„Ich würde gerne einmal einen gehörlosen Superhelden oder einen gehörlosen Kommissar spielen“

Benjamin Piwko ist Schauspieler und ein gehörloser Kampf-Sportler und Trainer aus Hamburg. Derzeit zeigt er bei Let's Dance, wie man trotz Handicap im Takt bleibt.

Benjamin, das Wichtigste vorab: wie geht es dir nach deinem Sturz und was genau ist passiert?
Es geht viel, viel besser. Es tut immer mal wieder weh und wir konnten anfangs nicht trainieren wie erhofft, aber das ist mittlerweile vergessen und ich freue mich auf alles, was kommt. Ganz am Schluss hatte ich einen Sprung über Isabel, dabei bin ich falsch auf meinem Rücken gelandet. Ich habe direkt gemerkt, dass etwas nicht stimmt, habe die Jurypunkte abgewartet und bin dann direkt zum Arzt. Es war eine Blockade des Iliosakral-Gelenks, die hat er eingerenkt.

Mittlerweile trainierst du schon wieder fleißig; hattest du Einschränkungen beim Training für den nächsten Tanz?
Nein. Wir konnten zwar keine Hebefiguren machen und mussten das Training anfangs etwas langsamer angehen, aber sonst war alles ok. Sobald es wieder geht, werde ich Isabel wieder durch die Luft wirbeln. Versprochen.

[img3539]Wir haben jedes Mal Tränen in den Augen, wie fantastisch du mit Isabel die Tänze aufs Parkett legst. Was ist die größte Herausforderung beim Tanzen?
Ich bin als Sportler körperlich fit, aber es sind ganz andere Muskeln und Sachen, die man sich merken muss. Die größte Herausforderung ist, dass ich die Musik nicht höre. Ich muss mich ganz auf Isabel verlassen, sie ist meine Ohren. Jede kleinste ihrer Bewegungen, jede kleine Geste, die sie mir zeigt, muss ich erlernen, damit ich weiß, was ich machen muss. Ich muss von Anfang an die Sekunden mitzählen.

Was genau hat dich am Freitag aus dem Takt gebracht?
Ich war durch eine Grippe etwas angeschlagen und bin dann nach einem Sprung leider falsch aufgekommen.

Hat dich Oliver Pochers Anspielung „Der Boden war zu dunkel“ verletzt?
Oliver und ich verstehen uns super. Ich möchte keine Sonderbehandlung in irgendeiner Art. Oliver macht Witze über jeden. Dass er Witze über mich macht, zeigt mir, dass er mich als ganz normal ansieht, das freut mich sehr.

Du hast als 5-jähriger mit Kampfsport angefangen; es folgten Judo, Aikido, Thaiboxen, Boxen, Grappeling, Eserima und Wing Chun. Gab es auch altersgemäßen Ausgleich?
Na klar. Ich habe wie jedes Kind sehr gern gespielt. Ich lebte in der Nähe eines großen Sees und von Bergen auf einem Bauernhof, habe gelernt wie man Apfelsaft herstellt, Kühe melkt und selber geholfen Kälber zur Welt zu bringen. Ich bin auf Bäume geklettert, in den Bergen gewandert und bin mit Schwänen geschwommen.

Gab es in deiner Kindheit ein Tabu-Thema?
Ein Tabu-Thema nicht direkt, aber mir wurde ja absichtlich nicht gesagt, dass es Gebärdensprache gibt, damit ich lerne Lippen zu lesen. Ich stellte auf einmal fest, dass manche in meiner Klasse mit dem Handy telefonieren können. Ich habe meine Mutter gefragt und da hat sie mir erst gesagt, dass ich gehörlos bin – alle anderen schwerhörig. Da habe ich angefangen Gebärdensprache zu lernen, als meine Muttersprache. Ich habe den Kurs damals selbst bezahlt vom Taschengeld. Das war mir ganz wichtig.

Was sind die schönsten Erinnerungen an deine Jugend?
Gemeinsame Zeit mit meiner Mutter zu verbringen und natürlich meine freie Zeit, die ich in der Natur verbrachte.

Du bist früher gemobbt worden, hat dich dein Sport „stark“ gemacht?
Ja, das war als ich ein Junge war. Ich spreche ja ganz besonders, weil ich Sprechen über die Schwingungen am Kehlkopf meiner Lehrerin gelernt habe. Da wurde ich oft nachgeäfft oder Leute haben absichtlich so gesprochen, dass ich nicht Lippenlesen konnte. Oft durfte ich nicht mitspielen, weil ich anders war. Das hat weh getan, aber es hat mich auch stark gemacht. Im Sport musste ich nicht sprechen.

[img3537]Du gibst deinen Kampfsportstil in Hamburg an Kinder und Erwachsene weiter.
Genau, den habe ich entwickelt. Ich gebe weltweit Kurse und Workshops, trainiere u.a. Navy Seals in den USA. Die Navy Seals sind eine Eliteeinheit der US-Armee. Mein Kampfstil hat keinen Namen, er vereint das Beste aus den Stilen, die ich kann.

Im Tatort „Totenstille“ hast du neben David Striesow und Franz Hartung eine Hauptrolle gespielt. Existiert der Wunsch nach weiteren Rollen?
Auf jeden Fall. Vielleicht einen gehörlosen Superhelden oder einen gehörlosen Kommissar. Das wäre doch mal etwas anderes.

Du hast einen Spitzenbody - siehst blendend aus - wäre modeln nicht auch etwas für dich?
Vielen Dank. Ich bin auch seit neuestem bei McFIT-Models unter Vertrag, das ist die größte Sportmodel-Agentur der Welt, die mich weltweit vermarkten wird.

Wir sind ein Gay-Magazin und haben u.a. schon die Let’s Dance Kandidaten Katja Burkard, Giovanni Zarrella, Heinrich Popow und Ingolf Lück interviewt. Natürlich wollen wir auch von dir wissen, ob du Kontakt zur schwul-lesbischen Community hast?
Klar, ich wurde so erzogen, dass es völlig egal ist, wie man aussieht oder wen man liebt. Der beste Freund meiner Mutter ist schwul, er sitzt mit seinem Mann oft im Publikum bei Let's Dance und feuert mich an. Mein Manager ist ebenfalls schwul und ich verbringe viel Zeit mit ihm und seinem Partner. Mit ihnen, Isabel und Markus und meiner Frau wollen wir nach Let’s Dance in Vietnam Urlaub machen. Ich bin auch schon beim CSD in Hamburg im sexy Kostüm mitgelaufen. Da war ich einfach als Model gebucht und es hat richtig Spaß gemacht.

[img3538]Hat dich nie ein schwuler Mann angemacht?
Danke noch einmal. Das ist schon passiert und ist doch ein tolles Kompliment.

Mit wem würdest du gerne mal einen Tag lang tauschen?
Mit unserer Kanzlerin. Ich würde gern, dass sie erfährt, was es bedeutet, gehörlos zu sein und welche Gesetze uns helfen würden. Wenn ich Kanzler wäre, würde ich das „behindert“ abschaffen. Und ich möchte auch dafür kämpfen, dass alle Sendungen wie in den USA untertitelt werden, nicht nur Filme und Nachrichten. Da hängt Deutschland leider sehr zurück und es ist respektlos und unfair. Auch Werbung und Musik kann untertitelt werden und wir könnten daran teilhaben. So können alle – Ausländer, Flüchtlinge aber auch Kinder besser deutsch lernen. Ich möchte zeigen, dass wir alle Stärken und Schwächen haben. Menschen bewerten und lästern sehr schnell. Jeder sollte jeden so akzeptieren, wie er ist. Ich kann nicht hören – aber dafür umso besser sehen und Menschen „scannen“ und so sehr gut einschätzen. Wer sagt, ich sei behindert, spinnt. Ich habe eher so eine Art Superpower!

Gibt es eine gesellschaftliche Entwicklung die dir Sorgen macht?
Ich lebe ja sehr im Einklang mit der Natur. Da freue ich mich gerade sehr um die Debatten und Demonstrationen zum Thema Klimaschutz. Dass so viele junge Leute sich engagieren ist einfach klasse.

Hast du ein Lebensmotto?
Ich glaube daran, dass alle Menschen gleich sind. Wir haben unterschiedliche Stärken und Schwächen, die Verschiedenheiten sind aber eine Bereicherung und keine Bedrohung.

Wann hast du zuletzt geweint?
Ich weine recht häufig. Wenn ich froh bin, wenn ich traurig bin. Das letzte Mal war Freitag nach der Entscheidung bei Let’s Dance; wir hatten nicht viele Punkte. Als es dann hieß, wir dürfen weitertanzen, liefen mir die Tränen vor lauter Freude.

Worauf freust du dich in der Zukunft?
Es kommen richtig tolle Projekte: ich werde mit Isabel weitertanzen, ich möchte ein Buch schreiben, Schauspielern und auf jeden Fall versuchen, die beiden Welten - die Hörende und die Gehörlose - weiter zusammenzubringen.

Du musstest zittern und Lambi riet dir, beim nächsten Mal das Risiko zu suchen. Was geht in so einem Moment in dir vor?
Die Anspannung vor dem Tanz ist sehr groß und man ist einfach nur erleichtert und unglaublich glücklich, wenn alles geklappt hat. Natürlich nehme ich mir Kritik zu Herzen und versuche, an mir zu arbeiten. Er gibt mir ja den Rat, damit ich mich verbessere. Ich sage immer, wer mich liebt, kritisiert mich auch. Wer mich nicht kritisiert, dem bin ich egal.

Ist im „Let`s-Dance“-Team Konkurrenzkampf ein Fremdwort?
Ja, das ist so. Wir sind eine richtige Familie geworden, jeder ist füreinander da. Man isst gemeinsam, lacht gemeinsam, zittert gemeinsam. Ich vermisse Lukas und Thomas – auch Oli wird mir in der nächsten Woche fehlen.

Welcher Tanz hat dein Herz erobert?
Es gibt einige, die ich mag. Die Rumba ist etwas ganz Besonderes: der Tanz der Liebe. Das war so romantisch und wunderschön. Aber ich mag auch die starken Tänze, wie den Paso Doble, wenn ich zum Torero werden kann.

Mit welchen Tanz-Kollegen möchtest du in Verbindung bleiben?
Mit Isabel - gar keine Frage. Da hat sich eine echt tiefe Freundschaft zwischen ihr, ihrem Mann und mir entwickelt. Lukas und ich haben uns gleich super verstanden, er ist wie ein kleiner Bruder geworden und er lernt sogar Gebärdensprache. Thomas Rath ist der bestangezogene Mann, den ich je getroffen habe. Von ihm möchte ich mir unbedingt noch Stylingtipps holen.

Mit welchem Jury-Mitglied möchtest du dich mal zum Essen verabreden?
Ich mag alle drei gern, aber mit Jorge möchte ich einmal über Kuba sprechen und dabei viel Rum trinken. Ich war ja in seinem Jurytanz und wir haben uns sehr gut verstanden.

Und wie würde deine Antwort auf die persönliche Einladung von Daniel Hartwich ins Dschungelcamp?
Evelyn hat mir viel davon erzählt. Das klingt lustig, aber ich glaube, das wäre nicht so meins.
(vvg)

07.06.2019
Benjamin Piwko // © vvg
Benjamin Piwko // © vvg

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