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Ich zeige das an! Betrugsfälle auf queeren Onlineportalen

vvg - 27.03.2020 - 12:00 Uhr

Die Geschichte, die uns Schauspieler Peter Clös erzählte, wie er auf den Blauen Seiten geschickt ausgenommen wurde, erschütterte uns; wir wußten nicht, wie wir in so einem Fall reagiert hätten. Wichtig war uns, dies öffentlich zu machen, da es sich wahrscheinlich um professionelle Betrüger handelt, die mit einer ausgeklügelten Masche Opfer suchen. Damit andere gewarnt sind oder auch als bereits mögliche Opfer wissen, wohin sie sich wenden können, trafen wir uns mit dem Schauspieler und Şefika Gümüş vom RUBICON.

Peter, Du bist gelinkt, belogen und betrogen worden. Was genau ist passiert?

Anfang November 2019 schrieb ich auf GayRomeo einen jungen Mann an, der Köln als Wohnort angab und einen älteren Ihn suchte. Es stellte sich jedoch heraus, dass er in Russland lebte und die Idee hatte, als Schutz ein Profil im Ausland zu schalten: „Ich möchte einen Freund finden, dem ich mich öffnen kann - ohne Angst vor Verurteilung.“ Evgeny - so sein Name - wollte von GayRomeo weg, deshalb kommunizierten wir weiter über Mail. Fünf Wochen schrieben wir uns täglich je einen Brief. Er stamme aus einer christlichen Familie, der Vater verstieß ihn wegen des Schwulseins, seine Mutter halte zu ihm. Ich erzählte ihm aus meinem Leben.

Er fasste den Entschluss, über den Jahreswechsel nach Deutschland zu kommen. Der Flugschein wurde gekauft, mir als Kopie per Mail gesendet. Doch plötzlich gab es Schwierigkeiten, das Visum sei teurer als erwartet, und er bat mich, einen vierstelligen Euro-Betrag zu schicken. Ich überwies ihm den Betrag. Danach hörte ich nie wieder von ihm. 

Was hat Dich so blind gemacht?

Die Qualität des Briefwechsels! Nie zuvor habe ich solche Briefe erhalten. Seine Sätze waren voller Poesie. Er sprach vor allem meine Gefühle an und beschwor den „Gleichklang unserer Seelen“. Und dann sein Fleiß: wenn er fünf Wochen lang täglich „solche“ Briefe schreibt, dann MUSS er es ernst meinen. Ich glaubte, das große Los gezogen zu haben, glaubte wieder an die Liebe, hielt alles für möglich - auch, dass ich mit 64 Jahren das Leben nicht allein verbringen muss. Blind machte mich auch, dass er zwei Mal anrief und sich die russische Visum-Stelle bei mir meldete, die seine finanzielle Notlage bestätigte. Als ich ihm helfen konnte, fühlte ich mich großartig! Er würde ausreisen dürfen und ich würde alles dafür tun, die Perspektive seines - und meines - Lebens zu verbessern. Heute frage ich mich: Gibt es Evgeny wirklich? 

Was hast Du getan, als Du gemerkt hast, dass hier etwas Kriminelles passiert?

Als ich realisierte, dass ich einem betrügerischen Netzwerk aufgesessen war, fiel ich in ein Loch aus Selbstanklage und Scham. Aber mir war klar, sobald ich wieder bei Kräften bin, werde ich Anzeige erstatten, die Flucht nach vorn antreten, um meine Würde zurückzuerhalten.

Im Februar nahm ich Kontakt mit dem Sozialdienst von RUBICON auf und traf dort auf Şefika, die mich zwecks „mentaler Unterstützung“ auf die Polizeiwache Kalk begleitete. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Es fällt mir nicht leicht, mit meinem „Fall“ an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber, wenn es hilft, andere zu warnen und zu schützen, hat das, was mir geschehen ist, einen Sinn gehabt.

Şefika, wie sollten Leute, denen Vergleichbares passiert, reagieren?

Menschen, die Vergleichbares erleben oder erlebt haben, sollten mich anrufen oder mir schreiben. Ich berate zur Strafanzeige und, falls es gewünscht ist, unterstütze ich bei der Formulierung für eine Online-Anzeige oder begleite auch zur Polizei.

Falls schon eine Strafanzeige läuft, wäre es wichtig. mich darüber zu informieren, so dass die Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit die Polizei NRW auf eine eventuelle Anhäufung derartiger Betrugsfälle auf queeren Onlineportalen aufmerksam machen kann.

Kontaktdaten: Şefika Gümüş, sefika.guemues@rubicon-koeln.de, 0221-2766999-55

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