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Leserumfrage // © PKpix

Leserumfrage Wofür ich mich geschämt habe

vvg - 06.11.2021 - 09:00 Uhr

Ich habe mich schon für einige Dinge geschämt. Wenn es mir zum Beispiel zu freizügig wird, ist mir das unangenehm. Ich schäme mich manchmal, wenn ich irgendwie in der Öffentlichkeit auffalle, denn ich bin jemand, der lieber in der Menge untergeht. Aber es gibt auch die Momente, wo ich das andere Extrem auslebe und gern alle Blicke auf mich ziehe. So laufe ich beim CSD im Fummel mit Perrücke, Make-up und High Heels herum und genieße das. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal auf Pumps unterwegs war und über ein Kopfsteinplaster laufen musste – heute kann ich's – kam ich echt ins Straucheln. Das war sicherlich für einige Leute amüsant, für mich war es peinlich und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Zum Glück verdeckte das Make-up meine Schamesröte.

Ich bin ein offener und freizügiger Mensch, der weiß, was er möchte. Hin und wieder schäme ich mich aber dann doch für die eine oder andere Person, der man am anderen Morgen nicht mehr ins Gesicht schauen möchte, weil die Person am Abend vorher doch deutlich besser aussah. (lacht) Das ist mir wirklich schon passiert und ich schäme mich jetzt noch!

Und einmal war ich mit meinem Hund unterwegs. Als eine Person auf uns zukam, vor uns ausrutschte und fiel. Mein Hund hielt das für eine Attacke und wollte den Gefallenen angreifen. In diesem Moment habe ich mich auch geschämt.

Ich kenne das Schämen aber auch von der anderen Seite: Wenn Leute, die man schätzt, diskriminierende Aussagen machen, die man nicht unterstützt, kommt man schnell in die Situation des Fremdschämens.
Kai aus Osnabrück
 

Kai // © vvg

Ich bin charakterlich ein Mensch, der manchmal das, was er auf der Zunge hat, zu schnell ausspricht. Es kommt schon mal vor, dass ich etwas Unüberlegtes zu schnell ausposaune und mich danach für das Ausgesprochene schäme. Das ist eine typische Eigenschaft von uns Italienern und eine kulturelle Geschichte. Bei uns ist es Usus, das einem die Leute ihre ehrliche Meinung offen um die Ohren hauen. In Deutschland hatte ich lange Probleme damit, nicht nur bei anderen Menschen, sondern sogar mit mir selber. Da kommt dann das Schamgefühl hoch.

Peinlich war mal ein Sturz vom Stuhl. Da ist die Scham nach dem Motto „Was werden die Leute jetzt denken“ größer, als die Sorge, ob man sich weh getan oder sogar verletzt hat.

Einmal hatte ich ein Einladungs-Date. Ich komme also zur verabredeten Zeit zu meinem Dating-Partner und stelle an einem gewissen Punkt fest, dass sich dieser vorher nicht einmal die Zeit genommen hat zu duschen. Da kam gleich zweimal das Schamgefühl bei mir hoch: Das Fremdschämgefühl für seine fehlende Hygiene und bei mir, dass ich nicht den Mut hatte, ehrlich den Grund meiner Absage und Flucht zu benennen und stattdessen irgendeine fadenscheinige Ausrede erfand.

Das Fremdschämen kenne ich auch von früheren CSD-Demos. Wenn sich einige schwule Männer öffentlich so präsentierten, als seien sie in einem Darkroom und nicht auf einer öffentlichen Demo, wo es um Toleranz und Akzeptanz geht. Bei uns in Italien gibt es den Begriff „bella figura“, was so viel wie "gut dastehen" bedeutet. Gerade darauf legen die Italiener immer viel Wert.
Luigi aus Köln
 

Luigi // © vvg

In meiner Anfangszeit als ich mit meinem Fetisch anfing, habe ich mich geschämt. Das war ein Punkt, wo ich sagen muss, das war für mich eine Mischung aus Peinlichkeit und Scham. Es war keine schöne Zeit. Zum Glück haben die Kollegen das irgendwann akzeptiert und mittlerweile respektieren sie mich auch. Ich arbeite bei der Stadtreinigung und habe heterosexuelle Arbeitskollegen. Mein Fetisch ist „Sneakers und Socks“. Irgendwann haben sie es über Soziale Medien herausbekommen, weil ich unter dem Namen „Sniffboy Mike“ schon ziemlich bekannt bin. Anfangs ging das in Richtung Mobbing hauptsächlich von einzelnen Kollegen aus und hielt sich aber für mich gerade noch in Grenzen. Ich stehe zu meinem Fetisch und würde mich deswegen nie verstecken. Ich gehe sehr offen damit um, aber dadurch, dass ein Kollege auf meinem Profil gelandet war, hatte ich mich anfangs ertappt gefühlt und mich geschämt.

Peinlich war auch, als ich vor kurzem beim Frisör saß, er mir eine Tasse Kaffee einschenkte und die Tasse vor mich auf dem Becken abstellte. Es kam wie es kommen musste: Ich machte eine falsche Bewegung und stieß die Tasse um. Zum Glück kippte der heiße Inhalt direkt ins Becken. Ich hatte aber Glück, weder landete der Kaffee auf meiner Kleidung oder dem Boden noch ging die Tasse zu Bruch. Das war zwar witzig, trotzalledem habe ich mich geschämt.

Und schämen muss ich mich für andere: Wenn ich sehe, dass schwule Männer in einer Heterokneipe meinen, sie müssten die anwesenden Männer anbaggern. Ich persönlich mache so etwas nicht. Ich halte mich eher zurück, wenn ich außerhalb der Szene ausgehe und verhalte mich respektvoll anderen Leuten gegenüber.
Mike aus Eupen/Belgien
 

Mike // © vvg

Ich schäme mich heute noch dafür, wie ich ein Mädchen meiner Klasse behandelt habe. Sie hieß Edeltraut, niemand mochte sie und sie wurde immer gemobbt. Würde ich sie heute irgendwo treffen, würde ich mich entschuldigen und sie um Verzeihung bitten, weil wir uns unanständig ihr gegenüber verhalten haben.

Als schwuler Mann schäme ich mich nicht. Wofür auch? Nicht für meine sexuellen Begegnungen – waren sie nicht besonders, waren entweder die Situation oder die Umstände nicht gut, aber es war nie ein Grund, sich zu schämen. Schämen sollte man sich, wenn man im Nachhinein sagt, dass etwas moralisch falsch war, aber Sexualität hat ja nichts Moralisches an sich. Was ich nicht mag, wenn etwas zu sehr in die Öffentlichkeit getragen wird: wie manche es beim Berliner CSD auf den Wagen treiben. Das muss nicht sein, weil Kinder sich die Demo auch ansehen. Da ist eine Grenze erreicht; dafür schäme ich mich fremd. Ich möchte so etwas nicht zeigen oder sehen, so bin ich in Ostwestfalen nicht erzogen worden. Ich würde auch keinen Sex vor der Kamera oder im Park haben wollen, das wäre mir viel zu intim. Da ist es doch befriedigender, wenn man es sich gepflegt selbst macht, und dafür muss man sich doch in der Tat nicht schämen.

Heutzutage muss muss man sich weiß Gott nicht mehr als Homosexueller schämen. Manchmal muss man sogar in bestimmten Grenzen provokant sein, um Leute anzuregen, auch mal über eigene Grenzen hinaus zu denken. Dass man Einige damit abschreckt, mag sein, aber wir haben auch das Recht zu zeigen, wer wir sind. Dafür muss man sich nicht schämen.
Ralf aus Bielefeld
 

Ralf // © vvg

Einmal war ich auf einer Party, hatte ein bisschen geraucht, bekam einen Kreislaufkollaps und kippte um. Dabei knallte ich mit dem Kopf direkt auf das Handy von einem anderen Gast und das Display war hin. Ich kam relativ schnell wieder zu mir, machte die Augen auf und weiter ging's. Alle Anwesenden gingen zum Glück super locker damit um und auch der Handybesitzer hatte kein Problem damit. Alle haben sich eher noch Sorgen um mich gemacht. Ehrlich gesagt, im Moment war mir mein Absturz vollkommen egal, aber im Nachhinein muss ich zugeben, habe ich mich schon dafür geschämt.

Ich trete auch des Öfteren mal in ein Fettnäpfchen, weil ich ein sehr loses Mundwerk habe. Ich rede oft, bevor ich über meine Worte nachgedacht habe. Hin und wieder bekomme ich als Feedback gesagt, dass ich mich ein wenig zurücknehmen soll. Oder ich merke es selber, dass ich zu weit gegangen bin und entschuldige mich umgehend für meine Entgleisung. Aber jeder versteht so, dass ich eigentlich einen Gag bringen wollte und es nie ernsthaft böse meinte.

Die andere Seite - das Fremdschämen - kenne ich von den CSD`s: Da sieht man oft Männer in Frauenkleidung - ich möchte nicht Transen sagen - die schlecht zurechtgemacht sind und auf ihren Schuhen nicht laufen können. Das finde ich peinlich, weil ich der Meinung bin: Wenn ich mich schon zurechtmache und in der Öffentlichkeit präsentiere, rasiere ich mir vorher die Beine, schminke mich perfekt und zeige auch, dass ich auf High Heels laufen kann. Ansonsten ist das eher Dreck als Drag. Sorry, hätte ich jetzt vorher nachdenken sollen oder muss ich mich schon wieder schämen?
Stefan aus Mergentheim
 

Stefan // © vvg

Ich hatte, als ich mit 18 Jahren mein Outing hatte, einen guten Freund, der mir immer geholfen hat, die wirklich tiefen, dunklen Ecken dieser Welt zu vermeiden. Das war damals noch in Dresden, als ich studierte. Er kannte sich super krass aus und hat sozusagen auf mich aufgepasst und mich beschützt. Und ich habe mich auch immer an seine Ratschläge gehalten. Er hat mich gewarnt oder abgeraten, mit bestimmten Personen Kontakt einzugehen, oder mich weggezogen, wenn diverse Jungs mich in zu tiefe Gespräche einbeziehen wollten. Er war wie ein Schutzengel für mich und ich habe auch heute noch Kontakt zu ihm.

Rückblickend habe ich selbst erkannt, dass ich mich viel zu schnell in jemanden verschossen habe. Irgendwie wollte man sich ja auch mal ausprobieren und dann fängt man etwas an, was man anschließend bereut. Oder man hat jemandem das Herz gebrochen, weil man dessen Liebe nicht erwidern konnte. In beiden Fällen schäme ich mich und denke im Nachhinein, das hätte nicht passieren müssen.

Ich habe mich aber schon sehr oft fremdgeschämt. Deswegen schauen wir doch alle so gern Fernsehen. Ansonsten halte ich mich für einen sehr toleranten Menschen.

Was ich sehr schade finde: beim Berliner CSD laufen hunderttausend Schwule mit, die sehen aus wie du und ich. Wenn man sich anschließend die Berichte in den Medien ansieht, werden nur die Schrillen und Auffälligen gezeigt. Normal-aussehende Männer, wie man sie auf der Straße trifft und denen man ihr Schwulsein meist gar nicht ansieht, tauchen nicht auf. Das finde ich schade.
Tim aus Berlin
 

Tim // © vvg

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