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Retro-Soul-Sängerin Celeste // © instagram.com/celeste

Retro-Soul-Sängerin Celeste: „Dragqueen Miss Jason spielt in meinem Video mit“

kk - 02.03.2021 - 11:00 Uhr

Spätestens seit den Brit Awards 2020, wo sie den Preis als „Rising Star“ mit nach Hause nahm und ihre Herzschmerz-Ballade „Strange“ zum besten gab, ist klar: Die britische Singer-Songwriterin mit der Ausnahme-Soulstimme hat das Zeug zum nächsten Weltstar – ganz so wie Adele und Amy Winehouse. Mit „Not Your Muse“ hat die 26-Jährige ihr Debütalbum veröffentlicht, das von der Liebe handelt. Welche Rolle Lily Allen dabei spielte, warum in ihrem neuen Video zu „Love is Back“ auch die Gay-Kultur eine Rolle spielt, und wie sie Teil der aktuellen Gucci-Kampagne wurde, verriet sie im Zoom-Interview.

„Ich singe nicht gut mit Hangover“
 

Celeste, fühlen Sie sich mit der LGBT-Szene verbunden?
Klar! In London gibt es eine LGBT-Nightlife-Szene, die überwiegend aus kreativen und inspirierenden Figuren besteht. Darunter auch die DragQueen Miss Jason, die eine eigene Show namens „Jason’s Closet“ hat, für die sie in Clubs Leute interviewt. Miss Jason spielt in meinem neuen Video zu „Love Is Back“ mit. Für mich ist sie eine tolle Botschafterin innerhalb der Community für Gleichberechtigung, speziell auch für Leute mit dunkler Hautfarbe. Sie hat da wirklich viel bewegt.

Und Sie sind Teil dieser Szene?
Ich habe definitiv Freunde in der Community gefunden. Es gibt die Party „PDA“ im Osten von London, bei der ich zwar nur einmal war, weil ich nicht so viel ausgehe, aber viele Leute, mit denen ich mich die letzten zwei Jahre umgab, entsprangen dieser Szene. Ihre kreativen Looks haben großen Einfluss auf die Mode in London. Ib Kamara ist einer der Stylisten, der immer seine eigenen Outfits für den Abend kreierte und heute für das ID-Magazine arbeitet und Künstlerinnen wie Madonna und Beyoncé stylt. Er hat seine eigene Sprache in seinem Stil.
 

„Gucci mochte meinen Stil“
 

Sie sind Gesicht der aktuellen „Beloved“-Kampagne des italienischen Modelabels Gucci. Wie kam es dazu?
Einige Leute, die für Gucci arbeiten, waren bei einer meiner Shows, ohne dass ich es wusste. Meine Stylistin nahm Kontakt zu ihnen auf, und sie meinten, dass ihnen mein Konzert gefallen habe und sie meinen Stil mögen würden. So begann die Beziehung. Es sind einfach sehr angenehme Menschen. Sie machen Outfits, die gut zu meiner Körperform passen. Denn bisher bekam ich die Kleidungsstücke von Modefirmen in Größe 4, bestenfalls in 6, ich liege aber zwischen 12 und 16 – je nachdem, wo ich einkaufe. Oftmals ist dann die Attitüde: Wenn du uns tragen willst, dann kriegst du es hin, dort hinein zu passen. Zum Glück setzt Gucci seine Leute nie so unter Druck. Das lies mich echt gut fühlen. Davon mal abgesehen, kann ich mich gut identifizieren mit der Diversität, die sie zum Ausdruck bringen.
 

„Bin ich schon Weltstar?“
 

Freuen Sie sich schon auf die After-Lockdown-Partys mit Gucci-Botschaftern wie Harry Styles, Florence Welch und Iggy Pop?
(lacht) Mal schauen, ob das passiert. Ich kann es jedenfalls nicht abwarten, bis ich anfangen kann, die Welt zu bereisen und Shows in verschiedenen Ländern zu spielen. Da lernt man dann zwangsläufig viele andere Künstler kennen.


„Mein Afro ist auch ein Statement“


Ist Ihr Riesen-Afro auch als Statement zu verstehen?
Er wurde zum Statement! Als Teenager trug ich meine Haare immer glatt. Bis ich es an einem Sommertag zum ersten Mal als Afro frisierte. Meine Freunde meinten, wie schön es aussehen würde. Und ich fühlte mich einfach nur befreit. Ich hatte das Gefühl, mit natürlichem Haar ehrlicher zu mir selbst zu sein. So fing es an. Dann las ich darüber, wie in den Sechzigern Farbige in der US-Bürgerrechtsbewegung ihr natürliches Haar zum Ausdruck ihres Stolzes in Bezug auf „Black Power“ einsetzten. Ich hoffe, dass ich junge Frauen dazu animieren kann, ihre natürliche schwarze Schönheit preiszugeben.

Sie sagten, Sie würden nicht viel ausgehen. Sind Sie eher introvertiert?
Ich gehe nicht viel in Clubs und stürze mich nicht so oft ins Nachtleben. Das ist so, seitdem ich ernsthafter mit meiner Musik geworden bin. Ich singe nun mal nicht so gut mit Hangover. Also habe ich die Ausgehzeit hinter mir gelassen.

Großartig am Tanzen sind Sie bei Ihren Auftritten aber auch nicht.
Stimmt, ich stehe meistens. (lacht) Ich bin keine Tänzerin. Ich versuche das Beste, wenn es um gute Moves geht, aber bin nicht wirklich gut darin.

Dafür singen Sie als Sängerin hervorragend. Lily Allen brachte 2017 Ihre erste EP auf ihrem Label heraus. Hat Ihnen das die Karriere geebnet?
Es hat definitiv geholfen. Ich hatte zuvor nie die Möglichkeit, Musik mit einem Plattenlabel im Rücken zu veröffentlichen. Ich konnte also erst mal sehen, wie der Hase läuft, wenn man überhaupt eine Plattenfirma hat. Nachdem diese Beziehung zum Ende kam, hatte ich allerdings das Gefühl, es würde auch das Ende meiner Karriere bedeuten. Ich dachte, ich hätte diese kleine Chance gehabt, und sie wäre verpufft. Ich fiel in ein Loch und wusste nicht wirklich, wie es weitergeht. Ein Jahr ging das so, bis ich schließlich meinen heutigen Manager traf und kurze Zeit später bei Polydor unter Vertrag genommen wurde.

Und Lily ist jetzt sauer?
Nein, ich denke, sie ist glücklich, dass ich jetzt mein Ding mache. Sie weiß, wie hart es im Musikbusiness sein kann.

Anfang 2020 haben Sie dann den Brit Award gewonnen, aber Ihr Album war noch nicht fertig. Schart man da nicht mit den Hufen?
Klar, ich wollte reisen, jeden Tag Shows spielen, aber musste dann wieder umschalten auf ein anderes Mindset, um weiter an der Platte schreiben zu können. Denn wenn so viel passiert - Videodrehs, Konzerte, TV-Auftritte - bist du nur auf „Go! Go! Go!“ programmiert und funktionierst einfach. Du hast einen Fokus, der dich körperlich da durch bringt und gut sein lässt, was aber nicht zwingend im Einklang steht mit deinen Emotionen. Doch genau an die muss ich beim Songschreiben ran, um mich mit der Musik ausdrücken zu können. Wenn beides zusammentrifft, also die Arbeit mit dem Inneren und die Arbeit nach Außen, kann das körperlich schon sehr ermüdend sein. In dem sich alles durch die Pandemie verlangsamte, kam ich in einen Zustand, wo ich viel sensibler und offener war für das, was um mich herum passierte. Mein Herz war quasi freigelegt. Das war gut, um die Platte fertigzustellen.
 

Retro-Soul-Sängerin Celeste // © instagram.com/celeste

Kritiker sagen Ihnen nun eine Weltkarriere voraus. Sind Sie bereitet dafür?
Letzte Woche ist es mir um die Ecke von meiner Wohnung in London zwei Mal passiert, dass Leute mich auf der Straße ansprachen. Das war das erste Mal, dass das passierte. Erst in dem Moment fing ich an darüber nachzudenken, wie sich mein Leben nun verändern könnte. Ich habe durch das Pandemie-Jahr überhaupt kein Gefühl dafür, wie enthusiastisch die Leute mir und meiner Musik gegenüber wirklich sind. Ich merke zwar, dass sich bei Social Media eine Fanbase gebildet hat, aber da ich keine Leute treffe, weiß ich nicht, was das in der realen Welt bedeutet. Es wird also eine Überraschung!

Sie ernten Vergleiche mit Amy Winehouse, Billie Holiday und Sade. Wie fühlen Sie sich damit?
Vergleiche können am Anfang einer Karriere hilfreich sein, weil sie eine Verbindung zu dem Publikum besagter Größen herstellen. Aber nach einer Weile musst du beweisen, dass du noch andere Nuancen zu bieten hast mit dem, was du tust. Es reicht auch nicht zu sagen „Ich bin anders“. Du musst zeigen, dass du es bist. Was aber oft vergessen wird: Es sind Vergleiche mit der vollendeten Version dieser Superstars; sie haben bereits ihr ikonisches Album herausgebracht. Ich bin aber noch auf dem Weg dorthin.

Fiel es Ihnen schwer, zum Kern Ihrer Selbst zu finden?
Schon. Ich musste mich fragen, wer ich wirklich bin und meinem eigenen Urteil vertrauen – unabhängig von allen Vergleichen und den großen Erwartungen seitens der Musikindustrie. Der Anspruch an mich ist, einerseits Einfluss zu nehmen mit meiner Musik, andererseits soll es sich nicht anhören wie ein gewöhnlicher Pop-Soundtrack.

War denn Amy Winehouse eine Inspiration?
Zu ihren Hochzeiten war ich noch etwas zu jung, um komplett zu verstehen, was sie in ihrer Musik ausdrückte. Erst als Erwachsene mit 22 fand ich einen Zugang. Ich verstand plötzlich ihre Aussagen über Sex, Liebe oder Drogen. Die größere stimmliche Inspiration kam aber von Künstlern wie Billie Holiday, Nina Simone und Aretha Franklin. Ich habe ihre Phrasierungen beim Gesangs geradezu studiert, in dem ich wie besessen über Jahre ihre Musik hörte. Ich habe nicht versucht, genauso zu klingen wie sie, aber so viel wie möglich davon mitzunehmen.

Ihr Neo-Soul hat durchaus etwas Nostalgisches.
Mein Album klingt schon ein bisschen Retro. Meine Mutter wurde in den Sechzigern am Stadtrand von London geboren, mein Vater kommt aus Jamaika. Aus diesen beiden Strömungen entstand der Ska in England, von dem sich Ansätze auch auf meiner Platte wiederfinden, zum Beispiel im Song „Beloved“. Noch mehr kommt dieses Gemisch allerdings in meiner Mode zum Ausdruck. Meine Mutter war Mod, mein Großvater war ein Teddyboy. Mein Vater trug diese unglaublichen Anzüge in tollen Farben und darunter Poloshirts in Stretchstoff. Diese Silhouetten haben mich als Kind sehr beeinflusst.

Ihre Texte porträtieren Sie als eine Frau, die sich nach Liebe und Romantik sehnt, die sich dafür aber nicht verbiegen lassen will. Welches Image von Frauen möchten Sie rüberbringen?
Interessant, dass Sie diese zwei Aspekte herauspicken, denn das ist exakt die Person, die ich bin. Ich hatte immer das Verlangen nach tiefgründiger Liebe, aber ich bin mir auch bewusst, dass ich mich nicht verändern werde, um in diese Art von Beziehung zu passen. Zum Glück habe ich nun genau diese Liebe gefunden, die mir fehlte. Es hat lange gebraucht, an diesen Punkt zu kommen. Aus Angst, verletzt zu werden, hatte ich eine Mauer des Selbstschutzes um mich herum gebaut.

Was haben Sie über die Liebe gelernt?
Es gibt das Buch „Love Is A Many Trousered Thing“ von Louise Rennison. Meine Interpretation davon ist: Liebe ist komplexer, als einfach nur jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Es geht darum, die beste Version von dir selbst für diese Person zu sein und bedingungslos zu lieben.

Was ist für Sie romantisch?
Etwas an der Türschwelle hinterlegen, klingeln und weglaufen – das fände ich romantisch. Und Corona-konform ist es auch noch. Mein Freund ist zum Glück romantisch.

Ihr Freund Sonny Hall ist Dichter, oder?
Ja, ein richtig guter sogar! Vielleicht dichtet er ja zum Valentinstag für mich? Aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn er hat auch so jede Menge Poesie in mein Leben gebracht.
 

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