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 Jared Baeten
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HIV - Die Suche nach dem Heilmittel Gespräch mit Senior Vizepräsident Tomas Cihlar und Vizepräsident Jared Baeten von Gilead

ms - 05.09.2022 - 17:00 Uhr

Das Pharmaunternehmen Gilead Sciences wurde 1987 in den USA gegründet und ist seit 1991 auch in Deutschland vertreten. Das biopharmazeutische Unternehmen erforscht, entwickelt und vermarktet innovative Arzneimittel mit Schwerpunkten auf virale Infektionskrankheiten wie HIV, Virushepatitis sowie COVID-19. Im Kampf gegen die Immunerkrankung HIV hat Gilead in den letzten Jahrzehnten wesentliche Therapiestandards gesetzt und versorgt heute täglich mehr als sechszehn Millionen Menschen in rund 130 Ländern mit einer HIV-Therapie – das sind rund die Hälfte aller Menschen weltweit mit einer antiretroviralen Therapie.

Heute hat Gilead über 11.000 Mitarbeiter in 35 Ländern, im Campus Martinsried bei München allein sind über 200 Fachkräfte beschäftigt. Aktuell hat das amerikanische Unternehmen auch rund 120 aktive klinische Studien in der Pipeline und investiert jedes Jahr mehr als fünf Milliarden US-Dollar in die Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Medikamente. Mit dem Wirkstoff Tenofovir entwickelte die Pharmafirma seine erste Substanz, die in der Behandlung der Krankheit auch heute noch ein Meilenstein ist. In der Kombination mit einem weiteren Wirkstoff wird sie heute auch zur Vorbeugung gegen eine HIV-Infektion eingesetzt – die Rede ist natürlich von der PrEP. Auch die erste komplette HIV-Therapie mit nur einer Tablette pro Tag stammt aus den Laboren von Gilead, zuvor mussten HIV-Patienten nach einem strengen Zeitplan oftmals mehr als vierzig Tabletten pro Tag einnehmen. Es mag also durchaus stimmen, wenn Gilead von sich selbst sagt, Forschung sei Teil ihrer DNA.

Auch in anderen Bereichen wie bei Hepatitis C ist das US-Unternehmen führend – mit der Entwicklung einer neuen Generation antiviraler Medikamente ist die Infektion heute in den meisten Fällen in wenigen Wochen heilbar. Ein Erfolg, den die Pharmafirma nun zeitnah mit HIV gerne wiederholen möchte. SCHWULISSIMO wollte es genauer wissen und sprach darüber mit Tomas Cihlar, dem Senior Vizepräsident für antivirale Forschung und Virologie sowie mit Vizepräsident Jared Baeten, verantwortlich im Bereich Klinische Entwicklung HIV.

Der Leitspruch von Gilead ist: Wir wollen das Unmögliche möglich machen. Zu Beginn der HIV-Forschung ging es schlicht ums Überleben, dank der antiviralen Forschung wurde aus HIV heute eine chronische Erkrankung. Dabei war ein oft formuliertes Ziel der letzten Jahre stets auch die Heilung von HIV. Wann haben wir das “Unmögliche“ hier also erreicht?

Jared: Diese Fortschritte in der medizinischen Forschung haben dazu beigetragen, HIV zu einer vermeidbaren, chronischen Krankheit für Millionen von Menschen zu machen. Wir wissen jedoch, dass noch mehr getan werden muss, um die Zahl der HIV-Neudiagnosen auf Null zu senken und HIV letztendlich zu eliminieren. Die Heilung von HIV ist nach wie vor ein Ziel der HIV-Forschung und -Entwicklung von Gilead. Die Programme zielen darauf ab, eine dauerhafte, antiretrovirale Therapie-freie HIV-Remission – also das Zurückdrängen der Erkrankung – ohne Übertragung oder Fortschreiten der Krankheit zu erreichen. Eine Heilung von HIV hätte bedeutende Auswirkungen auf die derzeitigen Herausforderungen, die mit der lebenslangen Behandlung, der sozialen Diskriminierung und der Stigmatisierung der Krankheit verbunden sind. Wir engagieren uns auch weiterhin für die Bereitstellung innovativer Therapien, die das Potenzial haben, ungedeckte Bedürfnisse in der HIV-Behandlung und -Prävention zu erfüllen, und betreiben aktiv Forschung mit dem Ziel, der Heilung näherzukommen. Wir wissen auch, dass es mehr als nur Arzneimittel braucht, um die HIV-Epidemie zu beenden. Um die HIV-Epidemie als Herausforderung für die öffentliche Gesundheit bis 2030 zu beenden, müssen wir die medizinischen Ungleichheiten in den am stärksten von HIV betroffenen Gemeinschaften angehen. Innovative Kooperationen und Partnerschaften, die sich an den Erfahrungen vor Ort orientieren, zeigen den Weg auf, wie wir bis 2030 HIV als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit beenden können. Unsere Prioritäten richten sich nach den Bedürfnissen aller Menschen, die von HIV betroffen sind. Wir wollen neue, innovative Therapieoptionen anbieten, die dazu beitragen können, die unterschiedlichen Bedürfnisse der von der Epidemie betroffenen Menschen weltweit zu erfüllen.

Bei der Krebstherapie hat Gilead mit der CAR-T-Therapie bereits ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dabei werden dem Patienten körpereigene Immunzellen entnommen und gentechnologisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen und bekämpfen können. Ein spannender Ansatz – könnte diese Herangehensweise auch im Bereich HIV zukünftig eine Rolle spielen?

 Tomas Chilar © Richard Morgenstein

Tomas: Die CAR-T-Zelltherapie ist eine von wenigen Optionen für Patientinnen und Patienten mit Lymphomen, bei denen die Möglichkeiten der bisherigen Standardtherapien ausgeschöpft sind. CAR-T ist ein komplexer Ansatz, der derzeit noch nicht ohne weiteres auf HIV anwendbar ist, aber das immunologische Prinzip und der Mechanismus können eine Rolle spielen, wenn es darum geht, das HIV-Reservoir für potenzielle funktionelle Heilungsstrategien anzugehen. Wir arbeiten eng mit unseren Kolleginnen und Kollegen von Kite, einem Unternehmen von Gilead, zusammen, um einige frühe Ideen in dieser Richtung zu verfolgen. Auch extern gibt es zahlreiche Bemühungen, die sich darauf konzentrieren, die CAR-T-Prinzipien so zu optimieren, dass sie in Zukunft zur HIV-Heilung eingesetzt werden könnten.

Gilead arbeitet auch mit Organisationen weltweit zusammen, um den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verbessern. Wo gibt es hier noch die größten Hürden?

Jared: Tief verwurzelte soziale, strukturelle und systemische Hindernisse verhindern den Zugang zu lebenswichtiger HIV-Behandlung und -Prävention. Die HIV-Epidemie wird nach wie vor durch systembedingte Diskriminierungen aufgrund von Rasse, Geschlecht, Klasse und Sexualität auf kommunaler, institutioneller und gesellschaftlicher Ebene begünstigt, was häufig zu schlechteren Ergebnissen bei der Gesundheitsversorgung bei HIV führt. Gesundheitliche Ungleichheiten können zudem tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Menschen mit HIV und von Menschen, die von der PrEP profitieren würden, haben, was die Probleme, mit denen viele bei der Behandlung von HIV konfrontiert sind, noch verstärken kann. Im Rahmen der globalen Bemühungen um die Beendigung der Epidemie arbeitet Gilead direkt mit der HIV-Community zusammen, um gesundheitliche Ungleichheiten zu verringern, die Gesundheitskompetenz zu verbessern, die HIV-Aufklärung voranzutreiben und grundlegende Hindernisse für die Beendigung der Epidemie abzubauen. In Partnerschaft mit globalen und lokalen Interessenvertretern und Organisationen unterstützt Gilead eine Vielzahl von Initiativen, die darauf abzielen, die zugrundeliegenden Probleme anzugehen, die einen langfristigen Erfolg der HIV-Therapie verhindern. Diese Probleme behindern die Ausweitung bewährter und umfassender HIV-Strategien und schränken die Durchführung von Tests sowie die Aufnahme und Beibehaltung von Behandlungen ein, was die Epidemie weiter verschärft. Allein im Jahr 2020 stellte Gilead mehr als 250 Millionen US-Dollar für Organisationen zur Verfügung, die sich für die Beendigung der HIV-Epidemie auf der ganzen Welt einsetzen, wobei der Schwerpunkt auf Communitys liegt, die überdurchschnittlich stark von HIV betroffen sind, und die unsere potenziell lebensrettenden Therapien ergänzen und unterstützen. Gilead wurde auch als größter privater Geldgeber für gemeinnützige HIV-Programme in den USA und als drittgrößter Geldgeber außerhalb der USA anerkannt.  

In Deutschland leben aktuell rund 90.000 Menschen mit HIV, zumeist unter sehr guter Therapie und mit einer hohen Lebenserwartung. In anderen Teilen der Erde sieht die Lage weitaus dramatischer aus. In Osteuropa oder Zentralasien sind die HIV-Fallzahlen beispielsweise wesentlich höher, jeden Tag sterben dort rund 100 Menschen an den Folgen von AIDS. Wie setzt sich Gilead hier ein, um das Problem in den Griff zu bekommen? 

Jared: Durch unsere zahlreichen globalen und lokalen Kooperationen unterstützt Gilead Patientenvertreter, medizinische Fachkräfte und gemeinnützige Organisationen auf der ganzen Welt, die alles daransetzen, das Leben der von HIV betroffenen Menschen zu verbessern - vor allem auch in Osteuropa und Asien. Im Jahr 2018 haben wir das Gilead Asia Pacific Rainbow Grant-Programm ins Leben gerufen, das sich auf die Unterstützung vielfältiger, wirkungsvoller und nachhaltiger gemeinschaftsbasierter Projekte konzentriert, die unterversorgte Gemeinschaften stärken, die Hindernisse bei der Behandlung erfahren. Zur Bewältigung der Herausforderungen in Osteuropa und Zentralasien hat Gilead auch gemeinsam mit der Elton John AIDS Foundation das RADIAN-Programm ins Leben gerufen, mit dem Ziel, neue HIV-Infektionen und HIV-bedingte Todesfälle zu verhindern und die Qualität der Behandlungs- und Präventionsversorgung sowie der damit verbundenen Dienstleistungen für Menschen mit HIV oder von HIV betroffenen Menschen zu verbessern.

Seit Beginn der HIV-Epidemie erleben wir erstmals in Deutschland die Situation, dass immer mehr Menschen mit HIV älter und alt werden. Welche Aspekte sind mit Bezug auf das Alter bei HIV-positiven Personen heute wichtig?  

Jared: Menschen mit HIV haben im Alter diverse und sich verändernde Bedürfnisse, die antiretrovirale Therapien erfordern, die auf eben diese Anforderungen eingehen. Älter werdende Menschen mit HIV haben eine erhöhte Belastung durch verschiedene altersbedingte chronische Erkrankungen. Dies kann unter Umständen auf die chronische Aktivierung des Immunsystems durch die Virusinfektion oder auf Stoffwechselstörungen zurückzuführen sein, die mit einigen früheren Generationen antiretroviraler Medikamente zusammenhängen. Angesichts der Tatsache, dass bis 2030 mehr als 70 Prozent der HIV-Infizierten über 50 Jahre alt sein werden, hat Gilead die Initiative “HIV Age Positively“ ins Leben gerufen, um Programme zu unterstützen, die sich auf die Lebensqualität und die Gesundheit von HIV-Infizierten konzentrieren, die älter werden und unter damit zusammenhängenden medizinischen Einschränkungen zu leiden haben. Die Tatsache, dass die HIV-Population altert, hat auch zu neuen Überlegungen über altersbedingte Krankheiten wie Diabetes und Herzerkrankungen geführt. HIV-Infizierte, ihre Communitys und Versorger auf der ganzen Welt tragen an uns heran, dass neue Behandlungs- und Präventionsstrategien erforderlich sind. Es geht um komfortablere Dosierungsintervalle und Therapieformen, die mehr Diskretion bei der Einhaltung der Therapie ermöglichen. Das ist besonders für Menschen wichtig, die unter der anhaltenden Stigmatisierung von HIV leiden. Wir wollen neue, neuartige und zukunftsweisende Lösungen entwickeln, die das Potenzial haben, die Versorgung und die Erfahrungen von Menschen, die mit HIV leben oder davon betroffen sind, zu verbessern.

Blicken wir einmal in die Zukunft: Eines Tages wird HIV eine heilbare Krankheit sein, die zum Glück ihren Schrecken vergangener Tage gänzlich verloren haben wird. Werden wir mit den Erfahrungen von heute dann besser gewappnet sein für mögliche neue Viruserkrankungen? 

Tomas: Wie wir bei der aktuellen COVID-Pandemie gesehen haben, konnte die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre fortschrittlichen Technologien in einer Zeit einsetzen, in der die Welt sie am dringendsten benötigte, und sie arbeitet weiterhin an der Weiterentwicklung, um sich auf ähnliche zukünftige Bedrohungen vorzubereiten. Als eines der führenden Unternehmen auf dem Gebiet der Virologie und der Pandemievorsorge hat Gilead Erfahrung darin, seine jahrzehntelange Expertise auf dem Gebiet neu auftretender Viren einzusetzen, um die anspruchsvolle Wissenschaft auf dem Gebiet der Virologie, hochmoderne Instrumente und Ressourcen innerhalb des Unternehmens und in enger Zusammenarbeit mit wichtigen Partnern rasch zu mobilisieren, um Therapien für dringende Bedürfnisse bereitzustellen. Dies wird auch in Zukunft unsere wichtigste Aufgabe sein, um auf künftige globale Gesundheitsbedrohungen zu reagieren. Wir investieren heute in die Forschung, um auf zukünftige Bedrohungen durch Pandemien vorbereitet zu sein.

Tomas und Jared, vielen Dank für das Gespräch.

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