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Leserumfrage // © coldsnowstorm

Leserumfrage Perspektiven - Wann wird alles wieder besser?

vvg - 04.04.2021 - 10:00 Uhr

Zu Beginn der Pandemie haben wir einen riesengroßen Schreck bekommen, denn man wusste nicht, wie es mit unserem großen Betrieb und dem entsprechenden Kostenapparat weitergeht, der von einem auf den anderen Tag geschlossen wurde. Für unsere ca. 20 Mitarbeiter bestand vor allem das Problem der Kurzarbeit, welches ursprünglich nur 60% des bisherigen Netto-Gehalts absicherte. Ebenso fielen die Wochenend- und Feiertagszuschläge, sowie das Trinkgeld weg. Wir können unsere Mitarbeiter als Betrieb leider nicht unterstützen, da wir darum kämpfen müssen, den Betrieb selber durch die Krise zu bringen. Mit dem Vermieter gelang uns zum Glück eine gute Einigung. Probleme bereiteten die verzögerten Zahlungen der Hilfen von Bund und Land. Wir können jetzt im März überleben, weil die Novemberhilfen endlich auf dem Konto sind.

Wir öffneten nach dem ersten Lockdown als einer der ersten Saunabetriebe, wurden aber durch einen Schließungsbeschluss der Stadt Köln wieder ausgebremst. Das ging durch die Presse und es war wohl ein Amtsmann etwas übereifrig mit seinen Vorstellungen über Moral und Anstand. Das konnten wir mittlerweile gerichtlich klären. Inzwischen sind wir seit dem 18. März 2020 fast ein Jahr durchgängig ohne Einnahmen.

Wir sind in den letzten Beschlüssen, die auch die Innengastronomie noch gar nicht berücksichtigt. Mit viel Glück rechne ich im Juni/Juli mit einer Wiedereröffnung. Leider haben wir keine Lobby wie andere Bereiche und werden so wohl mit die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Vielleicht haben wir durch die Schnelltests und die erfolgten Impfungen und mit entsprechendem Sicherheitskonzept Möglichkeiten diesen Termin vorzuverlegen.

Trotz meiner persönlichen Erfahrung einer (üb)erlebten Covid-Infektion, wünsche ich mir, dass bei zukünftigen Lockerungen neben den gesundheitlichen auch die wirtschaftlichen und psychischen Aspekte deutlich stärker einbezogen werden.
Bernt Ide, GF der Phoenix Sauna Köln
 

Bernt Ide // © vvg

Ich bin seit 25 Jahren im Sicherheitsgewerbe selbstständig tätig. Vor dem Lockdown war ich als Doorman bei gehobenen Geschäften, als Security bei Film- und Fernsehproduktionen und als Ladendedetektiv engagiert. Als der erste Lockdown kam, brach meine ganze Berufsphilosophie weg. Die Geschäfte schlossen und es gab keine Veranstaltungen mehr, bei denen ich gebraucht wurde. Ich hatte Existenzängste und wusste nicht, wie es weitergehen soll. Erfahrungen mit einer Pandemie hatte bis dahin niemand. Wir haben uns in der Sicherheitsbranche intern abgestimmt, aber keiner wusste irgendetwas. Inzwischen sind wir wieder etwas angefragt, aber ca. 70% aller Aufträge sind weggebrochen. Es ergaben sich aber auch neue Aufgabengebiete. Durch die Corona-Vorschriften bestand meine Arbeitsaufgabe plötzlich darin, die Einhaltung der Vorschriften vom Maskentragen bis zum Abstand in Betriebskantinen zu überwachen. Zwischen den Lockdowns gab es eine leichte Normalisierung, die aber nur 40% des vorherigen Zustandes erreichte. Was mir damals aber am meisten auffiel: die Leute hatten ihre Lockerheit verloren, die einer Vorsicht und dem Misstrauen gegenüber anderen Menschen gewichen war.

Seit einer Woche ist nun alles wieder anders, nachdem Anfang März die ersten Öffnungsschritte beschlossen wurden. Da auch die größeren Geschäfte und Märkte mittels Voranmeldung geöffnet haben, stehe ich bei einem Baumarkt am Eingang und kontrolliere Gewerbescheine oder überprüfe die Einkaufs-Berechtigungen durch die Voranmeldung. Wenn ich aber sehe, welche Menschenmassen sich auf Einkaufstour begeben, macht mir das wirkliche Sorgen vor der dritten Welle und einem erneuten Lockdown.

Trotz der vielen Menschenkontakte, die ich beruflich habe - mehr als jeder Supermarkt-Verkäufer, bin ich nicht vorrangig impfberechtigt. Ich habe aber jetzt ein Anrecht auf eine Impfung, weil ich meine 82jährige Mutter pflege.
Detlef Weiß, selbständiger Security Leverkusen
 

Detlef Weiß // © vvg

Mit einigen Anstrengungen und einigen Sparmaßnahmen bin ich ganz gut durch die Krise gekommen, auch Dank der Unterstützung von vielen Stammkunden, die mit Online-Bestellungen und "Meet & Collect" Ware geordert haben. Im ersten Lockdown musste ich komplett für fünf Wochen schließen. Da waren zum Glück die Hilfen von Bund und Land rechtzeitig da, so dass ich geschäftlich gut durchgekommen bin. Der zweite war etwas anspruchsvoller. Unser Lockdown für den Einzelhandel kam ja erst am 15. Dezember und es wurde relativ schnell informiert über mögliche Türgeschäfte mit „Click & Collect". Das eigentliche Problem bei meinem Geschäft ist, dass ich es erst vor zweieinhalb Jahren aufgemacht habe. Da die Referenzzahlen somit aus meinem Anfangsjahr 2019 stammen, wo verständlicherweise die Umsatzzahlen erst allmählich stiegen und ich nur 1/2 Jahr geöffnet hatte, fallen die Hilfen mit 90% für mich zu niedrig aus, um alle meine gegenwärtigen Kosten decken zu können. Einzelhändler bekommen auch keinen Umsatzausgleich wie z.B. die Gastronomie. Deswegen haben mich Familie und gute Freunde mit Krediten unterstützt. Lieferanten und Vermieter sind mir mit ihren Konditionen bzw. Zahlngsbedingungen ebenfalls sehr entgegen gekommen. Von den Banken und Sparkassen kamen leider keine akzeptablen Angebote ...

Von den neuen Regeln seit dieser Woche kann ich profitieren, da ich nach Voranmeldung Einzelkunden und Kunden aus einem Haushalt ins Geschäft lassen darf. Wir haben ja eine Inzidenz zwischen 50 und 100. Das ist bei Maßanfertigungen, Beratungen und für Anproben ein ungeheurer Vorteil.

Für mich ist es die Chance mit dem Geschäftsbetrieb wieder zu beginnen. Ich hoffe, dass wir durch zügige Impfungen und Vernunft die Zahlen im Griff halten können und demnächst auch wieder andere Betriebe und kulturelle Einrichtung öffnen werden.
Klaus Jentjens, Inhaber vom Fetish-Store „Best of …“
 

Klaus Jentjens // © vvg

Die aktuellen Regeln betreffen mich als mobilen Reisevermittler nicht, da ich kein Ladenlokal mit Besucherverkehr habe und hauptsächlich „online“ arbeite. Es betrifft mich insofern, dass wenig zu tun ist, weil nur wenige unter den aktuellen Bestimmungen verreisen, obwohl sie dürften. Im ersten und zweiten Lockdown wurden fast alle Buchungen durch die Reiseveranstalter abgesagt und die Umsätze brachen von heute auf morgen richtig ein. Zwischen den beiden Lockdowns gab es einen kurzen Aufwind an Buchungen, vor allem nach Griechenland und auf die Kanaren. Ich bekam die Soforthilfe als Soloselbständiger, musste aber einen Großteil davon zurückzahlen, weil ich relativ geringe laufende Kosten habe. Die Gelder waren nur die Tropfen auf den heißen Stein.

Ich musste also an meine Rücklagen gehen und nachdem ich mir eine Übersicht verschafft habe wie meine Perspektiven sein werden, habe ich mich dazu entschlossen über das Jobcenter zum Fahrlehrer umzuschulen. Mein Hauptberuf wird also in Zukunft ein anderer werden. Es war immer ein Jugend-Traum von mir, aber damals finanziell nicht für mich umsetzbar. Derzeit haben wir einen Fahrlehrermangel in Deutschland und deshalb gab es das Angebot und die Finanzierung über das Jobcenter. Das heißt 7 Monate Schule, 4 Monate Praktikum und die Prüfungen dauern ca 1 1/2 Jahre.

Was das Reisen betrifft, wird es wieder möglich werden, vielleicht läuft es sogar besser als vorher, aber ich habe für mich die Entscheidung getroffen umzusatteln und zurück in ein Angestelltenverhältnis zu gehen. Ich habe auch schon die Zusage für eine Stelle bei einer Fahrschule.

Das zweite Standbein wird meine Reisevermittlung bleiben, aber da weiß man nicht, wie es weitergehen wird.

Für die letzte Phase dieser Krise wünsche ich mir, dass die Leute weiterhin so vernünftig bleiben und sich nicht von den Querdenkern beeinflussen lassen.
Malte Hofmann, Köln
 

Malte Hofmann // © vvg

Wir kennen keinen Kollegen aus dem Bereich Küchen und Möbel, der im letzten Jahr wirtschaftlich schlecht abgeschnitten hat. Das hat aber mit den Umständen zu tun. Jeder sitzt zuhause, schaut sich um und fragt, was kann ich mit meinem gesparten Urlaubsgeld jetzt schöner machen.

Der erste Lockdown war für uns anders, denn wir hatten mit der gesamten Firma zwei Wochen Quarantäne, da einer unserer Handwerker mit dem Virus infiziert war. Zum Glück blieb er der Einzige.

Die neuen etwas verwirrenden Beschlüsse von Anfang März sehen wir für unseren Betrieb positiv. Es ist auch ohne Corona unsere Arbeitsweise, dass wir auf Termin arbeiten. Wenn wir jetzt mit „click & collect" wieder öffnen, kommen wir unserer gewohnten Arbeitsweise schon recht nahe. Lediglich das „Bummeln und Schnuppern“ durch unsere Küchenausstellung - meist an Samstagen - wird noch nicht wieder möglich sein. Und es wird sich positiv ändern, dass wir wieder den persönlichen Kontakt zu unseren Kunden haben und nicht per Mail und Internet Pläne und Vorschläge, Protokolle und Grundrisse ausarbeiten, welche danach größtenteils nicht umgesetzt werden. Und da die Kunden mit Termin wieder unsere Schauräume betreten dürfen, ist allein auch durch das Betrachten einer Beispielküche, durch das Berühren von Oberflächen und das Probieren funktioneller Eigenschaften einer Küche wieder eine viel größere Investitionsbereitschaft zu erwarten. Probleme gibt es gegenwärtig nur mit der Lieferung von Einbaugeräten, da Lieferketten in der Industrie unterbrochen wurden. Hatten wir früher Lieferzeiten von einer Woche, sind es heute schon mal 1-3 Monate.

Unser Wunsch ist, dass es kontinuierlich für alle Branchen besser wird und es keine Rückschritte wegen Corona mehr gibt.
Ralf & Thomas Friedrich, Küchenloft
 

Ralf & Thomas Friedrich // © vvg

Als uns die Schließung beim ersten Lockdown überraschte, hat sich herausgestellt, dass wir ein tolles Team sind, welches sich diesen Herausforderungen stellen will. Wir sind ein freies Theater ohne strukturelle Förderung, d.h. wir müssen jeden Cent und Euro selber verdienen. Nach der Schließung waren wir eines der ersten Häuser, welches im Mai den Spielbetrieb wiederaufnahm. Die Zwischenzeit nutzten wir, um uns in das branchenfremde Metier Hygiene einzuarbeiten. Es gab noch keine Vorlagen und wir haben zu jeder Veranstaltung ein Konzept erstellt, da wir als „Gastspieltheater“ das Spektrum von Theater, Konzert, Show bis zu Lesungen und Talkrunden anbieten.

Wir entfernten jede zweite Stuhlreihe im Saal, räumten die Foyerbereiche, um ein Einbahnstrassensystem anzulegen und haben Personal eingestellt, um die Besuchersteuerung - sprich Desinfektion, Registrierung und Einweisung - zu bewältigen. Wir hatten zum Glück eine gutdimensionierte moderne Klimaanlage mit getrennter Zu- und Abluft und haben diese als Pilotprojekt mit einer Raumluft-Reinigungsanlage von Solenal aufwendig ausgebaut. So werden zwischen 95-97% aller Viren, Bakterien und Pilze unschädlich gemacht.

Vierzehntägig gab es eine neue Corona-Schutzverordnung, welche von Mal zu Mal unsere Besucherkapazität einschränkte, bis wir im November wieder schließen mussten. Jetzt haben wir eine "Taskforce", die sich um alle möglichen Fördertöpfe bemüht, die festen Mitarbeiter sind in Teil-Kurzarbeit und freie Mitarbeiter verzichten auf einen Teil ihrer Bezüge, da die Gelder nicht ausreichen. Wir nutzen unsere Möglichkeiten mit Streaming-Projekten, wie z.B. dem Konzert der „Höhner“ oder vermieten unsere Räume an Video-, Fernseh- und Filmproduktionen. Vor dem Eingang haben wir zudem unser „Bauzaun-Schloss-Projekt" mit dem uns Künstler, Freunde und Förderer unterstützen.

Derzeit planen wir die Wiedereröffnung. Sobald es sich wieder wegen der eingeschränkten Besucherzahlen rentiert, wollen wir öffnen.
Verena Rogler, Technische Leiterin Volksbühne Köln

Verena Rogler // © vvg

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