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Alek Sandar // © Alek Sandar

5 Fragen an Alek Sandar Homophobie, weil drei Männer sich in einem Clip berühren

tr - 09.09.2021 - 09:00 Uhr

Mitte August unterhielten wir uns mit dem deutsch-bulgarischen Sänger Alek Sandar. Er erlebte erst vor kurzem einen Fall von Homophobie in seinem Beruf in Bulgarien. Näheres dazu erzählte er uns in einem Interview.

Hallo Alek Sandar. Ich freue mich, dass du Zeit für mich hast. Bitte erzähle uns, was dir passiert ist.
Seit fast 10 Jahren release ich Musik. Vor allem in meinem Heimatland Bulgarien bin ich sehr erfolgreich. Seit 2016 werden alle meine Singles vom bulgarischen Major-Label „Facing The Sun“ an TV & Radio in Bulgarien vertrieben, und sie haben meine Veröffentlichungen auch auf ihrem YouTube-Kanal mit 1,2 Millionen Abonnenten hochgeladen. Sie hörten meinen Song Me, You and the Moon und wir waren in Gesprächen darüber, was der beste Termin für das Release des Musikvideos wäre. Nachdem sie jedoch den Videoclip zum Lied gesehen hatten, antworteten sie mir und sagten, dass das Video „nicht in ihr Portfolio passt“, da es „sexuell zu provokativ“ sei. Die einzige Provokation, die sich von all meinen bisherigen und allen anderen Videoclips, die jemals zuvor auf deren Kanal hochgeladen wurden, unterscheidet, sind drei Jungs (ich bin einer von ihnen), die sich im Video etwas zärtlich berühren. Für mich ist das ein klarer Fall von Homophobie / Biphobie.

Ich konnte meinen Ohren und Augen nicht trauen! Wir haben das Jahr 2021 und die Rede ist von Bulgarien, einem Land in der Europäischen Union! Neben den Entwicklungen in Russland, Polen und Ungarn in den letzten Jahren ist auch das Klima in Bulgarien zunehmend homophob geworden. Aber ich hätte nicht einmal in meiner kühnsten Vorstellung gedacht, dass nun ein reines Popmusik-Label so weit gehen würde, ein Video wie meines zu zensieren und zu blockieren.

Das ist eine unerwartete Reaktion auf dein Video. Wie hast du darauf reagiert?
Ich bin damit an die Öffentlichkeit gegangen. Ich habe darüber in Beiträgen, Kommentaren und Stories auf meinem Instagram-, Facebook- und Youtube-Profil gepostet. Seitdem haben eine Reihe internationaler Prominenter und Influencer öffentlich in Posts und Stories über die Angelegenheit gesprochen, darunter Amanda Lepore und Popstar Andrea. Einige Medien in Bulgarien berichteten über diesen Fall von Diskriminierung. Mein Ziel ist es, das Thema relevant für Fernseh-Debatten zu machen, denn in Bulgarien stehen die nächsten Wahlen bevor. Ich hoffe, dass sich die Wähler dagegen entscheiden, eine konservative Regierung zu wählen, für die ein Song zu „schwul“ für ein Poplabel ist.

Welche Probleme haben sich für dich ergeben?
Ohne die Unterstützung der Major-Labels erziele ich nicht die gleiche Reichweite. Zum Beispiel - als ich letztes Jahr meinen Song Yerba mit ihnen veröffentlichte, spielten alle Radio- und Musikfernsehsender mein Lied sofort, ich war in den Top 15 in Bulgarien. Immer wenn Facing The Sun einen Song von mir auf ihrem Kanal hochlädt, habe ich am ersten Tag normalerweise rund 30.000 Views. Jetzt bin ich ganz allein und habe in über einer Woche kaum diese Zahl erreicht, nach einem Monat hatte ich mit Me, You and the Moon nur rund 50.000 Views erzielt. Der größte Fernsehsender The Voice Radio & Television hat meine Veröffentlichung bisher völlig ignoriert. Ohne das Major-Label Support und deren Vertrieb komme ich nicht weit.

Wie können dich deine Hörer und die Leser dieses Interviews unterstützen?
Junge Leute können auf Social Media öffentlich etwas darüber posten und hinterfragen, wie es weitergehen soll, wenn ein harmloses Video dieser Art bereits zensiert wird. Mir ist es wichtig, dass so etwas nicht vergessen wird, daher hilft es, immer wieder darüber zu sprechen, vor allem in Bulgarien. Das Land war früher nicht so streng und ich habe dort in der Vergangenheit keine Homo- oder Biphobie erlebt. Ein Skandal oder eine sexuelle Provokation war mit dem Video von meiner Seite her nie geplant. Heute werden vorurteilsbehaftete Taten immer häufiger.

Kannst du uns etwas über dein Coming-out als bisexueller Mann erzählen?
Der Musikclip ist mein Coming-out-Video. Ich zeigte mich damit erstmals der Welt als bisexuell. Leider gibt es noch viel zu wenig Bivisuability. Mit meinem Outing möchte ich queeren Menschen mit auf den Weg geben, dass es völlig normal und gut so ist, wie sie sind. Leider wurde mein Coming-out durch die Situation mit dem Label und der Homophobie überschattet.

Wer sich nun für den Song Me, You and the Moon interessiert, kann ihn hier ansehen. Unterstützen könnt ihr Alek Sandar, in dem ihr ebenfalls darüber sprecht und Beiträge zu diesem Thema weiterverbreitet. So bleibt es im Gespräch.

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