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Die „Wechseljahre“ der Männer // © golero
Rubrik

Mit fünfzig fix und fertig? Männer in den Wechseljahren

kk - 03.04.2021 - 10:00 Uhr

Es ist ein Tabuthema: Die Andropause der Männer, häufig auch einfach und ein wenig vereinfachend „Wechseljahre“ genannt. Diese Zeit geht einher mit Übergewicht, Erschöpfung und Unlust. Meist beginnen diese so genannten Wechseljahre ab dem fünfzigsten Lebendjahr, aber fix und fertig ist man ab da noch lange nicht. Was hinter dem Phänomen steckt und was hilft, verraten wir hier:

Was steckt hinter den Wechseljahren der Männer?
Lange dachte man, das Phänomen betrifft nur Frauen, bei denen in der Lebensmitte ein Rückgang des Sexualhormons Östrogen zu verzeichnen ist. Doch auch die Herren sind betroffen, denn bei ihnen setzt die Phase zwar etwas später ein, ab etwa Anfang 50, dennoch geht sie ebenfalls mit einem Hormonabfall einher. Die so genannte Andropause, abgeleitet von den griechischen Wörtern „andro“ (Mann) und „pausis“ (Ende) bringt ähnliche lästige Begleiterscheinungen mit sich wie bei den Frauen. Wechseljahrgeplagte Männer leiden unter Antriebsschwäche, emotionalen Verstimmungen, Libidoverlust und weniger Lust auf Sex, Schweißausbrüchen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Gelenkbeschwerden, Gewichtszunahme und allgemeinem Leistungsabfall. Dennoch ist die Andropause kein exaktes Gegenstück zur Menopause, wie Mediziner erläutern. Während es bei Frauen zu einem schlagartigen Abfall der Hormonproduktion kommt, ist dieser Prozess bei Männern schleichend sowie kontinuierlich zu beobachten. Insofern ist es auch etwas irreführend von männlichen Wechseljahren als fixem Zeitpunkt zu sprechen, die berühmte Midlife-Crisis greift das Problem oft besser: Auf der einen Seite spürt man die ersten Alterserscheinungen, auf der anderen Seite kommen oft grundlegende Änderungen in Beruf und Beziehung dazu.

Die männliche Andropause – nur ein Hype?
Das Thema ist mittlerweile ein Modethema geworden, so dass Pharmafirmen, Ärzte und Journalisten es immer wieder aufgreifen und dabei fällt meist ein Stichwort: Testosteron. Schließlich helfen Frauen oft auch Hormonbehandlungen, warum also nicht auch den Herren der Schöpfung? Und so verschreiben mittlerweile Ärzte in Deutschland schon mehr als dreimal so viel synthetisch hergestelltes Testosteron wie noch im Jahr 2004. Dabei raten Hormonexperten eher zu einem aktiveren und gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung: Ausdauer- und Kraftsport zeigen sich hier als sehr effektiv und sportliche Aktivität erhöht ebenfalls den Testosteronspiegel im Blut. Die Wechseljahre beim Mann sind also bei Experten umstritten und eigentlich ist auch der Name Andropause unpassend gewählt, da die Bezeichnung auch als „Tod des Mannes“ – analog zur Menopause „Tod der Periode“ – aufgefasst werden kann. Zeit also, sich sachlicher mit dem Thema zu befassen:

Wie funktioniert Testosteron im Körper?
Geschlechtshormone wie Östrogene oder eben Testosteron erfüllen im menschlichen Körper viele verschiedene Funktionen: Sie sind nicht nur zuständig für Fruchtbarkeit und Sexualität. Testosteron ist beispielsweise auch am Muskelwachstum beteiligt, es stärkt die Knochen und die inneren Organe, wirkt sich aber auch positiv auf die Psyche aus und ist vitalitätssteigernd. Ein Mangel an diesem Hormon kann also tatsächlich erhebliche körperliche Beeinträchtigungen mit sich führen und sich negativ auf Cholesterinwerte den Zuckerstoffwechsel (Stichwort Diabetes) wirken. Damit ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Aber auch eine Beziehung kann unter dem Sinken des Testosteronspiegels leiden, so dass sich heutige moderne Männer immer mehr Gedanken über dieses Thema und ihre Gesundheit machen.

Wie sinnvoll ist eine Testosteron-Behandlung?
Denkt man an die Zuführung von synthetisch hergestelltem Testosteron, denkt man oft an aufgepumpte Bodybuilder, jedoch nicht an eine normale hausärztliche Behandlung. Und in der Tat ist diese Behandlung der Testosteron-Ersatztherapie auch nur in ausgewählten Fällen sinnvoll. Vorab muss genau per medizinischer Vorgeschichte und Blutbild abgeklärt werden, ob Symptome wie niedrige Energie, geringer Sexualtrieb, erektile Dysfunktion oder Stimmungsschwankungen wirklich auf einen niedrigen Testosteronspiegel zurück zu führen sind oder ob sie nicht andere Ursachen haben. Dieser so genannte „Low T“-Wert (also niedriger Testosteronspiegel oder mit Fachausdruck Hypogonadismus genannt) kann auch aufgrund von Diabetes, depressiven Verstimmungen, Nieren- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder starkem Übergewicht entstehen.
 

Sport gegen Testosteronmangel // © Viacheslav Peretiatko

Therapie gegen „Low T“
Sollte man aber doch eine Testosteron-Ersatztherapie durchführen müssen, kann diese auf unterschiedliche Art erfolgen: Durch Spezialpflaster, Hautgels, Spritzen oder Pellets, die unter der Haut eingesetzt werden. Die Behandlung dauert dabei ein Leben lang, denn setzt man die entsprechenden Präparate ab, dann sinkt der Testosteronwert auch wieder. Ebenfalls sind regelmäßige Bluttests notwendig, so dass die Behandlung nur bei einem auf Testosterontherapien spezialisierten Arzt durchgeführt werden sollte, da hierbei auch ernste Nebenwirkungen auftreten können. Viele Männer schreckt das ab und sie suchen nach alternativen Möglichkeiten ihr Energielevel wieder zu steigern, wie zum Beispiel Sport oder mehr Bewegung im Allgemeinen. Verzichten sollte man unbedingt auf testosteronsteigernde Nahrungsergänzungsmittel, wie man sie beispielsweise in Fitnesscentren oder im Internet kaufen kann: Man weiß als Laie nicht, was genau darin steckt, da diese Produkte oft keinerlei offiziellen Kontrollen unterlägen. Und sowieso ist der Testosteronwert als etwas sehr individuelles zu betrachten, weshalb es sehr schwer ist hier etwas als „normal“ oder als „zu gering“ zu definieren. Als Leitwert kann man den Wert der Bundesärztekammer als Hilfe nehmen, bei denen zwischen zehn und 40 Nanomol pro Liter als Norm gelten.

Alternativer Tipp: Abnehmen und Alltagsstress reduzieren!
Sollte man(n) bei sich Hinweise auf eine Andropause verspüren, raten Psychotherapeuten und Mediziner dazu, es erst einmal mit Stress- und Gewichtsreduzierung zu versuchen. Ruhe in die Alltagshektik bringen und ein paar Kilo abspecken, bringt oft auch eine Normalisierung des Hormonspiegels mit sich. Die alleinige Fokussierung auf Testosteron sei nicht ratsam, denn ein gravierender Mangel an dem Sexualhormon sei ohnehin sehr selten und nur drei bis fünf Prozent der 60- 79-Jährigen sind davon betroffen. Experten raten daher zu einer guten Portion Gelassenheit und einem guten Leben als weiteres Mittel gegen die Wechseljahre: Weniger Alkohol und keine Zigaretten sind dabei ein guter Anfang. Beim Essen geht es dann weiter: Da viele Männer in der Andropause auch zu Problemen mit der Verdauung und dem Magen-Darm-Trakt neigen, ist eine gesunde Genussküche mit einer vitaminreichen sowie pflanzlicher Kost ratsam. Denn was man isst, hat ebenfalls großen Einfluss auf unsere Hormonwerte. Zeit, sich mit Heilpflanzen oder Ernährung auseinander zu setzen. Einige Naturheilmittel können nämlich auch „Wechseljahr“-Beschwerden lindern. Dazu gehören beispielsweise die Brennnessel (als Tee getrunken beugt sie Prostatavergrößerungen vor und hält den Stoffwechsel aktiv), Johanniskraut (hilft bei Schlafstörungen und lindert depressive Verstimmungen) oder Melisse (ist wie Hopfen oder Baldrian gut bei Einschlafproblemen).

Und ganz allgemein sollte man(n) diese Zeit am Besten als ein „Lehrstück der Lebensschule“ erkennen, wie Karl-Hein Steinmetz, Gesundheitswissenschaftler und Leiter des Instituts für Traditionelle Europäische Medizin (TEM) in Wien rät. Aber auch Humor hilft, wie der schwule Comiczeichner Ralf König weiß, der sich in seinem Buch „Herbst in der Hose“ ebenfalls mit der Andropause befasst. Wir haben doch alle unsere Ängste vor dem Älterwerden, aber zusammen mit anderen „Betroffenen“ darüber zu lachen, ist enorm befreiend. Sinnlich bleiben hilft übrigens auch, Experten raten Männern ab 50 dazu, sexuell aktiv zu bleiben, denn auch das beugt einem sinkenden Testosteronspiegel vor...

In diesem Sinn: Mit 66 Jahren fängt das Leben vielleicht nicht wirklich an, aber vielleicht wirklich neu! (Und mit ungefähr 75 Jahren sind die Wechseljahre bei Männern sowieso für gewöhnlich überstanden)

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