Russisch und schwul? - Doppelte Stigmatisierung von Homosexuellen Spätaussiedlern
Das Wort „Integration“ ist in den letzten Jahren auch aufgrund der Debatte um Thilo Sarrazin und seinem Werk „Deutschland schafft sich ab“ in aller Munde gewesen. Heftig wurde über Sarrazins Buch, das das meistverkaufte Politik-Sachbuch eines deutschsprachigen Autors des Jahrzehnts ist, debattiert und gestritten. Die Thesen und Aussagen von Herrn Sarrazin mögen zweifelhaft sein, wichtig war es jedoch, und da hat Sarrazin seinen Teil beigetragen, dass das Thema der Integration nicht unter den Tisch fallen gelassen wird. Die aktuelle Situation in Deutschland für Menschen mit Migrationshintergrund muss tiefer ins Bewusstsein der Gesellschaft gerufen werden. Migranten werden allzu oft über einen Kamm geschert, obwohl die Gruppe wesentlich heterogener ist als allgemein wohl bekannt.
Im Zuge der Europarisierung und der Öffnung der Grenzen, sehen sich einige deutsche Mitbürger bedroht durch die Zuwanderungszahlen aus den osteuropäischen und asiatischen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion. Im Hinblick auf die Zuwanderungszahlen in Deutschland ist die Gruppe der (Spät-)Aussiedler aus den ehemaligen Staaten des Ostblocks, aufgrund ihrer zunehmenden Anzahl, eine immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückende Gruppierung. Es besteht wegen der historischen Ereignisse und der sozialen und gesellschaftlichen Situation, vor der sich die eingereisten deutsch-russischen Migranten in der Bundesrepublik Deutschland befinden, ein enorm wichtiger Forschungsbedarf auf diesem Themengebiet. Durch den Zuwanderungsboom wurden zwischen 1989 und 1998 2,3 Millionen Aussiedler in der Bundesrepublik registriert, die die Gesellschaft und Regierung vor außergewöhnliche Anforderungen stellen. Aber auch die Migranten stehen in ihrem neuen Heimatsland vor integrativen und existentiellen Problemen.
Schwulissimo berichtet über die biographische Bearbeitung von Stigmatisierungen von jungen homosexuellen Spätaussiedlern. Dabei sollen die gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten unter die Lupe genommen werden, die die Stigmatisierung von Russlanddeutschen und Homosexuellen im hohen Maße beeinflussen. Was bedeutet es für einen jungen Mann in der deutschen Gesellschaft aufzuwachsen, wenn man als Russe wahrgenommen wird und homosexuell ist? Was bedeutet es für die Integration, wenn man die biographischen Erlebnisse eines homosexuellen Spätaussiedlers aus den ehemaligen Staaten der SU besser verstehen kann? Wie wirkt sich eine Stigmatisierung auf die stigmatisierte Person aus und welche Folgen haben sie?
Die oftmals grausame Geschichte der Deutschen in Russland
Für das Verständnis der Situation von homosexuellen Spätaussiedlern ist eine historische Einbettung der Lebens- und Familiengeschichte in den gesellschaftlichen und historischen Kontext notwendig. Spätaussiedler sind ethnische Deutsche, dessen Großelterngeneration aus Deutschland ausgewandert ist. Bereits seit über 1000 Jahren leben Deutsche in Russland, da das russische Reich ein großes, nicht vollständig erschlossenes Territorium ist und schon immer einen hohen Bedarf an Fachkräften hatte. Die organisierte Einreise und Ansiedlung der Deutschen begann erst unter der Zarin Katharina II. (1729–1796), ebenfalls eine Deutsche, die Kaufleute, Kleinbürger und vor allem Bauern und Handwerker aufforderte ins russische Zarenreich zu kommen, um die wirtschaftliche Entwicklung und Kultivierung des Landes anzutreiben. Sie versprach ihnen Land, 30 Jahre Steuerbefreiung, Befreiung vom Militärdienst, die freie Religionsausübung und die Selbstverwaltung auf lokaler Ebene. Viele Siedler folgten diesem Aufruf aufgrund der schwierigen Situation im eigenen Land, angetrieben von wirtschaftlichen (Hungersnöte, Landmangel, Kriegsfolgen), religiösen (Spaltungen im Protestantismus) und politischen Motiven (vielfache Kriege u.a. der Siebenjährige Krieg 1756-1763). Siedlungsgebiete waren an der Wolga, am Schwarzen Meer, in Wolhynien, im Kaukasus und in Bessarabien. Bis zum Ersten Weltkrieg konnten rund 3.000 deutsche Kolonien verzeichnet werden. Laut einer russischen Volkszählung lebten 1914 im Russischen Reich 2,4 Millionen Deutsche. Doch die Privilegien der deutschen Kolonisten nahmen durch eine aufkommende Russifizierung ein Ende. Die Gründe für die Bewegung waren u.a. die wachsende Bevölkerungszahl der deutschen Kolonisten und die Zunahme ihrer Ländereien, der zunehmende politische und wirtschaftliche Einfluss der deutschen Einwanderer und eine Befürchtung der ethnischen Überfremdung des Russischen Reiches. In den deutschen Siedlern wurden potentielle Landesverräter gesehen und die antideutsche Haltung spitzte sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu. Nach der Registrierung und Isolierung von vermögenden Bauern, forcierte sich die Situation der deutschen Bauern nochmals als Stalin 1929 zur Vernichtung der Kulaken (im eigentlichen Sinne Einzel-, Mittel- und Großbauer) als Klasse aufrief. Der Kollektivierung, die innerhalb kürzester Zeit 95 % aller landwirtschaftlichen Flächen zwangskollektivierte, folgte die Entkulakisierung (Entrechtung, Enteignung, Deportation, Zwangsarbeit). Für die Russlanddeutschen begann die „Zeit des großen Terrors“. Durch den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg fielen Deutsche unter den Generalverdacht der Verräterschaft und Spionage, was zu einem Ausbau des Lagersystems Gulag und im Herbst 1941 zur Deportation der Deutschen nach Nowosibirsk, Omsk, in das Altaigebiet oder nach Kasachstan führte. Die deportierten Familien standen nach ihrer Ankunft in dem unbekannten Land vor dem Nichts. Viele wurden in die Arbeitsarmee überführt und mussten Zwangsarbeit leisten. Unter den katastrophalen Umständen in den Sondersiedlungen und Lagern starben zahllose Deutsche, die Deportierten verloren sämtliche Bürgerrechte und Familien wurden auseinandergerissen. Die Situation verbesserte sich nach dem Tod Stalins, jedoch wurde eine Rückkehr in die alten Siedlungsareale nicht gestattet. In einem Dekret in den 50er Jahren wurden die verurteilten Russlanddeutschen rehabilitiert und der „Kollektivvorwurf“ der Kollaboration mit dem faschistischen Deutschland wurde aufgehoben. Eine Volkszählung 1959 ergab eine Zahl von 1.619.000 Deutschen in der SU, von denen 45 % nun in Kasachstan (vorher 6,1 %) und 23,8% in Sibirien (zuvor 6,6) lebten.
Die Stigmatisierung der Russlanddeutschen in der Sowjetunion war jedoch nicht vorbei. Eine Rehabilitierung fand nur auf dem Papier statt, doch nicht in den Köpfen des sowjetischen Volkes. Die UdSSR fand jedoch 1991 ihr Ende, nachdem verschiedene Nachfolgestaaten in eine Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) übergingen. Durch die politischen Ereignisse stieg die Zahl der Ausreisen der Deutschen explosionsartig: Ihren Höhepunkt erlangte die Emigration in den 90er Jahren, in denen pro Jahr an die 150.000 Deutsche in die BRD übersiedelten. Häufig werden als Motivation zur Ausreise die Gründe „Als Deutscher unter Deutschen leben zu wollen“, das Ausleben des christlichen Glaubensbekenntnisses, die wirtschaftliche Krise nach der Auflösung der UdSSR oder die Nationalitätenproblematik genannt.
Homosexualität in Russland
Das Thema Homosexualität bleibt für die Mehrheit in der Gesellschaft ein Tabu-Thema, denn noch immer bildet Heterosexualität über das Geschlecht ein grundlegendes Strukturmerkmal unserer Gesellschaft. Für fast jeden homosexuell fühlenden Menschen hält der Zeitpunkt des Bewusstwerdens und Deutung seiner sexuellen Erfahrung eine unangenehme Überraschung bereit. Er wird feststellen, dass er in seiner eigenen Kultur fremd ist, da die „Eigentümlichkeit seiner libidinösen Bedürfnisse nicht in den allgemeinen Rahmen seiner Kultur hineinpasst“. Festzustellen ist, dass die Stigmatisierung und das Gefühl, anders zu sein als die meisten anderen, nicht folgenlos bleiben für die Entwicklung eines Individuums. Schon im Russischen Reich entwickelten Fundamentalisten und Sozialisten eine sehr sittenstrenge Einstellung bezüglich der Geschlechter(-Rollen) und Sexualität. Die anti-homosexuelle Stimmung beruhte auch auf Theorien Lenins, Trotzkis und Stalins, die Homosexualität und sexuelle Freiheit als eine Untugend des kapitalistischen Bürgertums angesehen haben. Homosexualität war verboten, unter Strafe gestellt und es galt als heilbare Krankheit, von der man sich gefälligst auch heilen lassen sollte. 1933 führte Stalin ein Strafgesetz ein, wonach Homosexualität mit bis zu fünf Jahren Zwangsarbeit bestraft werden konnte. Dieses Gesetz wurde bis zur Auflösung der Sowjetunion beibehalten. Bis in die 1980er Jahre waren Schwule und Lesben verpflichtet sich unter mehrmonatiger Einnahme von Psychopharmaka therapieren zu lassen, was den krankhaften Charakter, der an der Homosexualität zu dieser Zeit haftete, verdeutlicht.
Das heutige Russland zeigt im kollektiven Bewusstsein keine weitreichende Verbesserung der Situation der Homosexuellen, auch wenn es 1993 zur gesetzlichen Legalisierung von homosexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen gekommen ist und seit 1999 Homosexualität nicht mehr als Geisteskrankheit gilt. Es lassen sich immer wieder anti-homosexuelle Bewegungen und Ereignisse in Russland finden, da seit Jahren die Demonstrationen der Homosexuellen zum Christopher Street Day in Moskau verboten werden. Andersdenkende, Oppositionelle unterschiedlicher Herkunft, aber auch Schwule und Lesben werden als Gefahr für das russische Selbstbewusstsein, im schlimmsten Fall für den Bestand der russischen Gesellschaft an sich, aufgefasst. Fremdes und Unbekanntes erhält sehr schnell das Etikett „unrussisch“ und wird als „westlich“ angesehen.
Stigmatisierung von schwulen Russlanddeutschen
In der Literatur zum Thema heißt es Russlanddeutschen sind „Zuhause fremd“, womit ihre Andersartigkeit deutlich wird, die ihnen die Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert. In der Sowjetunion galten sie als „Deutsche“, während der Kollektivierung oftmals als „Kulaken“ und in der Bundesrepublik Deutschland werden sie von der breiten Gesellschaft als „Russen“ angesehen. Begriffe und Zuschreibungen für sie sind vielseitig und reichen von Russen, deutschen Russen, Russlanddeutschen zu (Spät-)Aussiedlern, aber in den meisten Fällen werden sie nicht als Deutsche wahrgenommen. In den historischen Phasen und den zahlreichen Umsiedlungen und Migrationen der Russlanddeutschen veränderte sich die Zuschreibung, doch änderte sich nie, dass sie durch jene, Benachteiligungen und Diskriminierungen erfahren haben. Sie waren nie Teil der „Wir“-Gruppe, egal in welchem Land, und wurden stets als fremde „Ihr“-Gruppierung behandelt.
Erving Goffmans Stigma-Theorie beschreibt auf verständliche Weise, was mit den Individuen passiert, die stigmatisiert werden. Zunächst eine begriffliche Erklärung von Stigmatisierung: Bei den Griechen wurde das Wort „Stigma“ als ein Verweis auf körperliche Zeichen verwendet, die etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers darstellen sollten. Der Träger dieser Zeichen, war eine für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte, wie Sklaven oder Verräter. Die Andersartigkeit oder Normalität von Individuen leitet sich von der Gesellschaft her und muss von ihr als Ganzes kollektiv auf einen Begriff gebracht werden. Die Kategorie „Russlanddeutscher“ und „Homosexueller“ sind Zuschreibungen, die auf ihre Art und Weise stigmatisierende Wirkungen in der Gesellschaft hervorrufen.
So führt Goffman über ein vollständig ungeniertes und akzeptables männliches Wesen in Amerika an, dass er ein junger, verheirateter, weißer, städtischer, nordstaatlicher, heterosexueller, protestantischer Vater mit Collegebildung, voll beschäftigt, von gutem Aussehen, normal im Gewicht und Größe und mit Erfolgen im Sport sein sollte. In dem Fall der Spätaussiedler wird die sowjetische oder kasachische Gesellschaft (sowie auch in Deutschland) ebenfalls ein Wertesystem haben, das Anforderungen an die Geschlechterrollen stellt und bestimmt, was als normal und was als fehlerhaft oder unzulänglich angesehen wird. So ist in der Gesellschaft, in man als Spätaussiedler sozialisiert wurde Homosexualität und die deutsche/russische Zugehörigkeit ein Stigma. In diesem Zusammenhang kann man von einer zweifachen Stigmatisierung oder doppelten Außenseiterrolle sprechen, die schwule Russlanddeutsche in ihrer Biographie wahrscheinlich erfahren müssen.
Durch die Siedlungsgeschichte erlebten die Russlanddeutschen eine Stigmatisierung aufgrund ihrer Herkunft – sowohl in der Sowjetunion oder in den späteren GUS-Staaten, als auch in Deutschland – da sie auch hier wieder nicht als „Normale“ angesehen wurden. In Deutschland wurde den Spätaussiedlern das stigmatisierende Attribut des Russischseins zugeschrieben. Gerade in den 1990er Jahren entwickelte sich aufgrund der explosionsartig steigenden Einwanderungszahlen eine feindliche Stimmung gegenüber Einwanderern in die BRD.
Die Eigenschaften, die Schwulen zugeschrieben werden, sind im Diskurs typisch für Frauen oder unmännlich. Schwule werden nach dem Bewusstwerden ihrer Homosexualität von einem tiefen Schamgefühl ihrem Selbst gegenüber erfüllt sein. Eine längere Zeit des Täuschens ist oftmals die Folge und die Selbst-Enthüllung durch das Coming-Out findet oftmals erst nach der Migration nach Deutschland oder seltener/später als bei hiesigen Schwulen statt. Der normative Druck der Gesellschaft auf einen stigmatisierten Homosexuellen scheint zu groß zu sein – vielleicht gerade deshalb zu groß im Hinblick auf die doppelte Stigmatisierung von homosexuellen Russlanddeutschen. Die Stigmata von homosexuellen Spätaussiedlern sind von unterschiedlicher Natur: Zum einen ist das Stigma des Russlanddeutscher-Sein ein phylogenetisches Stigma, dass er schon seit seiner Geburt getragen hat und zum anderen ist Homosexualität ein „Fehler“ (in Bezug auf die Normen der Gesellschaft), den ein Individuum erst im Laufe der Biographie bewusst wahrnimmt und entwickelt. Im Fall der ethnischen Herkunft haben russlanddeutsche Familie im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit schwere Stigmatisierungen und Diskriminierungen erfahren, die Spuren auf den Biographien hinterlassen haben.
Mit diesem Wissen sollte die Gesellschaft und die Politik einen neuen Weg finden die ethischen Deutschen, die wir so oft als Russen wahrnehmen, in unsere Kultur zu integrieren. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, die das biographische Erlebnis der Migration nach Deutschland für einen stigmatisierten Russlanddeutschen erleichtern und eine zweite Stigma-Karriere in Deutschland konterkarieren. Ebenfalls gilt es verstärkt Kraft und Zeit in die Ausarbeitung von Konzepten zur Integration von Homosexualität als gewöhnliche Facette des menschlichen Sexuallebens zu investieren. Ein kleiner, aber weitreichender Schritt auf dem Weg, dass Schwule und Lesben nicht mehr als besonders oder anders wahrgenommen werden, könnte die Einbindung gleichgeschlechtiger Lebensformen neben der Partnerschaft zwischen Mann und Frau in die Lehrinhalte von Schülern sein. Und vielleicht möchte Bushido nach seinem goldenen Bambi auch einen Teil dazu beitragen, dass schwule Spätaussiedler sich leichter in unsere Gesellschaft integrieren können.
Schwulissimo sprach mit Iwan und Tony über Ihre Zeit in Russland, ihr Leben in Deutschland und ihre Homosexualität.
Schwulissimo: Erzähl mir kurz deine Familiengeschichte, wo haben deine Eltern- und Großelterngeneration gelebt und welche ethnischen Wurzeln haben sie? Weißt du wie oder warum Sie aus Deutschland nach Russland gezogen sind?
Iwan: Ich glaube, dass sowohl meine mütterliche als auch meine väterliche Familienseite aus dem Süden Deutschlands kommen. Die Gründe, wie sie nach Russland kamen, kenne ich nicht so genau, aber so wie mein Opa es mir erklärt hat, gehörten die zu den ersten Wolga-Deutschen, die dann zu Stalins Zeiten in dünn besiedelte Gebiete (Kasachstan, Kirgistan) verschleppt worden sind. M eine Mutter kommt aus der Gegend am Schwarzen Meer und mein Vater aus Sibirien, aber wie sie in Kirgistan gelandet sind, da bin ich mir nicht sicher. Sie haben unter Deutschen geheiratet und sich eigentlich nie wie Russen gefühlt.
Schwulissimo: Wo bist du geboren? Wann und wie bist du nach Deutschland migriert?
Iwan: Ich bin 1986 in Frunse (jetzt Bishkek) in Kirgistan geboren und bin mit 4 Jahren nach Deutschland gekommen. An viel kann ich mich da nicht erinnern. Wir hatten ein schönes Grundstück und ein großes Haus, in dem 3 Generationen gelebt haben. Die Nachbarn waren zum größten Teil auch Deutsche. Als ich vor kurzem dort war habe ich gesehen, dass der Stadtteil immer noch zu den wohlhabendsten in der Gegend gehört. Das ist auch der Grund warum Deutsche oft für Russen nicht so willkommen waren.
Als wir nach Deutschland kamen wurden wir erst mal nach NRW gebracht. Von großen Problemen hat mir meine Familie nicht erzählt. Jedoch fiel es allen schwer ihren ursprünglichen Beruf wahrzunehmen, da Bildungsabschlüsse hier nicht anerkannt wurden.
Schwulissimo: Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist? Hast du deine sexuelle Orientierung in deiner Heimat ausgelebt? Wann war dein Outing und wie fand es statt?
Iwan: Ich denke mal, dass ich es schon immer gewusst habe, zumindest wusste ich, dass ich nicht abgeneigt bin. Jedoch wollte ich nicht schwul sein und deswegen habe ich mit mir selbst gekämpft, da ich wusste, dass meine Familie das nicht akzeptieren würde.
Ich habe mich etwa mit 16 sehr intensiv darum gekümmert heraus zu finden, was es bedeutet schwul zu sein. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich es nach langem Hin und Her auch auslebe. Denke aber, dass es mein Umfeld nicht interessiert, was ich für sexuelle Vorlieben habe. Ein volles Outing hatte ich nie, denn meine Eltern wissen es immer noch nicht. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich verstecke oder eine „Lüge“ lebe. Ich will es Ihnen im Moment nicht zumuten, da ich deren konservative Erziehung respektiere und verstehe. Mein Outing bei meinen Freunden, war auch sehr spät. Probleme hat aber niemand damit gehabt. Ich fühle mich auch nicht anders als ein Hetero. Ich bin auch sehr froh, dass ich in Deutschland lebe und dass hier so frei leben kann ohne mich immer als „anders“ zu fühlen. In Kirgistan wird Homosexualität einfach tabuisiert und Schwule können es nur heimlich oder gar nicht ausleben, dort wird es immer noch als Krankheit angesehen.“
Schwulissimo: Fühlst du dich als Deutscher? Als Russe? Als Russlanddeutscher? Oder wie würdest du deine Zugehörigkeit beschreiben?
Iwan: Ich habe mich in Deutschland nie richtig ausgegrenzt gefühlt. Vielleicht liegt es an meiner Erziehung da meine Familie mit mir nur Deutsch gesprochen hat. Das war der Wunsch von einem Opa. Ich habe schon ein Stück der russischen Mentalität abbekommen, aber eben auch viel von der „altdeutschen“ Kultur. Ich würde nie sagen, „Ich bin Russe“. Doch für andere Deutsche bin ich auch kein reiner Deutscher. Ich glaube, ich hatte nie das Streben danach, einem von beiden gerecht zu werden.
Ich konnte aber auch beobachten, dass schwule Aussiedler allgemein weniger Probleme mit der Integration oder der Frage der Zugehörigkeit haben. Meistens haben sie Probleme damit, wie sie ihre Homosexualität in ihrem Umfeld ausleben können. Die meisten kapseln sich von ihren Eltern ab, ziehen weit weg, um ihren eigenen Weg zu gehen.
Schwulissimo: Erzähl mir kurz deine Familiengeschichte, wo haben deine Eltern- und Großelterngeneration gelebt und welche ethnischen Wurzeln haben sie? Weißt du wie oder warum Sie aus Deutschland nach Russland gezogen sind?
Tony: In der Zeit des russischen Zaren Peter I sind die Großeltern meiner Eltern in das Gebiet Krasnojarsk, Sibirien umgesiedelt. Sie lebten dort in einem deutschen Dorf, in dem auch meine Oma geboren wurde. In diesem Dorf sprachen alle Deutsch. Im zweiten Weltkrieg wurden sehr viele Deutsche dann nach Kasachstan geschickt, wo meine Eltern geboren wurden. Während des Krieges mussten meine Großeltern sowie deren Verwandte alle deutsche Papiere und Unterlagen verschwinden lassen, um nicht entdeckt zu werden. In der Zeit verschwanden also alle Erinnerungen und der Kontakt zu vielen Angehörigen, von denen man nie wieder was gehört hat. Immer wieder musste man die deutschen Wurzeln verstecken oder wie mein Vater die russische Staatsbürgerschaft annehmen, da man sonst keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen hatte. Meine Eltern heirateten in Kasachstan, wo auch meine beiden Geschwister geboren sind. Einige Jahre später ist meine Familie nach Russland umgezogen, um dort Geld zu verdienen. Nach einem Jahr reiste mein Vater nach Afrika, um noch mehr Geld zu verdienen. Meine Mutter lebte alleine mit 3 Kindern. Das war nicht so leicht, denn im Winter war es bis zu -40 Grad.
Schwulissimo: Erzähl mir noch etwas mehr über dich: Wo bist du geboren? Wann und wie bist du nach Deutschland migriert?
Tony: Ich bin 1985 in Stadt Neftejugansk in West-Sibirien geboren und habe dort die ersten 16 Jahre meines Lebens gelebt. Im Juni 2001 bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland gezogen. Ein Onkel von meiner Mutter ist 1993 aus Kasachstan nach Deutschland ausgewandert und von hier hat er angefangen alle Verwandte nach Deutschland zu holen. Er stellte Anträge für jede einzelne Familie. Es dauerte ca. 5 Jahre bis der Antrag angenommen wurde und wir die Papiere bekommen haben. Als erstes sind wir im Dorf Friedland angekommen und nach drei Tagen ins Auffanglager in Neumünster weitergeschickt worden. Da wir Verwandte aus Hamburg hatten, konnten wir im Norden, im Kreis Herzogtum Lauenburg, bleiben. Im August des gleichen Jahres bin ich schon in die Schule in Schwarzenbek gegangen. Das war eine verdammt schwierige Zeit für mich.
Schwulissimo: Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist? Hast du deine sexuelle Orientierung in deiner Heimat ausgelebt? Wann war dein Outing und wie fand es statt?
Tony: Dass ich schwul bin, habe ich in Deutschland erst gemerkt. Ich hatte mich dann im Internet auf schwulen Internetseiten angemeldet und so meinen ersten Kontakt zu anderen Schwulen. Meine Mutter hat als erste rausgefunden, dass ich schwul bin, da sie an meinem Computer gearbeitet hatte. Sie hat es erst später akzeptiert (ihr blieb wohl nichts anders übrig), als ich dann umgezogen bin in meine eigene Wohnung. Bei meinem Fußballverein, in dem ich hier in Deutschland spiele, war das anders, ich habe das immer verheimlicht, immer wieder Geschichten ausgedacht. Auf einer Mannschaftsfeier unter Alkoholeinfluss kam es dann raus, überraschenderweise ist das sehr positiv aufgenommen worden. Es hat alles leichter gemacht und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, denn ich wusste nun, dass ich mich gar nicht verstecken muss. Ich finde die Menschen sind hier offener und zugänglicher. Ich bin froh hier zu sein.
Schwulissimo: Fühlst du dich als Deutscher? Als Russe? Als Russlanddeutscher? Oder wie würdest du deine Zugehörigkeit beschreiben?
Tony: Also Russe bin ich nicht, denn ich habe Deutsche wurzeln und mein Name ist auch nicht russisch. In der Schule wussten fast alle, dass ich Deutscher bin. Die Mitschüler haben mich aus Spaß gehänselt und „Ausländer“ genannt. Als Deutscher fühle ich mich auch nicht wirklich, den immerhin bin ich in Russland geboren und Russisch ist meine Muttersprache. Durch meinen Dialekt merkt man, dass ich aus dem Ausland komme. Von anderen Deutschen werde ich Russe genannt, obwohl ich die deutsche Staatszugehörigkeit habe und einen deutschen Namen habe. Ich würde sagen „Russlanddeutscher“ passt am ehesten zu mir und meinem Leben.
Schwulissimo: Glaubst du, du hast es schwerer in deinem Leben, weil du einen Migrationshintergrund hast und schwul bist?
Tony: Es ist schon nicht ganz einfach, aber das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. In Deutschland muss man alles neu kennen lernen, sich auf alles neu einstellen. Manchmal merkt man, dass die Russen nicht gern gesehen sind, da sie den Ruf haben zu viel zu saufen und Unruhe zu machen. Manchmal schäme ich mich auch für die Russen in Deutschland. Manche sind schon seit 20-30 Jahren in Deutschland und können nicht vernünftig Deutsch sprechen. Meine Meinung nach sollte jeder der ins Ausland geht, die Sprache beherrschen oder sich anstrengen die Sprache zu lernen. Aber auf der anderen Seite, haben viele Russlanddeutsche das Recht hier zu sein, was viele Deutsche nicht wissen. Dass man schwul ist, ist angeboren, da kann man nichts für. Bis jetzt habe ich keine Schwierigkeiten gehabt, weil ich schwul bin. Ich bin der Meinung, dass Schwule es sich manchmal selbst schwierig machen, da man einfach mutiger damit umgehen muss. (sr)
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25.11.2011
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