Sex, Drugs & Castingshows - Markus Grimm packt aus
Markus Grimm, 2004 Mitglied der Popstars-Band Nu Pagadi, hat gemeinsam mit Martin Kesici (Sieger von Star Search 2003) ein Buch veröffentlicht, das unverblümt mit dem Traum der Casting-Show-Karriere aufräumt. In seinem Buch beschreibt Markus auf anschauliche Weise die Diskrepanz zwischen dem medienwirksam inszenierten Stardasein und der Realität zwischen Stress und Individualitätsverlust.
Markus, wie alt ist eigentlich die Idee, ein Buch über deine Erfahrungen in der Casting-Show zu schreiben?
Die Idee entstand schon vor 2 Jahren. Es war aber gar nicht so einfach, einen Verlag zu finden, der sich dazu bereit erklärt und die Eier hat, so ein Buch zu veröffentlichen.
Also damit fingen die Probleme schon an ... Aber ihr habt dann doch einen Verlag gefunden, der unabhängig ist. Hat es denn in der Hinsicht nach der Veröffentlichung irgendwelche Probleme gegeben, also eventuell Klagedrohungen seitens der Casting-Shows oder dergleichen?
Nein, hat es nicht. Das hätte das Buch natürlich auch noch prominenter gemacht. Ich denke, daher kommt die Zurückhaltung.
Wie kommt denn das Buch beim Leser an?
Also, die Aufnahme beim Leser ist ja schon ein Hammer, wie ich finde. Wir geben auch Autogramm-Stunden, Interviews, Lesungen, etc. Unsere Interview-Liste ist die längste, die der Verlag bisher hatte.
Was ihr in dem Buch beschreibt, ist ja im Grunde der eigentliche Skandal, also der Skandal hinter dem inszenierten Skandal. Ist es denn so, dass die Casting-Shows nur den alleinigen Sinn haben, für Einschaltquoten zu sorgen und du dann als Star spätestens vor der nächsten Show wieder »entsorgt« wirst?
Ja, wir wollten jetzt aber kein »Lästerbuch« schreiben, sondern eben ein kritisches Buch. Du wirst zum Star gepusht, dann aber auch einfach wieder entsorgt. Das geht mittlerweile ziemlich schnell, in früheren Staffeln blieb einem noch ein bisschen mehr Zeit. Man hat eben sozusagen eine kurze Halbwertszeit. Das ist aber wohl insbesondere in Deutschland ein Phänomen, im Ausland kann das auch durchaus anders laufen, wo man vom (Medien-) Interesse her schon länger an den Leuten dran bleibt. Andererseits kann ich das auch etwas verstehen, da der Markt mit Casting-Shows mittlerweile ja wirklich gesättigt ist.
Also im Grunde siehst du das Ganze unterm Strich immer noch positiv?
Ja, aber man muss seinen Weg schon selbst gehen und die Sache selbst in die Hand nehmen. Nur das sehen die meisten eben nicht, sondern verlassen sich darauf das alles vorgeebnet ist. Dann kriegen sie nicht mit, dass längst eine neue Staffel läuft und sie fallen dann erst mal in ein Loch. Während der Staffel ist alles ganz toll und familiär und man versteht sich mit allen. Und plötzlich bist du nicht mehr angesagt. Da ist man dann auf sich selbst gestellt und muss sehen, dass man am Ball bleibt. Ich bringe im Februar zum Beispiel ein Kinderbuch raus mit dem Titel »Fleckies Reise«, wozu es dann auch Stofftiere und ein Hörspiel gibt.
Demnach ist die Casting-Show nicht das große Los, sondern lediglich als eine Art Starthilfe zu sehen. Aber ich sehe da schon auch eine gewisse Schieflage, wie mit den Kandidaten umgegangen wird.
Ja natürlich, gerade dieses Interesse, das während der Staffel vorhanden ist, dieses Familiäre, ist zum Teil natürlich gespielt. Das ist einfach ein Programm, was da abläuft und darauf abzielt, Privates zum Vorschein zu bringen. Ich kann diese ganzen Tränen auch nicht mehr sehen, es wird fast nur noch Schicksal gebracht. Ohne Schicksal hast du als Kandidat fast gar keine Chance mehr was zu werden. In den ersten Runden werden Leute in einer Weise vorgeführt, dass die sich dadurch zu Idioten machen und danach wird dann nur noch Schicksal gebracht. Es geht im Grunde also gar nicht um Musikalität, sondern um Skandale und Schicksale. Und das ärgert mich!
Du hast dich ja öffentlich als schwul geoutet. War das ein Problem, ich denke da gerade an die Vermarktungschancen?
Nein, das war für mich kein Problem. Mir wurde davon zwar von Medienwissenschaftlern abgeraten, weil man dadurch die Gefahr sah, das die Fangruppe der jungen Mädchen als Markt wegbrechen könnte. Das hat mich aber nicht abgehalten. Im Übrigen hat die entsprechende Fangruppe das völlig unbeeindruckt aufgenommen und ich hatte auch nicht das Gefühl, deshalb an Popularität eingebüßt zu haben. Im Gegenteil, ich habe mich bewusst früh und von Anfang an geoutet, um nicht erst als Mädchenschwarm vermarktet zu werden. Damit hätte ich dann ja wirklich die Fans vor den Kopf gestoßen.
Hast du denn sonst schlechte Erfahrungen wegen des Outings gemacht?
Im Großen und Ganzen eher nicht, es gab allerdings vereinzelt mal Angriffe. Ich wurde deshalb mal mit Flaschen beworfen. Und ich bin in einem Imbiss von einen paar Jugendlichen als »die Schwuchtel von Popstars« angegriffen worden. Es flogen dann auch die Fäuste, aber zum Glück hat der Filialleiter mich dann durch den Hinterausgang in das Parkhaus gebracht, da war ich in Sicherheit.
Wie du in deinem Buch ja auch beschrieben hast, gab es natürlich auch Sexangebote und auch konkrete Situationen, wo es dann zu Sache ging. War das an der Tagesordnung?
Nein, so kann man es nicht sagen, also Sex gab es schon, aber es war nun auch nicht an der Tagesordnung. Für mich war es sehr auffällig, dass man als Popstar aber wirklich an jeder Ecke angeflirtet wurde ... Ich habe aber ziemlich schnell realisiert, dass die nicht mit mir in die Kiste wollten, sondern mit dem »Produkt Popstar«.
Was ist das dann für ein Gefühl?
Ein Gefühl des Benutztwerdens. Es ist etwas ohne Gefühle und ohne jede Verbindlichkeit.
Okay, das ist ja etwas, was den schwulen Szenen der größeren Städte ohnehin nachgesagt wird. Könnte man sagen, dass dieses Phänomen im Falle des Popstars insofern noch eine Steigerung erfährt?
Ja, denn man fühlt sich völlig leer. Manche wollen sich darüber hinaus letztlich nur damit schmücken, den Popstar ins Bett gekriegt zu haben.
Gibt es einen Ratschlag, den du angehenden Teilnehmern von Casting-Shows mit auf den Weg geben würdest?
Ja. Man sollte nur teilnehmen, wenn es einem selbst wirklich um die Musik geht. Musik muss persönliche Leidenschaft sein, denn die Karriere wird nicht einfach mal so im Fernsehen geboren, sondern braucht auch Substanz die dahinter steht! (cs)