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Leserumfrage // © silverkblack

Leserumfrage Was würdest du tun, wenn du noch einmal Kind wärst?

vvg - 04.07.2020 - 09:00 Uhr

Ich würde nichts in diesem Leben ändern wollen. Es war eine sehr lehrreiche, prägende Zeit gewesen. Ich wusste immer, was ich wollte. Die Schulzeit war nicht immer einfach. Am Ende hat sie mich geformt und zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Selbstbewusst, zielstrebig, offen, ehrlich. Früher war ich verschlossen. Wenn ich zurückblicke waren alles Lektionen, aus denen ich gelernt habe. Ich hatte nicht immer die richtigen Freunde. Viele haben mich ausgenutzt, belogen und betrogen. Gerade in der Zeit, wo ich viel vor der Kamera stand, ist mir bewusst geworden, dass es nicht jeder Mensch mit mir gut meint. 

Meine Kindheit war gut, ich war eher schüchtern und zurückhaltend, aber meine Mutter sagt mir heute, dass ich ein sehr liebes und pflegeleichtes Kind war. Das Verhältnis zum Vater war dagegen angespannt. Es wäre schöner gewesen, wenn er des Öfteren anders reagiert hätte, aber vielleicht lag es auch an meinem Verhalten. Ich habe sehr auf mich geachtet. Mein Aussehen war und ist mir immer sehr wichtig gewesen, was er nicht verstehen konnte. Ich hätte mir gewünscht, dass ein Vater offener und verständnisvoller seinem Sohn gegenübersteht. Ich habe auch schon mal überlegt, wie mein Verhältnis als Vater zu meinem Kind wäre.

Mein Outing war nicht einfach. Gerade Frankfurt ist da sehr konservativ und Homosexualität wird von vielen Menschen nicht verstanden. Meine Eltern reagierten unterschiedlich: die Mutter eher gelassen, Vater war dagegen geschockt. Trotz alledem stehen sie immer zu mir und sind für mich da. Heute ist das alles kein Thema mehr.

Alexander aus Frankfurt

Alexander // © vvg

Ich bin sehr glücklich, wie mein Leben verlaufen ist. Als Kind war ich sehr schüchtern, aber das ist ja schwierig abzulegen. Ich bin in der Schule auch deswegen gemobbt worden, bin deshalb viel zuhause geblieben und habe mich mit mir allein beschäftigt. Meine Schüchternheit hat sich erst abgelegt, als ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, um selbstständiger zu werden. Ich würde mir heute wünschen, dass ich mehr draussen erlebt und mit anderen Kindern gespielt hätte. Dass ich mich zum eigenen Geschlecht hingezogen gefühlt habe, habe ich schon als Kind gemerkt, da ich mehr die körperliche Nähe zu anderen Jungs gesucht habe. Später wußte ich, das dies als Homosexualität bezeichnet wird, aber ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Mit den Eltern über Sex zu sprechen, war ein Tabu. Bei meinem Outing hat meine Mutter geweint, mein Vater hat kein Wort gesagt. Sie wissen es, aber wir sprechen einfach nicht darüber. Heutzutage wäre das einfacher, weil es viel normaler geworden ist. Durch das Internet kann man sich besser informieren und man findet überall Gleichgesinnte. 

Ich war ein guter Schüler, aber ich wußte nicht, was ich eigentlich werden wollte. Für mich war berufliche Abwechslung sehr wichtig. So kam ich sehr früh darauf, weil ich gern reise und verschiedene Sprachen spreche, in einer Touristik-Agentur zu arbeiten. Heute arbeite ich als Reisebegleiter und bin sehr viel in der Welt unterwegs. Dazwischen gab es aber Stationen in der Logistikbranche und der Gastronomie in Florenz und in England. Eine Überlegung wert wäre noch, dass ich auch selbst gern Vater geworden wäre, aber zu meiner Jugendzeit war die gesellschaftliche Akzeptanz dazu gleich Null.

Andrea aus Mailand

Andrea // © vvg

Wenn ich noch einmal Kind wäre, würde ich mir einen gleichaltrigen Bruder oder Kumpel in der Nachbarschaft wünschen, um das Leben gemeinsam zu entdecken, Freiheiten zu erobern, auch frech zu sein. Und auch, um meine Sexualität zu entdecken und dabei Verbündete an meiner Seite zu wissen. Zu zweit oder in einer Gruppe ist die Welt einfach schöner, als sich allein unter Erwachsenen durchzuschlagen. Aber ich würde mir auch vieles genauso wünschen, wie es war: mit einem großen Garten aufzuwachsen, im Herbst an Lagerfeuern feuchtes Laub zu verbrennen und die ganze Nachbarschaft einzunebeln; auf alle Bäume zu klettern - oder mir z.B. eine Möhre direkt aus dem Beet zu ziehen und gleich zu essen, so lecker und aromatisch, wie man sie heute nicht mehr zu kaufen bekommt. Es war gut, dass ich mein Leben in Ruhe entdecken konnte ohne Reizüberflutung durch Streaming und Smartphone. Manchmal war es auch stinklangweilig, aber eigentlich war das auch gut so, denn da musste ich mir etwas einfallen lassen und aktiv werden. Im Großen und Ganzen durfte ich sein, wie ich war, nur die Enge der Sexualmoral und Rollenerwartungen war Mist. Aber das hat auch meine Selbstbehauptung und meinen Eigensinn gefördert. Ich glaube, es kommt darauf an, das, was man an Rahmenbedingungen vorfindet, aktiv zu nutzen und Stärke zu entwickeln und sich nicht unterkriegen zu lassen. Meine Eltern hatten Vertrauen in mich, dass ich mein Leben hinkriegen werde. Das war eine gute Basis, auch 1990 mit der HIV-Diagnose leben zu lernen. Ich finde immer einen Weg, wie es weitergehen kann. Und die Basis dafür habe ich ja in meiner Kindheit mit auf den Weg bekommen.

Michael J. aus Köln

Michael J. // © vvg

Anders auszusehen, hätte ich mir nicht gewünscht. Eher, dass ich damals mutiger gewesen wäre. Ich habe mich oft zurückgezogen, weil ich mich nicht getraut habe. Ich war als Kind moppelig, was oft zu Hänseleien geführt hat. Ich bin aber so gewesen, das hat mich geprägt, gestärkt und deswegen bin ich heute der, der ich bin. Heute wäre es sicher anders, denn Mobbing in der Schule wird offen angesprochen. Früher wurde es heruntergespielt, als wenn es unter Kindern ganz "normal" sei. Ich hätte mich mit mehr Mut stärker in eine Gruppe integrieren können. So blieb ich der Aussenseiter, hatte aber eine handvoll jüngerer Freunde, mit denen ich zurechtkam. Mit Gleichaltrigen hatte ich nicht viel Umgang; das würde ich heute vielleicht rückblickend ändern.

Wir hatten in der Schule auch Aufklärung, allerdings nur aus der Sicht von Heterosexuellen. Homosexualität wurde nicht angesprochen. Ich ahnte schon mit zwölf, dass ich anders war. Aber mein Outing habe ich sicher auch dadurch erst viel später durchgezogen. Alles in allem hatte ich eine sehr schöne Kindheit auf dem Dorf. Gewünscht hätte ich mir, dass ich ein Musikinstrument gelernt hätte, am liebsten Geige. Aber das war nicht möglich, weil meine Eltern frisch gebaut hatten und dafür einfach das Geld fehlte.

Als Kind hatte ich den Berufswunsch, Lehrer oder Arzt zu werden. Das ist mir aber bei der Berufsberatung ausgeredet worden, weil es zu überlaufen sei. Im Nachhinein bin ich heute froh, dass ich in die Pflege gegangen bin. Es ist erfüllender, als wenn ich Arzt geworden wäre, weil ich so näher bei den Menschen bin. Was ich mir schon seit Kindertagen wünsche und auch vorhabe: ich möchte noch Australien und Neuseeland besuchen.

Oliver aus Wiehl

Oliver // © vvg

Auf Grund meiner Veranlagung habe ich das Beste aus meinem Leben gemacht. Ich bin als Halbwaise aufgewachsen und mein Vater wollte, dass ich KFZ-Mechaniker werden soll. Aber das wäre ziemlich traurig gewesen, wenn ich heute unterm Auto liegen würde - obwohl „Bühnen" haben die ja auch. Als Kind habe ich schon gemerkt, dass ich andersgeartet bin, obwohl ich äusserlich ein normaler Junge war. Ich habe immer nur auf Männer geschaut, war früh geil und habe damals in Wuppertal an schönen Erlebnissen nichts ausgelassen. Ich fand das Frau-Sein immer interessanter als das Mann-Sein. Meinen Lebensweg würde man heute als selbstverständlich ansehen, ich habe mir alles mühsam erkämpfen und erarbeiten müssen. Auch mein loses Mundwerk und meine jecken Sprüche habe ich mir erst später zugelegt. Ich bin gelernter Einzelhandelskauf-Transvestit bei Karstadt geworden, habe mich aber von Solingen schnell nach Köln verabschiedet, weil es da Schuhe in großen Größen gab. Hier fiel bin ich, ohne es zu wissen, in die TIMP ein und da begann auch meine jahrzehntelange Bühnenkarriere. Irgendwann brachte mir die Travestie nichts mehr. Ich hatte meinen Status und um mich herum wurde alles immer jünger und schneller.  Als dann das Angebot aus dem Scala-Theater kam, habe ich auf die Bühne des Kölschen-Mundart-Theaters gewechselt.

Beziehungen hatte ich meist zu sogenannten Sidesteppern; also verkappten Hetero-Männern, die auf Transen stehen. Schwule können mit Leuten aus meinem Fach nur wenig anfangen. Zum Glück bin ich mit meinem bisherigen Leben sehr zufrieden; würde mir aber wünschen, dass die Menschen begreifen, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt und sie dazu Toleranz entwickeln.

Sophie Russel, Schauspielerin und Kölsches Original

Sophie Russel // © vvg

Als Kind war ich im Zwiespalt, ob ich mich als Junge oder Mädchen fühlen sollte. Ich habe da schon immer die hohen Pumps von meiner Mutter anprobiert und habe auch nie mit Jungs gespielt, sondern immer nur mit Mädchen. In der Schule bin ich von den Jungs ziemlich ausgegrenzt und mit Worten - wie z.B. „Schwuli“ - beleidigt worden, Ich wusste selbst nie, warum, weil ich darüber nicht aufgeklärt wurde. Erst im Kommunionsunterricht hat mir einer erklärt, was schwul oder homosexuell eigentlich ist. Mit 17/18 hatte ich dann mein Outing für mich und das nach aussen, um als Schwuler zu leben und fand so Freunde und Beziehungen. Damals bin ich ziemlich schrill herumgelaufen, um die Leute zu provozieren. Als Kind hatte ich mich aus Angst immer vor den anderen versteckt, jetzt wollte ich es in die Welt hinausschreien. Freizeitmäßig bin ich dann in die Travestie-Szene gekommen, was ich ein paar Jahre mitgemacht habe. So konnte ich auch mit dem Zwiespalt aus meiner Kindheit, ob Junge oder Mädchen, spielerisch umgehen lernen und wußte, dass für mich eine Umwandlung nicht in Frage käme. Auf der Bühne habe ich mich als Frau wohl gefühlt, aber im realen Leben als Mann ebenso. Mit den Jahren wurde ich wieder „dezenter“, weil ich bemerkte, dass mir das Tuckige und Schrille nicht so steht. Ich bin mit Sicherheit einige Umwege im Leben gegangen, aber das gehört zu meinem Leben und ich würde rückblickend nur wenig anders machen. Vielleicht hätte ich als Kind anders sein können, um nicht so ausgegrenzt zu werden, denn das hat mich schon stark belastend. Aber als Kind erkennt man das nicht.

Werner St., Düsseldorf

Werner St. // © vvg

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