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Leserumfrage // © Sergey Tinyakov

Leserumfrage Die Qual der Wahl

vvg - 13.09.2021 - 09:00 Uhr

Das Erste, was ich jedem raten kann: Geh wählen! Das ist unser demokratisches Grundrecht, und nur wer wählt, darf hinterher auch meckern. Ansonsten sind Ratschläge = Schläge. Daher könnte ich Niemandem raten, was er wählen soll. Jeder muss in sich hineinfühlen und schauen, welche Partei repräsentiert am ehesten das, was eigene Werte und Wünsche sind. Was mir Sorgen macht, dass rings um uns herum, die Demokratie  und  das  Freiheitliche,  was  wir  leben,  im Moment ein Stück weit gefährdet sind. Wir können uns in Deutschland glücklich  schätzen, diese Demokratie und diese Freiheit zu haben. Daher ist es mir wichtig, dass dies auch weiterhin sichergestellt ist. Das wäre mein Wunsch. Alles was extrem ist, egal in welche Richtung es geht, ist immer problematisch. So sehe ich das auch bei den Parteien, die mit extremen Ansichten passen mir nicht. Was die diesjährige Wahl angeht, habe ich mich noch nicht 100%ig entschieden. Ich habe mich auch noch nicht konkret mit den einzelnen Wahlprogrammen auseinandergesetzt. Das werde ich aber machen, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Die Kriterien, die ich dafür anwende: erstens:  dass die Klimakrise ernst genommen wird, zweitens: unser freiheitliches Leben, dass wir haben, soll Bestand haben. Weiterhin wichtig ist ebenso die Wirtschaft, denn  in  einem  Land, dem  es  wirtschaftlich  gut  geht  – und das ist auch ein wichtiger Punkt für uns Schwule und die Szene – braucht man keinen Sündenbock. Und der vierte Punkt wäre sicher die soziale Gerechtigkeit. Jetzt sehe ich da vier Parteien und jede hat einen dieser Schwerpunkte auf ihrem Programm! Auf der anderen Seite kann es auch zu Koalitionen kommen, jede Partei bringt etwas Wichtiges mit ein. Aber eine Koalition kann man nicht wählen …
Carsten aus Berlin

 

Carsten // © vvg

Es geht vielen so, dass sie nicht wissen, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Ich finde, nach 16 Jahren Angela Merkel als Bundeskanzlerin ist es an der Zeit, vom Stillstand in vielen Lebensbereichen wegzukommen. Vor allem was LSBTIQ*-Belange betrifft, musste man  immer auf  das  Bundesverfassungsgericht  warten, ehe sich etwas bewegte. Es muss einen Paradigmenwechsel geben und da ist die FDP eine Partei, die auf Freiheitsrechte vor allem in Corona-Zeiten achten  wird. Es  bleibt  spannend, zu  welcher  Koalition es am Ende kommt. Glaubt man den aktuellen Umfragen werden wir eine Dreier-Koalition bekommen. In diesem Fall wäre die FDP das Zünglein an der Waage. Mit der FDP kann man sich aber sicher sein, einen Verbündeten für LSBTIQ*-Rechte im Parlament und auch einer möglichen Regierungskoalition zu haben, sei es nun Jamaika, eine Ampel oder eine Deutschlandkoalition. Der Unterschied zur letzten Wahl ist, dass mit einem guten Ergebnis der FDP, keine Regierungskoalition der demokratischen Parteien ohne die FDP gebildet werden kann. Das ist natürlich ein wichtiges Druckmittel, um auch wichtige Reformen im Sinne der FDP umzusetzen. 2017 sah das noch anders aus, dort hätten wir unsere Wahlversprechen nicht umsetzen können und haben uns schweren Herzens für die Opposition entschieden. Wer sich jetzt noch nicht entschieden hat, der sollte zwei Dinge tun: Erstens einen Blick in unser Wahlprogramm werfen oder sich vor Ort informieren und zweitens  auf  jeden  Fall  wählen  gehen  und  im  Zweifelsfall rechtzeitig Briefwahlunterlagen beantragen und per Brief wählen. Wer nicht wählt, unterstützt automatisch die extremen Parteien mit ihren populistischen Parolen!
Julian Kull, Landesvorsitzender der liberalen Schwulen und Lesben in NRW

 

Julian Kull // © vvg

Ich bin Genosse und werde also die SPD wählen. Ich könnte auch eine andere Partei wählen, aber ich bin ja Mitglied eben dieser Partei geworden, weil mir ihre Ziele und Vorhaben am nächsten liegen. Mir ist es wichtig für Leute, die keine Lobby haben, für sozial Schwache und Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind, Politik zu machen. Da gibt es sicher auch noch Parteien links von der SPD, aber mit deren extremen Forderungen habe ich meine Probleme. Ich kann doch nur Geld verteilen, welches eingenommen wird, ohne die Wirtschaft dabei kaputt zu machen.

Ich finde unser soziales Netz gut, die Betroffenen müssen aber Eigeninitiative „nach ihren Möglichkeiten“ zeigen und dürfen ihre Würde nicht verlieren. So kann ich mir eine linke Koalition mit Rot-Rot-Grün vorstellen, was vielleicht nicht alle SPDler gut finden. Aber wenn es gerechte und machbare Entscheidungen für das Volk gibt, wie z.B. eine Bürgerversicherung – warum nicht?

Menschen, die noch unschlüssig sind, wen sie wählen, sollten sich mit den Parteiprogrammen beschäftigen und nicht nach den „Köppen“ gehen, die zur Wahl stehen. Und auch wenn ich schwul bin, habe ich ebenso soziale, wirtschaftliche und Umwelt-Interessen im Blick, für die ich eine Partei wähle und nicht nur nach den Aussagen zu LSBTIQ*-Themen gehe.

Jede Partei setzt andere Prämissen und jeder kann doch entscheiden, was er davon gut findet und was nicht. Und wer behauptet Wahlversprechen wurden nicht umgesetzt, sollte sich mal anschauen, was die SPD umgesetzt hat und wofür leider die andere Regierungspartei und Frau Merkel oft die Lorbeeren eingeheimst haben.

Ich bin froh in einer Demokratie zu leben und damit sollte jeder, der Demokrat sein will, sein Recht zur Wahl nutzen. Nichtwählen ist keine demokratische Option.
Karsten L. aus Köln

 

Karsten L. // © vvg

Dieses Jahr machen es uns die Politiker, oder wie man hier sagt: die Großkopferde, nicht einfach. Eigentlich bin ich jemand, der jede Wahl wählen geht, aber dieses Jahr muss ich es mir noch stark überlegen. Wenn ich wählen gehe, dann nur, damit die AFD nicht „meine Stimme“ bekommt. Da die Politiker eh seltenst ihre Versprechen einhalten, ist es wurscht, was und wen man wählt, außer die AFD ;-).  Ich denke, dass sich auch nach dieser Wahl nicht viel ändern wird, da „die da Oben“ ja eh machen, was sie wollen oder müssen. Wieso will jeder an die Macht und macht doch dann sein eigenes Ding.

Ich gestehe, ich gehe manchmal nach der Sympathie der Kandidaten. Ich würde mir wünschen, dass sich ein vernünftiger Mensch zur Wahl stellt, wobei mir dabei fast die Partei egal ist. Ich finde, gerade in der heutigen Pandemiezeit, sollten alle an einem Strang ziehen.
Ich wünschte mir von der neuen Regierung, dass sie mehr die Älteren und ihre geleistete Arbeit respektieren. Es wäre echt gut, wenn sich das auf die Rente auswirken würde, etwas mehr Rente, damit die Rentner nicht Flaschen sammeln müssen.

Und Menschen, die nicht zur Wahl gehen wollen, sollten sich das nochmal überlegen - nicht das doch noch die „Falschen“ die Wahl gewinnen und das Land noch schlechter da steht, als jetzt.

Letztendlich kann ich nur sagen: macht das, was ihr für richtig haltet, damit ihr anschließend noch ruhig schlafen und mit einem reinen Gewissen in den Spiegel schauen könnt.
Martin Sch., Bad Reichenhall

 

Martin Sch. // © vvg

Ich gehe selbstverständlich wählen, das ist seit der Jugend so eingeimpft, dass es die erste Bürger-Innen-Pflicht ist. Bei dieser Bundestagswahl geht es ja auch um etwas. Wir haben gesehen, die AFD hat bei der letzten Bundestagswahl deutlich was vorgelegt, allein deswegen ist es wahnsinnig wichtig, ein Zeichen zu setzen und eine demokratische Partei zu wählen. Ich werde auf jeden Fall nicht CDU wählen, so viel kann ich verraten und bin eigentlich ein klassischer Grünen-Wähler, wenn nicht noch irgendetwas dazwischenkommt.

Wenn ich jetzt mal als schwuler Mann rede: Was wir in den letzten acht Jahren mit der Gro-Ko erlebt haben, ist im wesentlichen Stillstand. Es hat zwar die „Ehe für alle“ gegeben, aber immer noch mit dem Rest Diskriminierung - der Benachteiligung von Co-Müttern, die ein Kind adoptieren möchten, das hat man in vier Jahren nicht abgeschafft. Wir haben immer noch nicht das Transsexuellen Gesetz abgeschafft und den Artikel 3 des Grundgesetzes ergänzt: Sexuelle Orientierung/Geschlechtliche Identität.

Und gerade, als es die Diskussion gab, ob das Olympiastadion in Regenbogenfarben erstrahlen soll, hat am Tage zuvor der Bundestag das praktische Blutspendeverbot für „Männer, die Sex mit Männern haben“ weiterhin bestätigt. Gleichzeitig stellen sich von Söder bis Scholz alle hin und sagen: „Wir müssen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung kämpfen.“ Das finde ich verlogen. Die acht Jahre Gro-Ko war eine verlorene Zeit für queere Rechte und ich bin sehr für einen Wechsel.

Ich würde mir eine grüngeführte Regierung wünschen. Die Frage ist nur: Wenn es der SPD nicht gelungen ist, der CDU etwas abzutrotzen, wie soll es bei einer schwarz-grünen Koalition klappen?

Insofern kann man nur dafür sorgen, dass die Union endlich mal in die Opposition geschickt wird, weil sich ansonsten nichts bewegt.
Stefan Mielchen, HH, Vorsitzender vom Hamburger Pride

Stefan Mielchen // © vvg

Ehe für alle – alles gut für LSBTIQ*? Mitnichten! Zwar haben wir viel erreicht in den letzten Jahrzehnten. Aber gerade in den letzten Jahren ist Deutschland in Sachen Gleichberechtigung wieder zurückgefallen in Europa. Die Große Koalition war queerpolitisch quasi ein Totalausfall. Dabei gibt es noch so viel zu tun, damit Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie nicht-binäre Menschen sicher, frei und gleichberechtigt leben können. Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan für Vielfalt und gegen Homo- und Transfeindlichkeit. Mit konkreten Maßnahmen auch gegen Hasskriminalität. Wir müssen das entwürdigende Transsexuellengesetz endlich abschaffen und durch ein modernes Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Wir müssen den Schutz vor Diskriminierung im Grundgesetz verankern. Wir müssen lesbische Mütter im Abstammungsrecht gleichstellen und generell Regenbogen-Familien stärken. Wir müssen die Diskriminierung schwuler und bisexueller Männer sowie transgeschlechtlicher Menschen bei der Blutspende komplett beseitigen. Wir müssen viel mehr tun für die gesundheitliche Förderung und ein würdevolles Leben im Alter. All das braucht auch finanzielle Mittel, vor allem zur Absicherung der wichtigen Arbeit der Verbände, der Jugendzentren, der Beratungsstellen. Denn ihre Arbeit ist für viele Queers überlebenswichtig! Und bei all dem dürfen wir die internationale Solidarität nicht vergessen: mit unseren Freund*innen in Polen, Ungarn, Nordafrika, der Türkei, Russland, überall auf der Welt. Denn der Einsatz für Menschenrechte endet nicht an der deutschen Grenze! Zu all diesen Anliegen haben wir GRÜNE Konzepte und Gesetzentwürfe vorgelegt. Alle wurden abgelehnt. Jetzt hoffen wir auf neue, bessere Mehrheiten nach der Wahl. Beiden Stimmen GRÜN – denn Queerpolitik ist für uns Ehrensache!                                               
Sven Lehmann, MdB, Sprecher für Queerpolitik der GRÜNEN

 

Sven Lehmann // © vvg

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