Maite Kelly - Das volle Programm
SCHWULISSIMO-Redakteur Jörg Litwinschuh sprach mit ihr über Erfolg, Let’s Dance, Brücken bauen und ihr Album.
SCHWULISSIMO: Maite, Du bist 31 Jahre jung und sehr erfolgreich: Wie fühlst Du Dich gerade?
Maite: Ich bin sehr glücklich und meinen Fans und meinem Publikum sehr dankbar für diesen Erfolg. Dadurch kann ich mir gerade aussuchen, was ich künstlerisch machen möchte, und das ist schon ein großes Privileg. Ich kann mit die Rosinen herauspicken, denn mein Handwerk als Performerin ist in der Branche anerkannt: Die Fachleute sagen „Dieses Album steht für Maite Kelly, das ist sie selbst!“ Was für ein tolles Kompliment …
SCHWULISSIMO: Gerade ist Dein Soloalbum „Das volle Programm“ auf den Markt gekommen. Ich finde, Du gibst dem Hörer das Gefühl, dass er oder sie etwas ganz Besonderes ist. War das Deine Absicht?
Maite: … in der Tat! Ich wollte ein Album machen, das ein Lächeln auf die Gesichter zaubert und die Herzen erstrahlen lässt. Vor allem sollen meine Songs jedem das Gefühl geben, dass seine oder ihre Individualität etwas Besonderes ist, weil wir alle etwas Besonderes sind. Dies geht im Alltag leider häufig verloren, es gibt viel Gleichmacherei. Darunter leiden die Leute. Das kratzt am Selbstbewusstsein. Ich wollte mit dem Album Bilder schaffen, die eindeutige starke Gefühle auslösen, ein Eintauchen in andere Zeiten ermöglichen. Eben Abstand nach einem harten Arbeitstag oder von dem großen Problem, dass wir immer mehr unserer Individualität beraubt werden. Wenn meine Töchter Sorgen haben, sage ich ihnen immer „You are who you are: you’re beautiful!” Wir alle können lernen, uns zu akzeptieren und uns zu lieben. Das sage ich auch meine Freunden: „Du bist anders. Sei stolz, dass Du anders bist.“
SCHWULISSIMO: Hast Du auch homosexuelle Freunde?
Maite: Mein bester Freund Toddy ist schwul. Wir kennen uns seit zehn Jahren. Er wohnt in der Nähe von uns nahe Köln: In Wuppertal. Thorsten ist ein toller Mann, sehr erfolgreich in der Finanzbranche dazu. Er war und ist ein wichtiger Ratgeber für mich, auch bei diesem Album.
SCHWULISSIMO: … und eine lesbische Freundin?
Maite: Eine lesbische Freundin hatte ich bisher noch nicht.
SCHWULISSIMO: Du hast einen ganz neuen Musik-Stil: Er fühlt sich reifer und nachdenklicher an, mit Swing in der Hüfte, Du singst Deutsch mit viel Wortwitz. Alles erinnert ein wenig an Cabaret und ziemlich von Deiner früheren Familien-Band emanzipiert. Du nennst es selbst „Revue Pop“. Was ist genau Dein Stil?
Maite: Zuerst war es etwas ungewohnt, ausschließlich auf Deutsch zu singen. Deutsch ist eine so feine Sprache. Hier wollte ich die wundervolle Fülle und Vielfalt nutzen. Für mich ist Deutsch die sensibelste Sprache der Welt. Wunderschön. Der Broadway hatte den größten Einfluss auf mein neues Album: Ich mag Musik, bei der ich Tanz, Kabarett und Comedy vereinen kann. Mit Frank Ramond, der auch für Roger Cicero und Annett Lousian schreibt und produziert, habe ich einen Partner an meiner Seite, der meine musikalischen Ideen, meine Persönlichkeit und meine Bildsprache perfekt umgesetzt und dem Album damit ein starkes, emotionales Leitmotiv verpasst hat: Revue Pop ist quasi mein eigenes Genre: Ich verbinde Gesang und Tanz, und lasse auch Musik aus den 1940er und 50er Jahren einfließen.
SCHWULISSIMO: Wie kamst Du auf den Song „Einmaleins der Liebe“?
Maite: Viele kennen das Gefühl, wenn man die Person seines Lebens gefunden hat, wenn der Topf zum Deckel passt: Man schaut in eine gemeinsame Richtung, auch wenn man verschieden ist. It’s magic! Liebe ist die schönste Sache der Welt und zugleich eine schwer zu berechnende Mathematik. Die Schwerelosigkeit dieser Gefühlswelt wollte ich ins Bewusstsein aller Hörer bringen. Als Ballade habe ich das Thema in dem weiteren Song „Wie groß kann Liebe werden“ weiterentwickelt.
SCHWULISSIMO: Du hast viele Talente: Musical-Star in Hair Spray, trittst lässig und sympathisch in TV-Shows auf … und bist nun Dancing-Star, RTL-Gewinnerin bei „Let’s dance“, Auftritt mit dem deutschen Fernsehballett. Du hast mal den schönen Satz gesagt „So wie man tanzt, so lebt man“: Wie bist Du zum Tanz gekommen?
Maite: Mein neues Album ist während Let’s dance entstanden. Ich habe das Tanzen nie geplant. Ich hab aus meinen fünf Talern Talent einfach etwas gemacht, alles herausgeholt. Das Tanzen hat mich unbeschreiblich stark inspiriert. Das hab ich von meiner Mutter geerbt, sie hat mich spirituell die ganze Zeit begleitet. Mit Hair Spray fing alles an: Da war ich noch Performerin. Danach fehlte mir das Tanzen plötzlich täglich. Und ich spürte: Singen und Tanzen kann man mit ins Leben nehmen, das ist nichts Materialistisches. Es ist eine Heilsalbe. Der gigantische auch Quotenerfolg von Let’s dance zeigt doch, dass wir alle Let’s Dance-Gewinner geworden sind.
SCHWULISSIMO: Verrätst Du uns ein wenig über Deinen smarten Tanzpartner Christian Polanc: Was ist das für ein Kerl?
Maite: Dieser Mann ist eine Rarität im Tanz. Er ist liebevoll und fordernd zugleich. Superprofessionell. Und sehr streng. Das machte ihn noch sexier. Ein Mann, der kräftig zupacken kann und keine Angst vor den Pölsterchen einer Frau hat…
SCHWULISSIMO: Du hast Dich mit 14 Jahren entschieden, Dich nicht mehr zu verstecken und „dass nicht alle Dicken-Klischees stimmen“. Meintest Du damit Deine attraktiven Rundungen und zugleich Deine Sportlichkeit? Jemand hat ja mal – liebevoll gemeint – gesagt, Du seist die „dicke Marilyn Monroe“…
Maite: Das hab ich noch nicht gehört (lacht). Marilyn Monroe war eine wundervolle Frau: Sie konnte voller Leben, aber auch sehr zerbrechlich sein. Insofern passt Deine Frage sehr gut zu meinem Lied „Die Frau meines Lebens“. Wir alle sollten uns jeden Tag sagen: „Wenn ich mich heute nicht annehme, wann dann?“ Das ist mir sehr früh bewusst geworden.
SCHWULISSIMO: Du bist ein Vorbild für viele Schwule und Lesben, die weniger selbstbewusst mit ihren Pfunden umgehen. Was rätst Du ihnen?
Maite: Wir alle leben nur ein einziges Mal: Wir sollten das Beste aus unserem Leben machen. Unseren eigenen Weg suchen.
SCHWULISSIMO: Du bist sehr gläubig: War das schon immer so? Und haben hier auch die Erfahrungen, die Du in Togo gesammelt hast (Stichwort zu Deiner Aktion „Bildung und Begegnung mit Gott für junge Menschen“), einen Einfluss gehabt?
Maite: Ich bin katholisch, klassisch getauft, war schon immer gläubig, ging aber höchstens einmal im Jahr in die Messe, meist zu Weihnachten. Während meiner Arbeit als Erzieherin in Togo hat sich mein Glaube verfestigt: Dort habe ich auch meinen Mann Florent kennengelernt, der als Ingenieur in einem Hilfsprojekt gearbeitet hat. Die Liebe zu Togo und zu Afrika ist bis heute geblieben, und ich unterstütze auch weiterhin Hilfsprojekte in Togo, die jungen Menschen Bildung und christliche Werte vermitteln. Während einer Wallfahrt ins französische Lourdes erfuhr mein Glaube eine tiefe Stärkung. Ich stand vor dieser beeindruckenden Statue der Bernadette Soubirous, die nahe der Grotte Massabielle 1858 eine Marienerscheinung gehabt haben soll. Dort spürte ich: Der Glaube ist die Liebe meines Lebens.
SCHWULISSIMO: Apropos Glaube, Liebe, Hoffnung: Der Papst kommt im September nach Deutschland. Er predigt Liebe und grenzt doch aus. Viele Schwule und Lesben wollen daher gegen seine sexual- und homofeindliche Politik am 22.9. in Berlin demonstrieren. Wie siehst Du das?
Maite: Ich verstehe die Katholische Kirche in gewisser Weise, deren Gesetze zum Beispiel beim Thema Heiraten und Kinderkriegen auf dem Naturrecht fußen. Und ich verstehe zugleich aber auch alle Schwulen und Lesben, die auf Akzeptanz ihrer individuellen Lebensweise pochen. Ich traf mal Elton John und er küsste mich spontan und sagte „Es ist besser, Brücken zu bauen“. Das fand ich ganz wunderbar.
SCHWULISSIMO: Wie kannst Du Brücken bauen?
Maite: Ich bin eingeladen worden, in Berlin beim Papstbesuch zu singen. Ich werde ein traumhaftes Kleid tragen, das ich bei dem schwulen Designerpaar Goldknopf in Stuttgart bestellt habe. Das Kleid ist quasi meine Brücke: Darin steckt ein Hauch von Schwanensee, Schwarz und Weiß. Das große Thema unseres Lebens: Das Spiel von Schatten und Licht. Ein bisschen werde ich darin aussehen wie die heilige Maria oder die Bernadette von Lourdes. Jeder, der einmal vor der Statue stand, kann erkennen: Die Maria von Lourdes ist sehr kokett (schmunzelt) …
SCHWULISSIMO: Du liebst Designer-Kleider und „sich schön machen“: Was bedeutet Dir Mode? Du wirbst ja sowohl für „Mode für Mollige“ und bist zugleich auch schon mal mit dem bekannten schwulen Modedesigner Kilian Kerner in Berlin gesehen worden …
Maite: Sich mit Mode ausdrücken zu können, bedeutet mir sehr viel. Und das gebe ich gerne weiter. Kilian hat ein Kleid für mich entworfen, und 2010 war ich auf der Berlin Fashion Week sein Gast. Er ist ein Ausnahmetalent.
SCHWULISSIMO: Was ist Dein nächstes Projekt?
Maite: Ich möchte eine eigene Bühnenshow haben, in der jeder Abend einzigartig sein soll. Es liegen mir interessante Angebote vor. Im Februar 2012 will ich sie starten.
Ich danke Dir ganz herzlich für das Interview und wünsche Dir weiterhin viel Glück und Erfolg!
(jl)
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02.10.2011
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