Ausgequetscht: Milan Sladek

Milan Sladek, Jahrgang 1938, ist der derzeit älteste aktive Pantomime. Er zählt nach wie vor zu den besten Pantomimen der Welt. Zum 50. Jahrestag des Prager Frühlings, den er selbst erlebte und dessen Auswirkungen er hautnah erlebte, inszenierte er sein neues Stück „Dub?ek Spring“, welches im Januar in Köln seine Deutschlandpremiere hatte.

Fällt einem Pantomimen das Reden schwer?
Pantomimen reden manchmal viel zu viel (lacht). Ich rede gerne. Wahrscheinlich brauche ich das als Ausgleich zum Beruf.

Was ist Pantomime und was bedeutet Pantomime für dich?
Pantomime ist die Fähigkeit, die Umwelt zu beobachten, zu reflektieren und über Bewegung dieses wiederzugeben. Bevor Pantomime zur Kunst wurde, kann man mit Stolz behaupten, war sie das älteste Kommunikationsmittel des Menschen. Durch sie ist die heutige Zivilisation entstanden. Jede große Kultur hat Pantomime als Kunstform etabliert, am bekanntesten sind heute noch die Darstellungen im asiatischen Raum (China, Japan, Indonesien, Indien), aber auch die der alten Römer in der Antike.

Hat Pantomime heutzutage in der lauten, digitalen Welt überhaupt noch eine Chance?
Ich bin immer überrascht, wenn junge Leute zum ersten Mal Pantomime life erleben, wie begeistert sie sind. Sie wollen mehr darüber wissen und sehen. In vielen Kunstformen sind die Stücke dokumentiert. Pantomime ist Autorentheater, Stücke werden erdacht, erarbeitet und gespielt. Man muss einen Körper wie ein Tänzer haben, Gefühl für die Musik, Gestik und Mimik beherrschen, und Gefühl für einen Raum haben. In den Stücken ist man meist sowohl der Schöpfer, als auch das „Material“. Es ist eine sehr komplexe Theater-Kunst für den Augenblick. Und es überrascht immer wieder, welche Kraft dieses Genre hat.

Wärst du heute gern noch einmal 20?
Nein. Jemand hat mir zum 80. Geburtstag gesagt, das wäre doch nur 4x20. Ich möchte aber nicht noch einmal Pickel im Gesicht und stinkende Füße haben. Da wäre ich lieber 2x40 Jahre, das entspricht mehr meinen Möglichkeiten.

Worum beneidest du die Twens heute?
Ich weiß es nicht, weil ich mir darum keine Gedanken mache. Jede Zeit hat ihre tollen Geschichten und sie formt die Menschen. Ich war froh, als ich in den 70ern nach Deutschland kam, dass die Gesellschaft schon so offen war. Da hoffe ich, dass sie ihre Toleranz in der Gegenwart bewahrt.

Oft beobachtet man, das gerade in künstlerischen Berufen proportional mehr Schwule erfolgreich sind?
Ich habe mich früher mit Schamanismus beschäftigt. Gerade Männer, die ihre weibliche Seite frei und offen leben, werden noch heute im asiatischen Raum als Medien betrachtet. Die Fähigkeit männliche und weibliche Eigenschaften gleichberechtigt in sich zu tragen und zu fühlen, öffnet den Blick für das Leben, die Kunst und die Philosophie und schafft es, dass sich der Körper unverkrampft bewegen kann.

Erst nach 50 Jahre hast du dich an eine theatralische Umsetzung eines Stückes über den Prager Frühling - einem Wendepunkt in deinem Leben - gewagt. Warum hast du so lange gewartet?
Es war lange kein Thema. Meine Bewunderung dafür dauert mein Leben lang. Als ich plötzlich bemerkte, dass ich schon 80 Jahre alt bin, habe ich nachgedacht, was ich alles erlebt habe. Aus einer geplanten Retrospektive meines Lebens, hat sich die Bedeutung Dub?eks für mein Leben immer mehr verstärkt. Ich merkte, er hat mein Leben so positiv beeinflusst, dass ich ein Stück über ihn machen muss.

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Im Januar hatte dein Stück in Deutschland Premiere, die Erstaufführung fand in der Slowakei statt. Wie waren die Reaktionen?
Ich hatte Kontakt zum slowakischen Kultusministerium und irgendwie bekamen sie zu Ohren, dass ich ein Stück über Dub?ek plane. Sie waren begeistert, luden mich ein und nach einem Gespräch haben sie mir finanzielle Unterstützung angeboten. Wir haben in Banská Bystrica vor ausverkauftem Haus und begeistertem Publikum Premiere gefeiert. Weitere Vorstellungen folgen, das TV macht eine Aufzeichnung und nach der Deutschland-Premiere in Köln, werden wir auch in Bratislava spielen.

Als Künstler bist du ja schon um die ganze Welt gereist.
Ja, durch den Kontakt zum Goethe-Institut und unsere anschließende Zusammenarbeit bekam ich die Möglichkeit seit 1979 weltweite Tourneen zu machen. Das bietet sich ja für eine Kunst an, deren Sprache international ist. So war ich in Süd- und Mittelamerika, Südostasien und Indien, Australien und Neuseeland, mehrmals in Indonesien. Das Renomeé des Goethe-Instituts hat mir sehr geholfen, weltweit bekannt zu werden.

Was waren beruflich und privat die unvergesslichsten Momente in deinem Leben?
Ich kann das Private vom Beruflichen nicht trennen. Sehr überraschend war für mich der erste Besuch in Indonesien; vielleicht war ich in meinem letzten Leben selbst Indonesier. Mir hat einfach alles gefallen. Ich habe mich in das Land und die Kultur regelrecht verliebt. So konnte ich dort mehrere große Projekte machen. Für meine Kunst war es mir sehr wichtig, gemeinsame Wurzeln gefunden zu haben.

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Was möchtest du nicht noch einmal erleben?
Der Schock den wir 1968 mit der Niederschlagung des Prager Frühlings erlebten, war ein sehr großer Schlag in mein Gemüt. Ich konnte fast zehn Jahre lang darüber nicht nachdenken, habe unwahrscheinlich viel verdrängt und war immer nah daran, zu weinen. Es war eine so große Ungerechtigkeit, die da stattgefunden hat. Eigentlich wollte ich nie immigrieren.

Gibt es auch heute noch Tränen?
Ich brauche nur Gänseblümchen zu sehen und schon weine ich vor Freude. Als meine Schwiegertochter kurz vor der Entbindung stand, sagte mein Sohn direkt: „Oh mein Gott, der wird mit Sicherheit wieder Weinen“.

Dein Sohn, den du gerade erwähntest, ist in deine Fußstapfen getreten …
Teilweise. Er hat mir bei bestimmten Stücken sehr geholfen und mir gesagt, ich sei sein bester Lehrer gewesen. Ob er der beste Schüler war, weiß ich noch nicht. Meine beiden Enkelkinder sind hoffentlich so schlau, etwas Vernünftiges zu lernen, obwohl der Junge heute schon ein sehr guter Beobachter ist.

Als du im Alter deiner Enkel warst, was wolltest du werden?
Als ich Filme gesehen habe, in denen Kinder mitspielten, wollte ich Schauspieler werden, danach Maler und Bildhauer; die Holzschnitzerei hat mir großen Spaß gemacht. In der Kunstgewerbeschule fand ich in der Bibliothek ein Buch über den großen Pierrot J.G.Deburau. Und der Film „Die Kinder des Olymp“, in dem Jean Luis Barrault den Deburau spielte, hat mir offenbart, dass ich ein Pantomime sein möchte. Es gab in der damaligen Tschechoslowakei keine Schule für Pantomime, so habe ich Schauspielkunst studiert, Hauptrollen in Filmen gespielt und Fernseh-Inszenierungen gemacht.

Könntest du heute wieder in deiner Heimat leben?
Ich habe in den 90er Jahren überlegt, wieder dorthin zurückzugehen. Ich habe mich 10 Jahre stark in meiner alten Heimat engagiert, u.a. ein altes Theater „gerettet“, in dem schon Max Reinhardt gespielt hatte, ich habe zwei Opern im Nationaltheater inszeniert, ein Musical geschrieben und gespielt, sechs eigene Stücke gemacht und viel mehr. Aber die Aussicht, dass die Menschen damals zuallererst ökonomische Probleme beschäftigten und sich niemand groß für Kunst und Kultur interessierte, hat mich als Künstler davon abgehalten, zurückzugehen.

Ist Dub?eks Vision heute wahr geworden?
Das ist etwas, was ich schade finde. Jüngere Menschen haben oft das Vorurteil, das Dub?ek nur ein Kommunist war. Das war er, aber er war anders. Umso mehr freut es mich, wenn nach der Vorstellung junge Leute zu mir kommen, und mehr von Dub?ek und der damaligen Zeit wissen möchten.

Wie siehst du die heutige Welt?
Es ist zurzeit sehr kompliziert, wenn die Politiker schon die Welt nicht verstehen, warum soll ich sie verstehen? Vielleicht ist es eine politische Chance für Europa, dass sich der ehemals starke Verbündete USA aus der Weltpolitik zurückzieht und nur noch an sich denkt. Das sich die Länder der Europäischen Gemeinschaft auf ihre eigene Qualität und Tradition besinnen, darin sehe ich seit Trump eine positive Perspektive.

Was sagt dein Verstand, dein Herz und deine Beine, wie lange willst du noch Pantomime machen?
Früher hatten die Leute auf den Jahrmärkten die Möglichkeit, Tomaten und faule Eier zu werfen, wenn sie mit einem Schauspieler unzufrieden waren; bis heute habe ich noch nichts abbekommen. Umgekehrt, dass man als Anerkennung eine Orange auf die Bühne wirft - ein alter Brauch der Anerkennung, das habe ich schon einige Male erlebt. Ich muss mich natürlich fit halten und trainieren, sonst könnte ich meine Arbeit gar nicht mehr machen. Es ist eine psychische Sache und wenn ich ehrlich bin, manchmal bin ich auch gern mal faul :-). Ich bin aber ganz zufrieden, wie mich mein Körper noch in meiner Kunst unterstützt.

Was wünschst du dir zum 81. Geburtstag?
Da habe ich im letzten Jahr keine Zeit gehabt darüber nachzudenken. Ich würde mich freuen, wenn ich noch bestimmte Projekte machen kann: Nochmal eine Oper am Bratislavaer Nationaltheater inszenieren. Und ich plane ein Stück mit einem fantastischen deutschen klassischen Gitarristen und Komponisten, Wulfin Lieske - ebenfalls in der Slowakei.

Du bist mit dem Herzen noch immer sehr in der Heimat.
Ich wünschte, dass ich in Deutschland mehr Möglichkeiten bekommen könnte. Ich habe mich schon mehrfach bemüht, erneut ein Pantomimenfestival in Köln ins Leben zu rufen, wie ich das in den 70er Jahren gemacht habe. Aber keiner glaubt, dass ich in meinem hohen Alter noch soviel Potential hätte, um dies durchzuführen. So werde ich es in der Slowakei versuchen. Da erfahre ich inzwischen große Anerkennung, dass man sogar im nächsten Jahr einen Dokumentarfilm über mich dreht. Ich habe auch Ehrungen in Deutschland bekommen, nur die Stadt Köln wird immer mehr zur Provinz.

Wird man dein Stück nach der Premiere in Köln auch noch anderswo in Deutschland sehen können?
Ich bemühe mich gerade um Auftritte in anderen Städten. Ich habe leider keinen Manager, der das für mich übernimmt.
(vvg)

09.02.2019
Milan Sladek // © vvg
Milan Sladek // © vvg

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