Das am 14. Oktober in Hamburg stattgefundene Länderspiel Deutschland gegen Finnland (die Manschaften trennten sich 1:1) wurde von dem Deutschen Fußballbund (DFB) unter das Motto »Gegen Homophobie im Fußball« gestellt. Parallel dazu lud der Fan Club Nationalmannschaft zu einem Round Table ein, an dem unter anderen auch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger, Vertreter von schwul-lesbischen Fanclubs, sowie zwei ehemalige Spieler teilnahmen. Die Aktion wurde seitens der heterosexuellen Presse mit großem Interesse und zahlreicher Anwesenheit verfolgt.
Bedenklich stimmt der Umstand, dass im Rahmen des Fußballs bisweilen noch immer eine permanente homophobe Grundstimmung anzutreffen ist, die so gar nicht in das sonstige Bild der vorherrschenden gesellschaftlichen Akzeptanz und Aufgeklärtheit zu passen scheint. Diese Homophobie manifestiert sich einerseits in den Reihen der Spieler. Dort ist es an der Tagesordnung, negativ behaftete Sachverhalte mit dem Ausdruck »schwul« zu umschreiben, ein Spieler-Outing würde nach Einschätzung der Betroffenen neben peinlicher Berührtheit eine breite hintergründige Ablehnung und damit letztlich ein Karriere-Ende bedeuten. Marcus Urban (stand bis Anfang der 90er-Jahre beim Zweitligisten Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag) wählte daher den Zeitpunkt seines Outings nicht ohne Grund erst nach seiner aktiven Zeit als Spieler. Zwar war die Resonanz darauf erfreulicherweise positiv, doch wäre nach Einschätzung Urbans eine solche Toleranz während seiner aktiven Phase nicht zu erwarten gewesen.
Aber auch im Fan-Lager gilt das Wort »schwul« noch immer als Schimpfwort und wird auch als ein solches verwendet, wie die Fanclubs nachhaltig monierten. Nach in der Öffentlichkeit vorherrschenden Stammtischmeinungen wird schwulen Männern nicht zugetraut, Fußball spielen zu können. Umgekehrt wird einer Frau attestiert lesbisch zu sein, nur weil sie Fußball spielt. Auf ein öffentliches Outing eines mutigen schwulen Fans folge zwar eine zunächst zögerliche, aber letztlich doch überwiegend positive Reaktion in der Öffentlichkeit. Dennoch gibt es aber auch negative Reaktionen, welche dann aber eher in der Anonymität des Internets erfolgten. Offen aggressive Reaktionen auf Schwule seien glücklicherweise eher selten, dennoch gäbe es sie noch immer.
Einen Ausweg aus dieser Situation sieht DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in der Öffentlichmachung der Problematik und Anregung von öffentlichen Diskussionen. Diese Strategie habe sich bereits im Falle des Rassismus als griffig und erfolgreich erwiesen. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich die Rassismus-Problematik im öffentlichen Interesse als höherrangig dargestellt hat, die Homophobie liegt hier auf Rang 2. Eine Ursache hierfür könnte darin liegen, dass im Falle der Homosexualität die Möglichkeit der Verschleierung besteht, sowie auch ein latentes Verschleierungsbestreben der Betroffenen selbst. Im Rahmen von individuellen Bewältigungsstrategien kann es gar zu dem Phänomen kommen, dass sich betroffene Schwule an die Spitze der Gegenbewegung setzen. Insofern besteht im Gegensatz zu dem Rassismus im Falle der Homophobie eine etwas anders gelagerte Problematik, deren Lösung aber ihrerseits noch stärker von einer Öffentlichmachung abhängig ist. Entscheidend ist demnach die Unterbrechung von bestehenden Automatismen und Konventionen durch Sensibilisierung der öffentlichen Aufmerksamkeit, um entsprechenden Mechanismen die Triebkraft zu entziehen.
Neben dem Aufruf gegen Homophobie wurde ein weiteres Zeichen gesetzt: Im Anschluss an den Round Table hat der Fan Club Nationalmannschaft im Beisein von DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger die gemeinsame Erklärung »Gegen iskriminierung im Fußball« unterzeichnet. Ein Grundstein und eine Basis zur Bewältigung der Homophobie im Fußball ist somit gesetzt. Die Thematisierung der Problematik liegt nunmehr bei den verantwortlichen Funktionären, den Spielern und nicht zuletzt bei den Medien. (cs)