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Jane Birkin // © instagram.com/janebirkinoff

Jane Birkin „Ich hatte schreckliches Glück in der Liebe“

ks - 01.03.2021 - 21:24 Uhr

Jane Birkin ist Sängerin, Schauspielerin, Stilikone und Musiker-Muse. Vor 30 Jahren starb ihr Ex-Lover Serge Gainsbourg, mit dem sie den Welthit „Je t'aime … moi non plus“ einstöhnte und kurz darauf ihre Tochter Charlotte Gainsbourg zeugte, die auch Sängerin und Schauspielerin ist. Die britisch-französische Künstlerin trägt mit 74 noch die Ponyfrisur und das schöne Lächeln von damals – zu bewundern ist beides in ihrem Video zu „Les Jeux Interdits“. Der Song stammt von ihrem neuen Album „Oh! Pardon Tu Dormais“, das sowohl melancholische als auch poppige Momente bereit hält. Im Schwulissimo-Gespräch erzählt Birkin, was sie über die Liebe gelernt hat und warum sie Serge Gainsbourg 30 Jahre nach seinem Tod in Schutz nimmt.

Ms. Birkin, wo erwische ich Sie gerade?
Ich bin in Paris in meiner Wohnung. Ab und zu muss ich aus dem Haus, um eine Radiostation aufzusuchen. Ich hatte ja Glück. Mein Album ist trotz Lockdown fertig geworden. Die Stimmaufnahmen passierten noch im März. Im Juni musste ich zurück ins Krankenhaus, weil es mir nicht so gut ging. Und als ich wieder rauskam, war die Orchestrierung des Albums mit den Violinen praktisch fertig.

Warum waren Sie im Krankenhaus?
Nicht wegen Covid, wegen der Leukämie, die ich schon seit einigen Jahren habe. Aber mir geht’s wieder gut. Es war letztendlich nur eine Routine-Behandlung. Es war sogar ziemlich schön im Krankenhaus. Davor war mir so langweilig. Im ersten Shutdown war ich nur allein Zuhause. Clevere Freunde nahmen die letzten Züge raus in die Bretagne, wo ich ein Haus habe. Aber ich war so dumm, in Paris zu bleiben. Ins Krankenhaus zu gehen war eine willkommene Flucht. Ich konnte die Schwestern sehen, die ich so gerne habe, und mich unterhalten. Denn das ist, was ich am meisten vermisst habe: Unterhaltung.

Sie haben also auch Ihre Töchter Charlotte Gainsbourg und Lou Doillon gar nicht gesehen?
Nein, niemanden. Das ging auch gar nicht. Charlotte war mit ihren Kindern in New York, sie bekam Covid. Lou war zwar in Paris, aber blieb in ihrem Appartement. Sie ging gar nicht mehr vor die Tür. Aber ich konnte sie wenigstens jeden Tag auf diesem Ding, wie heißt es noch gleich, auf Instagram sehen. Da hat sie eine tolle Show gemacht, bei der ich manchmal mitmischen durfte. Und jeden Tag wartete ich auf den Anruf von Charlotte, unsere Gespräche waren wundervoll. Aber du vermisst, Leute anzufassen. Lou wurde regelrecht depressiv, weil ihr die Berührungen fehlten. Und bei alten Leuten traut sich dieser Tage eh keiner mehr vorbeizukommen, weil alle Angst haben, das Virus weiterzugeben. Es war also ein ziemlich einsames Jahr für mich.

Macht es Sie stolz, dass Ihre Töchter in Ihre Fußstapfen treten?
Ich freue mich vor allem für beide, dass sie sich kreativ ausdrücken können. Sie machen Dinge, die sie glücklich machen, sie werden gefeiert und bewundert für das, was sie tun; nicht für ihre Gesichter, so wie es bei vielen anderen der Fall ist.

Ein Duett mit Ihren Töchtern gibt es auch auf Ihrer neuen Platte nicht.
Die hat ja auch nichts mit ihnen zu tun. Dieses Album nimmt Bezug auf das gleichnamige Bühnenstück, das ich vor 20 Jahren geschrieben habe, sowie den späteren Film. Es handelte von einer Trennung zwischen einem Mann und einer Frau. Étienne Daho (französischer Sänger und Komponist, Anm. d. Red.) schaute bei der Aufführung vorbei und wollte damals schon meine Texte in Musik kleiden.

Aber es brauchte noch ein paar Jahre, bis Sie sich ihm anvertrauten?
Ja, meine Tochter Kate starb 2013, ich schrieb drei bis vier Songs darüber. Ich habe sieben Jahre kein Wort über ihren Tod verloren. Aber wenn ich mich nun künstlerisch ausdrücke, dann muss ich es zuallererst mal über sie tun.

Als eine Art Therapie?
Nein, nichts kann mich von dem Schmerz befreien. Du lebst einfach weiter. Mein Bruder verlor seinen Sohn, als dieser 20 war. Annos Tod bei einem Autounfall war grausam. Ich habe noch nie Jemanden so am Boden zerstört gesehen wie meinen Bruder – und ich habe wirklich schon einige Tragödien miterlebt. Auch Charlotte und Lou haben mehr Tragödien gesehen als die meisten Menschen. Es widerfährt vielen Menschen. Ich hatte immerhin das Glück, Kate 47 Jahre in meinem Leben zu haben. Es war eine wundervolle, wenn auch turbulente Beziehung. Wir hatten viele Kämpfe, als sie ein Teenager war. Aber sie war so lustig und originell, nur eben auch sehr kompliziert.

Mussten Sie Ihr vergeben?
Vergeben? Wofür? Es gibt nichts zu vergeben. Die Umstände ihres Todes sind ja überhaupt nicht geklärt. Es ist ein Mysterium. Es kann sein, dass sie das Fenster nur für eine Zigarette geöffnet hat, daher auch das Lied auf meiner Platte. Sie kann sich aber auch gewollt heruntergestürzt haben. Alles ist möglich. Wir wissen es nicht, und wir werden es nie wissen.

Macht das die Sache einfacher oder schwerer?
Es macht nichts einfacher oder leichter. Jeder aus unserer Familie kommt mit anderen Ideen, wie es gewesen sein könnte in ihren letzten Minuten. Es lässt uns keine Ruhe. Aber es ändert auch nichts an der Tatsache, dass sie nicht hier ist. Wenn mir überhaupt etwas geholfen hat, dann ist es die Zeit.
 

Jane Birkin // © instagram.com/janebirkinoff

Verfolgen Sie die Geister der Vergangenheit in Ihre Träume? Der Song „Ghosts“ legt das zumindest nahe.
Es ist eher so, dass ich sie herbeisehne. Es sind die Geister, die ich rief. Vermutlich ist das sehr englisch. Es ist eine Hoffnung, dass sie kommen und dich mitnehmen in das Land, das du kanntest, als du jung warst. So ein bisschen wie Peter Pan.

Sie fliehen also in Ihr Nimmerland?
Es ist nicht jede Nacht gleich. Ich fühle es nicht immer. Aber der Song wurde von der Idee inspiriert, ein Refugium zu finden. Das ist doch das Großartige beim Songwriting: Du kannst übertreiben und versuchen, die Dinge schöner zu machen, als sie waren oder sind.

Serge Gainsbourg hat Ihnen wundervolle Lieder auf den Leib geschrieben. Ist es dann nicht schwierig, dem musikalisch eins drauf zu setzen?
Die Songs, die Serge mir nach meiner Trennung von ihm gab, um sie zu singen, waren Lieder über seine Traurigkeit. „Fuir le bonheur de peur qu’il ne se sauve“ oder „Les dessous chics“ – all diese wunderbaren Stücke handeln von der Misere, durch die er ging. Er erwartete von mir, dass ich seine Seite der Geschichte singe. Ich habe das getan; die viele Jahre über als er am Leben war und noch mal weitere 30 Jahre nach seinem Tod. Aber nachdem ich mein Leben lang über seine Gefühle gesungen habe, fand ich, dass es mal an der Zeit wäre ein Album machen, dass meine Gefühle repräsentiert.

Fühlt sich das wie ein Befreiungsschlag an?
Solche Gedanken habe ich nicht. Ich freue mich einfach nur, dass die Leute es mögen. Lange Zeit dachte ich, ich wäre nur sein Produkt. Dass das britische Mojo-Magazin dem Album vier Sterne gab, hat mich auch deshalb überrascht.

Die freiheitsliebende, provozierende „Jane B.“, so wie die Leute Sie lieben lernten, hätte es ohne Serge aber gar nicht gegeben, oder? 
Nein. Er war derjenige, der mich ermutigt hat. Als ich noch in England lebte und diese desaströse Ehe mit John Barry führte, war ich so unglücklich. Meine Eltern hatten mich gewarnt: „Heirate nicht! Er ist zu attraktiv, den bist du gleich wieder los.“ Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich dachte, ich hätte den wundervollsten, brillantesten Ehemann der Welt. Den Rat hätte ich annehmen sollen. Mein Baby Kate war das Einzige, was mich aufmunterte. Ich hatte zwar eine wundervolle Kindheit und Teenagerzeit mit meinem Bruder und meiner Schwester, aber das Leben verdunkelte sich in den Jahren meiner ersten Ehe. Alles, was Spaß machte, passierte erst nach meinem Umzug nach Frankreich.

Ihre Hauptrolle im Film „Slogan“ von 1969 sorgte für das schicksalhafte Treffen.
Ja, ich begegnete Serge. Er fand mich schön. Wir sangen „Je t'aime … moi non plus“, das Lied wurde plötzlich zum Riesenhit. Wir bekamen eine zweite Tochter, wir machten all die Fotografien für die Ewigkeit und hatten so viel Spaß bei Auftritten im Fernsehen. So ein Leben hätte ich ganz sicher niemals in England führen können. Auch deshalb habe ich Paris in über 50 Jahren nicht den Rücken gekehrt.

Wie haben Sie es geschafft, nach der Trennung Freunde zu bleiben?
Ich habe gar nichts geschafft. Ich wollte natürlich gerne mit Serge befreundet sein. Aber ich war diejenige, die weggelaufen war mit einem anderen Mann, es war also nicht unbedingt davon auszugehen. Doch es war mein Glück, dass Serge mich in seinem Leben behalten wollte, auch als er schon längst eine neue Bindung mit Bambou hatte. Wir wurden zu den Freunden, die wir nie waren, als wir noch liiert waren. Wir waren einfach zu sehr damit beschäftigt, das Leben voll auszukosten. Es war nun mal eine außergewöhnliche Zeit mit einem außergewöhnlichen Mann.

Sie haben ihn jüngst verteidigt gegen Anschuldigungen der frankobelgischen Sängerin Lio, die ihn als „Harvey Weinstein des Chanson“ bezeichnete.
Serge schrieb Songs, die skandalös waren, er war jemand, dem es gefiel, zu provozieren, er schrieb die krassesten Gedichte, er konnte grausam, sarkastisch und schwierig sein, aber er hatte ein Herz aus Gold. Jeder der ihn kannte, weiß, dass man seine Skandale nicht auf ihn als Menschen projizieren konnte. Er schlich auch keinen Teenagern hinterher und drohte ihnen später, ja nichts auszuplaudern. Er war der Typ Oscar Wilde, der nie widerstehen konnte, einen markigen Spruch abzusetzen. Es war manchmal schmerzvoll, aber sie machten es, weil sie brillant waren, weil sie die Provokation und das Wortspiel liebten.

Und wie bewerten Sie das heute?
Damals hätte ihm schon gerne gesagt, dass er weniger trinken soll. Aber 30 Jahre später denke ich manchmal, er hat doch eigentlich nur die Wahrheit ausgesprochen. Wo liegt die Schmach darin? Wenn Serge im Fernsehen war, schalteten alle ein, um zu sehen, was er als nächstes anstellt: Würde er wieder eine 500-Franc-Geldnote verbrennen, würde er sagen „I want to fuck her“ wie damals zu Whitney Houston?

Werden die Anschuldigen seinen Ruf beschädigen?
Nein. Man muss nur die Zeitungen aufschlagen, um zu sehen, dass er auch 30 Jahre nach seinem Tod der größte Dichter ist, den die Franzosen aus der jüngsten Vergangenheit erinnern. Sein Haus ist ein Museum. In den nächsten drei Monaten werden ihm zu Ehren Feierlichkeiten in Frankreich abgehalten, die nicht größer sein könnten und mit nichts vergleichbar sind.

Was haben Sie über die Liebe gelernt?
Das ist, als würden Sie mich fragen: „Wie haben Sie gelernt zu atmen, als Sie geboren wurden?“ Ich weiß es nicht, ich liebte einfach.

Würden Sie sagen, Sie hatten Glück in der Liebe?
Oh ja. Schreckliches Glück!

Würden Sie etwas ändern, wenn Sie zurückblicken?
Nein. Da wäre auch nichts, was ich ändern könnte, ohne von dem zu verlieren, was ich liebe. Du kannst nicht zurückgehen und nur Details ändern. Es funktioniert nicht. Aber was ich mitgenommen habe ist, auf das Schicksal zu vertrauen. Ich glaube daran, dass du jede Zufälligkeit mit offenen Armen annehmen musst. Denn sie könnte dein Leben verändern.

Wie geht es für Sie weiter?
Ich werde auf Tour gehen. Denn es ist wundervoll, unterwegs zu sein, gerade wenn du kein Privatleben hast und keine kleinen Kinder oder sonst jemanden, um den du dich kümmern musst. Jede Nacht zwei Stunden diese Person zu spielen, die die Songs singt, ist bereichernd.
 

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