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Das Phänomen „Bisexuel Erasure“ // © Vladimir Vladimirov
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Das Phänomen „Bisexuel Erasure“: Verdammt! Ich bin nicht schwul!

kk - 05.12.2021 - 09:00 Uhr

Bisexuel Erasure? Hinter dem Begriff steckt keine hippe Band oder trendige Brands, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, wonach bisexuelle Männer meist als ungeoutete Homosexuelle betrachtet werden, wohingegen bisexuelle Frauen mehrheitlich als (s)experimentierfreudige Heteros wahrgenommen werden. Diese so genannte „Ausradierung von Bisexualität“ wurde in einer Studie im „European Journal of Social Psychology festgestellt, die die besonderen Vorurteile gegenüber bisexuellen Menschen untersucht hat. „Ich suche mir meine Forschungsgegenstände meist auf Basis von Dingen aus, die mir im wirklichen Leben auffallen. Das war auch hier der Fall. Ich bin selbst Teil der LGBTQ+-Community, ebenso wie viele meiner Freund*innen. Und da bemerkte ich, dass viele von ihnen nicht glaubten, dass Bisexuelle tatsächlich bisexuell sind“, erklärt Thekla Morgenroth von der University of Exeter als Leiter*in der Studie die Motivation der Untersuchung.

Attraktionsmuster
Unter dem Aspekt „Attraktionsmuster“ wurde dann nachgesehen, welche Vorurteile für Bisexuelle besonders gelten. So glauben die Meisten von den insgesamt 787 Befragten, dass bisexuelle Männer sich eigentlich mehr zu anderen Männern hingezogen fühlen als zu Frauen. Dies sahen sowohl die heterosexuellen Teilnehmer*innen so als auch die Lesben und Schwulen innerhalb der Studie. Bei Frauen wird die Bisexualität offenbar nicht richtig ernst genommen, eigentlich wurden sie als hetero eingestuft und als ein wenig experimentierlustig. Im Endeffekt wird also sowohl bei bisexuellen Männern als auch bei bisexuellen Frauen angenommen, dass sie sich viel mehr von Männern sexuell angezogen fühlen.

Ausradierung
Überraschenderweise gibt es aber keine Hinweise auf die „Ausradierung von weiblicher Bisexualität“, so Morgenroth. Die Psychologen sehen darin einen Hinweis, dass diese in der Gesellschaft akzeptierter sei bzw. von heterosexuellen Männern sogar begehrt: «In manchen Fällen ist es auch so, dass Menschen einfach zwei küssende Frauen sehen, ohne dass sie Informationen zur sexuellen Identität habe“, so Morgenroth. Dieses erotische Klischee führe allerdings dann doch in der heteronormativen Welt zu einem Bisexual Erasure auch bei bisexuellen Frauen. Morgenroth erläutert weiter: „Es gibt frühere Forschungen die zeigen, dass bisexuelle Menschen dem Stereotyp unterworfen sind, sie seien verwirrt und dass Bisexualität keine echte sexuelle Identität sei. Was mich besonders interessierte war der Umstand, dass dieses Absprechen einer eigenen bisexuellen Identität bei Männern und Frauen verschiedene Formen annimmt“. Zu erwähnen ist im Bezug auf die Studie, dass es natürlich auch nichtbinäre bisexuelle Menschen gibt, die jedoch bei dieser Untersuchung nicht berücksichtigt wurden.

Androzentrismus
In der Studie wurde bei den Teilnehmer*innen auch weitere wichtige Faktoren abgefragt, wie beispielsweise «Essentialismus sexueller Orientierung» (also den Glauben daran, dass die sexuelle Orientierung eine starre und feste Kategorie sei), auch die «politische Ideologie» wurde abgefragt (konservativ vs. liberal), ebenso «Androzentrismus» (ein androzentrisches Weltbild versteht den Mann als die Norm, die Frau als Abweichung von dieser Norm). Aber all diese zusätzlichen Faktoren konnten nicht eindeutig erklären, warum genau die Befragten bisexuelle Männer und Frauen unterschiedlich einordneten. „Wir wissen nicht, warum das passiert“, sagt Morgenroth: „Anfangs dachten wir, es läge am Sexismus, weil die existierende Forschungsliteratur suggeriert, dass sowohl bisexuelle Frauen als auch Männer sich mehr zu Männern hingezogen fühlen. Das kann sicher kein Zufall sein. Um das zu testen haben wir eine Reihe von Zusatzfragen gestellt bezüglich Sexismus und zur Höherbewertung von Männlichkeit über Weiblichkeit. Wir dachten, dass unsere Ergebnisse vielleicht mit diesen Faktoren zusammenhängen würden. Das war jedoch nicht der Fall“.

Akzeptanz
Für Bisexuelle ist die Studie dennoch wichtig, denn sie werden zwar in der LGBTIQ-Community in der Buchstabenreihe mitgenannt, fühlen sich aber oftmals nicht mitberücksichtigt: Weder in Sachen Repräsentation noch Berücksichtigung der besonderen Lebenssituation. Immer noch besteht das Vorurteil gegenüber Bisexuellen, sich eben noch nicht richtig entschieden zu haben. So fand 2021 am 23. September, dem offiziellen Tag der Bisexualität die erste Bi*Pride Deutschlands unter der Bi-Flagge in den Farben Pink, Lila und Blau statt, um Menschen zu zeigen, dass es Bisexualität sehr wohl gibt und deren Sorgen und Nöte deutlicher in den Fokus gerichtet werden sollten. «Gemeinsam unter dem Regenbogen? Auf jeden Fall! Aber es gibt auch bi+-spezifische Themen. Und leider auch immer wieder Ignorieren, Unsichtbarmachung und Nichternstnehmen von Bi+ – auch in der queeren Community», heißt es in einer Pressemitteilung. Man wolle darum aufklären über Bi+ Erasure, die Unsichtbarmachung von Bisexualität, über mangelnde Repräsentation, mangelnde Gemeinschaft, mangelndes Bewusstsein fürs Thema, mangelnde Sprache und mangelnde Anerkennung.

Denn bisexuelle Jugendliche benötigten Vorbilder und Sichtbarkeit, da sie deutlich häufiger als homosexuelle (und heterosexuelle) Gleichaltrige gemobbt würden oder zu Drogenmissbrauch neigten, deutlich seltener geoutet seien, und bisexuelle Mädchen sexualisierte Übergriffe beklagen, wie die US-Studie „Supporting And Caring For Our Bisexual Youth“ der Human Rights Campaign gezeigt hat.

Bisexualität ist eben keine Entscheidung, Bisexualität zu akzeptieren hingegen schon. In diesem Sinn: Be bi!

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