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Jonathan Zelter // © vvg

Jonathan Zelter „Es gibt einen Song von mir, der bekannter ist als ich in Person.“

vvg - 02.04.2021 - 09:00 Uhr

Jonathan Zelter ist ein deutschsprachiger Sänger, Komponist und Texter. Mit 16 Jahren bewarb er sich mit einem Song bei einem süddeutschen Radiosender und wurde sofort erfolgreich gespielt. Im Februar dieses Jahres veröffentlichte der 25-jährige sein nunmehr drittes Album „2030“, in das man unbedingt einmal reinhören sollte.

Hast du die Coronazeit als Auszeit genutzt?
Ich hatte erwartet, diese Zeit würde allein durch die fehlenden Live-Auftritte ruhiger, aber als Künstler hatte ich auch die Aufgabe, die nun fehlenden Live-Auftritte zu kompensieren. Musik kann und möchte ich dennoch machen, Themen gibt es genug und so viel Zeit zum Schreiben hatte ich lange nicht mehr. Außerdem will man ja nicht den Kontakt zu Fans und Wegbegleitern verlieren oder in Vergessenheit geraten. Im März 2020 haben wir deshalb die erste Single vom Album „2030" ausgekoppelt, inzwischen sind wir bei der vierten und das Album „2030“ ist auch released.

Warum kennt man dich bisher fast nur in der südlichen Hälfte Deutschlands?
Es gibt einen Song von mir, der bekannter ist, als ich in Person. „Ein Teil von meinem Herzen" wird sehr oft gecovert und ist im deutschsprachigen Raum in der Liste der beliebtesten Hochzeitslieder ganz vorne. Dieser Song hat sich verselbständigt. Ansonsten bin ich schon deutschlandweit aufgetreten, werde aber in südlichen Radiosendern öfter gespielt. Bei Bayern Plus habe ich sogar den Hörerpreis für den „Schlages des Jahres" bekommen gegen absolute Top-Konkurrenz wie Helene Fischer, Andreas Gabalier und Roland Kaiser.

Wie bezeichnest du dich: Popsänger, Schlagersänger, Songschreiber, Liedermacher, singender Poet?
Ich habe mir nie viel aus dem Stempel gemacht, den man aufgedrückt bekommt. Wenn man als Künstler deutsch singt, ist es sehr wahrscheinlich, dass man in der Schlagerecke verortet wird. Ich habe nichts dagegen, solange es mir nicht im Weg steht. Wenn allerdings Entscheider aus dem Medienbereich nicht mal die Songs anhören, sondern einen Künstler anhand der vermeintlichen Genrezuordnung in eine Schublade stecken und dem Song und einer künstlerischen Entwicklung keine Chance geben, stört mich das schon. Ich bemerke aber auch, dass Konzertgänger und Musikhörer nicht in Genres unterteilen. Sie gehen danach, welcher Titel sie anspricht: ein guter Titel, egal in welchem Genre, bleibt ein guter Titel.

Du willst mit „2030" deine Komfortzone verlassen, mutiger werden und es riskieren, auf die Schnauze zu fallen – oder zu bekommen. Was passierte?
Als der Titel-Song "2030" ausgekoppelt wurde haben sich die Verschwörungstheoretiker und Querdenker dieser Welt versammelt und sich zu meinem Titel ausgekotzt. Ich bekam sogar handfeste Drohungen. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, vor allem um meine Familie.

Du nennst Homophobie, Klassenkampf, Rassismus und Klimawandel - glaubst du, die letzten Spinner haben dazugelernt - oder haben sich „2030" alle verschworen und wir bekommen alle auf die Schnauze?
In dieser Textzeile steckt viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Es gibt Gesinnungen, die ich nicht auf meinen Konzerten haben will, aber jeder Spinner sollte auch die Chance haben, sich zu entschuldigen, zu besinnen und ist dann vielleicht auch 2030 auf meinem Konzert willkommen.                                  

Du bewegst dich in der Pop- und Schlager-Welt, hast dir schon mit Musikern wie Max Giesinger, Johannes Oerding, Nena und Pur die Bühne geteilt. Wie ist es so im „Haifischbecken“?
Ich denke, es ist wie überall. Diejenigen, die oben angekommen sind, sind genauso cool, wie die Beginner. Am schwierigsten sind die in der Mitte, wenn schon ein paar Jahre vergangen sind und der Sprung in die nächste Erfolgsebene ausbleibt. Bisher habe ich aber meist erlebt, dass mich die Kollegen an die Hand nehmen, gute Tipps geben und mir weiterhelfen.

Bist du ein Einzelkämpfer, schließlich hast du nur ein einmannZELT?
Ich bin noch nie jemand gewesen, der sich zurücklehnt und die anderen machen lässt. Ich will immer nah am Geschehen sein und habe schon in meiner Teenie-Zeit vom Booking, über die Verhandlungen bis zum Technikaufbau alles selbst gemacht. Das könnte ich heute noch, aber ich will mich auf meine Musik konzentrieren und hole mir für die anderen Aufgaben Unterstützung. „einmannZELT“ ist mein Label und so heißt auch mein Verlag - denn in dem Bereich Kreativität, Produktion und Vermarktung möchte ich unabhängig sein.

Viele Lieder gehen ins Ohr, deine Songs gehen ins Herz. Wie kamst du zur Musik und wann wurde sie zum Beruf?
Mit fünf Jahren war ich mit meinen Eltern in Östereich und Italien. Die Hotelmusiker, vor allem die Akkordeonspieler haben mich total begeistert und ich habe bei meinen Eltern so lange gequengelt, bis ich ein Akkordeon bekam und mir die ersten Lieder nach Gehör selber erspielte. Nach einem Jahr war ich so angefixt, dass ich dann unbedingt auch Unterricht haben wollte. Es war nicht einfach einen Lehrer zu finden, denn mit sechs Jahren wird man eigentlich erst zur musikalischen Früherziehung gesteckt. Später kamen Klavier, Komposition, Gesang und eigene Texte dazu. Gedanken beruflicher Art hatte ich zu der Zeit nicht. Es gab für mich einfach nur die Musik, ich hatte auch nie den Vorsatz „fame“ zu werden. Mir ging’s schon immer um meine Musik.

Aktuell wird mit dem Titel „Anna“ das Album promotet, ein Song über missglückte Beziehungen, worunter besonders Kinder leiden. Warum gerade dieser Song?
Ich hatte in meinem Leben immer mal wieder Begegnungen mit Gleichaltrigen, für die dieses Thema eine wahnsinnige Belastung war. Und ich hatte als Kind immer Angst, selbst mal in eine solche Situation zu geraten. Wenn man jünger ist, hat man noch nicht die Weitsicht, dass ein Streit der Eltern nicht immer gleich das große Trennungs-Drama bedeuten muss. Mit dem Song will ich Mut machen, dass egal, was einen gerade beschäftigt, es immer hilft darüber zu sprechen – denn dann merkt man ganz schnell, dass man nicht allein damit ist. Dazu kommt, dass ich meine Reichweite gerne für wichtige soziale Themen nutze: Deshalb bin ich auch Botschafter der Stiftung KinderHerz. Mit meiner Band war ich bei Bülent Ceylans Charity Gala im Mannheimer Palazzo, davor solo in der Westfalenhalle Dortmund beim Livestream des Kind Award Kinderlachen e.V.
 

Jonathan Zelter // © vvg

Werden Bülent und du die neuen Söhne Mannheims?
So weit sind wir noch nicht J. Der Auslöser für mein Engagement von „KinderHerz“ war die Geburt meiner Nichte. Zeitgleich habe ich von der Stiftung erfahren, die sich um Kinder kümmert, die nicht gesund auf diese Welt kommen. Ich hatte einen Song für meine Nichte geschrieben und habe diesen Song der Stiftung vorgestellt. Seitdem hole ich bei Konzerten die Stiftung mit auf meine Bühne und werbe für Unterstützung.

Bist du auf „2030“ vorbereitet, könnte doch sein, dass du eigenen Kindern Fragen beantworten musst?
Ich bin gerade an einem Punkt, wo ich das noch gar nicht überblicken kann. Wir wissen ja seit Corona, was alles in nur einem Jahr passieren kann. Ich könnte es mir vorstellen, aber es ist noch in weiter Ferne.

Du berührst mit deinen ausdrucksstarken, gefühlvollen Texten, wie wir das nur von Klaus Hoffmann oder Robert Long kennen. Woher nimmst du die emotionale Tiefe für deine Texte?
Was mir beim Songschreiben hilft, steht mir im wirklichen Leben oft im Weg – sehr vieles Reflektieren und Aufsaugen und definitiv zu vieles Nachdenken und Sensitivität. Man sollte nicht alles an sich ranlassen, darf sich aber auch nicht abkapseln, wenn’s mal weh tut, was da um einen herum abgeht. Durch die Musik habe ich für mich einen guten Weg gefunden, mich auszudrücken und zu verarbeiten, was ich erlebe.

In „Nicht ohne dich“ beschreibst du eine Stimmung: „Wenn in meinem gelben Bild plötzlich ganz viel schwarze Farbe ist.“ In welcher Farbe bist du am kreativsten?
Eher in der schwarzen Farbe, in dieser Phase kommt das Meiste aus mir heraus. Danach stelle ich mir die Frage, ob das Lied nur für mich ist und es erst einmal in die Schublade kommt oder ob es auch für andere ein Geschenk sein kann.

Du singst in „Parallel“: „Und auf einmal gingst du ein Stück nach rechts und ich ein Stück nach links“ - Glück – Zufall – Kismet?
Alles drei, man kann zu Hause sitzen und sagen „Ich parshippe jetzt“ oder man wagt den Schritt nach links oder rechts und es öffnen sich neue Türen. Klar, es ist in der digitalen Zeit, wo alle nur aufs Handy gucken, nicht einfach, neue Leute im realen Leben zu finden. Die Hollywood-Begegnung im Supermarkt kann praktisch gar nicht mehr stattfinden.

Hast du eigentlich schon den Menschen gefunden, mit dem du parallel gehst?
Ja, den habe ich zum Glück gefunden. J

Deine Songs „Normal“ und „Frieden in mir“ sind Outing-Hymnen. Wie viele Fans haben sich schon für diese Texte bedankt?
Ich hatte ja auch in der Vergangenheit bei „Sei immer du selbst“ und „Man muss sich erst mal trauen“ Songs, auf die ich diesbezüglich viel positive Rückmeldung bekommen habe. Vielleicht kann ein Lied der letzte Anstoß sein, um das Leben so zu leben und zu lieben, wie man das selbst möchte. Ich wünschte, es würde gar kein Thema mehr sein, denn „Was ist schon normal?“

Ist „Kurz vor Kuss“ autobiografisch?
Ja, es gab schon die verpassten Chancen und ich habe schon eine Freundschaft dadurch verloren. Ich finde es schwierig, die Grenze zu benennen, wo hört Freundschaft auf, wo fängt Liebe an? Oft ist diese Grenze sehr verschwommen und es fehlt der Mut, das anzusprechen. Vielleicht fühlt das auch nur einer von beiden? Der endgültige Text ist im Team mit zwei weiteren Autoren entstanden und wir haben festgestellt, dass diese Situation fast jeder schon einmal erlebt hat.

 „Und dann schaut er in den Spiegel“ - Was hat dich zu diesem hochbrisanten Thema inspiriert?        
Mit diesem Lied habe ich mich zum ersten Mal an das Thema Homosexualität getraut, weil es gesellschaftliche Bereiche gibt, wie beim Fußball, bei dem es erst zum Outing kommt bzw. „kommen darf“, wenn die aktive Spielerkarriere vorbei ist. Es rückt aktuell immer stärker in den Fokus und ich wünsche mir, dass auch hier ein Wandel passiert.

In der Süddeutschen haben sich 185 Schauspieler als queer geoutet.
Das Tolle an der Aktion ist, dass damit 185 Personen, die der Öffentlichkeit schon lange vertraut sind, gleichzeitig Stellung bezogen haben. Damit wurde noch einmal eindrucksvoll gezeigt, dass „normal“ eben jeder für sich selbst definieren kann.

Welchen Kontakt hast du zur Gay-Community?
Ich hatte als Künstler auf der Bühne immer wieder Berührungspunkte z.B. beim Fantasy-Pride, beim Frankfurter CSD, aber ich selbst habe wenig persönlichen Kontakt. Da bin ich zurückhaltend, weil ich mir manchmal denke, dass die Veranstaltungen, die eigentlich Toleranz und Akzeptanz in der Gesamtbevölkerung erhöhen sollen, oft das Gegenteil bewirken – vor allem weil in den Medien immer nur die schrillsten und plakativsten Motive landen.

Wie siehst du deine Zukunft und welche Wünsche hast du - nicht nur bis 2030?
In erster Linie wünsche ich mir, dass etwas von der Normalität zurückkommt, die wir vor Corona hatten. Ich muss keine großen Reisen machen, aber ein Kurztrip in den Schwarzwald oder nach Italien wäre schon schön. Ich möchte wieder unbeschwert unter Menschen sein und die, die ich gerne habe, wieder umarmen können. Und natürlich möchte ich wieder mit meiner Band live für ganz viele Menschen Musik machen können.

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