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Nancy Sinatra // © IMAGO / Future Image

Feministin und Sängerin Nancy Sinatra

ks - 13.03.2021 - 10:00 Uhr

Sie trägt einen der bekanntesten Nachnamen Amerikas: Nancy Sinatra, Tochter des legendären Crooners, drehte Filme mit Elvis Presley, nahm mit „You Only Live Twice“ einen der besten Bond-Songs auf, veredelte mit ihrer Stimme Tarantinos „Kill Bill“-Soundtrack, erfand das Pullover-Kleid und landete 1966 ihren größten Hit mit einem Lied, in dem sie in Stiefeln über Männer latschte! Ihre größten Hits und einige Raritäten aus der Feder ihres kongenialen Partners Lee Hazlewood (†2007) veröffentlicht Sinatra mit „Start Walkin’ 1965-1976“ Anfang April in bildreicher Verpackung. Beim Schwulissimo-Gespräch von ihrem Zuhause in Palm Springs erzählt die heute 80-Jährige, warum das auch ihrem Vater Frank zu verdanken ist, wie sie zur Feministin wurde, und warum sie Lana Del Rey mag.

Ms. Sinatra, wie geht es Ihnen?
Ich bin okay. Ich bin verzweifelt wegen Corona, aber das sind wir wohl alle. Ich lebe allein in meinem kleinen Haus in der Wüste von Palm Springs. Seit März 2020 bin ich in Isolation – das ist eine ziemlich lange Zeit, nicht wahr? Aber immerhin kann ich mich hier sicher fühlen.

Sehen Sie Ihre zwei Töchter nicht hin und wieder?
Doch, schon. Sie stehen dann draußen und tragen Masken. Aber das ist nicht dasselbe wie eine Umarmung.

Im Juni sind Sie 80 geworden.
Da standen die Dinge noch ein bisschen besser. Meine Töchter, meine Enkel und mein Schwiegersohn waren hier. Wir hatten keine richtige Feier, wir haben nur auf der Terrasse gesessen und uns unterhalten. Die Familie um sich haben zu können, war das schönste Geschenk. Für mich war der Geburtstag ein Meilenstein. Ich habe mir immer gewünscht, mal die 80 zu erreichen. Meine Mutter wurde 101 Jahre alt, sie ist vor zwei Jahren verstorben. Meine Hoffnung ist so lange durchzuhalten wie sie.

Auf Ihrem Twitter-Account halten Sie mit Ihrer politischen Meinung nicht hinterm Berg. Wie haben Sie das US-Wahljahr 2020 erlebt?
Es war eine sehr schwere Zeit. Politisch steckten wir vier Jahre lang im Schlamassel. Trump ist einfach eine schreckliche Person, ein Wahnsinniger. Ich zog in Erwägung, das Land zu verlassen, wenn Biden die Wahl nicht gewonnen hätte. Bis zum Schluss war ich in Sorge, dass Trump noch etwas Schlimmes anrichten würde, und das tat er dann ja auch. Ich wünschte, unser System wäre anders; so dass ein neugewählter Präsident sofort ins Amt geht. Mit Joe Biden und Kamala Harris kommen wir jetzt langsam aber sicher aus der Krise. Ich kann jetzt wieder besser schlafen.

Sie bezeichnen sich als Aktivistin. Haben Sie sich den Protestmärschen angeschlossen?
Ich hätte es gerne getan, aber aufgrund der Pandemie und meiner angeschlagenen Gesundheit konnte ich es nicht. Ich habe Probleme, mich fortzubewegen. Ich bin nicht fit wie Jane Fonda, die auf die Straße gehen kann und protestiert. Ich bewundere sie dafür.

In Ihrer Beschreibung bei Twitter steht „stolze Amerikanerin“. Sind Sie das immer noch?
Absolut. Denn Amerika ist widerstandsfähig, und Amerika kann Wunder vollbringen durch die Kraft seiner Menschen. Die jüngste Wahl ist der Beleg dafür. Wir sind auf dem Weg zu besseren Dingen.

Schon Ihr Vater Frank war ein eingeschworener Demokrat.
Das stimmt, wobei mein Vater in den Achtzigern allerdings Ronald Reagan seine Stimme gab, der Republikaner war. Er wechselte deshalb nicht die Partei, er blieb ein registrierter Demokrat. Mein Vater hätte es verabscheut, zu sehen, wie sehr das Land in den letzten Jahren gespalten wurde.

War er menschlich ein Vorbild für Sie?
Ich habe definitiv den Sinn für Gerechtigkeit und Inklusion von ihm. Mein Vater konnte es gar nicht leiden, wenn Menschen nicht anständig behandelt wurden. Durch seinen Freund Sammy Davis Jr. hat er das oft mit eigenen Augen gesehen. Ich wurde mit dem Bewusstsein erzogen, dass alle Menschen gleich sind. Und ich hasse Rassismus in jeglicher Form. Es war höchste Zeit für eine Bewegung wie „Black Lives Matter“.

Kommen wir zu Erfreulicherem: Es ist ein Jahr her, dass der durch Sie bekannt gewordene Song „These Boots Are Made For Walkin’“ in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde. Bedeutet Ihnen das etwas?
Oh ja. Ich fühle mich geehrt, geradezu demütig. Denn ich hätte nie gedacht, dass etwas, dass ich mache, so viel Anerkennung erfährt. Im Gegenteil: Ich hatte viele Jahre das Gefühl, dass einige Musiker-KollegInnen auf mich herabschauten und mir eher wenig Respekt entgegen brachten.

In Anspielung an Ihren großen Hit heißt Ihr neues Album „Start Walkin’“.
Das ist ein großartiger Titel, nicht wahr? Meine Tochter Amanda hat sich den ausgedacht und dieses Projekt verwirklicht. Sie ist die treibende Kraft dahinter und sehr künstlerisch und kreativ veranlagt. Eigentlich ist sie Kunsthistorikerin.

Ist das komisch für Sie, wenn Ihre Tochter Sie nun als Künstlerin vermarktet?
Ich habe das Glück, dass meinen beiden Kindern mein musikalisches Erbe am Herzen liegt. Aber Zuhause bin ich einfach nur ihre „Mum“.

Sind Ihre Töchter auch musikalisch?
Meine Tochter AJ ist selbst Musikerin. Amanda nicht, auch wenn sie eine sehr schöne Gesangsstimme hat. Vielleicht nehme ich ja mal mit meinen Töchtern ein paar neue Songs auf? Ich hätte große Lust.

Im Booklet des Albums sieht man viele Bilder von Ihnen aus den Sechzigern. Was denken Sie, wenn Sie die Fotos von früher sehen?
Ich finde sie wundervoll. Sie erinnern mich an eine tolle, intensive Zeit. Es wird noch ein Buch erscheinen, dann gibt es noch mehr Bilder. Der Autor hat schon eins über Sharon Tate veröffentlicht, und nun schreibt er über mich. Ich kann mich glücklich schätzen.

Wie hat das mit der Musik bei Ihnen angefangen?
Ich bekam als Kind Klavierunterricht, weil meine Eltern es so wollten. Ich habe es nicht weit gebracht am Instrument, mein Bruder Frank war das Talent der Familie. Er hatte viele Jahre klassischen Klavierunterricht, um Dirigent und Arrangeur zu werden. Ich hingegen war zu beschäftigt damit, Kind zu sein. Noch als Teenager war mir die ganze Showbiz-Sache suspekt, und ich war mir nicht sicher, ob ich meinem Vater in den Beruf folgen würde. Ich war wenig fokussiert auf Karriere. Ich wusste nur eins: Ich wollte Kinder haben.

1951 ließen sich Ihre Eltern scheiden – Sie waren gerade mal 11 Jahre alt. Wie sind Sie damit zurecht gekommen?
Es war sehr schwer für mich, aber ich war nie vaterlos. Er war immer präsent via Telefon oder er kam zu Besuch. Wir standen uns Zeit seines Lebens sehr nah und fühlten uns eng verbunden. Wir waren beste Freunde. In seinen späteren Jahren interviewte ich ihn mal für ein Magazin. Auf die Frage, was ihm im Leben am meisten bedeutet hätte, antwortete er: „Du. Du hast mich nie enttäuscht.“

Wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Vater und Ihrer Mutter?
Meine Mutter hat sich immer bemüht, die Freundschaft mit ihm aufrecht zu halten. Mein Vater war ihre einzige Liebe. Ich fragte ihn, wenn er noch mal leben würde, ob er meine Mutter dann auch verlassen hätte, und er sagte sofort: „Nein, ich hätte sie nicht verlassen.“ Leider kann er nicht zurückkommen und es besser machen. Aber ich denke, er starb als glücklicher Mann. Er hatte alles.

1963 wurde Ihr Bruder, Frank Sinatra jr., gekidnapped. Was erinnern Sie aus der Zeit?
Das war einfach nur furchtbar – ein Trauma für unsere Familie. Wir waren schockiert, denn wir wussten ja nicht, wo er war und wie es ausgehen würde. Drei Tage war uns Angst und Bange. Mein Bruder kam frei, aber das unschöne Gefühl blieb. Trotzdem haben wir danach nicht wie im Gefängnis mit einer Horde Leibwächtern gelebt.

Es wird Ihrem Vater immer wieder nachgesagt, er hätte Verbindungen zur Mafia gehabt? Ärgert Sie das?
Nein, weil ich die Wahrheit kenne. Menschen, die Geld machen wollen, verbreiten Lügen über ihn und kreieren Fantasiegeschichten. Es ist absurd, aber zeigt die Unkenntnis der Leute, die darüber geschrieben haben. Jeder, der seine Hausaufgaben macht, weiß, dass die Typen, die in den 1940ern in New York in Clubs arbeiteten oder sie führten, auch mit der Mafia in Berührung kamen; aber das bedeutete nicht, dass sie Freunde waren.

Mit 17 traten Sie das erste Mal in der Show Ihres Vaters auf. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Er war extrem diszipliniert und machte sich ständig Sorgen, dass die involvierten Musiker es nicht so rüberbrachten, wie von ihm gewünscht. Wenn er selbst einen Fehler machte, ärgerte er sich unglaublich und wiederholte widerwillig. Fehler passieren nun mal, doch er konnte nicht gut damit umgehen. Also haben wir versucht, keine zu machen. Er wollte aber auch nie viel proben, weil er an Spontanität und die Magie des Augenblicks glaubte.

Wie schwierig war es für Sie, „die Tochter von“ zu sein?
Es war ein Segen! Er war ein großartiger Vater. Ich habe tolle Sachen an seiner Seite erlebt. Doch es war von Anfang an klar, dass wenn ich seinen Weg einschlage, es harte Arbeit sein würde, mir einen eigenen Namen zu machen. Ich hatte nicht unbedingt das Selbstbewusstsein dafür, war anfangs noch unsicher und schüchtern. Bis Lee Hazlewood in mein Leben trat. Er glaubte an mich und gab mir Selbstvertrauen.

Es gibt nicht viele Menschen, die wie Sie mit Elvis Presley und Frank Sinatra gleichzeitig auf der Bühne standen.
Das war herrlich. Elvis war gerade vom Militärdienst in Deutschland zurückgekommen. Er war eine Erscheinung. Es gibt lediglich drei Personen, denen ich in meinem Leben begegnet bin, die Licht in einen Raum brachten, einfach nur, in dem sie ihn betraten. Mein Vater war eine davon, Elvis die andere, und dann war da noch Marilyn Monroe. Ich wertschätze es, Erinnerungen an diese Menschen zu haben.

Wie war es, 1968 mit Presley für den Film „Speedway“ vor der Kamera zu stehen?
Ich hatte eine Zeile in dem Song, den er im Film singt. Das war alles. Man kann es nicht wirklich als Duett bezeichnen. Allerdings gab es da noch eine Kussszene mit Elvis. Die war prickelnd. Wir mussten die Szene zwei Mal machen, dann war sie im Kasten. Schade eigentlich. (lacht)

Was erinnern Sie von dem Tag, als der Songwriter Lee Hazlewood Ihnen zum ersten Mal „These Boots Are Made For Walking“ vorspielte?
Ich traf Lee in dem Haus meiner Mutter. Es war keine gute Zeit für mich: Ich ging gerade durch die Scheidung von meinem ersten Mann, ich hatte keine eigene Wohnung, wo ich hätte leben können. Also wohnte ich mit 24 wieder bei meiner Mutter. Lee stellte uns viele Lieder vor, die er passend für mich hielt, darunter auch „Boots“. Da war sofort eine Chemie zwischen uns.

Ahnten Sie, dass es ein Hit werden würde?
Sofort. Ich spürte es in meinem Körper. Es war das eine von zwei Malen, wo ich es genau wusste. „Something Stupid“ war der andere Titel.

Den haben Sie 1967 mit Ihrem Vater im Duett aufgenommen.
Dass ich die Möglichkeit dazu bekam, macht mich heute noch überglücklich. Bei Lee war es anders, er wollte sein Stück eigentlich selbst singen. Ich fand, ein Mädchen kann mit den Stiefeln auf jemandem rumtrampeln, aber ein Typ? Ich sagte ihm, dass ein Mann solch einen Song nicht singen sollte. Und dann hat er ihn mir überlassen. Ich wusste, dass das Lied mir die Möglichkeit geben würde, mein Image zu ändern. Und ich war bereit dazu.

Ihr erster Auftritt mit „These Boots Are Made For Walking“ im Jahr 1966 war auch aufgrund Ihres Outfits aufsehenerregend. Haben Sie lange drüber nachgedacht, ob Sie den Pullover dafür zweckentfremden sollen?
Ich war zuvor in London und hatte die Designerin Mary Quant in ihrem Atelier besucht. Der Minirock hatte sich in Amerika noch nicht richtig durchgesetzt, es fing gerade erst an damit. Aber ich wusste, er war nicht mehr aufzuhalten. Ich suchte in meinem Kleiderschrank nach etwas, dass dem am nächsten kam. Ich fand zwei Pullis, die gerade so meinen Po bedeckten: Einen braunen, den ich auf dem Albumcover von „How Does That Grab You, Darlin’“ trage. Und den schwarzen, den ich im „Boots“-Video anhabe. Ich benutzte sie als Minikleider.

Und alle sprachen drüber.
Dass das so einschlug, hat mich dann doch überrascht. Bald sah ich viele junge Frauen mit Gürtel um den Pullover. Aber das eigentliche Phänomen waren die weißen Gogo-Boots. Alle kleinen Mädchen wollten diese Stiefel. Vielleicht hätte ich eine Schuhfirma aufmachen sollen? (lacht)

Was sagte Ihr Vater zu Ihrem Erfolg?
Er war aufgedreht und freute sich mit mir. Ich weiß noch, dass er in jener Zeit abends raus auf die Bühne ging und sich dem Publikum als „Nancys Vater“ vorstellte. Das war sehr süß von ihm.

Kurz danach erschien Ihr Bond-Song „You Only Live Twice“.
Auch da hatte ich unfassbares Glück, dass man mir so einen wundervollen Song anbot. Wobei die Bond-Sache mich wirklich verängstigte. Da stand ich nun mit diesen wahnsinnig guten Musikern des London Symphony Orchestra im Studio, in Anwesenheit von John Barry und Leslie Bricusse. Das war so eine große Sache, dass mir die Knie schlotterten.

Haben Sie die Beatles in London getroffen?
Ja, drei von ihnen kurz in einem Club. Ich war eigentlich nur dort, um zu sehen, wie ein Londoner Club in den Swingin’ Sixties so ist. Und plötzlich erspähte ich Paul, Ringo und John. Wir sagten uns Hallo, aber sie blieben ziemlich unter sich. Sie waren schüchtern, ich war schüchtern. Zu mehr ist es nicht gekommen.

Wenn Sie zurückblicken auf die Sechziger, wie bewerten Sie die Dekade?
Es war eine hektische, verrückte Zeit. Der Vietnam-Krieg schaukelte sich hoch. Überall gab es Proteste. Die Musik veränderte sich ständig, die Songs wurden politischer und Kriegslieder wichtiger. Obwohl meine Songs das nicht bewusst reflektierten und ich keine Joan Baez war, wurden sie plötzlich für andere wichtig. Für die Soldaten im Krieg zum Beispiel. Es war auch für mich eine Zeit der Veränderung.   

Sie wurden zur Feministin.
Nun, ich kannte das Wort damals noch nicht. Aber von der Bedeutung her war ich es. Ich ermutigte Frauen dazu, unabhängig zu sein und sich die Freiheit zu nehmen, sich auszudrücken. Ich realisiert damals nicht, dass das Feminismus war. Für mich war es einfach mein neuer Lifestyle. Denn davor war ich ein Mädchen, dass Bubblegum-Lieder auf dem Label ihres Vaters veröffentlichte.

Haben Sie auch die freie Liebe gelebt?
Nicht wirklich, ich war diesbezüglich sehr konservativ, auch durch meine Erziehung. Ich bin sogar als Jungfrau in meine erste Ehe gegangen.

War eine Liaison mit Lee Hazlewood nie ein Thema?
Lee war verheiratet. Da war eine besondere Chemie zwischen uns, die sich auch in den Aufnahmen niederschlug. Er war immer für mich da, aber wir sahen uns nie wirklich als Liebende. Es war eine wundervolle kreative Verbindung, die drei großartige Duett-Alben hervorbrachte. Doch von heute auf morgen verschwand er aus meinem Leben. Wir waren inmitten von Albumaufnahmen. Aber er zog einfach weg nach Schweden – ohne mir davon zu erzählen oder sich zu verabschieden.
 

Nancy Sinatra // © instagram.com/nancysinatra

Heutzutage nennt man das Ghosting.
Er brach mir mein Herz damit.

Konnten Sie die Situation später klären?
Wir haben drei Jahre vor seinem Tod ein weiteres Album gemacht. Er hat mir nie Gründe genannt. Es fiel mir schwer, ihm zu vergeben. Aber ich muss ihm zu gute halten, dass ich ihm meine Karriere verdanke. Durch die Songs, die Musiker, mit denen er mich zusammenbrachte, und die Art, wie er meine Stimme aufnahm.

Nachdem 1985 Ihr zweiter Ehemann verstorben war, zogen Sie sich aus dem Musikgeschäft zurück, um sich ganz der Erziehung Ihrer Kinder zu widmen. Haben Sie das jemals bedauert?
Nein, nie. Ich war immer ein Familienmensch und mir war klar: Meine Kinder kommen zuerst. Aber wenn ich etwas bedaure, dann ist es, nicht studiert zu haben. Ich war auf der Universität, ich liebte es, aber verlies sie, um zu heiraten. Das war wirklich dumm von mir. Es ist so bereichernd, etwas zu lernen und zu verstehen.

Und sich für den „Playboy“ ausgezogen zu haben?
Das bedaure ich nicht, denn ich brauchte das Geld. Ich wollte Mitte der Neunziger meine Karriere wiederbeleben. Ich wollte ein neues Album aufnehmen, ich kannte Hugh Hefner gut, und „Playboy“ bot mir das Geld an, um es umsetzen zu können. Als ich meinem Vater erzählte, dass sie mir 50.000 Dollar angeboten haben, meinte er trocken: „Verlang das Doppelte“.

Man würde annehmen, dass eine Sinatra-Tochter reich genug sein müsste.
Ich war Zeit meines Lebens eine berufstätige Mutter.

Wer verwaltet die Rechte an den Songs Ihres Vaters?
Meine Schwester Tina kümmert sich darum. Wir stehen uns sehr nahe. Natürlich fragt sie mich vor Entscheidungen manchmal nach meiner Meinung. Aber sie macht einen guten Job und weiß, was das Richtige ist.

Es gibt viele Tribute-Shows mit Sinatra-Darstellern. Wie gefällt Ihnen das?
Ich habe einige gesehen, nicht alle waren gut. Aber ich wertschätze die Tatsache, dass sie versuchen, das Werk meines Vaters am Leben zu erhalten. Dasselbe versuche ich auch mit meiner Radioshow „Nancy For Frank“, in der ich über ihn sprechen kann und seine Musik spiele. Frank Sinatra ist heute sehr präsent in meinem Leben. Das war nicht immer so.

Wie meinen Sie das?
Kurz, nachdem er verstorben war, musste ich um alles, was mit ihm zu hatte, einen Bogen machen. Es war einfach zu schmerzvoll. Besonders am Anfang. Ich brauchte eine lange Zeit, damit der Teil von mir heilen konnte. Ich musste mich wieder daran gewöhnen, seine Stimme zu hören mit dem Wissen, dass er nie wieder zu mir spricht. Es brauchte viele Monate. Irgendwann war ich gezwungen, mir wieder seine Lieder anzuhören, denn ich musste Titel für die Radioshow auswählen und im Familien-Archiv wühlen. Ich hatte also keine andere Wahl.

Gibt es immer noch einen Song, bei dem der Schmerz wieder hochkommt?
Sämtliche Weihnachtslieder. Das war immer die schönste Zeit mit ihm. Aber wir stellen uns seelisch darauf ein und spielen sie trotzdem noch jedes Jahr. Ab „Thanksgiving“ zelebrieren wir die Weihnachtszeit à la Sinatra mit all der Musik, die dazugehört.

Glauben Sie, dass die Musik der Sinatras die Zeit überdauern wird?
Die Musik meines Vaters hat den Test der Zeit bestanden. Es gibt immer wieder neue Generationen von Leuten, die seine Musik für sich entdecken, das hört nie auf. Was meine Musik betrifft, dürften da zumindest ein paar Songs sein, die immer mal wieder ein Revival erleben, weil sie ein eigenes Leben haben. Einige Jahre werden sie kaum gespielt, dann ergibt sich wieder irgendwas, und plötzlich sind sie wieder populär. „These Boots Are Made For Walkin’“ ist einer davon, „Sugar Town“ ein anderer. Und die Songs des Albums „Nancy & Lee“ werden wohl immer präsent sein.

Hat es Ihrer Reputation geholfen, dass Quentin Tarantino 2003 Ihr Cher-Cover von „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“ für den Film „Kill Bill“ verwendete?
Ich war Quentin sehr dankbar dafür. Junge Leute wurden dadurch aufmerksam auf meine Musik. Er sagte, dass er das schon seit Jahren geplant hatte. Und schlussendlich war er dann in der Lage, den Film zu drehen und den Song zu verwenden.

Lana Del Rey bezeichnet sich gern als Gangsta-Sinatra. Wie gefällt Ihnen das?
Das ist sweet. Ich finde sie großartig. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass heutige KünstlerInnen mit mir etwas anfangen können.

Welchen Tipp würden Sie junge MusikerInnen geben?
Folge deinen Träumen und verzweifle nicht, wenn es nicht gut läuft am Anfang. Es gibt heutzutage so viele Wege, gesehen und gehört zu werden. Social Media macht vieles einfacher. Du kannst selbst dafür sorgen, deine Platte rausbringen, du brauchst keine Plattenfirma mehr, um etwas zu erreichen. Der Schlüssel ist immer Promotion. Du musst jemanden haben, der deine Arbeit unterstützt. Ein anderer Rat stammt von meinem Vater: Als Künstler sollte man die Rechte an den eigenen Master-Bändern besitzen. Für den Tipp danke ich ihm sehr. Denn ohne den wäre auch „Start Walkin’“ nicht möglich gewesen.

Nancy

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