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Frank G. Pohl - Schule der Vielfalt

Schule der Vielfalt „Es braucht eine Bundeskoordination, die beim Bundesbildungsministerium angesiedelt ist“

km - 04.12.2021 - 10:00 Uhr

Schule der Vielfalt ist ein Programm und Schulnetzwerk, das sich für eine größere Akzeptanz gegenüber geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im Bildungsbereich einsetzt. Organisiert ist Schule der Vielfalt in der AG „Bundesnetzwerk Schule der Vielfalt“, die sich am 17.05.2015 während der Mitgliederversammlung des Bundesverbandes Queere Bildung e.V. gegründet hat.
Das inklusive Antidiskriminierungsprogramm Schule der Vielfalt veranstaltet am 2. Februar einen Fachtag zum Thema „LGBTI* und Schulsport“. Ab dem 13.12.21 kann man sich bereits dafür anmelden.

SCHWULISSIMO sprach mit dem Leiter der NRW-Fachberatungsstelle von Schule der Vielfalt, Frank G. Pohl, über den kommenden Fachtag, eine nötige Bundeskoordination für inklusive Bildung, Corona und Bildung.

 

Wie genau sieht euer Angebot bzw. eure Arbeit aus?
Das Programm Schule der Vielfalt hat eine Queer-Straight-Alliance Konzeption. Bedeutet, dass wir über das Angebot für ein Empowerment von LGBTI* hinaus auch alle andere an den Schulen im Blick haben. Zum Beispiel auch Lehrkräfte, die keinen LGBTI*-Bezug haben. Wir fördern in unseren Fortbildungen die Sensibilisierung, aber eben auch die Stärkung der Kompetenz. Die Verknüpfung von LGBTI*-Themen in der konkreten Schularbeit ist einmalig in Deutschland, also Projektschulen mit verpflichtenden Qualitätsstandards. Dabei sind die verpflichtenden Fortbildungen für Lehrkräfte und die Beratungsstelle die Grundpfeiler unseres Angebotes. Die Standards haben das Projekt Schule der Vielfalt erfolgreich gemacht.

© Schule der Vielfalt Frank G. Pohl
© Schule der Vielfalt Frank G. Pohl

Wie hat sich die Corona Krise auf die Schulen, Schüler*innen und Lehrkräfte sowie eure Arbeit ausgewirkt?
In der Corona-Zeit hat sich einiges angestaut. Nachdem alle wieder in Präsenz in den Schulen sind, erlebt die Fachberatungsstelle eine zusätzliche Flut von Anfragen. Es zeigt sich, dass digitale Formate zu den Themen Homo- und Transfeindlichkeit keine nachhaltige Veränderung der Lage bewirken. Es gibt eine fehlende Dynamik in den Gesprächen. Die emotionale Auseinandersetzung geht online häufig verloren und so können bestimmte Inhalte nicht optimal vermittelt werden. Außerdem zeigen aktuelle Studien, dass die Corona-Krise auch besonders bei LGBTI*-Jugendlichen für Depression und Einsamkeit gesorgt hat. In der analogen Schulrealität wird das alles jetzt wieder deutlich sichtbar. Den Bedarf stellen wir auch aus den Rückmeldungen bei den Fortbildungen fest.

Ihr seid ja gut vernetzt an den Schulen. Wie ist der aktuelle Stand in den Schulen, was Diskriminierung und Homophobie angeht? Wo stecken die größten Probleme?
Das ist eine wichtige Frage, denn in manchen Gesprächen kommt die Frage auf: Ist das denn überhaupt noch ein Thema? Da kann man die Studienergebnisse heranziehen und sagen: Ja, über die Hälfte von LGBTI* erleben nach ihrem Coming-out an der Schule noch Diskriminierungen.
Wir bekommen darüber hinaus durch die Projekte, die nah an der täglichen Praxis sind, von den Lehrkräften und Schülervertretungen die konkreten Informationen, wie es läuft und das nicht nur von unseren Projektschulen. Auch durch Kontaktaufnahme mit der Fachberatung erhalten wir immer wieder Feedback und Information aus dem Schulalltag und der Benachteiligung von LGBTI*.
 
Das größte Problem ist, dass ein Koordinierungsansatz in der Fläche fehlt und eine Stelle, die auch Durchsetzungsvermögen und Wirkung in einer Institution wie der Schule hat.
Deswegen fordert das Bundesnetzwerk Schule der Vielfalt seit einigen Jahren eine Bundeskoordination, die am besten beim Bundesbildungsministerium angesiedelt ist, gut ausgestattet wird und dort institutionell verankert bleibt. Aus Sicht von Schulen werden viele queere Projekte als externe Angebote wahrgenommen. Externe Projektansätze, wie es sie zum Beispiel von geförderten hilfreichen Projekten im Programm Demokratie Leben gibt, haben zudem starke Probleme, wenn sie nach einigen Jahren wieder eingestampft werden. So kann queere Bildung letztendlich nicht nachhaltig wirken. Es ist der Bildungsauftrag, dass die Schulen und Bildungsministerien selbst für eine Umsetzung von Antidiskriminierungs- und Akzeptanzarbeit verantwortlich sind. Das ist auch das Besondere an Schule der Vielfalt: Es ist Teil des Systems Schule, stärkt die Eigenverantwortung der Schulen und die Kompetenz der Lehrkräfte im Unterrichtsalltag. Wenn es eine Koordinierung auf Bundesebene geben würde, dann wäre das auf jeden Fall sehr wirkungsvoll. Denn diese kann Bestehendes reflektieren, mit Modellprojekten in einzelnen Regionen aufzeigen, was funktioniert und über den Bund Diversitätsbildung auf Landesebene optimieren.

Deshalb liegen große Hoffnungen auf der neuen Bundesregierung. Es gibt ja auch die Diskussion um den Nationalen Aktionsplan und genauso wie dort der Ansatz ist, gehen wir davon aus, dass die Themen wie Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus zusammen gedacht werden müssen und dann professionell in die Schulstruktur eingearbeitet werden. Dabei darf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt nicht aus dem Blick geraten und verlangt noch andere didaktische Zugänge.

Könntet ihr dann nicht auch ein neues Fach dafür erarbeiten?
Von unserer Seite liegen schon lange für verschiedene Fächer Materialien vor und in den letzten Jahren sind ganz tolle Unterrichtsbeispiele, Medien und Literatur, auch von unterschiedlichen Verlagen, hinzugekommen. Die Idee eines neuen Faches hört sich erstmal gut an. Aus unserer Projektschularbeit wissen wir aber, dass es darauf ankommt, die Themen geschlechtlicher und sexuellen Vielfalt sowie diverse Familienformen und Lebensweisen in unterschiedliche Fächer zu integrieren. Dafür setzen die Fachkonferenzen und die Schulprogrammaussagen einer Schule den richtigen Rahmen.

© Schule der Vielfalt Frank G. Pohl

Welche Themen werden konkret behandelt am Fachtag – es geht um LGBTI*-Schulsport, aber was genau, kann man sich darunter vorstellen?
Wie schon die Outsport Studie festgestellt hat, erleben 80 % der queeren Menschen in Europa Homophobie und sogar 90 % Transfeindlichkeit im Sport. Genauso auffällig ist, dass schwule, lesbische und bisexuelle Schüler*innen sich nur halb so häufig an außerschulsportlichen Events und Angeboten beteiligen, wie heterosexuelle gleichaltrige Jugendliche das tun. Deshalb war bei uns schon lange die Überlegung, einen solchen Fachtag zu veranstalten. Professorin Ilse Hartmann-Tews, die Mitautorin der besagten Studie, wird am Fachtag die Keynote halten und im Anschluss gibt es noch Workshops.
Themen sind zum Beispiel: Sportunterricht, der auch queeren Menschen Spaß macht oder Gender-Aspekte im Schulsport. Die Workshops werden von verschiedenen Expert*innen geleitet, unter anderem vom Landessportbund, aus queeren Sportvereinen oder durch Landesschülervertreter*innen.

Also werden Lehrkräfte sensibilisiert auf den richtigen Umgang mit queeren Jugendlichen im Schulsport?
Das ist häufig schon ein Thema im Sport. Viele Fragen landen hier in der Fachberatung von der Schule der Vielfalt, die die Lehrkräfte stellen, was Situationen im Sportunterricht wie auch den allgemeinen Unterricht an Schulen betreffen. Sensibilisierung wäre dabei zu wenig. Durch die Workshops wird konkret Wissen für eine LGBTI*-akzeptierende Durchführung von Sport an die Hand gegeben. Denn das betrifft häufig auch Jugendliche, die selbst nicht LGBTI* sind, aber durch heterosexuelle und binäre Geschlechternormen ausgeschlossen werden.

Aber dafür reicht nicht ein Tag, oder?
Nein, es müssen unterstützende Strukturen in der Schule aufgebaut werden, sonst ändert sich häufig nichts. In unseren Fortbildungen, die Moderator*innen zu „Gender und Diversität“ an Schulen durchführen, wird wert draufgelegt, dass es keine einmalige Sache ist. So kann im ersten Schritt eingeführt, fortgebildet und die Schulsituation analysiert und reflektiert werden. Dann muss zu einem späteren Zeitpunkt eine Art Kontrolltermin gemacht werden, um zu schauen, was umgesetzt wurde. Diese Fortbildungsangebote bestehen parallel zum Fachtag, sind enorm nachgefragt, immer ausgebucht. Jedoch gibt es sie regelmäßig nicht in vielen Bundesländern.

Was für Fragen kommen dann bei den Lehrkräften beispielsweise auf?
Der Ansatz im Sportunterricht hat sich geändert. Die starke Leistungssport-Orientierung stand immer sehr stark im Mittelpunkt, aber in den letzten Jahren sind gesellschaftliche Fragen im Sport angekommen. Das Thema Geschlechtsidentität zum Beispiel. Im Bereich der Bewertung ist das einer von vielen Aspekten – also bei Leistungs- und Bewertungsfragen, wie man den Sportunterricht gestalten sollte.

Kann man als Lehrkraft dann trotz festgesetzter Lehrpläne großartig eingreifen – wenn man zum Beispiel den Sportunterricht anders gestalten möchte? Müsste man dann nicht weiter oben ansetzen – also direkt bei den Lehrplänen?
Das passiert auch. Ich sehe das als Wechselwirkung. Expert*innen tauschen sich aus und erarbeiten mit Ministerien entsprechende Änderungen in Lehrplänen und Richtlinien und mindestens genauso wichtig ist es eben an Fachtagen die zuständigen Lehrkräfte zu informieren und zu schulen. Durch die Fachkonferenzen an den Schulen selbst gibt es eine Ausgestaltungsmöglichkeit und damit liegt es ein stückweit auch in den Händen der einzelnen Lehrkräfte. Also ganz so starr ist der Lehrplan dann eben nicht. Bei einem Programm wie Schule der Vielfalt wird die Verantwortung ganz gezielt auch an die Lehrkräfte zurückgegeben. Diese müssen professionell und kompetent zwar einerseits intervenieren, wenn es zu Diskriminierung kommt, aber eben andererseits schon vorher wissen, wie sie Unterricht und Schule gestalten. So verhindern sie präventiv Diskriminierung und schaffen nicht ausschließende, sondern inklusiv motivierende Schulsport-Angebote.

© Schule der Vielfalt Frank G. Pohl

Bei diesen Fachtagen können sich dann Schulen oder auch einzelne Lehrer anmelden?
Genau. Alle Fachtage von Schule der Vielfalt stehen grundsätzlich allen offen. Zielgruppe sind pädagogisch Tätige, in dem Fall natürlich besonders die, die Sport an einer Schule unterrichten.

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