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 Ralf Dürrwang // © Judith Buethe

Sinnvoll vererben Mit SOS-Kinderdörfer LGBTI*-Jugendliche fördern

km - 02.10.2020 - 10:00 Uhr

Das letzte Hemd hat keine Taschen und dementsprechend kann man auch keine seiner wohlverdienten Groschen mit ins Grab nehmen. Doch wohin mit dem Nachlass? LGBTI* besitzen oft keine Erben für all die Ersparnisse. Die SOS-Kinderdörfer ermöglichen nun weltweit, das Geld gezielt jungen Menschen der LGBTI* Community zukommen zu lassen. SCHWULISSIMO spricht mit Ralf Dürrwang, Mitinitiator und Teil der Kampagne.

Wie kam es zu dieser Idee?
Ich hatte bereits beruflich mit SOS-Kinderdörfer weltweit zusammengearbeitet. Unter meiner Verantwortung konzipierte ich von der Unternehmensseite bereits ein Jahrzehnt lang Bildungsprogramme für die SOS-Kinderdörfer weltweit.
In diesem Kontext kam dann auch die Idee. Der Schlüsselmoment war, als ich als Unternehmensvertreter mit Vertretern der SOS Organisation bei einer Veranstaltung teilnahm, bei der es um Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche ging. Das Thema dabei war es herauszufinden, wie man diesen jungen Menschen die besten Startchancen bieten könnte.
Vor Ort waren dann auch einige dieser Jugendlichen aus Asien und Afrika – und auch Miguel aus Lateinamerika. Er sprach über seine schwierige Situation: Darüber, im sozialen Brennprunkt Brasiliens aufzuwachsen und wie er ein kleines Business mit seiner Mutter gründete, bei dem sie Kuchen am Straßenrand verkauften. Sie bekamen Unterstützung aus den Programmen. Er machte deutlich wie wichtig es sei, dass sich dort Organisationen wie SOS-Kinderdörfer weltweit für junge Menschen einsetzten. Schließlich fügte er hinzu, dass bei ihm auch dazukomme, dass er schwul sei und somit unter einer doppelten Stigmatisierung leide. Das Thema Homosexualität setzt schließlich weitere Hürden für junge Menschen in LGBTI*-feindlichen Ländern. Er äußerte daher den Wunsch, dass Hilfsorganisationen auch mehr Fokus auf LGBTI*-Themen legen sollten.

Ich saß in der ersten Reihe und war überwältigt. Ich fand es sehr beeindruckend, einen jungen Menschen mit diesen Erfahrungen zu erleben, der sich vor allen Vertretern stark für diese Thematik macht und sie offen anspricht.
Genau zu dieser Zeit hatte ich mir mit meinem Mann über einen Ehevertrag, eine Patientenverfügung und eben auch einen Erbvertrag Gedanken gemacht. Zuhause habe ich das mit dem Nachlass dann als Idee eingebracht. Mein Mann war keineswegs abgeneigt, denn er ist selbst seit Jahren Kleinspender beziehungsweise Pate bei SOS-Kinderdörfer weltweit. Kombiniert mit dem Vertrauen, welches ich in der langen Zusammenarbeit mit dieser Organisation aufgebaut habe und dem Aufruf des jungen Manuels „sollte es einfach so sein“.

Als ich dann bei der Organisation angerufen habe um in Erfahrung zu bringen, ob ein solches Angebot speziell für die LGBTI*-Community vorhanden sei, sprach ich mit Dr. Vyslozil aus dem Vorstand. Der erklärte mir, dass erst vor Kurzem Menschen aus der LGBTI*-Community geholfen hatten, er aber noch sehr viel mehr Potenzial sehe. Er schickte mir dann Juristen vorbei, um beim Notar die Erbschaft für die SOS-Kinderdörfer weltweit aufzusetzen, damit die Hinterlassenschaft auch in der LGBTI*-Community landet.
 

Haben Sie eine Art Botschafter-Position?

Ich habe keine eigene Funktion bei SOS-Kinderdörfer weltweit. Als sich die Möglichkeit auftat, habe ich mit ihnen Kontakt aufgenommen. Dann kam die Idee auf, mehr daraus zu machen und eine Initiative oder Kampagne zu starten. Das Ziel ist es, andere von der Idee zu überzeugen die Erbschaft beziehungsweise einen Teil davon bei SOS-Kinderdörfer weltweit zur Verfügung zu stellen und so hat sich das Ganze entwickelt.
 

Aber das klingt doch zumindest nach einem Initiator?

Ja, Mitinitiator in Kollaboration mit SOS-Kinderdörfer-weltweit. Allerdings wurde ich gefragt ob ich bereit wäre, Teil der Kampagne zu sein und in Informationsfilmen aufzutauchen oder auch Interviews zu führen. Das war Überwindung für mich, da ich szenepolitisch nie großartig aktiv war oder mein Gesicht gezeigt habe. Aber es war mir ein persönliches Anliegen und so bin ich über meine Schatten gesprungen.
Das Gefühl der Einsamkeit und die Wut, die ich damals spürte, wünsche ich Niemanden. Deswegen war für mich klar: „Ich muss mich dafür einsetzen und mein Gesicht und meine Stimme nutzen, um die Jugendlichen in der heutigen Zeit von meinem Schicksal zu bewahren!“ Sie müssen einen Ansprechpartner haben und ihnen muss zugehört und geholfen werden.

SOS-Kinderdörfer // © Patrick Wittman

Wie fühlt sich das an, Teil davon zu sein?

Die Resonanz war super, selbst meine Eltern sind positiv gestimmt und auch meine Kollegen und Freunde sind begeistert.
Es ist ein wunderbares Gefühl – gerade bei so einem Thema wie dem Testament oder einer Patientenverfügung, bei dem es sonst unangenehm ist, sich damit auseinanderzusetzen. Zu wissen, dass - wenn etwas übrigbleibt - es einer Organisation und einem Thema zugute kommt, das uns sehr am Herzen liegt, ist wirklich schön.
 

Sie waren auch schon vor Ort bei den SOS-Kinderdörfern. Gibt es eine sehr persönliche oder emotionale Geschichte, die Sie dazu bewegt hat, sich mehr für diese Organisationen und dieses Anliegen einzusetzen?

Privat war es definitiv die Begegnung mit dem Manuel, die mich bewegt hat. Wie er sich vor den Vertretern geoutet und wie ein Aktivist dazu aufgerufen hat zu handeln, war berührend.  
Ich habe viele emotionale Momente während meiner Arbeit mit SOS-Kinderdörfer weltweit erlebt und konnte mich immer wieder davon überzeugen, wie großartig diese Organisation arbeitet.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Gruppe ehemaliger Prostituierter aus Madagaskar, die aufgrund ihrer verstorbenen Eltern gezwungen waren, auf den Strich zu gehen um an Geld zu kommen. Sie waren in einem Aussteiger-Programm und eine dieser Frauen hat eine sehr schöne und bewegende Rede gehalten und Gerechtigkeit für die Menschen gefordert.
Ich war auch im Libanon an der syrischen Grenze und habe dort die Schulen gesehen und wurde Zeuge davon, wie SOS-Kinderdörfer weltweit die Flüchtlinge unterstützt.
Bei SOS-Kinderdörfer weltweit denkt man oft an die klassischen Dörfer, in denen Waisenkinder untergebracht werden. Doch das ist ein veraltetes Bild. Es ist inzwischen soviel mehr. Ein Großteil ihrer Programme sind die sogenannten „Familien-Stärkungs-Programme“ von Familien, in die Brüche gegangenen Familien oder Kindern, die im Risiko sind, ihre Eltern zu verlieren oder nur noch einen Elternteil haben. Da unterstützt die Organisation das Familiensystem und sorgt mit Sozialarbeit dafür, dass sie in die Schule gehen oder ein kleines Business aufbauen können.


Es gibt eine Menge Organisationen – Warum gerade SOS-Kinderdörfer weltweit für den Nachlass als Teil der LGBTI*-Community?
Es ist eine Organisation die unmittelbar mit Jugendlichen ideologiefrei, effektiv und effizient arbeitet. Ich kenne deren Arbeit und habe Vertrauen in diese Organisation. Sie sind dieser Idee und somit auch der Thematik gegenüber auch sehr aufgeschlossen und haben eine Kampagne auf Social Media gestartet.
Diese direkte Begegnung mit Manuel und damit auch die Reise in die eigene Vergangenheit war ausschlaggebend. Ich bin zwar nicht in Brasilien aufgewachsen, aber in den 60er und 70er Jahren wurde ich auch mit einer doppelten Stigmatisierung konfrontiert: Ein Arbeiterkind und homosexuell.


Also haben Sie sich selbst in Manuel wiedergesehen und konnten das Schicksal nachempfinden? Da ist man natürlich sehr interessiert daran, diese jungen Menschen zu unterstützen.
Ja, so eine Art mögliche Korrektur von eigener Lebenserfahrung. Also hat es weniger damit zu tun, dass Homosexuelle weniger Kinder bekommen und das Geld deshalb in andere Kinder investieren. Es geht mehr darum, dass die meisten LGBTI* nachvollziehen können, wie sich Stigmatisierung als junger Mensch anfühlt und somit diese Initiative unterstützen, um andere vor dem eigenen Schicksal zu bewahren. Gerade in den Ländern, in denen es politisch schwierig ist.
Natürlich ist es auch ein schöner Gedanke als schwules Paar, einen unerfüllten Kinderwunsch so umzusetzen und auszuleben. Das war aber bei meinem Mann und mir nicht der Fall.
 

Erbschaft ist nicht nur ein unangenehmes Thema, sondern steckt auch voller Bürokratie. Wie steigt man da durch?
Was sich mir bei diesem Thema nicht erschließt ist, dass mein Nachlass teilweise an Verwandte geht, die schon genug zum Leben haben. Da wäre es doch schöner es Kindern zu geben, die es dringender benötigen.

Um bei all dieser Bürokratie durchzusteigen gibt es Veranstaltungen von SOS Kinderdörfer weltweit, bei denen man zielgruppengerecht beraten wird. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften können dort ein Testament aufsetzen, welches dann auch von Beratern und Juristen begleitet wird.
Alle Infos dazu gibt es unter www.sos-Kinderdoerfer.de.

Das Interview mit Ralf Dürrwang wurde am 15.09.2020 geführt.

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