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LESERUMFRAGE Ferne Länder – Gay-friendly oder homophob?

vvg - 07.09.2020 - 09:00 Uhr

David erzählt über Afghanistan - das Heimatland seiner Eltern:

Meine Eltern stammen aus Afghanistan. Ich selbst bin in Deutschland aufgewachsen, interessiere mich aber für die Heimat meiner Vorfahren und war selbst schon öfter in Afghanistan.

Bis Mitte der Siebzigerjahre regierte noch ein König in Afghanistan. Das Land war ungefähr vergleichbar mit Indien - eine Pilgerstätte der Hippies aus den Siebzigern, die hier in ihrer Welt aus Blumen und Drogen ihr Seelenheil suchten. Damals war es normal, dass sich Schwule und Lesben im öffentlichen Leben zeigten. Doch das änderte sich mit dem kommunistischen Putsch und verschlechterte sich weiter, als die russische Armee das Land okkupierte. Mit dem Erstarken der Taliban - anfangs durch westliche Mächte unterstützt - haben wir heute Zustände wie im finsteren Mittelalter in Afghanistan. Die Homosexuellen leben versteckt, so wie es in vielen muslimischen Ländern ist.
Momentan gibt es aber noch viel größere Probleme: Vor allem den Bürgerkrieg. So können Homosexuelle aber auch relativ ungestört leben, vor allem in den Städten. Dort ziehen Homosexuelle hin, weil sie durch die große Anzahl an Menschen relativ anonym leben können. Es gibt aber keine offiziellen Treffpunkte wie Bars, Cafés oder gar Saunen. Meist ist es sogenanntes „Outside-Cruising“ an geheimen Orten. Oder man kennt einander und verabredet sich privat. Weit verbreitet ist auch das Treffen in Hammams, welches jedoch die Gefahr birgt, entdeckt zu werden.

Ein Überbleibsel aus der königlichen Zeit gibt es aber - Dragqueens und Transgender-Personen werden toleriert. Sie werden als besondere Hochzeitstänzerinnen auf Hochzeiten eingeladen und richtig hofiert. Die „Verkleidung“ macht es ihnen möglich, ihre Identität zu verstecken. Viele nutzen diese Gelegenheit auch, um mit einem „verkleideten“ Schwulen Sex zu haben.

David aus Afghanistan // © vvg

Anbid aus Bangladesch:

Ich bin in Dhaka/Bangladesch geboren. Schon mit 16 habe ich angefangen, mich für LGBTI*-Menschenrechte einzusetzen. Schon früh habe ich gewusst, dass ich anders bin. Es hat mich gestört, dass mir vorgeschrieben wurde, wie lang mein Haar sein darf, wie viele Knöpfe am Hemd offen sein dürfen und dass ich jeden Freitag in die Moschee muss. Mein Großvater - ich liebe ihn trotzdem - hat mich schon früh als „Mayga" bezeichnet. Das ist ein Schimpfwort für Schwule und hat mich sehr verletzt. Meiner Mutter bin ich dankbar, denn sie hat mich gelassen, wie ich bin. Auch meine Schwester hat mich voll unterstützt. Homosexualität ist in Bangladesch verboten. Schwule werden kriminalisiert, geächtet und mit bis zu 10 Jahren Gefängnis bestraft. Es gibt keinerlei Bars, Cafés, Saunas oder sonstige Treffpunkte. Nur über kleine Gruppen in den sozialen Medien ist eine vorsichtige Kontaktaufnahme möglich.
Wir haben uns mit Gleichgesinnten organisiert und hatten sogar ein Lifestyle-Magazin („ROOPBAAN“). Zusammen haben wir öffentliche Aktionen durchgeführt. Wir mussten sehr kreativ werden, um uns nicht strafbar zu machen. In der Parade zum Bengalischen Neujahr haben wir eine Regenbogen-Ralley gemacht und mit unserer Kleidung die Regenbogenfahne gebildet. Von staatlicher Seite gab es daraufhin viele Drohungen und persönliche Vorladungen, um uns einzuschüchtern. Als 2016 zwei meiner Freunde von Al Qaida Islamisten überfallen und getötet wurden war mir klar, dass ich mein Land verlassen muss. Seit dem 14. Juli 2016 lebe ich nun in Deutschland.

In Bangladesch gibt es übrigens eine lange Tradition der Geschlechter. Wir haben noch das dritte Geschlecht der "Hirja", welches sogar staatlich anerkannt ist. Die Hirjas pflegen eine eigene Kultur und Sprache. Das ist aber eher als intersexuell oder transsexuell zu sehen.

Anbid aus Bangladesch // © vvg

Julian berichtet über Ungarn:

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, trug mit 13 Jahren eine Föhnfrisur, fuhr mit einem pinkfarbenen Fahrrad durch die Gegend und hatte keine Probleme. Heute ist das Leben für schwule Männer schwieriger geworden. Es gibt zwar Bars, Diskotheken und sogar eine Sauna in Budapest. Aber Männer, die auf Männer stehen, können nicht offen leben, sondern müssen sich verstecken. Die Gesellschaft ist auch durch die Politik der letzten Jahre definitiv gegen Schwule geprägt worden. Jahrelang gab es sogar einen CSD. Aber es wurde immer gefährlicher, sich da zu präsentieren. Die Teilnehmer wurden teilweise sogar mit Steinen beworfen. Als schwuler Tourist in Ungarn Urlaub zu machen ist sicherlich kein Problem. Allerdings sollte man sein Schwulsein nicht unbedingt öffentlich zeigen - denn wenn zwei Männer Hand in Hand durch die Straßen gehen, könnte es unangenehm werden. In Ungarn gibt es eine Menge Sinti und Roma. Sie können einen mit recht bösen und üblen Worten beschimpfen, die man nicht verstehen muss, um Angst zu bekommen. Budapest ist eine schöne Stadt mit wirklich guten Hotels. Besonders empfehlenswert ist eine bekannte und beliebte Urlaubsregion im Westen Ungarns: Der Balaton oder Plattensee - ein Süßwassersee, der nicht tiefer als 2 Meter ist.

Schwule, die in Ungarn leben, lernen sich über das Internet kenn und treffen sich meist auf privater Ebene. In der Öffentlichkeit hat die Mehrheit von ihnen aber Angst, sich ihrer Sexualität zu stellen. Das ist auch verständlich, denn Regenbogenfahnen – das Symbol der LGBTI*-Community - werden bei uns sehr oft verbrannt.

Ich persönlich habe keinen Bock mehr, in einem homophoben Land zu leben. Somit habe ich mit meinem Heimatland abgeschlossen, zumal ich dort keine wichtige Verwandtschaft mehr habe. Meine Heimat heute ist ganz klar Deutschland.

Julian aus Ungarn // © vvg

Alfons lebt in Denpasar auf Bali (Indonesien):

Ich bin an der Mosel aufgewachsen und bin zum Theologiestudium, welches ich nicht abgeschlossen habe, nach Köln und Bonn gekommen. In den 80ern offenbarte ich meine Homosexualität und lebte offen damit. Durch meine Arbeit im zivilen Friedensdienst habe ich drei Jahre in Sri Lanka und sechs Jahre in Ost-Timur gelebt - hier traf ich meinen Lebenspartner. Als ich in Rente ging, wollte er nicht in Deutschland leben. So entschied ich mich für Indonesien. Als Ausländer kann ich Einheimische anstellen. So können wir miteinander leben, ohne aufzufallen. Im muslimisch geprägten Indonesien ist die Insel Bali mit hinduistischem Glauben für Homosexuelle ein Ort, um ihre Homosexualität auszuleben. Alle Schwulen der 1700 Inseln werden diskriminiert. Wenn sie ihre Insel verlassen, kommen sie nach Bali. Hier heißt das Problem dann „Geld verdienen“. Weil Arbeit schwer zu finden ist, landen die meisten in der Prostitution oder suchen einen Partner unter den unzähligen Touristen. Eine Gruppe von ausländischen Schwulen, bei der ich mitarbeite, versucht die Situation der Schwulen auf Bali zu verbessern. Aber es ist uns verboten, ehrenamtlich tätig zu sein. Das erschwert die Arbeit in der Öffentlichkeit natürlich. Junge Männer haben Angst, offen schwul zu leben, weil die traditionellen Familienstrukturen dies unterdrücken. Einen schwulen Sohn zu haben ist eine Schande. Die meisten sind daher mit Frauen verheiratet und haben eine Familie. Die Zahl der HIV-Infizierten auf Bali steigt. Obwohl Tests kostenlos sind traut sich keiner, diese zu machen, weil es einem Outing gleichkäme. Man geht lieber zum Heiler und stirbt später. Das schwule Leben findet vor allem in Vereinen statt: Badminton ist sehr populär - es gibt beispielsweise vier schwule Sportgruppen in der Hauptstadt. Doch außerhalb der Sportstätten spielen alle wieder hetero.

Alfons aus Indonesien  // © vvg

Juan Carlos aus Mexiko-Stadt: 

Ich bin oft in meiner Heimat. Mein Coming-out war nicht einfach. Selbst bei meinen Eltern gab es große Probleme, bis sie mich so akzeptierten, wie sie es heute tun. Die Situation in Mexiko-City ist anders als im gesamten Land. Wenn man in die Hauptstadt kommt glaubt man, im Paradies zu sein: Es herrscht eine „gayfreundliche“ Stimmung und es gibt viele Saunen, Bars und Clubs - ein reichhaltiges Angebot für Homosexuelle. Wir haben sogar einen CSD, aber - wie in vielen anderen Ländern auch – ebenfalls Leute, die dagegen sind. Es gibt in Mexiko-City sogar Viertel, in denen man sich nicht offen schwul zeigen sollte. Händchenhalten oder öffentliches Küssen sollte man möglichst sein lassen.
Ein schwuler Mann, welcher sich männlich zeigt, hat sicherlich weniger Probleme. Präsentiert man sich aber auffällig feminin, wird man oft diskriminiert. In ländlichen Gegenden könnte man richtig Ärger bekommen. Man wird zwar nicht eingesperrt, aber ein Bestechungsgeld ist schon mal fällig - besonders für transsexuelle Menschen. In ländlichen Gegenden spielt die Religion eine große Rolle. Aus diesem Grund gibt es nicht überall im Land ein Gesetz für die schwule Ehe.

Interessant ist allerdings der Einfluss der indianischen Kultur: So gibt es im Bundesstaat Oaxaca im Süden Mexikos noch Bevölkerungsgruppen, wo das dritte Geschlecht anerkannt ist. Diese Gruppen gehören zu den Zapoteken. Empfehlenswert ist daher eine Tour nach Zipolite (an der Südküste von Oaxaca, zwischen Huatulco und Puerto Escondido) durch eine fantastische Landschaft. Dort gibt es den einzigen schwulen FKK-Traumstrand Mexikos, den ich schon mehrmals besucht habe. Ich liebe Mexiko, habe aber in Deutschland mit meinem deutschen Mann ein wesentlich besseres und sicheres Leben.

Juan Carlos aus Mexiko-Stadt // © vvg

Arti aus Thailand:

Das Leben für Homosexuelle in Thailand ist noch nicht ganz geöffnet, wir dürfen auch noch nicht offiziell heiraten. Es gibt aber schon Paare, die zusammenleben - aber eben nicht offiziell.

Familien, die Homosexualität akzeptieren, gibt es ebenfalls - aber das sind vielleicht 10 %. Die restlichen 90 % akzeptieren das noch nicht. Die Community in Thailand versucht, mehr Gleichberechtigung und Akzeptanz zu erreichen. Leider haben wir das noch nicht geschafft. Thailand ist halt anders als Europa. Mein Wunsch ist, dass wir wie alle Menschen gleichberechtigt und mit allen Freiheiten leben können. Wenn wir uns im Freundeskreis treffen, ist alles gut und so, wie wir es uns wünschen. Aber wenn wir in die Öffentlichkeit gehen, können wir uns nicht so zeigen, wie wir sind. Es gibt in Bangkok ein paar Straßen, wo wir uns als Schwule und Lesben sicher fühlen können. Aber schon wenige Straßen weiter besteht Gefahr, dass wir diskriminiert werden oder gar um unsere Gesundheit und unser Leben fürchten müssen.
Ich möchte über mein Leben selber entscheiden können und mich nicht den "normalen" Regeln anpassen. Das ist auch der Grund, warum ich seit 10 Jahren in Deutschland lebe.

Es ist auch ein Unterschied, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt. Wer in einer Großstadt lebt, sieht das einfach offener. Die Touristen erleben das touristische Thailand und besuchen ihre Thai-Boys, die fast ein Leben lang knabenhaft erscheinen.

Ich habe mich vor meinen Eltern Gott sei Dank geoutet. Meine Familie ist offen, sie akzeptieren alles und haben damit keine Probleme. Da habe ich großes Glück. 

Arti aus Thailand // © vvg

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