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Coming Out im Wandel? // © SeventyFour
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Coming Out im Wandel? Gastbeitrag von Florian Niederseer

Redaktion - 02.06.2021 - 09:00 Uhr

Florian Niederseer ist ein österreichischer Künstler und LGBTI*-Aktivist. Mit seiner künstlerischen Arbeit als Poet wurde er bereits in der ersten deutschsprachigen queeren Slam-Anthologie abgedruckt und im Pride Magazin vorgestellt. Er lebt aktuell in Glasgow und arbeitet gemeinsam mit politischen Organisationen und NGOs zusammen, um in Bedrängnis geratenen Leuten aus LGBTI*-Communities in Ländern wie Polen und Russland zu helfen.

Über die letzten fünf Jahre hinweg hat er in verschiedenen Teilen Europas mit Leuten aus allen möglichen Alters- und Berufsklassen Coming-Out-Interviews geführt, um die Perspektiven Anderer dabei besser zu verstehen. Der folgende Artikel ist dabei genau von diesen Eindrücken inspiriert und erzählt auch von verschiedenen Erfahrungen und Perspektiven als LGBTI*-Person.

Coming Out hat viele Formen und Gesichter. Mal ist es ganz im Privaten und ein andermal ein großes, offenes Statement. Jede Person hat die Coming-Out-Erfahrungen dabei auf ganz eigene Art und Weise. Wobei sich mit dem Voranschreiten unserer Gesellschaft Einiges dazu geändert hat. Auch wenn das Coming Out noch relativ gleich ist, gibt es Vieles, das sich davor und danach abspielt, was sich mit dem Wandel der Zeit stark verändert hat.

Besonders das Alter spielt im Vergleich eine große Rolle. Während man vor 25 Jahren noch meist das Coming Out in den Zwanzigern oder auch später hatte, sind heutzutage Geschichten von 14-Jährigen, die bereits das eine Gespräch mehrmals hinter sich haben nicht so ganz ungewöhnlich. Und während man an einigen Orten große progressive Schritte vorwärts sieht, gibt es doch auch noch hier in Europa genug Plätze, in denen es mit LGBTI*-Akzeptanz noch etwas länger dauern könnte.

Meine eigene Coming-Out-Story beginnt mit mir Zuhause am Land als ich 14 war. Auch wenn mein Coming Out bei meinen Freund*innen eher unfreiwillig war, bekam ich überraschenderweise doch größeren Zuspruch als erwartet. Klar gab es auch die ein oder anderen, die sich plötzlich nicht mehr neben mich setzen wollten, da sie ja sonst schwul hätten werden können. Aber im Großen und Ganzen ging es mir dabei relativ gut, da ich zu mir selbst stehen konnte. Wobei man sich irgendwie als Einziger, der sich geoutet hat, in der Umgebung doch etwas einsam am Gipfel fühlt.

Als ich dann mein Leben in verschiedenen Städten fortsetzte, öffnete sich für mich eine große neue Welt voller Akzeptanz und Liebe (abgesehen von der enormen Diskriminierung auf lokalen Online-Communities wie auf Grindr, einem sozialen Netzwerk für queere Menschen). Ich fühlte mich dank all der vielfältigen und willkommen heißenden LGBTI*-Szenen nicht mehr allein und hatte dabei auch die Chance, mehr über mich selbst zu erfahren und durch das Reflektieren meiner gesammelten Erfahrungen. Was es eigentlich für meinen Charakter und Identität bedeutet, auf Menschen desselben Geschlechts zu stehen, war eine Frage, die ich mir seit Jahren stellte. Hier war es mir letztendlich möglich, gemeinsam mit anderen für mich selbst eine Antwort darauf zu finden. Auch wenn diese sich stets, je älter ich werde – Stück für Stück ändert – je mehr ich über mich herausfinde. Und eine Geschichte wie diese ist im Grunde nicht einmal so ungewöhnlich. Viele Leute, mit denen ich sprach, die nach ihrem Coming Out ins Urbane zogen, erzählten von ähnlichen Erfahrungen und Wow-Momenten. Da sie sich auf einmal so fühlten, als müssten sie keinen Teil von sich selbst mehr verstecken. Das heißt jetzt nicht, dass man im Städtischen auf gar keine negativen Reaktionen mehr gefasst sein muss. Hier sind es dann meist eher komische Blicke, das Ausgegrenzt-Werden von Freund*innen oder Kolleg*innen oder irgendwelche Zurufe, wenn man gerade die Straße entlang geht. Da ist es oftmals außerhalb der Stadt etwas extremer, wenn man manchmal gleich von beinahe der gesamten Gemeinde ausgegrenzt wird, bzw. berufliche Chancen nach einem Coming Out deutlich verschlechtert werden. Aber es gibt auch vereinzelt am Land heutzutage zahlreiche Cornerstones der LGBTI*-Community in Form von lokalen Aktivist*innen oder wundervollen Personen, die sich einfach nicht sagen lassen wollen, wie sie zu leben haben und dabei andere inspirieren.

Ebenso bietet einem die Online-Welt heutzutage Zugang zu zahlreichen unterstützenden Communities, mit denen man sich auch im kleinsten konservativsten Dörfchen nicht mehr alleine fühlen muss. Ein weiteres Phänomen der heutigen Zeit sind Coming-Out-Videos, die weit und breit geteilt werden. Videos, wie das vom Künstler Troye Sivan, geben vielen jungen Leuten das Verständnis, dass sie so wie sie sind, in Ordnung sind. Ein weiterer Effekt davon ist, dass man den Ablauf eines Coming-Outs sehen kann. Das sorgt für Motivation, den Mut zu haben, zu sich selbst zu stehen und bereitet besser auf das eigene Coming-Out-Gespräch vor. Zusätzlich ist heutzutage die Repräsentation von LGBTI*-Charakteren in allen Formen von populären Medien wie Filme, Videospiele und Serien um Einiges größer als noch vor ein paar Jahren. Shows wie „RuPaul’s Drag Race“ inspirieren besonders viele junge Menschen dabei, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und zu sich selbst zu stehen. All die LGBTI*-Personen in unseren Medien helfen dabei, dass man sich bei Weitem nicht mehr so alleine fühlt – und viel mehr als das: Es werden Menschen dargestellt, die jüngeren Menschen eine Vorbildfunktion bieten.
 

Outing // © Motortion

Wobei die Schatten der Vergangenheit dennoch heute ebenso noch eine gewisse Präsenz zeigen. In Interviews mit älteren Mitgliedern der LGBTI*-Community gab es meist eine Geschichte in verschiedenen Fassungen, die sich immer wieder wiederholte. Nämlich, dass man all die Jahre so ein Gefühl hatte, aber dennoch den Weg nahm, der als “richtig” angesehen wurde. Sprich, dass man sich eine*n Partner*in des anderen Geschlechts suchte, heiratete, eine Familie gründete und es irgendwann ab einem gewissen Punkt nicht mehr aushielt, sich zu verstecken. Dabei passierte es auch oft genug, dass man so gut wie alles verlor. Die eigene Familie möchte nichts mehr mit Einem zu tun haben und in genug Fällen wurde man auch bei der Arbeit gebeten, ab dem nächsten Tag nicht mehr zu kommen. Mit Geschichten wie diesen versteht man besser, warum letztendlich die Selbstmordrate bei Mitgliedern der LGBTI*-Community stets so hoch war und immer noch ist. Geschichten mit Mustern wie diese sind auch heute nicht nur auf ältere Personen begrenzt. In meinen Gesprächen lernte ich auch einige junge Männer kennen, die homosexuell sind, aber dennoch ein Leben mit Partnerinnen führen. Auch wenn sie erzählen, wie sie sich dabei andauernd unwohl fühlen, haben diese eine viel größere Angst vor der Verurteilung von allen, die ihnen wichtig sind und letztendlich wegen ihrer Sexualität verstoßen zu werden. Genau wegen solcher Situationen ist es wichtig, Offenheit und Akzeptanz zu zeigen, damit es auch Müttern und Vätern gesellschaftlich einfacher fällt, stolz auf ihr queeres Kind zu sein. Das Wehen einer Regenbogenfahne kann so viele unerwartete Ergebnisse mit sich ziehen, dass es auch irgendwo und irgendwann mindestens einer Person das Leben rettet.

Während das Coming Out selbst im Grunde gleich blieb, hat sich Einiges, was sich davor und danach abspielt, geändert. Für viele, die vor dem einen Moment stehen, ist es einfacher als früher, da sie sich bereits von Online-Communities und ihren queeren Lieblingscharakteren als Person bestätigt fühlen. Und für diejenigen nach dem Coming Out gibt es oftmals heutzutage zahlreiche soziale Auffangnetze, die ihnen emotional und auf viele weitere Arten helfen können. Es wird also besser. Aber auch nur, wenn wir uns bemühen und gemeinsam für alle in dem LGBTI*-Spektrum eine bessere Welt schaffen. Sei es durch große oder kleine Aktionen: Das Teilnehmen an einer Pride Parade oder auch ein einfacher „Daumen hoch“ zum Regenbogenarmband der Kollegin. Jede Stimme, jedes Wort und jede wehende Fahne machen einen Unterschied im queeren Leben. Wer hätte gedacht, dass man mit dem Wehen von Farben Leben retten kann?

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