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Punk-Attitüde trifft auf Drag-Theater

Capitano Punk-Attitüde trifft auf Drag-Theater

km - 08.01.2021 - 10:00 Uhr

Erfrischend anders klingt die Musik der Berliner Band Capitano. Schubladendenken war gestern. Punk-Attitüde trifft auf Drag-Theater und vermischt sich mit einem Hauch von Rock, Indie, Electronica, Hip-Hop, alternativer Musik und Pop.
Ihre Hass-Liebe-Beziehung zu Genres und Stereotypen hat Capitano durch verschiedene Stadien kreativer Personas geführt. Auf der Suche nach reiner, unverfälschter Individualität nehmen Capitano eine Maske nach der anderen ab. Mit SCHWULISSIMO spricht Frontmann John über ihre Beziehung zur LGBTI*-Community, das ständige Neuerfinden, 2020 und vieles mehr.


Wie würdet ihr eure Musik bezeichnen?
Ich mag die Bezeichnung Independent Pop, weil sie zwei Dinge vereinigt: Unabhängigkeit und aber auch eine Akzeptanz der Mitte. Wäre es nicht schön, alle könnten sich selbst treu sein und trotzdem miteinander auskommen? Ist vielleicht zu weit gedacht. Indie Pop verspricht jedenfalls nicht von vorneherein zu viel, da kann man noch überraschen.

Ihr wollt anders sein als der Rest. Wie schwer oder leicht ist es, euch immer wieder neu zu erfinden?
Ich würde behaupten, es ist eher umgekehrt. Wir können einfach nicht anders. Ich habe mich immer schon gewundert, wie es manche Bands schaffen, immer ein ganz bestimmtes Genre zu bedienen. Früher hätte ich gesagt, wir sind alle drei in einer niemals endenden Selbstfindungsphase gefangen. Heute würde ich sagen: Wir haben akzeptiert, dass es nicht das eine „Ich“ gibt. Die eigene Identität ist doch eine Reise der Selbstentwicklung. Wenn ich mich nicht verändere, höre ich auf, mich selbst kennenzulernen. Das heißt aber auch, vielleicht sind wir morgen angepasst und eben nicht „anders“, zumindest für eine Zeit. Who knows?

Ich will das nicht mehr bewerten. Tatsächlich finden nicht alle unsere Fans gut, wenn wir mal wieder einen künstlerischen Haken schlagen. Wir haben schon einige Fans damit verloren, aber auch neue dazugewonnen. Für uns ist Veränderung Teil der Erfahrung, und am Ende geht es doch um diese. Von daher, nein, es fällt uns nicht schwer. Das ist es, was uns menschlich ausmacht und damit auch als Band.
 

© facebook.com/CapitanoBand
© facebook.com/CapitanoBand

In diesem Jahr hattet ihr euch die Challenge gesetzt, jeden Monat einen Song aufzunehmen und zu veröffentlichen. Hat das euren Prozess des Neuerfindens erleichtert, da man in einen gewissen Flow kam? Oder wurde dieser sogar erschwert, da Zeit und Druck im Weg standen?
Sehr gute Frage! Es war weniger ein Flow und eher der Rausch, immer gerade noch einen Fußbreit davon entfernt zu sein, von der der Flut an Aufgaben und Herausforderungen begraben zu werden. Die Challenge war eine spannende Erfahrung, weil sie uns zum Kreieren gezwungen hat. Aber erst mit Corona und dem damit verbundenen „Aus“ unserer Challenge ist uns aufgefallen, wie belastend das doch auch war. Der erste Gedanke war: Da stehen wir nun vor unserem Scherbenhaufen. Aber wir waren auch frei. Unsere jetzige Challenge ist herauszufinden, wie Capitano in der jetzigen Zeit funktionieren kann. Wir haben schon Pläne. Wir wollen jetzt mehr noch den Entstehungsprozess in den Vordergrund stellen. Die Musik ist das Endergebnis, aber die eigene Reise ist eigentlich das, was wirklich nur wir zeigen können. Wir ziehen um von unserem Proberaum in eine Art Atelier, in dem wir freidrehen können und das mit der Kamera festhalten werden.

Habt ihr bei eurer Musik, die so viele Stile vereint, häufiger Meinungsverschiedenheiten in der Band?
Wir machen jetzt schon in verschiedenster Form seit über zehn Jahren gemeinsam Musik. Das ist länger als viele Ehen halten. Und auch wir durchleben unterschiedliche Phasen und merken gerade jetzt, wo der Termindruck weg ist, dass man in diese Beziehungen auch investieren muss. Jeder entwickelt sich auch allein weiter, neue Bedürfnisse kommen und alte gehen. Wir haben immer gedacht „Wir können gar nicht ohne einander“. Das stimmt aber nicht, das kann jeder von uns sehr wohl. Umso schöner und besonderer ist es, wenn man trotzdem weiter zusammen Musik macht. Die Käfigtür ist auf, und trotzdem setzen wir uns immer wieder auf die gemeinsame Stange. Bleibt man beim Bild der Ehe, sind wir jetzt wohl in der Phase, in der man auch ohne einander in den Swingerclub gehen kann, ohne dass der Haussegen gleich schief hängt.

Was fasziniert dich am Drag, außer dass es so anders ist?
Vor allem interessiert mich die Reaktion der Menschen. Nichts demaskiert Menschen mehr als ihre Reaktion auf ein nach außen getragenes Anderssein. Freude, Wut, Ekel, Neugier. Die Reaktionen gegenüber uns sind vielfältig, aber immer aufrichtig. Heißt auch: Ich habe oft gemerkt, dass ich manche Leute unterschätzt habe und anderen wiederum mehr Offenheit zugetraut hätte.

Drag ist auch ein gutes Mittel, um seine eigene Verklemmtheit mal zu beleuchten und das eigene Körperbild infrage zu stellen. Man sollte nie verlernen, ab und zu die Perspektive zu wechseln. Dinge auf den Kopf zu stellen. Nur so lernt man. Kinder wissen das. Wir Erwachsenen verlieben uns zu schnell in die eigene Meinung und nennen das ab da dann Realität.
 

John1 © Fresh Out The Box GbR
John1 © Fresh Out The Box GbR

Welche Berührungspunkte habt ihr zur LGBTI*-Community?
Mal abgesehen von unseren Familien und Freunden ist unsere Verbindung zur LGBTI* Community nicht sofort ersichtlich. Und ich würde unsere Musik und Texte auch nicht als eine Freiheitsbewegung für irgendjemanden außer uns selbst verstehen. Und doch scheinen wir auch innerhalb dieser Community etwas bei den Menschen auszulösen. Ich glaube, dass uns eine Sache besonders verbindet: Der Wunsch, sich über die Bewertung und Verurteilung von außen zu erheben und das, was uns im Inneren ausmacht, aufblühen und gedeihen zu lassen. Wir als Band rebellieren gegen die eigenen Schranken in unseren Köpfen genau wie gegen die Schranken der „anderen“, und man merkt uns an, dass wir mit jedem Konzert und jedem Video unsere eigene Komfortzone verlassen. Und das immer mit dem Kopf voran. Wenn wir uns vor allen Anwesenden das Recht herausnehmen, wir selbst zu sein, dann beweist das Mut. Und wer Mut zeigt, der macht auch Mut. Vielleicht ist es das.

Der Song „Flower“ bäumt sich gegen Sexismus, Unterdrückung von Gefühlen und den Fesseln des Konzepts der Männlichkeit: Was war die Inspiration für den Song?
Da spreche ich jetzt nur für mich: Die Vaterfiguren in meinem Leben waren toxische Einfaltspinsel, und ich war ein zwar groß gewachsener, aber sehr sensibler Junge. In meinem Wunsch nach Anerkennung und in meiner Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen und verletzten Kindsgefühlen war ich Mitte zwanzig auf dem besten Weg, selbst ein toxisches und sexistisches Arschloch zu werden. Ich war mit mindestens einem Bein drin in diesem Sumpf, aber ich habe das Bein mit 30 doch wieder rausgezogen. Und mir selbst erlaubt, sensibel und zartfühlend und schwach und schön zu sein. So wie nur ich es kann. Das hat mir eine neue Stärke und ein neues Selbstverständnis gegeben. I’m A Flower ist für mich der Song zur Zäsur.

Wie findet ihr, dass der Song „I Wear A Mask“ oft in Quarantäne Playlists auftaucht und immer mit Corona in Verbindung gebracht werden wird, obwohl er eigentlich nichts damit zu tun hat?
Genau dann, wenn man seine Kunst mit der Welt teilt, gehört sie einem selbst nicht mehr. Man hat ja keine Kontrolle darüber, wie etwas aufgefasst wird. Das ist zu gleichen Teilen schön und unheimlich. Wir waren erst einmal eingeschüchtert von der neuen Bedeutung, die unser Song plötzlich hatte und wie viele Menschen den Song plötzlich aus ihren ganz eigenen Gründen gehört haben.

Uns ging es bei „I Wear A Mask“ um die eigene Abspaltung, um menschliche Distanz, um die Maskierung als Selbstschutz und nicht um Covid oder Gesichtsmasken. Und doch geht das irgendwie zusammen, wenn in der Stadt das letzte Lächeln mit Stoff verhangen werden muss. Wir wollten uns jetzt auch nicht bewusst gegen oder für diese neue Betrachtung entscheiden und haben daher auch nie ein Video zum Song gedreht, obwohl er der mit Abstand erfolgreichste war und ist. Aber haben wir uns dazu durchgerungen, doch noch ein Video zu drehen. Im Dezember kommt es raus – knapp ein Jahr später. Wir haben uns dazu entschieden, unsere Gefühlswelt zu zeigen. Ganz ohne Standpunkt. Aber mit dem Wunsch nach Positivität und Liebe und Nähe. Und dem Bedürfnis, mit dieser neuen Welt ganz offen zu fremdeln, ohne irgendjemanden oder irgendetwas dafür verantwortlich machen zu wollen. Die Welt ist jetzt einfach ein bisschen seltsamer geworden. Die Sonne scheint trotzdem.

Eure Musikvideos sind künstlerisch und kreativ. Wer kommt immer auf die Ideen und vor allem, wie?
Das ist immer ein gemeinschaftlicher Mix aus Zufall, Chaos, Albernheiten und der Lust am großen Drama.

Manchmal macht man einen Witz, den die anderen ernst nehmen, manchmal findet man eine Location, die irgendwie inspiriert. Manchmal gibt eine Zeile im Text die Idee vor. Wir haben kein Rezept, und das ist unser Rezept.

Eure Tour musstet ihr schweren Herzens absagen. Wie seht ihr die Entwicklung der Künstlerbranche durch Corona und die damit verbundenen Maßnahmen?
Es ist doch so: Musik und das Musikbusiness hatten es vor Corona schon nicht leicht, noch wirklich wirtschaftlich zu sein. Die Bands müssen um Spritgeld betteln, die Clubs bräuchten dringend Geld für Instandsetzung, die Branche ist voll von Selbstständigen, die aus Überzeugung einen Job machen, mit dem man sich in der Stadt schon oft nicht mal mehr eine eigene Wohnung leisten kann. Die Lage war schon vor Corona nicht geil. Jetzt werden wir erst einmal mit ansehen müssen, wie viele in 2021 das Handtuch werfen müssen. Und das ist sehr herzzerreißend.

Daran ist aber nicht allein Corona schuld. Die Musikbranche hing die letzten Jahre den goldenen Zeiten nach, und das Überangebot an Bands hat auch einfach für ein akustisches Völlegefühl gesorgt. Wann soll man das alles denn hören? Wann soll man auf all diese Konzerte gehen? Aber jetzt ändert sich was. Vielleicht sitzen wir bald alle wieder im stickigen alten Partykeller und wünschen uns die alten Zeiten zurück, wo es noch Livemusik in der Stadt gab. Vielleicht ist das die Fastenkur, die wir alle brauchen. Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich weiß nur eines: Mir ist es mittlerweile egal, ob die Musik jemanden wie mich braucht. Ich brauche auf jeden Fall die Musik.
 

rehearsal4 © Fresh Out The Box GbR
rehearsal4 © Fresh Out The Box GbR

Wie sehr vermisst ihr die Bühne und den Kontakt zur Crowd? Denkt ihr man muss die Künstlerbranche umdenken und mit Livestream und Spenden arbeiten oder was völlig Neues schaffen – hättet ihr eine Idee für etwas völlig Neues?
Ich muss ein Geständnis ablegen: Ja, wir haben Livestreams gemacht. Aber ich habe es gehasst. Man spürt keine Schwingungen im Raum, keine Energie kommt zurück. Man spielt aber auch nicht für sich selbst, denn man muss ja ständig in die Kamera gucken. Dieses schwarze Loch, das jegliche Emotion stumm und dumm aufsaugt. Das ist doch Kacke.

Ich vermisse das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und die Menschen vor mir zu spüren, selbst gespürt zu werden. Da steckt Magie drin. Aber ich merke auch, dass ich es gar nicht vermisse, zwei Tage lang in einem Bus zu sitzen, um einer Handvoll Fremder für ein Stündchen den Vollsuff mit Musik zu untermalen. Wir werden definitiv wieder Konzerte spielen, sobald wir dürfen. Aber wir werden nicht mehr alles machen und mehr darauf achten, dass wir uns nicht für jede Form von „Exposure“ hergeben werden. Auch nicht für Bierbank-Notlösungen mit Tanzverbot.

Wir suchen auf jeden Fall nach einer neuen Möglichkeit, in Zukunft als Band zu existieren. Zum Glück sind wir mit dieser Suche nicht völlig alleine. Wir haben jetzt eine Kooperation mit Lautsprecher Teufel gestartet. Sie glauben an das, was wir tun und wollen uns auf unserem Weg mit Ideen und Produkten unterstützen. Wir werden jedenfalls 2021 viel mehr mit Bewegbild arbeiten. Mehr dokumentarisch und erzählerisch denken und weniger produziert und aufgetakelt von einer Single zur nächsten hüpfen. Mehr Action, weniger Promo! Am Ende geht es aber nach wie vor darum, unsere Herzen in Musik zu gießen und dabei ordentlich zu kleckern.

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