Direkt zum Inhalt
Ahmed Mnissi – Hair und Make-up Artist

Ahmed Mnissi „Ich bin ein Produkt meiner Kindheit, der Erziehung und der Strukturen dieser Gesellschaft“

km - 04.02.2022 - 16:00 Uhr

Ahmed Mnissi kommt aus der Nähe von Tübingen und ist freiberuflicher Hair und Make-up Artist sowie Maskenbildner. Der 33-jährige queere Aktivist bekam 2016 die Diagnose HIV+ und machte diese 2018 öffentlich, um darüber aufzuklären. „Wenn man nicht offener mit HIV umgeht, wird sich auch nicht viel bewegen“, war damals seine Erkenntnis und seitdem klärt er auf und macht sich stark gegen Stigmata. Mit SCHWULISSIMO sprach er über seine Diagnose, Diskriminierung, Aktivismus, Drogen, Rassismus und Berlin.

 

Wieso hast du dich dazu entschieden Aktivismus zu betreiben?
Als ich damals nach meiner HIV-Diagnose 2016 aus der Nähe von Tübingen nach Stuttgart zog, stellte ich vor allem in den gängigen Apps, aber auch in Gesprächen fest, wie schlecht unsere eigene Community bzw. eben homosexuelle Männer aufgeklärt waren, was HIV und Aids aber auch die Schutz- und Behandlungsmethoden angeht. Im heteronormativen Bereich sieht das noch viel schlimmer aus, es geht ja nicht nur um Entstigmatisierung, sondern auch um den Schutz aller und das Beenden von HIV und AIDS. Als ich mich beruflich veränderte, zog ich mit einem großen Musical nach Hamburg und stellte fest, dass die schwulen Männer dort deutlich besser aufgeklärt waren und anders mit dem Thema umgingen. Es gab keine Beleidigungen, sondern interessierte Fragen und als mein Status bekannt wurde, waren die Reaktionen durchweg positiv, denn sie kannten sich damit aus und wussten, dass beim Schutz durch Therapie gar kein Risiko für eine Infektion von meiner Seite aus ausgeht. Meine damalige Vermieterin in Hamburg, die sich lange in der dortigen Aidshilfe einsetzte, wurde zu einer Freundin und interviewte für eine Studienarbeit zwei Generationen HIV positiver Menschen, so auch mich, da kam mir das erste mal der Gedanke, dass wenn man nicht offener mit HIV umgeht, sich auch nicht viel bewegen wird. Da ich einen großen Bekanntenkreis über ganz Deutschland verteilt habe, vor allem im heteronormativen Bereich angesiedelt, dachte ich mir, ich gehe an die Öffentlichkeit um aufzuzeigen, dass ein weiterer Fakt zu mir als Mensch dazu kommt, der aber weder definiert wer ich bin, noch mich verändert.

Was wissen die meisten nicht über das Leben mit HIV, was sie aber wissen sollten? Oder anders gefragt, was ist das größte Missverständnis und Stigmata beim Thema HIV?
Die meisten werfen immer noch HIV und AIDS in einen Topf, dabei sind das zwei komplett verschiedene Bilder. HIV ist die Infektion, die unter erfolgreicher Therapie dafür sorgt, dass das Virus im Blut nicht mehr nachgewiesen werden kann, heißt man ist unter der Nachweisgrenze. n=n, nicht nachweisbar = nicht übertragbar, also nicht ansteckend. Beim Vollbild AIDS spricht man eben davon, dass das Virus dafür verantwortlich ist, dass das Immunsystem irgendwann so geschädigt ist, dass weitere für das Krankheitsbild Aids charakteristische Erkrankungen dazu kommen. Man hat zum Beispiel spezielle Arten von Krebs oder Lungenentzündung damit in Verbindung gebracht. Wenn mehrere dieser Erkrankungen nachgewiesen werden, spricht man vom Vollbild Aids.

© Nora Hase
© Nora Hase

Der wichtigste Fakt, wie ich finde ist, dass wir HIV positive Menschen unter erfolgreicher Therapie eben nicht ansteckend sind. Safer Sex 3.0 ist quasi der neue Schutz: 1. Schutz durch Kondom, 2. Schutz durch PreP oder PeP oder 3. TasP = Therapie as Protection, worunter ich eben falle. Viele haben eben immer noch Angst vor uns, weil sie zu wenig aufgeklärt sind.

Wie sieht das Leben mit HIV aber tatsächlich aus?
Ich habe heute eigentlich kaum noch Berührungspunkte mit meiner Infektion, morgens wenn ich meine Tablette nehme, alle drei Monate zum Check-up bei meinem Schwerpunktarzt gehe oder okay, da dann doch ziemlich oft, wenn ich mich aktivistisch einsetze. Die Infektion selbst schränkt mich kaum ein, wir haben eine ganz normale Lebenserwartung, ich würde sogar behaupten etwas besser, da wir eben alle drei Monate bei einem Check-up sind. Was uns einschränkt, ist eben das Unwissen der Anderen, die Vorurteile und damit verbundene Stigmatisierung.

In welcher Form erlebst du Diskriminierung aufgrund deiner Diagnose?
Ich muss sagen, seit ich mit dem Thema an die Öffentlichkeit gegangen bin und den Menschen den Wind aus den Segeln nehme bzw. den Spielraum für eigene meist falsche Gedanken, erlebe ich eigentlich kaum noch Diskriminierung aufgrund meines HIV Status. In der Community gibt es seit der PreP einen schönen Wandel, da mehr Menschen sich mit dem Thema auseinandersetzten, generell aufgeklärter sind was STIs angeht und somit auch mir mit deutlich weniger Vorteilen entgegenkommen. Im Gegenteil, die meisten wissen das TasP als Schutz eben auch zu Safer Sex gehört und einen sicheren Schutz vor HIV bedeutet.

Wodurch ich oft noch Diskriminierung erfahre, ist eher durch Intersektionalität. Aber eher im heteronormativen Bereich, Sätze wie: „Der soll doch in seine Heimat zurück um nicht auf Kosten von uns seine Therapie bezahlt zu bekommen!“, oder „Wer so rumhurt, ist selbst schuld!“ Dabei ist dies keine Frage der Anzahl der Sexualpartner*innen, sondern wie gut man sich schützt, wie gut Menschen aufgeklärt sind und sich selbst schützen und ob man eben eventuell auch mal der falschen Person vertraut hat.

2016 bekamst du den Anruf und wurdest über die Infektion informiert. Wie hat sich das angefühlt und in wie weit hat sich dein Leben dadurch verändert?
Im ersten Moment war ich wie in einer Art Schockstarre, luftlehrer Raum in meinem Kopf, ein leises Piepsen wie bei einem Tinnitus. Der nächste Gedanke war, okay du wirst für immer Single bleiben. Mit jedem Tag begriff ich es ein bisschen mehr und musste auch durch Panikattacken durch, nicht mal aus Angst vor dem Sterben, was ja unter heutigen Gesichtspunkten lächerlich ist, sondern eher die Angst vor den Anderen, vor dem ausgegrenzt werden, denn das sind Erfahrungen die die meisten wohl aus unserer Teenagerzeit und auch später in unserer eigenen Community kennen. Sicher, wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich drauf verzichten wollen, aber der Fakt meines HIV Status gehört nun mal mit zu mir. Mein Leben hat sich seit damals um 180° verändert, ich fing an bewusster zu leben, ernährte mich bewusster, betrieb Sport, nahm 30 Kilo ab, setzte mich aber auch mehr und mehr mit mir, meinen Gedanken, meinen erlernten Denkmustern und Dingen aus meiner Kindheit auseinander. Ich weiß, dass alles im Leben einen Grund hat, habe mich damals aber lange gefragt wofür das jetzt gut sein soll, mittlerweile verstehe ich es. Je mehr ich über meine Probleme oder meine Situationen in der Öffentlichkeit spreche, desto mehr Mut gebe ich anderen, desto mehr haben eine Stimme, die sie vielleicht selbst nicht nutzen können.

© Christina Rollny
© Christina Rollny

Glaubst du das Ziel der Vereinten Nation, dass 2030 weltweit kein Aids mehr ausbricht, ist realistisch und wird dafür genug getan?
Ehrlich gesagt, und obwohl ich immer eher auf der optimistischen Seite des Lebens lebe, glaube ich nicht, dass es realistisch ist. Ja, wir machen sehr große Sprünge in der Forschung, sind mittlerweile an den Humanstudien gewisser Medikamente die HIV heilen sollen, das Problem das ich sehe ist folgendes: Wir hier in den Industriestaaten, profitieren natürlich zu 100% von allem, die Aufklärung wird immer besser, die Medikamente immer flächendeckender und weiter entwickelter, wir besitzen aber auch ordentlich Geld um uns das alles leisten zu können. Mit wir meine ich nicht mich als Einzelperson, sondern die Staaten, bzw. eben die Strukturen eines jeden Landes und die des Gesundheitssystems. Weltweit sind die Zahlen an Neuinfektionen immer noch extrem hoch. Vor allem im heteronormativen Bereich. Schauen wir beispielsweise nach Afrika. Diese Länder sind meiner Meinung nach nicht selbst schuld, werden aber sich selbst überlassen, was übergreifende Aufklärung angeht. Die Stigmatisierung vor Ort ist einfach noch extrem, so hoch, dass die Menschen sich nicht mal trauen in die Kliniken zu gehen um ihre Medikamente abzuholen, da sie Gefahr laufen, enttarnt und damit stigmatisiert zu werden. Teilweise werden Medikamente dort verkauft, obwohl nicht erlaubt und den Zugang zu den neuesten Medikamenten haben diese Länder nicht, denn diese Medikamente selbst sind noch viel zu teuer. Jemand der aus dem System fällt, weil dieser Mensch es sich nicht leisten kann, wird nicht aufgefangen und bekommt keine Behandlung. Zurück zu führen ist es nach wie vor darauf, dass die großen Pharmakonzerne leider immer noch nicht die Patente herausrücken. So lange Gesundheit und Behandlung immer noch einen so großen Profit abwirft, bleibt es ein Privileg. Ich glaube nicht, dass wir es so schnell weltweit hinbekommen HIV und AIDS zu beenden. Noch ein Grund mehr warum ich unter anderem über solche Themen spreche.

Queerpolitisch wird im Koalitionsvertrag von einem Aufbruch gesprochen. Gibt es etwas was dir fehlt?
Ich bin alles in Allem ganz zufrieden damit, dass endlich neue und meiner Meinung nach wegweisenden Zeichen gesetzt werden, auch für den Rest von Europa, besonders den Osten, sehe aber natürlich auch einige Schwachstellen. Ein großer Punkt, der mir fehlt im Hinblick auf meine nichtbinären Freunde, ist die geschlechtliche Identität. Ja, die Ergänzung der sexuellen Identität ist wichtig, im selben Zuge eben aber auch die Selbstbestimmung und Freiheit, was die geschlechtliche Identität angeht. Je mehr ich mich mit solchen Themen auseinandersetzte, desto mehr sehe ich wie wir seit Jahrhunderten in von Menschen gemachten Strukturen leben, patriarchale Strukturen, die immer die Minderheit, also alles was nicht weiß, cis, hetero und männlich ist, unterdrückt. Nur wenn wir diese erkannten Strukturen auch in unserer Community erkennen und endlich auf rechtlicher Ebene anfangen anzufechten, zu verändern und neu zu verankern, werden wir in eine diverse und für jeden hoffentlich freie Zukunft gehen. Sicher gibt es jetzt viele in unserer Community, die sagen, es reicht doch, wir können nicht immer mehr fordern. Ich bin aber der Meinung, wir müssen mehr fordern. Wir müssen sehen, dass alle Menschen das Recht und die Freiheit bekommen sich selbst so zu verwirklichen wie sie sich fühlen. Und nur wenn wir endlich verstehen, dass das eine nicht ohne das andere geht, dass wir gemeinsam, alle Minderheiten zusammen etwas gegen die Dominanzgesellschaft, also das Patriarchat bewegen können, aufhören immer nur bis zu unserem individuellen Tellerrand zu schauen, nur dann wird sich endlich etwa konstant in die richtige Richtung für uns alle bewegen.

Du warst in der Chemsex-Szene – wie siehst du die Legalisierung von Marihuana? Zwar ist dies keine chemische Droge, wird aber oft als Einstiegsdroge bezeichnet. Welche Regelungen sollte es geben?
Ich bin nach wie vor für die Legalisierung von Cannabis und Marihuana, unabhängig von meinen Drogen-Chemsexerfahrungen. Nicht nur wegen der Legalisierung und der Entkriminalisierung, sondern auch um die THC-Gehalte besser kontrollieren zu können, aber auch den Schutz vor gestreckter Ware zu verbessern. Als Einstiegsdroge sehe ich Cannabis nicht, da gibt es andere und gesellschaftlich mehr akzeptierte, wenn nicht sogar propagierte: Alkohol. Wie oft musste ich mir schon anhören: „Wie du willst gar keinen Alkohol trinken?!“ Oder man wollte mich zum Alkohol überreden, wenn nicht sogar nötigen. Auch dies hat natürlich wieder gesellschaftliche und strukturelle Hintergründe, die man hinterfragen sollte. Warum ist Alkohol so weit verbreitet und legalisiert, obwohl doch klar ist, was es mit Menschen macht? Es begünstigt viele Missbrauchshandlungen, Unfälle und Probleme. Marihuana und Cannabis ist nicht in diesem Umfang legalisiert und sorgt für deutlich weniger Probleme – erwiesenermaßen gibt es sogar eine heilende Wirkung. Zum einen finde ich es wichtig, dass die teilweise vorkommenden THC-Gehalte von über 40% runtergefahren werden. Außerdem sollte es eine Abgabe nur an ü18 Personen geben und dazu eine große und flächendeckende Aufklärung stattfinden, dies gilt aber für alle Arten von Drogen.

© Christina Rollny
© Christina Rollny

Welche Maßnahmen würdest du dir für chemische Drogen wünschen bzw. was bräuchte es, um Chemsex signifikant zu vermindern?
Dazu sei gesagt, Menschen konsumieren seit Jahrtausenden sogenannte „Drogen“, dies tun sie auch heute und werden es sicher noch in Jahrhunderten, sollte unser Planet so lange mit uns darauf überleben. Wir können Menschen, und das ist dasselbe wie mit Sex und Geschlechtskrankheiten, nur den notwendigen Schutz mit an die Hand geben. Dies geht aber nur, wenn wir rechtlich gesehen, sozial und auch politisch endlich einen anderen Umgang mit Drogen schaffen. Welche Regelungen es explizit geben sollte, ist schwierig zu sagen, ich setze weniger auf Regelungen, die es natürlich geben muss, sondern mehr auf Aufklärung.  Generell habe ich große Kritik an dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Drogen, denn die weitläufige Meinung auch zu meiner Sucht damals ist und war, der ist ja selbst schuld. Sätze zu anderen drogensuchtkranken Menschen wie „Schau dir den Junkie an!“ sind in unserer Gesellschaft ganz normal. Ich sage aber, wir sind nicht selbst schuld, wie bei anderen Süchten auch, liegt der Grund viel tiefer. Ich bin ein Produkt meiner Kindheit, der Erziehung und der Strukturen dieser Gesellschaft. Ist dann nicht auch die Gesellschaft mit ihren Denkweisen, Mustern, Schubladen und Strukturen zu einem großen Teil dafür verantwortlich wie es mir geht? Wir müssen aufhören Menschen auszugrenzen und noch mehr an den Rand unserer Gesellschaft zu drängen, und Ihnen lieber zuhören und Hilfestellungen bieten. In meinem Fall glaube ich fest daran und ich denke das gilt für viele andere auch. Hätte ich gewusst, dass ich mich mit meinen Problemen und auch der Sucht zu einem früheren Punkt an Institutionen wenden kann, ohne die Angst zu haben, verurteilt zu werden, wäre mir sicher deutlich mehr geholfen worden. Ich habe das große Glück, dass ich aus dem Ganzen alleine rauskam, aber wie viele Menschen schaffen das nicht? Vor allem aus der Chemsex-Szene. Die Drogen, die konsumiert werden, sind durch den Sex so krass im Gehirn verknüpft und eingebrannt, dass es annähernd unmöglich ist, da alleine herauszukommen.

Du setzt dich auch gegen Rassismus ein. Welche rassistischen Erfahrungen machst du tagtäglich?
Nun tagtäglich Gott sei Dank keine mehr, aber ich habe schon so einige Erfahrungen gemacht. Ich wäre 2014 nach einem Krankenhausbesuch fast gestorben, da man mich nicht wirklich untersuchte bzw. bei extremen Schmerzen ohne Betäubung. Man setzte mich regelrecht unter Druck und schickte mich danach einfach heim. Zwei Tage danach wäre ich dann an Vergiftungserscheinungen oder einem Darmdurchbruch verstorben, hätte man mich nicht in einer anderen Klinik in der Notaufnahme behandelt. Hintergrund ist die interne Begründung vieler Krankenhäuser, dass südländisch gelesene Menschen generell dazu neigen bei der Beschreibung der Symptome und der Schmerzen zu übertreiben. Auch wird schwarzen Menschen oder PoC aufgrund der Denkweisen des Patriarchats immer noch unbewusst zugeschrieben, dass wir deutlich weniger schmerzempfindlich sind.

In Stuttgart wurde ich vielfaches Opfer von Racial Profiling der Polizei. Die letzten Jahre wurde immer wieder von mehreren Stellen deutschlandweit geleugnet, dass wir ein massives und strukturelles Rassismusproblem in der Polizei, aber auch generell in Behörden haben. Mittlerweile ist dies nicht mehr von der Hand zu weisen. Bei mir ging das soweit, dass ich zu Fuß in der Fußgängerzone nach dem Feiern unterwegs war und aufgrund meines Aussehens einer nicht erlaubten Körperdurchsuchung unterzogen wurde. In letzter Konsequenz verlor ich aufgrund dessen meinen Führerschein, obwohl ich zu Fuß unterwegs war und nie unter irgendwelchen Einflüssen meist Tage lang Auto kein fuhr.

Im Alltag habe ich es aber auch immer wieder damit zu tun, ob das nun die Vermieter sind, bei denen man sich auf eine Wohnung bewirbt und aufgrund des arabischen Namens sofort in eine Schublade gesteckt wird. Oder es sich um behördliche Telefonate handelt, bei denen man am Telefon diskriminiert wird, sobald die Menschen hören wie ich heiße.

Ich kann und möchte meine Herkunft und Hautfarbe nicht mehr ablegen oder verleugnen, dies tat ich mein Leben lang, passte mich in so vielen Punkten der Gesellschaft und ihren Strukturen an. Was hatte ich letztendlich davon? Ich landete in sämtlichen Süchten, die existieren, war magersüchtig, sexsüchtig, war drogenkrank und wäre mehrmals fast daran gestorben. Seitdem ich dagegen kämpfe und mich für Menschen einsetze, die eventuell keine Stimme haben, geht es mir mehr als gut.

Wann war das erste Mal, dass du mit Rassismus konfrontiert wurdest? Kannst du dich noch an die Situation erinnern?
Rückblickend betrachtet war das in der Kindheit, ich verstand erst vor einer Weile, wie sehr wir Kinder uns auch anpassten bzw. angepasst wurden, damit wir „reinpassen“. Mein Vater, ein schwarzer Nordafrikaner lernte in den 80ern, dass er sich anpassen musste – wir sprachen weder arabisch, noch französisch, nur deutsch. Er heiratete in eine weiße schwäbische Familie ein. Unsere Verwandtschaft und auch meine eigene Familie nahm unsere Hautfarbe nicht mehr wahr. Sie hatten unbewusste rassistische Strukturen und Denkweisen und hätten uns daher weniger lieben können, ergo blendet man die Hautfarbe und die eventuell damit verbundene Kultur einfach aus. Ich war viele Jahre lang sehr gut im Ausblenden meiner anderen Kultur und hatte durch Intersektionalität als mehrfach marginalisierter Mensch sehr gut gelernt mich anzupassen, so gut, dass ich meinen eigenen kulturellen Hintergrund verleugnete. Aber auch meine weiße Mutter hatte es sicher nicht leicht. Wir sind drei Kinder, ich habe noch eine Zwillingsschwester und auch sie musste sich immer beim Blick in unseren Kinderwagen für unsere Hautfarbe rechtfertigen.

© Alan Byland
Ahmed bei der Arbeit © Alan Byland

Wie bringt man Themen wie HIV, Stigmatisierung und Rassismus an die Menschen? Wie man beim Thema Corona merkt, gibt es scheinbar eine schwindende Diskussionskultur und immer extremere und festgefahrene Meinungen.
Hätte ich da eine hundertprozentige Lösung für, würde ich glaube ich nur noch Vorträge darüber halten (lacht). Aber mal Spaß beiseite, ja ich sehe es auch so, dass wir mittlerweile kaum noch eine Diskussionskultur haben. Was Corona angeht, ist es eh verdammt schwer, da leider viele Menschen beschlossen haben ihr Gehirn gegenüber wissenschaftlichem Konsens zu verschließen und man leider gar nicht mehr an diese rankommt. Ich versuche generell immer beide Seiten einer Diskussion zu sehen und lasse mich auch von fundierten und logischen Argumenten überzeugen, allerdings greift beim Thema Corona die Logik leider oft nicht mehr, dies ist ein beängstigendes Phänomen wofür ich ehrlich gesagt selbst keine Lösung habe. Ich versuche auch um den Frieden willens selten in Diskussionen reinzugehen. Aber auch, weil ich genügend andere Kämpfe und Diskussionen führe, da auch ich nur ein gewisses Kontingent an Zeit und Energie zur Verfügung habe. Generell wünsche ich mir, dass wir einander mehr zu hören, mehr im Austausch bleiben. Damals nach dem Mord an George Floyd war es mir wichtig mir beide Seiten anzuhören. Auch ich versuchte mich nicht immer gleich angegriffen zu fühlen und darüber nachzudenken. Sind es wirklich meine eigenen Denkweisen oder sind es Strukturen der Gesellschaft, durch die ich so denke? - und eben diese zu hinterfragen. Ein anderer Punkt in Bezug auf diese Themen ist, sich bewusst zu machen, welche Privilegien ich bzw. jeder besitzt, damit kommt automatisch ein besseres Verständnis für mein Gegenüber auf. Auch wünsche ich mir in vielerlei Hinsicht eine neutralere Berichtserstattung in den Medien zu so vielen Themen, glaube aber auch fest daran, dass dies erst passieren wird, wenn generell das weiße, cis, hetero, männliche Patriarchat mehr mit Diversität durchzogen ist, eben mehr Frauen und queere Menschen in Führungspositionen kommen.

Eigentlich aus Stuttgart, zieht es dich aber immer wieder nach Berlin. Was reizt dich an Berlin?
(Lacht) Das ist leicht zu beantworten, ich fühle mich in Berlin einfach frei. Aus meiner selbsterwählten Familie wohnen mittlerweile fast alle in Berlin oder der Umgebung. Ich war nun echt in einigen Städten unterwegs, nicht zuletzt meinem Job geschuldet. Wir haben viele schöne deutsche Städte, aber in Berlin ist einfach eine andere Energie. Rückblickend betrachtet, führt mich alles immer mehr nach Berlin, immer mehr Dinge fügten sich, also wuchs in mir mehr und mehr das Gefühl: Da gehöre ich hin. Selbst wenn ich nur fünf Tage wieder in Berlin meine selbsterwählte Family besuche, fühlt es sich nach fünf Wochen Urlaub an. Der Vibe der Menschen, die Energie, die Neugierde, das Schätzen des Anderen bzw. des Anders sein zieht mich an. Aber klar, auch beruflich hat Berlin mir immer mehr zu bieten und auch da fügt sich das Netzwerk immer mehr zusammen. Davon abgesehen, wenn ich drehe sind wir eh überall, also darf ich mir meinen Wohnort nicht wegen meines Jobs, sondern wegen des Gefühls vor Ort aussuchen.

Was liebst du an der LGBTI*-Community in Berlin?
Was mich fasziniert an der LGBTI*-Community in Berlin und was ich dadurch auch so liebe, ist der Zusammenhalt. Die letzten Jahre stellte ich oft in unserer generellen Community fest, dass man gegenüber der Anderen oft sehr intolerant und fast schon diskriminierend war. Berlin entwickelte sich da aber die letzten Jahre zu einer Safe Space Bubble, in der es mittlerweile mehr um das Miteinander und den gegenseitigen Support geht und weniger um den eigenen Vorteil oder die Diskriminierung anderer in unserer Community. Jetzt wohne ich natürlich noch nicht da, was nur eine Frage der Zeit bzw. eben der Wohnungssuche ist, weswegen ich leider nicht immer die Möglichkeit habe mich vor Ort viel einzusetzen oder mit ein zu bringen, dies wird sich aber hoffentlich bald ändern.

(c) Eva Örtwig
Ahmed mit Queer Eye Fab Aljosha © Eva Örtwig

Du bist Hair and Make up Artis und auf deiner Website steht „seine Arbeiten erzählen Geschichten“. Was macht deine Arbeit so besonders und was für Geschichten kann man mit Make Up erzählen?
Das besondere an meinem Job und was ich so Liebe ist die Abwechslung. Fachlich gesehen bin ich in so vielen Bereichen Tätig, von Drehs für Reality Formate für große Streamingdienste, über Werbung und Fashion Shoots bis hin zu Film, oder Theater. Ich hab dadurch aber auch das große Glück mit so vielen verschiedenen Menschen arbeiten zu dürfen, mich austauschen zu können, die Realität anderer kennen lernen zu dürfen und ab und an entstehen daraus auch sehr tiefe und enge neuen Freundschaften.

Zur Frage mit dem Makeup. Ich sehe es mittlerweile als so vieles mehr, als nur Wimperntusche oder Lippenstift. Nicht zuletzt an der Dragbewegung die letzten Jahre sehen wir was Makeup alles kann und wie schön es ist sich verwandeln zu können und in andere Rollen schlüpfen zu dürfen. Makeup kann verwandeln, bezaubern, schützen oder kann eben auch empowern. Auch ich durfte das dieses Jahr erst lernen. Ich war Head of Makeup Department bei Queer Eye Germany, was im März auf Netflix erscheint und durfte dort so unglaublich wunderschöne Menschen kennen lernen, hinterfragte mich, meine Strukturen, meine Sexualität und meine geschlechtliche Identität (was jeder einmal tun sollte). Nicht ohne Grund trage im neuen Kampagnen Video der deutschen Aidshilfe Smokey Eyes, weil ich es leid bin mir einreden zulassen, dass ich weniger männlich bin mit Lidschatten und / oder Nagellack. Im Gegenteil, sich dessen bewusst zu sein, kann einen noch viel mehr bestärken und ich fühle mich mit noch männlicher.

Auch Interessant

Tom und David

Pärchen August 2022

Unser Liebe-Pärchen des Monats ist Tom (35) und David (29) und wohnt in der wunderschönen Hansestadt Stralsund.
Ausgequetscht

Riccardo Simonetti

ist ein deutscher Entertainer, Moderator, Autor, Model, Schauspieler und Kolumnist. Im TV-Geschäft zählt er zum „…Beste(n), was der deutschen ...
Ausgequetscht

Vanessa & Sven

sind Artist:innen, die seit ihrer Ausbildung schon zehn Jahre zusammenarbeiten. Ihre Partner-Äquilibristik wird zur Metapher einer liebevollen ...
Kevin und Marco

Pärchen Juli 2022

Ihre Welt sind die Be-er-erge! Nein, wir sprechen hier nicht von Heidi und dem Hirtenjungen Peter, sondern von Kevin und Marco.
Im Interview

Domenico Tarantino

Er war Finalist der letzten Staffel von DSDS. Bei seinem ersten Auftritt mit "Bruises" von Lewis Capaldi.
Marius Müller-Westernhagen:

„Ich war ein Mann-Magnet!“

Mit 17 Millionen verkauften Tonträgern gilt Marius Müller-Westernhagen als einer der erfolgreichsten deutschen Rockmusiker.