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Klaus Wowereit // © Archiv

Klaus Wowereit Ich bin schwul - und das ist auch gut so!

vvg - 02.07.2021 - 09:00 Uhr

Kurz vor seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister Berlins outete sich Klaus Wowereit am 10. Juni 2001 und damit fand sein legendäres Outing vor nunmehr genau 20 Jahren statt.

Sein ikonischer Satz kam dabei nicht ganz freiwillig zustande: Schon zwei Tage zuvor hatte das deutschlandweit erscheinende schwul-lesbische Magazin QUEER verkündet, „Berlin demnächst schwul regiert?“. Aber noch bevor andere Medien diese Meldung aufgreifen konnten, vollzog Klaus Wowereit mit seinem bis heute berühmten Satz den Schritt in die Öffentlichkeit. Außerdem konnte so niemand sagen, er hätte den Kandidaten nicht gewählt, wenn er gewusst hätte, dass er schwul ist.

Wowereit – Spitzname „Wowi“ – war damit der erste deutsche Spitzenpolitiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte. Durch die positiven Reaktionen der Öffentlichkeit wurde es für alle nachfolgenden Politiker um einiges einfacher, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. Aber keinem anderen Politiker, der nach Wowereit sein Outing mehr oder weniger freiwillig bekannt gab, gelang es, sein Outing so locker zu offerieren. Denke man nur an den inzwischen verstorbenen ehemaligen Außenminister Guido Westerwelle, der vor seinem öffentlichen Outing ziemlich verkrampft agierte.

Es sei „der wichtigste Satz“ in seinem Leben gewesen, sagte Wowereit im April 2015 in einem Interview. Die Formulierung war ihm spontan gekommen. Sie ist bis heute unvergessen und noch immer zu verschiedenen Anlässen in aller Munde.

Sein Amtsvorgänger Eberhard Diepgen gestand einmal im Interview: „In der öffentlichen Wahrnehmung war der Satz „Ich bin schwul - und das ist auch gut so!“ damit verbunden, dass Berlin sich öffnet, attraktiver wird, internationaler. Für die Anziehungskraft Berlins war der Satz wichtig“. Wichtiger vielleicht noch als Wowereits zweiter bekannter Ausspruch: „Berlin ist arm, aber sexy.“.

Auf die Frage, welchen Einfluss das Outing auf seine Politik hatte, antwortete Wowi in einem Interview 2005: „Ich bin dadurch auf einen Schlag bekannt geworden – und es behindert mich gar nicht.“ (...) „Und zu meiner Person, will ich sagen: ich bin schwul, werde deshalb aber nicht ausschließlich Homo-Politik betreiben, sondern einfach nur ein ‚schwuler‘ Politiker sein.“

Wowi wurde der deutschen Öffentlichkeit aber nicht nur deshalb bekannt. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit stand er für einen Politiker außergewöhnlich oft in der Öffentlichkeit: Bei Veranstaltungen, Eröffnungen oder Bällen. Unvergessen auch der öffentliche Kuss mit Desirée Nick. Im Fernsehen trat er bei „Wetten, dass…?“ auf, hatte 2004 einen Gastauftritt in der Fernsehserie „Berlin, Berlin“ und spielte sich darin selbst. In der Filmkomödie „Alles auf Zucker!“ (ebenfalls 2004) hatte er ebenfalls einen kurzen Auftritt als Regierender Bürgermeister.

Es war ein historischer Tabubruch in der Politik und vielleicht auch deshalb gelang es erstmals einem offen schwulen Kandidaten, in das Spitzenamt eines Bundeslandes gewählt zu werden. Sicher gab es mit Ole von Beust einen Bürgermeister in Hamburg und einen Landesvater in Thüringen, bei dem es „… die Vögel von den Bäumen sangen.“ Allerdings waren diese Politiker nicht geoutet, es gab Dementis und mit juristischen Mitteln wurde auch die Geschäftsaufgabe eines kleinen schwul-lesbischen Verlages in Thüringen verursacht.

Dabei sind die Attacken nach Wowis Outing gegen ihn heftig. Frank Steffel, sein CDU-Gegenkandidat zum Bürgermeisteramt in Berlin, hatte schon vorher versucht, mit Wowereits „deformierten Charakter“ zu punkten und versuchte es bis zur eigenen Wahlpleite weiter. Der Kölner Kardinal Meisner gab öffentlich bekannt, ihn nicht segnen zu wollen. Doch Klaus Wowereit geht gestärkt aus all den Attacken hervor. Später wird er selbstbewusst auch queere Politik machen, ist der Stargast auf unzähligen CSDs und nicht nur auf schwul-lesbischen Galas.

Zahlreiche Auszeichnungen werden ihm für seinen Beitrag zur Stärkung des Selbstverständnisses der Szene verliehen, so z.B. die „Kompassnadel“ des schwulen Netzwerkes NRW im Jahr 2003 oder der Akzeptanzpreis 2017 in Duisburg.

Auch wenn Klaus Wowereit 2014 das Amt des Bürgermeisters von Berlin freiwillig  aufgab und die Amtszeit als Aufsichtsratsvorsitzender des Berliner Flughafens ihm keine weiteren Lorbeeren einbrachten, er wird immer als einer der beliebtesten und bekanntesten Bürgermeister von Berlin gelten, vielleicht nur ganz knapp hinter seinem großen Vorbild – Willy Brandt.

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