Eine offene Gesellschaft lässt sich nicht verordnen
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat den Berliner Kommunikationsberater Jörg Litwinschuh zum Vorstand der neu errichteten Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ernannt. Mit einem Bildungs- und Forschungsprogramm soll die neue Stiftung der gesellschaftlichen Diskriminierung homosexueller Männer und Frauen in Deutschland entgegenwirken. Litwinschuh war freier Redakteur bei SCHWULISSIMO und ist ein in der Szene bekannter Aktivist. So war der Journalist hauptamtlicher Leiter des Integrationsund Migrationszentrums MILES im LSVD Berlin-Brandenburg und ehrenamtlicher Geschäftsführer des Landesverbandes. In den vergangenen Jahren war er als Pressesprecher und Fundraiser für die Deutsche Aids-Hilfe tätig.
SCHWULISSIMO sprach mit der Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger.
SCHWULISSIMO: Frau Ministerin, seit dem 10. November hat Deutschland eine Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und mit Jörg Litwinschuh einen Stiftungsvorstand. Was versprechen Sie sich von der Stiftung?
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Das ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Signal. Die Bundesregierung errichtet eine Stiftung, die nicht nur im Namen an eine schlimme Zeit für Homosexuelle erinnert. 2011 ist die Diskriminierung von Lesben und Schwulen nicht Geschichte. Eine offene Gesellschaft lässt sich nicht verordnen. Mit ihrer Bildungs- und Forschungsarbeit leistet die neue Stiftung einen Beitrag für eine Gesellschaft, die unterschiedlichen Lebensentwürfen wirklich offen gegenübersteht. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, das sollte uneingeschränkt auch bei der Entscheidung gelten, ob Frau Frau liebt oder Mann Mann.
SCHWULISSIMO: Jörg Litwinschuh hat 2005 mit taz-Autor Jan Feddersen die Initiative Queer Nations gegründet und sich seit dieser Zeit für die Stiftung und den neuen Forschungs- und Bildungsschwerpunkt eingesetzt. Die Stiftung ist nun mehr oder weniger eine Ein-Mann-Organisation…
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Die Ernennung von Jörg Litwinschuh ist der Startschuss für die Stiftungsarbeit. Natürlich ist die Stiftung keine Ein-Mann-Organisation. Die wesentlichen Weichen für die Stiftungsarbeit werden vom Kuratorium gestellt, in dem Frauen und Männer vertreten sind. Ein hoher Anteil der Mittel soll in die operative Arbeit fließen. Deswegen ist es gut, dass bei der personellen Ausstattung kein riesiger Apparat vor Beginn ihrer eigentlichen Arbeit gegründet wird.
SCHWULISSIMO: Letztlich galt es bei der Stiftung, Rücksichten zu nehmen. Darum gibt es ein vor allem politisch korrekt besetztes Kuratorium mit 23 Mitgliedern und dazu einen Fachbeirat, in dem die Anzahl der Mitglieder nicht einmal beschränkt ist. Ist das nicht zu aufgebläht?
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Wenn sie gesellschaftliche Repräsentanz wollen, dann hat das nichts mit aufgebläht zu tun. Die neue Stiftung muss in der Gesellschaft verankert sein. Das Kuratorium wird nicht die tägliche Arbeit bewältigen, sondern die Grundzüge der Stiftungsarbeit bestimmen.
SCHWULISSIMO: Die Satzung legt fest, dass sich die Stiftung nicht nur historisch mit dem Leben Homosexueller beschäftigen, sondern auch aktuell einer gesellschaftlichen Diskriminierung Homosexueller in Deutschland entgegenwirken soll. Wie muss man sich das praktisch vorstellen?
 Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger ernennt Jörg Litwinschuh zum Vorstand Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Es ist kaum vorstellbar, dass in den 1920er Jahren Berlin von Lesben und Schwulen weltweit für seine Offenheit bewundert wurde. Und dass der nationalsozialistische Terror gegen Homosexuelle Deutschland bis in die Nachkriegszeit prägte. Damit meine ich nicht nur den berüchtigten Strafrechtsparagraphen 175, den ich in meiner ersten Amtszeit als Bundesjustizministerin abgeschafft habe. In Deutschland hat die Öffnung der Gesellschaft länger gedauert, als bei unseren Nachbarn. Und heute ist es auch für junge Lesben und Schwule nicht immer einfach, zur eigenen sexuellen Identität zu stehen. Selbst in Berlin gibt es heute immer noch Gewalt gegen Lesben und Schwule. Die Stiftung soll helfen, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Das gelingt am besten durch die Förderung von Bildungsarbeit und den Aufbau eines entsprechenden Netzwerkes.
SCHWULISSIMO: Seit Jahren gibt es Klagen, gerade für die Forschung zum Thema Verfolgung von Homosexuellen in der Nazizeit gäbe es zu wenig Geld. Reichen da 200.000 Euro pro Jahr überhaupt aus?
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Jetzt fängt die Arbeit der Stiftung erst einmal an. Und ich bin wirklich froh, dass das gelungen ist. Der Deutsche Bundestag hat seit Jahren parteiübergreifend eine solche Stiftung eingefordert. Und ich bin optimistisch: Mit gesamtgesellschaftlicher Unterstützung wird viel zu schaffen sein. Das hat das Anliegen verdient. Die Stiftung bürgerlichen Rechts wird auch Zustiftungen und Zuwendungen einwerben. Das ist ein Thema, dass auch für viele Unternehmen von zunehmender Bedeutung ist - „Diversity“. (mg)
|
25.11.2011
Artikel mitnehmen
Artikel drucken
Artikel empfehlen
|
|
| Terminkalender |
|
| Cityguide |
|
| Partypics |

 |
| E-Paper |

|
| Umfrage |
Was muss an Deinem Body verändert werden? |
| SCHWULISSIMO ABO |
|
|