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Ruth Moschner // © Bernd Jaworek

Im Interview Ruth Moschner

vvg - 29.04.2021 - 21:30 Uhr

Ruth Moschner ist Schauspielerin, Buchautorin, aber vor allem bekannt als die Frohnatur unter den Moderatorinnen, derzeit u.a. bei „Masked Singer“, „Falscher Hase“, „Genial daneben“ oder „Buchstaben Battle“. Und ein Buchstabenbattle von A bis Z löste sie auch für unser Interview.

Allround-Talent - du kannst sooo vieles - was kannst du nicht?
Es gibt sehr viele Dinge, die ich nicht kann. Ich habe keinen Orientierungssinn, ich kann nicht singen, ich habe wenig Freude an Inneneinrichtung. Ich glaube, die Kunst ist es, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Dann kannst Du Dir auch irgendwann ein Navigationsgerät, ein Abo bei nem Streamingdienst oder eine Inneneinrichterin leisten. (lacht) Im Ernst, ich habe mal von einer Studie gelesen, die unterstützt, Kinder in der Schule in ihren Stärken zu fördern, denn nur so erreichen wir eine Vielfalt an Großartigkeit unserer Gesellschaft. Keine*r kann alles, muss ja auch nicht. Hätten wir nur Akademiker*innen, wer würde dann Häuser bauen, Brot backen, etc.?

Buchstaben Battle - täglich und gleichzeitig bist du auf vielen Kanälen …
Das darf man nicht überbewerten. Was ich toll finde, ist dass ich seit meinem 20. Lebensjahr wirklich durchgängig als Moderatorin arbeiten darf. Ich halte aber auch die Projekte mit weniger Aufmerksamkeit für genauso wichtig, was meine Entwicklung angeht.

Charakter        
ist essentiell. Selbst Wein oder Käse haben einen. (lacht)                              

Dummheit
Dummheit ist grundsätzlich nichts Schlimmes. Schlimm wird es nur, wenn Macht dazukommt. Diese Kombination macht mir dann doch Angst.

Erfolgsdruck
Die Frage ist doch vielmehr, wie man Erfolg überhaupt definiert! Für viele bedeutet das vielleicht Prominenz, finanzieller Reichtum, aber vielleicht ist es doch viel eher die Freiheit, das zu tun, was man wirklich wollte. Unter Druck funktioniert aber, meiner Ansicht nach, nichts dauerhaft. Außer bei Diamanten vielleicht, aber wegen denen gab es auch schon reichlich Krieg.      

Falscher Hase - kannst du Gays und Heteromänner auf Anhieb erkennen?
Hallo? Story of my life!! Ich habe meinen Freund in einer Schwulenbar kennengelernt und angesprochen, weil ich ihn mit einem schwulen Freund verkuppeln wollte. Haha. Die Sendung „Falsche Hase“ zeigte meiner Ansicht nach genau das, was Sache ist: nämlich dass es den klassischen Klischee-Schwulen eben nicht gibt. Nicht jeder Schwule läuft frischgeduscht in Teekannenhaltung herum, und nicht jeder Kerl, der einen Rock trägt oder sich die Fingernägel lackiert, liebt Männer. Aber vielleicht waren wir damit unserer Zeit etwas voraus, denn trotz sehr guter Quoten wurde sie nicht fortgesetzt.

Google
Mein absoluter Kumpel, wenn es um meine Detektivarbeit bei „Masked Singer“ geht.                                               

Homosexualität
Es macht mich wahnsinnig und traurig zugleich, dass wir im Jahr 2021 immer noch unendlich viele Länder haben, in denen Homosexualität oder „Propaganda“ für Homosexualität strafbar ist. Aber auch Äußerungen von Papst Franziskus, der auf eine Frage, was er denn raten würde, wenn das Kind schwul sei, antwortete, man solle beten. Totalausfall! Solche Statements sind meiner Ansicht nach strafbar, denn sie schüren das Vorurteil, dass Homosexualität etwas Dunkles, Verbotenes sei, eine Entscheidung, die jemand fällt. Was hätte der Pope weltweit verändern können, wenn er mit seinem Einfluss gesagt hätte, wir sind alle anders, aber jede*r sollte das Recht haben, zu lieben, wen man möchte.                                   

Intelligenz
Wahnsinnig attraktiv! Ich selbst bin eher Durchschnitt, aber ich liebe es, dass ich einige Intelligenzbolzen in meinem Freundeskreis habe und genieße den Austausch mit ihnen sehr!                                   

Jugendsünde
Haha… ich sage es mal so, es rettet mich, dass es damals noch keine Smartphones und Socialmedia gab.            

Komfortzone
Ich schwanke stets zwischen Weltherrschaft und Weltfrieden. Ich bin Widder, Aszendent Waage, wer sich damit auskennt, weiß, was ich täglich durchmache. Ich sage schneller ja, als ich denken kann, und mache mir dann aber vor lauter Aufregung ins Hemd. Was hilft, ist die immer größer werdende Erfahrung und vielleicht doch ab und zu mal vor dem Sprechen nachzudenken.            

Langeweile
Ich habe seit Jahren diesen Punkt auf meiner Bucketlist, dass ich mir mal zwei Tage frei nehme, um mich ernsthaft und exzessiv zu langweilen. Ich glaube, das wird eine meiner größten Herausforderungen.

Masked Singers
Ist die Party, die wir aktuell nicht feiern können. Herrlich bekloppt und übertrieben. Bunt, fröhlich, überschäumende Liebe zum kleinsten Detail, tut keinem weh und macht einfach große Freude!                                               
 

Ruth Moschner // © Bernd Jaworek

No-Gos
Ungefragt Dickpics zu verschicken.                                               

Outing  (#actout)
Warum kann ein heterosexueller Mensch eine*n Homosexuelle*n spielen und umgekehrt soll es nicht gehen? Ich habe vor Jahren ein Buch von Rupert Everett gelesen. Ich meine, er war einer der Ersten, wenn nicht sogar der Erste überhaupt, der sich als Hollywoodschaupieler geoutet hatte. Danach gab es nur noch Filmangebote für homosexuelle Figuren. Als ob er das andere plötzlich nicht können würde, obwohl er es vorher schon mehrfach bewiesen hatte. In meiner Phantasie stelle ich mir vor, dass man sich irgendwann gar nicht mehr outen muss. Momentan ist es wohl noch nötig, wobei ich immer das Gefühl habe, dass in den Köpfen der Menschen da die Vorstellung der körperlichen Lust dominiert und gar nicht das mentale Lebensgefühl.                        

Parodien (aktuell Matthias Richling parodiert Ruth Moschner)
Ich bewundere es, mit wieviel Leidenschaft sich Leute in so eine Arbeit reinhängen und fühle mich da durchaus geschmeichelt, weil es ja heißt, dass diese Menschen denken, ich hätte einen hohen Wiedererkennungswert.

Querdenker
Es ist eventuell der einfache Weg der schlichten Gemüter, sich eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe als Schuldige für die Gesamtsituation auszusuchen. Das Internet und die fehlenden Gesetze, was das Verbreiten von Fakenews angeht, macht das Ganze erst in diesem Ausmaß möglich. Wir Deutschen wachsen seit Jahrzehnten in einem Schulsystem auf, welches uns nicht mehr beibringt zu reflektieren und Eigenverantwortung zu übernehmen. Ich liebe unseren Sozialstaat, ich bin stolz, dass wir z.B. etwas wie Kurzarbeit anbieten können und das unterstütze ich auch sehr gerne mit meinen Steuergeldern. Aber unser Staat ist nicht für alles verantwortlich. Wenn wir uns öfter mal daran erinnern würden, dass wir alle soziale Wesen sind und jede*r etwas beitragen kann – z.B. Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Menschlichkeit – dann stünden wir besser da. Mir fällt kein Zacken aus der Krone, wenn ich in meiner aktuell sehr privilegierten Situation in meinem Umfeld nachfrage, wo ich helfen kann. Mutti Staat muss nicht alles richten. Ich finde nicht alles gut, was unsere Politik tut und entscheidet, das darf man in einer Demokratie durchaus auch äußern, aber Hass ist keine Meinung und Falschmeldungen sind keine Fakten. Ich bin aktuell froher denn je, keine Politikerin zu sein. „Wir“ haben Covid-19 vor etwa einem Jahr entdeckt, vergleicht man das mit dem Wissenstand über andere Viren wie Pocken, Kinderlähmung, auch Grippe, ist unsere Zeitrechnung doch relativ zu betrachten und in dem Zusammenhang sind wir doch schon ziemlich weit. Derartige Situationen sind viel zu komplex, als dass es hier nur eine Antwort für alle gäbe. Denn es geht darum, aktuell niemanden unnötig zu gefährden. Betrachtet man im Vergleich dazu zum Beispiel, dass pro Jahr etwa dei Millionen Kinder an Hunger sterben und man dieses Problem tatsächlich lösen könnte ohne die Gesundheit anderer zu gefährden, sieht man vieles in einer anderen Relation.

Rassismus
Die Rassismus-Debatte zeigt sehr deutlich, dass wir noch sehr an unserer Fehlerkultur arbeiten müssen. Warum fällt es uns so schwer, uns einzugestehen, dass wir ignorant sind oder waren, wenn wir doch einfach nur Bereitschaft zeigen könnten, Dinge zu verändern. Nur, weil etwas Tradition ist oder Sprache, heißt es noch lange nicht, dass es richtig ist. Es ist wirklich an der Zeit, anzufangen etwas zu verändern. Dass so etwas nicht von heute auf morgen geht, ist ja wohl klar.   

Shitstorms

Manchmal können Shitstorms im Einzelfall etwas bewirken, aber sie lösen natürlich auch sehr viel negative Energie aus, womit wir dann wieder bei der Frage zur Fehlerkultur wären. Wut muss manchmal vielleicht sein, aber ist natürlich nicht immer konstruktiv.

Tabu-Themen
Nichts sollte tabu sein, denn ich glaube, dass eine offene Kommunikation eine Weiterentwicklung mit sich bringt. Respektvolles Miteinander ist hier natürlich wichtig, keine Übergriffigkeit.                      

Umwelt
Was soll man dazu sagen, der Permafrost taut auf. Es ist Viertel NACH 12 und wir tun NICHTS dagegen. Es gibt Erkenntnisse, dass alte Virenstämme damit freigesetzt werden. Zusammenhänge von Massentierhaltung und Krankheiten, die auf den Menschen übertragen werden, sind für Wissenschaftler nicht von der Hand zu weisen. Aber unsere zuständige Verbraucherministerin isst halt so gerne Cornflakes zum Frühstück, da fehlt wohl die Zeit für andere Themen.                                   

Vorbilder
Meine Uroma Mimi, 1890 geboren, Feministin, bevor es das Wort überhaupt gab. Sie hat sich gegen sexuelle Belästigung gewehrt, das KZ überlebt und nach dem zweiten Weltkrieg eine der modernsten Zahnarztpraxen Deutschlands aufgebaut. Bossbitch mit Humor!

Weißglut
Wenn sich jemand auf Kosten anderer bereichert.             

Xenophilie (Vorliebe für alles Fremde)
Ich denke, wenn wir unserer natürlichen Neugierde nachgeben und Fragen aus dem Herzen herausstellen, würden sich Weniger diskriminiert fühlen.

Yellowpress
Leider ist die Berufsbezeichnung „Journalist*in“ kein geschützter Begriff. Ich bin sehr froh, dass ich nicht in deren Haut stecken muss.                                   

Zukunfts-Wünsche
Die Zukunft ist jetzt. Ich versuche, jeden Tag als Bonus zu betrachten. Ich kann mir nicht vorwerfen, irgendetwas verschwendet zu haben. Ich habe noch sehr viel vor, möchte noch vieles kennenlernen. Aber Zeit ist kostbar und eben keine Selbstverständlichkeit.

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