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Apropos Leben // © Sergii Gnatiuk
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Apropos Leben Gefühltes Tagebuch: Märchenstunde

rb - 11.02.2021 - 09:00 Uhr

Unser Alien macht es sich auf der Couch gemütlich: „Meine Lesewut hat neue Dimensionen in der hiesigen Krise erfahren. Um Ihren Auftrag, Hohe Herren, ordnungsgemäß zu erfüllen, versuche ich die kulturellen Wurzeln der Menschen zu ergründen. Ich habe auf der Straße die Bücherschränke entdeckt. Dabei fand ich auch sogenannte Märchen. Diese geben in einfacher und zugleich dichter Form die Moral der Erdenbewohner wieder. Und Spaß machen sie auch noch.“

Die Offenen Bücherschränke haben schon eine ziemlich lange Tradition in Deutschland. Ursprünglich ein Kunstprojekt aus den 90er Jahren, haben sich diese nachhaltigen Tauschbörsen für Lesefreunde mittlerweile bundesweit etabliert. Jeder kann Bücher dort einstellen, ausleihen und schmökern. Eine schöne Idee. Märchenbücher gibt da auch. Die Märchenforschung, ein Teil der Literaturwissenschaft, hat mehrere Theorien zum Ursprung dieser uralten Texte. Wahrscheinlich basieren sie auf mündlicher Tradition und sind im familiären Kreis und durch berufsmäßige Storyteller von Generation zu Generation weiter gereicht worden. Ihr Inhalt ist durchaus moralisch zu verstehen, damit auch philosophisch. Manche verorten den europäischen Ursprung im späten Mittelalter, vielleicht gibt es sogar eine Beziehung zu den Minnesängern. Deshalb tauchen immer wieder Könige, Prinzen und Prinzessinnen darin auf. Aber insgesamt sind diese sinnhaften Geschichten wohl viel älter und gehen zurück auf die Antike und weiter noch in graue Vorzeit. Indien könnte den Anfang gemacht haben. Jedenfalls sind diese eher kurzen Storys ein Vergnügen für Jung und Alt, kommen auch nicht wirklich aus der Mode. In Anlehnung an die Gebrüder Grimm, die seinerzeit eine bis heute gültige Sammlung der Volksmärchen im 19. Jahrhundert vorlegten, gibt es eine aktuelle US-Serie mit gleichem Namen.

Inhaltlich kreisen Märchen oft um das Thema Gut gegen Böse. Manchmal sind sie ziemlich drastisch, ja sogar grausam. Der Däne Hans Christian Andersen hat eindrucksvolle Kunstmärchen geschaffen, die auch biographische Elemente enthalten. Die Romantik hat sich ganz den magischen und fantastischen Dingen gewidmet. Kein Wunder also, dass das Märchen gerade in dieser Epoche ein Revival erlebt hat. Zahlenmagie ist ein typisches Merkmal der Märchen: Die Zahl Drei ist von großer Bedeutung. Und ein Happy End darf nicht fehlen. Die Helden in den Erzählungen müssen Prüfungen bestehen und werden danach oft reichlich belohnt. Das Formelhafte äußert sich auch in Einleitung und Abschluss: „Es war einmal“ / „Und wenn sie nicht gestorben sind...“.  So erkennt man auf Anhieb, worum es sich handelt. Dass Märchen auch für Erwachsene interessante Aspekte haben, zeigt die Geschichte vom dicken, fetten Pfannkuchen. Dieser wird von drei älteren Schwestern gebacken, springt dann aus der Küche in den Wald. Dort begegnet er mehreren Tieren, die ihn verspeisen möchten. Er lehnt dankend ab und rollt weiter. Schließlich begegnet er drei Waisenkindern, die sehr arm und hungrig sind. Da erwärmt sich das Herz des Pfannkuchens, und er lässt sich verschnabulieren. Eine Interpretation könnte sein, dass die rollende Teigspeise ihre Bestimmung gefunden hat und denjenigen zugutekommt, die sie wirklich verdienen. Man muss eben auch mal Nein sagen können, bis sich die richtige Gelegenheit bietet. Es ist aber auch die Geschichte einer Flucht vor dem Schicksal, dem man wohl nicht entkommen kann. Sogar religiöse Elemente sind vorstellbar: Der Animismus hat seine Ursprünge in der Urzeit der Menschen. Dabei werden Naturobjekten und Gegenständen Seele und spirituelle Kraft zugesprochen. Ganz zu schweigen von der tiefenpsychologischen Deutung als Reifungsprozess des Helden. Kantapper, kantapper...

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