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Dipl. II-Sozialpädagoge Dirk Wagner - Workshop schwule Singles

Dipl. II-Sozialpädagoge Dirk Wagner „Ich würde nicht pauschal sagen, dass man sich in einer Partnerschaft oder als Single besser fühlt“

km - 01.11.2021 - 18:00 Uhr

Corona hat soziale Interaktion und Dating nicht unbedingt erleichtert, aber auch vor Corona gab es viele Männer, die Schwierigkeiten damit hatten. Für diese Männer, aber auch eingerostete Flirtkönige, sowie Männer, die sich selbst besser kennenlernen möchten bietet Dipl. II-Sozialpädagoge Dirk Wagner einen Workshop für schwule Männer an. SCHWULISSIMO hat mit ihm über Dating-Apps, wie Corona Dating erschwert hat, was Berlin so besonders macht sowie Dating-Tipps und vieles mehr gesprochen.

 

 

Was unterscheidet schwules Dating vom Hetero-Dating?
Unterschiede bestehen etwa darin, dass die Zahl potenzieller Date-Partner bei Schwulen geringer im Vergleich zu Heteros ist. Als Schwuler hat man häufiger bestimmte Orte aufzusuchen oder Apps zu nutzen, um einen möglichen Partner zu finden, besonders auch außerhalb der Ballungszentren. Die Chance etwa, einen interessanten schwulen Partner auf der Arbeit kennenzulernen, ist bei Schwulen geringer. Trotz aller positiven Entwicklungen während der letzten Jahre und einer deutlich gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz, spielen bei schwulen Männern noch immer auch Diskriminierungserfahrungen oder -erwartungen eine Rolle, die sich auch beim Dating auswirken können. Der eine hatte vielleicht mit 15 Jahren schon sein Coming-out und geht selbstverständlich mit seinem Schwulsein um, der andere hat es vielleicht erst mit 55 Jahren und ist vorsichtiger. Auch in interkulturellen Mann-Mann-Beziehungen kann es bei der Selbstverständlichkeit deutliche Unterschiede geben. Wie geht man damit um? Der eine mag sich bspw. gerne öffentlich küssen, der andere am liebsten gar nicht öffentlich. Da kann es leicht zu Konflikten kommen. Wie geht man mit „gay-unfriedly“-Orten um? Ein Thema, das es so für Heterosexuelle nicht gibt. Hier sind Kommunikation und Vereinbarungen erforderlich.

Dirk © privat
Dipl. II-Sozialpädagoge Dirk Wagner

Ich denke, dass Heteros tendenziell eher eine serielle Monogamie suchen, vielleicht auch eine Partnerschaft für immer. Bei schwulen Partnerschaften gibt es da verschiedene Konzepte. Monogame Partnerschaften werden auch gelebt, aber tendenziell gibt es öfters offene Konzepte. Will man dabei gegenseitige Verletzungen reduzieren, sind vereinbarte Regeln, Austausch und Feedback sicher hilfreich. Einen weiteren Unterschied sehe ich darin, dass das Bedürfnis nach individueller Autonomie in einer schwulen Partnerschaft wahrscheinlich größer ist. Eine Balance zu finden, zwischen Teamwork einerseits und Angst vor zu viel Nähe andererseits, stellt eine Herausforderung dar. Ganz praktisch bedeutet das häufig, dass schwule Paare später zusammen in eine gemeinsame Wohnung ziehen oder ihr Geld zusammentun. Nach meinen Beobachtungen leben Schwule eher unabhängiger, autonomer, auch finanziell und beruflich. Gemeinsame Ziele oder Ideen sind oft erst zu finden, bspw. Reisen, eine gemeinsame Wohnung, gemeinsame Hobbies. Für heterosexuelle Paare sind Kinder oft ein verbindendes Anliegen.

Nicht zu vergessen sei, dass AIDS für schwule Männer eine zentralere Bedeutung hatte oder auch noch hat, mitunter wirken in den 1980er-Jahren reaktivierte Scham- und Schuldgefühle noch bis heute nach, auch bei den jüngeren Generationen. Wenn ich also von einer Angst überwältigt bin, ich könnte mich mit HIV infizieren und dies wäre eine Katastrophe, werde ich auch bei der Anbahnung einer Partnerschaft womöglich ängstlich sein. Generell sind zudem auf längere Dauer und öffentlich angelegte Mann-Mann-Partnerschaften ein relativ neues Phänomen in der Geschichte der Menschheit und in Deutschland erst seit den 1970er-Jahren straffrei. Das ist einerseits sehr spannend und aufregend, bringt andererseits aber auch Fragen und Unsicherheiten mit sich. Wann, wie und wo lebe ich meine Bedürfnisse nach Nähe und/oder Partnerschaft aus? Wie reagiert meine Umwelt darauf und was sagen mir vielleicht Erinnerungen von wichtigen Bezugspersonen aus meiner Vergangenheit? Abschließend zu dem Thema schwule Partnerschaften sei noch angerissen, dass ein flexibles und gleichberechtigtes Rollenverhalten wohl dem mehrheitlichen Bild der schwulen Männer entspricht, manche sehen aber auch eine Hierarche und asymmetrische Rollenverteilung als gegeben und wünschenswert an. Verschiedenes wird also ausprobiert, kommuniziert, erfahren. Ich würde sagen, es gibt zwischen schwulem und Hetero-Dating also einige Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede.

Kann man Dating trainieren?
Training hört sich nach Sport an … Ich würde sagen, man kann sich mit Dating oder einer potenziellen Partnerschaft beschäftigen, sich Gedanken dazu machen, reflektieren und einiges ausprobieren. Vor einem Date kann man sich etwa fragen: Wie fühlt mein Gegenüber sich wohl beim Date? Wie fühle ich mich wohl? Zum Einstieg bei einem Date sind ein wenig Small-Talk, ein geeigneter Ort und Komplimente sicher hilfreich. Ein ausgewogenes Verhältnis von erzählen und zuhören, wechselseitiges Interesse und gemeinsame Fragen oder Themen fördern einen guten Verlauf.

Man kann sich aber auch viel grundlegendere Gedanken machen und sich mit seiner Biografie beschäftigen. Etwa mit der Frage, wie meine Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen zueinander oder zu mir ihre Beziehungen gelebt haben und welche Auswirkungen das eventuell auf mich hat. Ich kann mich auch mit meinen Beziehungserfahrungen beschäftigen, etwa mit eigenen Anteilen oder denen des anderen bzgl. des Verlaufs der Partnerschaft. Natürlich steht auch die Frage im Raum: was für einen Partner suche ich eigentlich? Dating kann also ein sehr komplexes und unendliches Thema sein.

Dating Apps landen oft in der Kritik – aber sind sie in Zeiten von Corona wirklich mehr Fluch als Segen?
Während der Lockdowns war es zeitweise schwierig bis unmöglich, jemanden kennenzulernen. Treffen in Clubs, Bars, Vereinen usw. waren ja nicht mehr möglich. Da waren Apps eine Möglichkeit, überhaupt mit jemanden in Kontakt zu kommen. Ich denke, dass Apps weder Fluch noch Segen sind. Generell würde ich Apps als eine Option verstehen, die man selbstverständlich nutzen kann – zeitweise oder auf Dauer, wie man möchte. Natürlich kann man vieles wie Körpersprache, Blickkontakt usw. dabei nicht erleben. Es gibt sehr unterschiedliche Apps mittlerweile. Manche sind vielleicht eher für Kontakte auf Reisen geeignet, andere eher für Menschen, die eine stabile Partnerschaft in ihrer Nähe suchen. Kritiker könnten dem entgegen, dass es sich dabei um eine Art virtuellen Warenkatalog handelt und empfehlen eher die traditionellen Wege, also etwa „Augen auf“ in der Nachbarschaft, der Arbeit oder Uni, dem Café, dem Workshop oder auf der privaten Party.

credits wundervisuals

Inwiefern hat Corona das Dating erschwert?
Ich denke, dass Corona sicher Ängste ausgelöst hat, sich beim anderen anzustecken. Schon oder gerade Küssen war ja ein Risiko, oder ist es mitunter noch immer. Nicht wenige haben in dieser Zeit Dating ganz vermieden und ihre Sexualität ausschließlich mit Pornos, Dildos und Masturbation gelebt. Es gab verschiedene Corona-Phasen. Es war in der Lockdown-Zeit nahezu unmöglich, sich zu treffen und deutlich erschwert, jemanden kennenzulernen. Hat man Dating trotzdem gemacht, musste man sich genau überlegen, wie man sich verhält und wem man in Nachhinein davon erzählen kann. Die Situation von Singles wurde in den Medien zu wenig thematisiert während des Lockdowns. Für manche war Corona auch ein willkommener Anlass, eine willkommene Begründung, sich zu Hause einzuigeln und sich abzuschotten. Jetzt ist es aber an der Zeit, wieder rauszukommen aus seinen Löchern.

Wie findet man als eingerosteter schwuler Single wieder zurück aufs Pferd nach so einer Pandemie. Was muss man(n) beachten – welche Tricks und Übungen gibt es?
Gute Frage. Sich zunächst Gedanken machen, dass man wieder mehr mit offenen Augen unter Menschen gehen möchte. Mit anderen Männern vielleicht absichtslos kommunizieren, gemeinsame Themen oder Interessen finden. Nicht frustriert oder aggressiv durch die Gegend laufen. Auch mal allein ausgehen, anderen Männern mal in die Augen schauen … Überlegen, ob man sich vielleicht einer Gruppe oder einem Verein anschließen möchte, ob man sich in einer App anmeldet, auch mal wieder Freunde bei sich zu Hause einladen. Also einen Weg finden, der zu einem passt. Manche gehen Schritt für Schritt vor, andere recht offensiv und wieder andere brauchen noch Zeit, bevor sie wie wieder zurück aufs Pferd gehen.

Auf was muss ich besonders achten als schwuler Single?
Kommt darauf an, was man sucht … Sex, Freundschaft+, eine Partnerschaft, einen vertrauenswürdigen Menschen? … Als generell hilfreich würde ich ansehen, wenn man sich selbst beobachtet, mit Freunden/Bekannten spricht, sich vielleicht ein Feedback einholt. Erlebe ich als schwuler Single vielleicht immer dasselbe, also eine Art Muster? Gibt es vielleicht noch Geschichten aus meiner Vergangenheit, die mich bei der Suche nach potenziellen Partnern behindern? Vielleicht eine noch nicht verarbeitete Trennung, noch nachwirkende Botschaften der Eltern oder wichtiger Bezugspersonen? Vielleicht das Gefühl, man sei es angeblich nicht wert, in einer Partnerschaft zu leben …? Generell würde ich empfehlen, dass man sich als Single keinen Stress machen sollte. Das Leben als Single hat viele Vorteile und angenehme Seiten. Sehr viele schwule Männer leben als Single und wollen es auch bleiben, zeitweiße oder dauerhaft. Partnerschaften können hingegen sehr stressig sein. Als Single hat man Zeit für andere Dinge, kann sich um Freundschaften kümmern, sich weiterentwickeln oder was auch immer. Ich würde nicht pauschal sagen, dass man sich in einer Partnerschaft oder als Single besser fühlt. Vieles ist möglich.

credits wundervisuals

Ist das Dating als schwuler Single in Berlin anders als im Rest von Deutschland?
Die Anzahl schwuler Singles ist in Berlin deutlich höher als in vielen anderen Städten, weil die Stadt wie magnetisch auf Schwule wirkt. Das empfinde ich als schön. Natürlich sind in Berlin immer auch viele schwule Touristen unterwegs oder schwule Männer, die nur eine begrenzte Zeit in Berlin wohnen und dann wieder zurück- oder weiterziehen. Es kann beim Date somit leicht passieren, dass unterschiedliche Wünsche oder Sehnsüchte aufeinandertreffen. Der eine hofft vielleicht auf eine stabile Beziehung, der andere sucht eher einen One-Night-Stand. Grundsätzlich hat man in Berlin also viele verschiedene Orte und Möglichkeiten, sich zu daten.

Hat man in Berlin bessere Chancen oder sind hier nur alle auf Spaß aus?
Sex zu wollen, ist sicher OK! Kommt auch darauf an, wie man selbst damit umgeht oder ihn erlebt. Manchmal ist Sex großartig, manchmal ambivalent und manchmal fühlt man sich schlecht danach. Die Palette ist in Berlin sehr groß, auch was die Häufigkeit betrifft, die einen haben nie Sex mit einem anderen Mann, andere hingegen mehrmals in der Woche, mit verschiedenen Sexpartnern oder mit dem gleichen. In der Stadt laufen schwule Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Wünschen oder Erfahrungen umher. Man hat in Berlin ganz gute Chancen und Möglichkeiten, etwas zu finden. Für viele ist das ein Grund, dass sie nach Berlin ziehen.

Was können sich schwule Singles von deinem Kurs versprechen?
Es geht in meinem Workshop nicht nur um die möglichst gute Gestaltung von Dates. Eher auch darum, sich selbst ein Stück besser kennenlernen. Möchte ich eine Partnerschaft? Was bringe ich mit für eine Partnerschaft? Was hindert mich oder spricht dagegen? Will ich in meinem Leben etwas verändern? Man kann sich mit anderen schwulen Männern über Erfahrungen und Wünsche austauschen, kann andere schwule Singles etwas fragen und wird selbst gefragt. Dabei kommt man mit anderen schwulen Männern in Kontakt und wird angeregt. Das ist in meinen Augen wertvoll und etwas anderes, als etwa ein Buch zu lesen oder sich einen Film anzusehen, was natürlich auch gut sein kann. Ich als Workshopleiter interessiere mich für die Fragen, Erzählungen oder Themen der schwulen Teilnehmer und achte darauf, dass man beim Thema bleibt und sich möglichst alle beteiligen können. Ich moderiere, lade zu Übungen ein und biete Methoden an, mit deren Hilfe der Prozess, der Austausch und die Kommunikation gefördert wird. In der Regel melden die Teilnehmer zurück, dass sie sich während der Workshops gut öffnen konnten, dass eine angenehme Atmosphäre entstanden ist und man sich wechselseitig inspiriert hat. Es sind also 2 ¼ gemeinsame Tage, die acht bis zwölf schwule Männer miteinander verbringen. Trotz aller Unterschiede bei den Fragen, dem Alter oder den Lebensgewohnheiten gelingt es in der Regel, dass die Teilnehmer in dieser Zeit irgendwie zueinander finden.

credits NoSystem images

 

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