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„Menschen werden nicht aufhören, Sex zu haben“
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Corona und die PrEP „Die Menschen werden nicht aufhören, Sex zu haben“

km - 30.10.2020 - 08:00 Uhr

Die Infektionszahlen von COVID-19 beherrschen weiterhin die Nachrichten weltweit. Doch wie sieht es mit den Zahlen der STDs, den sexuell übertragbaren Erkrankungen wie z.B. HIV aus? Sind diese durch verschärfte Corona-Maßnahmen gesunken? Und haben Privatversicherte mittlerweile einen besseren Zugang zu PrEP? SCHWULISSIMO sprach mit Dr. Degen vom UKE in Hamburg.
 

Die Änderung für Kassenpatienten in Bezug auf PreP im September 2019 war ein Erfolg. Jetzt haben viele Privatversicherte das Gefühl, unfair behandelt zu werden.
Das Gefühl ist absolut richtig. Viele privatversicherte Patienten berichten von einer deutlich schlechterenPrEP-Versorgung als bei den gesetzlichen Versicherten. Das ist natürlich von Vertrag zu Vertrag und von Versichertem zu Versichertem total unterschiedlich, aber ich höre tatsächlich häufiger negative Erfahrungen von Patienten. Die Kostenübernahme der STD-Testung und der PrEP-Verschreibung funktioniert laut der Patienten oft nicht. Das ist ein Missstand, der dringend behoben werden muss. Man sollte sich vor Augen führen, dass durch die PrEP zum einen die Gesundheit derVersicherten geschützt wird und zum anderen, wenn man es ganz trocken kaufmännisch betrachtet, die PrEP eine kosteneffektive Maßnahme ist.
Es gibt Verhandlungen zwischen der dagnä, also der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte, in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. und dem Verband der privaten Krankenversicherungen. Uns wurde gesagt, dass Ende 2020 ein Programm ins Leben gerufen werden könnte, dass dem der gesetzlichen Krankenversicherungen sehr ähnelt. Allerdings wird dies deutlich komplizierter werden, weil jeder Arzt und jede private Krankenkasse dieser Vereinbarung beitreten müsste. Es gibt da keine zentrale Regelung wie bei den gesetzlichen Versicherten.

Was empfehlen sie privatversicherten Patienten?
Man sollte in die Verhandlung mit der Krankenkasse gehen und sich von seinem betreuenden Arzt eine entsprechende Bescheinigung einholen. Unbedingt das Gespräch suchen, um eine Kostenübernahme von PrEP zu erreichen!

PrEP und Corona

Was hat sich durch die Corona-Krise und die damit in Verbindung stehenden Regelungen verändert?
Wir haben von März bis Anfang Mai durch den Lockdown eine deutliche Abnahme erlebt, was den Kontakt zu Patienten betrifft. Inzwischen hat sich das wieder eingependelt. Die Nachfrage ist hoch und die Sprechstunden gut besucht. Momentan haben wir das Gefühl, dass die Nachfrage wieder den Normalwert erreicht hat.
Durch Corona hat sich das Sexleben verlagert und fand eher in privaten Kreisen statt. Größere Sexpartys fanden meines Wissens nicht statt und auch die Clubs sind geschlossen oder haben nur eingeschränkte Öffnungsmöglichkeiten.

Also ist das Risiko einer Ansteckung mit HIV und anderen STDs dadurch eher gesunken?
Auch da ist es ähnlich wie mit der PrEP Verschreibung. Wir haben im März/April eine Abnahme gesehen, inzwischen sehen wir das nicht mehr. Mittlerweile sind die PrEP-Verschreibungen wieder auf hohem Niveau und auch die Zahl der Menschen mit STDs ist wieder wie vor der Corona Zeit.
Es ist denkbar, dass sich das wieder ändert in der nächsten Zeit. Was wir erkennen, sind deutlich weniger HIV-Diagnosen. Ob das im Zusammenhang mit der PrEP oder Corona steht, muss man durch die Zahlen vom Robert Koch Institut (RKI) zum Jahresende abwarten. Eine erfreuliche Nachricht für HIV-Infizierte ist, dass bei einer gut behandelten HIV-Infektion kein größeres Risiko in Bezug auf Corona und entsprechende Komplikationen besteht.

Was verunsichert die meisten Patienten beim Thema Corona und PrEP?
Natürlich haben Patienten/PrEP-User Angst, sich durch Sex auch mit Corona zu infizieren. Grundsätzlich ist die Verunsicherung, die wir in der ganzen Bevölkerung sehen, auch bei unseren Patienten bzw. den PrEP-Usern vorhanden. Die Zahl der neuen Sexualpartner ist daher zurückgegangen – so empfinde ich es zumindest aus den Gesprächen mit meinen Patienten.

Glauben Sie, dass die Menschen aufgrund der verschärften Maßnahmen und des Infektionsrisikos eher davor zurückschrecken, sich auf STDs und HIV testen zu lassen und die PrEP Beratung meiden?
Sie müssen bei den anonymen Testmöglichkeiten wie bei Hein&Fiete einen Termin vereinbaren, um dort große Menschenansammlungen im Wartebereich zu minimieren. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen in unruhigen Zeiten diesen Weg eher meiden und sich dann nicht testen lassen. Das sollte man natürlich unbedingt vermeiden und hier ein vernünftiges Vorgehen risikoadaptiert finden.

Die Menschen brauchen auch in einem zweiten Lockdown oder unter verschärften Regelungen ihre PrEP. Sie werden ja nicht aufhören, Sex zu haben. Wir haben inzwischen auch die Möglichkeit von Videosprechstunden und können dann auch Rezepte zuschicken. Der Patient muss in diesen Zeiten nicht in die Praxis kommen.
Der Zugang zu PrEP und die Beratung sind trotz Corona weiter möglich. Ich finde es in den aktuellen Zeiten extrem wichtig, dass die Patienten Ruhe bewahren und sich weiterhin in einer regelmäßigen ärztlichen Kontrolle befinden.

Dr. Degen Archivbild 2019
Dr. Degen Archivbild 2019 - © SCHWULISSIMO

 

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