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Zahl der Drogentote steigt um 16 Prozent // © DPLight
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Zahl der Drogentoten steigt um 16 % „Diese Zahlen sind schockierend und zeigen, dass ein 'Weiter so' in der deutschen Drogenpolitik nicht möglich ist!“

ms - 04.06.2022 - 10:00 Uhr

Die Zahl der Menschen, die an illegalen Drogen verstorben sind, ist auch 2021 im vierten Jahr infolge abermals angestiegen. So starben im vergangenen Jahr 1.826 Menschen an ihrem Drogenkonsum. Dieser Anstieg der absoluten Zahlen wirft auch ein düsteres Bild auf die Lage innerhalb der queeren Community, in der oftmals leichtfertig Drogen als berauschende Mittel beim Sex eingenommen werden. Das Problem ist auch in anderen westeuropäischen Ländern wie Österreich bekannt, hier haben rund 20 Prozent der LGBTI*-Menschen regelmäßig Chemsex. Die europaweite EMIS-Studie belegte, dass diese Zahlen für ganz Europa Gültigkeit haben – jeder fünfte schwule Mann hat gelegentlich Sex unter Drogen, für sieben Prozent sind illegale Substanzen ständige Begleiter beim Sexualverkehr.

Die Beweggründe, warum vor allem schwule Männer oftmals Crystal Meth, Mephedron oder GHB und GBL einnehmen, gleichen sich zumeist: Unter Einfluss der Drogen erleben schwule Männer den Sex als intensiver und berauschender, zudem fallen Hemmschwellen, sodass Homosexuelle ihre sexuellen Fantasien scheinbar besser ausleben können. Nebst den gesundheitlichen Folgen und einer Sucht, von der viele Männer nicht mehr lassen können, besteht auch die Gefahr einer Überdosierung oder der Einnahme illegal zusammengemischter und damit potenziell gefährlicheren Drogen. So ist die Zahl der Vergiftungen durch Überdosierung von Heroin um 50 Prozent und bei anderen Opioiden um 167 Prozent angestiegen.

Dabei scheint die Einnahme von Drogen gerade auch innerhalb der Community bis heute sehr beliebt zu sein, von einem Umdenken ist jedenfalls nichts zu spüren. Dafür sprechen auch die aktuellen Zahlen, innerhalb von nur fünf Jahren verdoppelte sich beinahe die Zahl der Drogentoten in Deutschland. Hauptursächlich waren wie in den vergangenen Jahrenauch Heroin und andere Opioide alleine oder in Verbindung mit anderen Stoffen. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, dazu: „Diese Zahlen machen mich traurig. Sie sind schockierend und zeigen, dass ein 'Weiter so' in der deutschen Drogenpolitik nicht möglich ist. Auch die Familie, Freunde und Partner von an Drogen verstorbenen Menschen leiden. Hilfe und Unterstützung, Behandlung und Beratung müssen schneller und direkter bei den Menschen ankommen. Was wir jetzt brauchen - und zwar schnell - ist ein Grundsatzgespräch mit den Ländern. Es darf nicht sein, dass Menschen, die schwer suchtkrank sind, gar nicht erreicht und mit ihrer Erkrankung sowie deren sozialen Folgen alleine gelassen werden. Aus Abhängigkeitskrankheiten findet praktisch niemand alleine wieder heraus!“

Blienert erkennt auch, dass eine besondere Gefahr durch gepantschte Substanzen entsteht: „Den häufig lebensbedrohlichen Risiken gerade durch verunreinigte oder gestreckte Stoffe möchte ich mit Maßnahmen wie Drug-Checking, flächendeckender Substitution und Drogenkonsumräumen entgegentreten. Es ist angesichts dieser tragischen Zahlen doch offensichtlich: Maßnahmen, die Leben retten helfen, müssen ermöglicht und ausgebaut werden.“

Das dringend etwas geschehen muss, sieht auch die Deutsche Aidshilfe so, allerdings fordert der Verein weitergehende Schritte: „Um Menschenleben zu retten, sind eine staatlich kontrollierte Abgabe auch sogenannter harter Drogen und die Entkriminalisierung der Drogenkonsumenten erforderlich – und ein Ausbau schadensmindernder Angebote“, soBjörn Beck vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe (DAH). Und Drogenreferent Dirk Schäffer ergänzt: „Statt Drogen konsumierende Menschen wegen geringer Mengen zum Eigenbedarf zu kriminalisieren und zu inhaftieren, muss der Staat die Abgabe von Substanzen regulieren und deren Qualität kontrollieren. Substanzen vom Schwarzmarkt sind meist stark verunreinigt und Konsumierende können den Reinheitsgehalt nicht einschätzen – beides oft mit tödlichen Folgen.“ Die Deutsche Aidshilfe fordert deshalb die staatliche Kontrolle der Produktion und die legale Abgabe von Substanzen in jeweils geeigneter Form, etwa über Fachgeschäfte oder das Medizinsystem. Außerdem solle der Gesetzgeber geringfügige Mengen zum Eigenverbrauch festlegen, deren Erwerb und Besitz nicht strafrechtlich verfolgt wird. Wie realistisch solche Debatten angesichts der immer noch strittigen Ausgangslage über die geplante Legalisierung allein von Cannabis ist, ist fraglich.

Der Deutschen Aidshilfe geht es dabei nicht nur um die direkten Folgen bei den Konsumenten, sondern auch um weitere, fatale Wechselwirkungen, die die aktuelle Kriminalisierung mit sich bringt. Menschen, die aufgrund eines Drogendelikts inhaftiert werden, kosten den Staat nicht nur Geld, sondern haben auch ein erhöhtes Risiko für Leben und Gesundheit, beispielsweise steige in der Haft die Ansteckungsgefahr mit HIV oder Hepatitis um ein Vielfaches. Zudem werden in 80 Prozent der Fälle nur einfache Konsumenten verurteilt, nicht aber die Händler, die am illegalen Drogenkonsum verdienen. Wichtig seien zukünftig so auch mehr Investitionen in die Forschung, zum Beispiel zur Substitutionsbehandlung für Konsumenten von Amphetaminen oder Kokain. Darüber hinaus müssten Angebote zur Schadensminderung bundesweit ausgebaut und besser zugänglich gemacht werden – Stichwort Drugchecking, also das Testen von Substanzen auf Inhaltsstoffe und deren Wirkstoffkonzentration, so DAH-Vorstand Beck abschließend.

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