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Pat Müller aka Patjabbers

Pat Müller aka Patjabbers Vielleicht liebst du mich übermorgen – toxische Gefühle

km - 18.12.2020 - 10:00 Uhr

Pat Müller aka Patjabbers ist Trauredner, Podcaster, Influencer und Drittplatzierter bei Big Brother. Seit diesem Jahr steht sein Buch in den Regalen. Begonnen hat er mit dem Schreiben seines Erstlingswerks „Vielleicht liebst du mich übermorgen – toxische Gefühle“ bereits im Jahr 2010. Damals verarbeitete er damit seine eigenen Gefühle. Mit SCHWULISSIMO spricht er unter anderem über sein Buch, die Resonanz nach BB, seinem Partner und deren gemeinsamen Podcast, sowie Mobbing und Bulimie.
 

Was sind deine Aufgaben als Trauredner?
Ich bin als Trauredner natürlich dafür zuständig, ein glückliches Paar zu verheiraten und mit einer emotionalen, aber auch humorvollen Trauung noch glücklicher zu machen. Mir ist es einfach wichtig, dass sie sich bei mir gut aufgehoben fühlen und keinerlei Bedenken haben, mir ihr halbes Leben anzuvertrauen. Inhaltlich ist eine Trauung nämlich sehr intim.

Ich lerne das Paar in einem Gespräch kennen und wenn sie sich für mich entscheiden, dann geht’s los. Sie bekommen Hausaufgaben von mir mit etlichen Fragen und To Do’s. Ich bespreche aber auch einiges mit Angehörigen, die mir Input für meine Rede liefern – das macht es vor allem für das Paar sehr persönlich und oft auch emotional.

Bei der Trauung selbst bin ich aber auch für die Technik/Musik, Rituale und Organisation zuständig. Die reine Rede ist also nur ein Teil von vielen.
 

© Patjabbers

Was macht für dich den Beruf so besonders?
Ich habe nur mit glücklichen Menschen zu tun. Ich lerne die verschiedensten Charaktere, Kennenlerngeschichten und Heiratsantragvarianten kennen.
Es ist jedes Mal ein tolles Gefühl, wenn das Brautpaar mir nach einer Trauung dankend um den Hals fällt, weil ihnen die Trauung so gefallen hat und sogar Gäste händeschüttelnd auf mich zukommen und Sätze sagen wie: „Das war die beste Trauung, die ich je erlebt habe.‘‘

In meinen Trauungen wird eben nicht nur geweint, sondern auch gelacht, gefeiert und applaudiert. Stock im Arsch war gestern.

Du hast deine Quarantäne Anfang des Jahres im Big Brother Haus verbracht. Was war das für ein Gefühl von COVID-19 zu hören und dann in eine ganz andere Welt zurück zukommen?
Als wir davon erfahren haben, wirkte es auf uns wie ein schlechter Scherz. Bevor ich ins Haus zog, hatte ich lediglich einmal kurz von Corona in China etwas in den Nachrichten gelesen. Als uns im Haus dann Bilder gezeigt wurden, wir Angela Merkels Rede sahen und wir erfuhren, dass Schulen, Fitnessstudios und Co. geschlossen hatten und auch schon Menschen an Corona in Deutschland verstarben, rollten bei uns allen die Tränen. Es war so schockierend und überwältigend. Als ich dann nach dem Finale das erste Mal wieder auf Sebastian traf, sagte ich ,,Meine Trausaison geht in ein paar Tagen los, ich habe so viel zu tun‘‘ worauf er entgegnete ,,Nee Schatz, das kannste vergessen. Alles abgesagt‘‘ da wurde mir so richtig bewusst, dass die Welt, in die ich zurückkehre, eine andere ist.

Du bist am Ende Drittplatzierter geworden. Wie war die Resonanz von außerhalb und innerhalb der LGBTI* Community?
Die Resonanz war krass. Nach hundert Tagen Handyentzug überforderte mich vor allem Instagram und WhatsApp extrem. Jeder wollte etwas von mir.
Als die ersten Stimmen aus meinem Umfeld dann aufkamen, die sich beschwerten, dass ich mich ja mal melden könne, hatte ich das Gefühl, mein Kopf würde platzen. Ich arbeitete nur noch ab; Instagram – WhatsApp – Instagram –WhatsApp. Eines Abends fing Sebastian an zu weinen, weil ich nur am Handy hänge, obwohl wir uns so lange nicht gesehen hatten. Ganz ehrlich, es war keine schöne Zeit. Ich hatte das Gefühl mich zerteilen zu müssen und wollte es allen recht machen. Meine größte Angst war immer, dass auch nur irgendjemand denken würde, ich würde mich nun durch Big Brother für sonst wen halten.

Was die LGBTI* Community angeht muss ich leider sagen: Aus dieser Richtung habe ich den meisten Hate bekommen. Das finde ich super schade und traurig, weil ich nicht finde, dass ich etwas getan habe, was diesen Hate berechtigt. Ich kann es mir echt nicht erklären, warum in dieser Community untereinander so oft Hate und Missgunst herrscht.

Du betreibst einen Podcast mit deinem Partner, der dieses Jahr gestartet ist: „Schwuler geht’s nicht“. Welche Herausforderungen und welche Vorteile birgt es, einen Podcast mit seinem Partner zu starten?
Das ist ziemlich faszinierend, denn durch den Podcast erfahren wir tatsächlich immer wieder neue Dinge über uns, die in den letzten sechs Jahren so nicht aufkamen – dabei sind wir sehr kommunikativ miteinander. Und dennoch – so blöd es auch klingt – sind wir dadurch gezwungen, einfach mal so über die verschiedensten Themen zu sprechen. So etwas geht sonst so im Alltag viel zu oft unter. Es birgt sicherlich auch Herausforderungen. Beispielsweise wenn einer von uns schlechte Laune hat und wir wissen, dass wir jetzt einen supergelaunten Podcast aufnehmen müssen. Das sprechen wir dann aber auch genauso an.
 

© Patjabbers

Du äußerst dich immer wieder zum Thema Mobbing und setzt dich dafür ein, dass das Thema Bulimie auch für die Männerwelt mehr sensibilisiert wird. Was sind deine Erfahrungen?
Das jahrelange Mobbing, der Tod meiner Eltern, der Kampf um meine erste große Liebe und die damit verbundenen Erlebnisse wie z.B. Selbstverletzung, aber auch die lange Zeit der Essstörung, die bis heute anhält. Ich habe mich zeitweise sogar prostituiert, weil ich immer dachte, wenn einer sogar Geld dafür bezahlt, um mit mir zu schlafen, nur dann findet er mich optisch auch wirklich gut. Das war quasi eine Art Beweis für mich. Tja und auch heute noch sorgt die Essstörung für Einschränkungen in meinem Leben. An Badeseen und in Freibädern bin ich immer derjenige, der angezogen auf dem Handtuch liegt und den anderen beim Plantschen zuschaut und Sex geht bei mir meist nur im Dunkeln. All diese Erlebnisse sind so ätzend, dass ich mir denke, dass es doch irgendetwas Gutes haben muss: Also darüber reden, um eventuell anderen damit helfen zu können. Ich will nicht, dass all meine Erfahrungen ,,umsonst‘‘ waren.

Ist die Wahrnehmung dieser Themen (Mobbing/Bulemie) in der Gesellschaft falsch oder nicht stark genug?
Das Traurige ist, dass das Thema Anti-Mobbing zwar extrem präsent ist, vor allem in den Medien, und dennoch das Mobbing nicht abnimmt. Nicht selten bekomme ich Hilferufe auf Instagram von Mobbingopfern, die sich nicht zu helfen wissen. In den sozialen Medien bekomme ich häufig mit, dass Kampagnen zum Thema Mobbing gestartet werden und sich etliche Menschen dafür einsetzen. Aber gefühlt fruchtet das kaum. Ich glaube daher, Anknüpfpunkt sind die Schulen. Daher würde ich gern einen Verein gründen und an Schulen gehen, um dort von meiner Geschichte zu erzählen und darauf aufmerksam zu machen, was Mobbing noch Jahre später für Folgen haben kann.

Beim Thema Bulimie, insbesondere in Bezug auf Männer, ist es eine Katastrophe. Es existiert quasi gar nicht und macht es dadurch umso gefährlicher. Bulimie sieht man einem nicht so schnell an, das macht es so kritisch.

Stell dir vor du könntest dein Buch „Vielleicht liebst du mich übermorgen – toxische Gefühle“ zu deinem vergangenen Ich schicken. Was hättest du damals daraus gezogen und hätte es dir geholfen?
Puh. Das ist eine gute Frage. Ehrlich gesagt war ich viel zu vernarrt in den Jungen, als dass ich mir davon etwas sagen lassen hätte. Ich war wirklich krankhaft vor Liebe. Allerdings hätte es mir sehr geholfen zu wissen, dass irgendwann alles gut wird. Ich hatte teilweise Phasen, da fragte ich mich, ob ich wirklich noch Kraft aufbringen könnte, um weiterzuleben. Eine bestimmte Zeit meines Lebens war so grausam, dass ich sie irgendwann nicht mehr ohne Alkohol ertragen konnte. Ein Thema, das ich noch nie angesprochen habe und auch niemals öffentlich besprechen will – solange diese Person, um die es geht, noch lebt. Nur so viel: Das Gericht ordnete damals eine einstweilige Verfügung gegen die Person an, dass sie sich mir auf 25 Meter nicht mehr nähern durfte. Ich war glücklicher Weise immer wieder stark genug, um nicht komplett abzurutschen. Da bin ich mit der Essstörung fast noch gut bei weggekommen. (lacht)

Worauf bist du am meisten stolz, wenn es um dein Buch geht?
Mein Buch beweist mir, dass man alles schaffen kann. Du musst nicht besonders schlau sein, lediglich diszipliniert. Mit Disziplin ist alles möglich. Mein Studium habe ich ebenso nur durch Disziplin und Fleiß gemeistert – das hat mit Intelligenz nicht viel zu tun. (lacht)

Gibt es Passagen im Buch die dir unangenehm vor bestimmten Leuten wären?
Ein dickes fettes JA! Wenn ich daran denke, dass meine Schwiegermutter liest, wie detailliert mein erstes Mal und auch andere Sexszenen in dem Buch beschrieben sind, dann fange ich allein schon bei dem Gedanken an rot anzulaufen. Das ist mir wirklich furchtbar unangenehm. Ich überlege schon, wie viele Seiten ich herausreißen werde, bevor ich es ihr an Heiligabend überreiche. (lacht)

BB Haus, Podcast und Buchrelease – 2020 lief doch gar nicht so schlecht für dich, oder?
Ganz ehrlich? Voll! Mir ist es ja schon immer ganz unangenehm, wenn alle über 2020 schimpfen (wegen Corona natürlich zu recht), aber ich einfach sagen muss, dass es das Jahr meines Lebens war. Auch wenn es beruflich und finanziell schwierig wurde, so konnte ich dennoch zwei so große Lebensträume direkt in einem Jahr erfüllen – wer kann das schon von sich behaupten? Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Karma oder das Schicksal oder wer auch immer dahintersteckt, einiges wieder gut machen wollte.
 

© Patjabbers

Hast du schon Pläne für das nächste Jahr?
Ich lasse es einfach auf mich zukommen. Zur Not schreibe ich eben das nächste Buch und weite mich im Bereich der Trauerreden weiter aus.

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