen, verletzen…
SCHWULISSIMO: Was geschieht denn nun genau am 22. September?
Jörg: Erst einmal laden wir alle Berlinerinnen und Berliner und alle Touristen und Gäste ein, an unserer Demonstration teilzunehmen, die um 16 Uhr startet.
 Pascal Menschen aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich, der Schweiz und Singapur schreiben uns, gratulieren uns für die Arbeit und machen uns Mut. Pascal: Es wird im Vorfeld ab dem 8. September hochkarätige Veranstaltungen wie Filmvorführungen, Eucharistiefeiern für alle, Diskussionen rund um das Thema sexuelle Selbstbestimmung und den politischen Katholizismus geben. Ein Highlight wird der Vortrag von David Berger sein, den der Kölner Erzbischof erst kürzlich entlassen hat. David wird am Tag nach der Demo am 23.9. um 19.30 Uhr in der Urania über „Der heilige Schein – Homosexualität und die katholische Kirche“ sprechen.
SCHWULISSIMO: Und wie sieht die Demoroute aus, und was habt Ihr vor?
Robert: Unsere Route, die am Brandenburger Tor beginnen soll, wurde bisher aus Sicherheitsgründen nicht genehmigt. Sie soll weiter durch Berlin-Mitte verlaufen und vor der katholischen St.-Hedwigs-Kathedrale enden. Selbstverständlich geht Sicherheit vor. Der Papst spricht ja auch im Deutschen Bundestag, und die Sperr- und Demoverbotszone wurde ausgeweitet. Das ist bei Staatsbesuchen ein üblicher Vorgang. Unsere Demonstration darf aber nicht unverhältnismäßig weit verlagert werden. Das lassen wir uns nicht gefallen und werden gegen das Land Berlin Klage einreichen. Die Demo selbst wird eine klassische politische Demonstration mit ein wenig CSD sein. Es gibt Gruppen, Einzelpersonen und Fahrzeuge.
Pascal: …eine bunte, laute und fröhliche Aktion.
Jörg: Wir sind froh, dass sich mit der Linkspartei ein Koalitionspartner der Berliner Landesregierung an der Demo beteiligt. Dafür gab es eigens einen Vorstandsbeschluss der Landespartei. Auch Gliederungen der SPD – SCHWUSOS und JUSOS -- sowie Teile der Opposition, wie zum Beispiel die Grüne Jugend, QueerGrün sowie die Lesben und Schwule in der FDP LISL sind mit dabei. Nur die CDU hält sich ganz fern. Leider sind auch die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) nicht mit an Bord.
SCHWULISSIMO: Ihr spracht von einem großen Medieninteresse an der Demo…
Robert: …das ist in der Tat sehr groß. Bisher haben die Medien in ihrer Berichterstattung vor allem für eine Teilnahme an der Papstmesse im Olympiastadion geworben und massiv die Websites für Ticketbestellungen beworben. Das ist ein gutes Beispiel für den starken Medieneinfluss der Katholischen Kirche.
Jörg: Das Interesse an unserer Demo und den Vorbereitungen nimmt von Tag zu Tag zu und scheint die Katholische Kirche zunehmende unter Zugzwang zu setzen. Deren Strategie, die Kritik am Papst ausblenden zu wollen, wird nicht aufgehen.
Robert: …mittelbare Konsequenzen wird die Katholische Kirche aber nicht ziehen. Wir hoffen aber, dass viele engagierte Gläubige an der Basis über unsere Anliegen nachdenken. Bei vielen rumort es bereits gewaltig.
Pascal: Menschen aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich, der Schweiz und Singapur schreiben uns, gratulieren uns für die Arbeit und machen uns Mut. Es gibt aber auch Leute aus unserer Community, die irritiert oder verärgert sind. Einige sagen „Wie könnt Ihr überhaupt gegen den Heiligen Vater demonstrieren!“.
SCHWULISSIMO: Was sagen denn Eure Familien und Freunde zu Eurem Engagement?
Pascal: Mein Vater ist Italiener. Mit meinem Schwulsein hat er kein Problem. Mit der Demo gegen den Papst schon. Wir haben darüber gesprochen und einen Kompromiss gefunden. Er akzeptiert meine Arbeit, und ich erzähle in meiner italienischen Familie nicht herum, dass ich die Demo mitorganisiere und selbstverständlich daran teilnehmen werde.
Robert: Ich stamme aus Österreich. Unsere Berliner Demoforderungen werden auch dort von vielen kritischen Priestern geteilt, die ich zum Beispiel in Wien kenne. Einige Bekannte von mir gehen zur Papstmesse: entweder, weil sie gläubig sind oder allgemeines Interesse an der Großveranstaltung haben.
Jörg: Meine Freunde finden mein Engagement sehr gut, die Probleme mit der Katholischen Kirche in das allgemeine Bewusstsein zu rücken.
SCHWULISSIMO: Was wäre denn der radikalste Schritt gegen die Sexualpolitik der Katholischen Kirche, den sich jemand aus Eurem Leitungsteam vorstellen könnte?
Robert: Ich spreche jetzt mal nur für den CSD Berlin. Sexualität ist auch bei katholischen Würdenträgern Privatsache. Wenn aber zum Beispiel ein Bischof seine Machtposition wie auch immer missbraucht, dann müssen wir diese Menschen öffentlich outen und zur Rechenschaft ziehen!
Jörg: Outings sind Privatsache. Wir als LSVD wollen keine hohen Würdenträger als schwul oder lesbisch outen. Wir werden nach dem Papstbesuch das Gespräch mit dem Erzbischof suchen und eine andere als die bisherige Handlungspraxis von der Katholischen Kirche einfordern.
Pascal: Die Katholische Kirche genießt als Tendenzbetrieb zwar staatlich geschützte Sonderrechte. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetzt (AGG) gilt hier aber aus unserer Sicht noch vor den arbeitsrechtlichen Privilegierungen. Das heißt: Der Staat muss der Kirche klarere Grenzen setzen, wenn sie wie bisher ihre eigenen Krankenhausangestellten, Kindergärtner u.s.w. wegen ihrer Sexualität oder Lebensweise diskriminiert oder feuert.
SCHWULISSIMO: Ich danke Euch für das Gespräch.
Mehr zur Demo und den begleitenden Veranstaltungen unter: www.derpapstkommt.de (jl)
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27.08.2011
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