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Die Pride-Season 2022 und ihre Mottos // © IMAGO/Michael Westermann
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Die Pride-Season 2022 und ihre Mottos Vielfalt, Sichtbarkeit, Liebe und der heteronormative Tod

ms - 01.06.2022 - 10:00 Uhr

Ende April startete bei eher winterlichen Temperaturen in diesem Jahr der allererste CSD in Deutschland, so richtig in Fahrt kommt die diesjährige Pride-Season dabei allerdings erst im Pride-Monat Juni, wenn die ersten größeren Städte wie Hannover, Kassel oder Düsseldorf an den Start gehen. Dann im Juli und August sind die Big-Player der deutschen CSDs an der Reihe, darunter Berlin, München, Stuttgart, Köln und Hamburg.

Nach zwei Jahren Pandemie und vielen ausgefallenen Terminen erhofft sich die LGBTI*-Community dieses Jahr wieder frei und lebensfroh feiern und ein starkes Signal für mehr Akzeptanz setzen zu können. Über sechzig Pride-Veranstaltungen, mal groß, mal klein, wollen für die Gleichberechtigung von LGBTI*-Menschen eintreten. Eine spannende Kernfrage ist dabei immer: Welches Motto gibt sich die diesjährige Demonstration in meiner Stadt? Welche Themen brennen in diesem Jahr unter den Nägeln der Community sozusagen? In der Vergangenheit machten einzelne Pride-Veranstaltungen immer mal wieder durch extravagante Slogans auf sich aufmerksam, anderenorts weiß man wie in Berlin oder gerne auch in München schon im Vorfeld, dass viele innerhalb der Community grundsätzlich unzufrieden mit dem jeweiligen Motto sind – oft auch gerne schon vorab, bevor dieses überhaupt bekannt gegeben wurde.

Zudem: Nicht jede Pride-Veranstaltung gibt sich ein Motto und manche erst sehr kurzfristig, um auf aktuelle Entwicklungen eingehen zu können. Bei anderen Veranstaltern scheitert die Motto-Vergabe manchmal aber auch gerne an der Technik, wenn die eigene CSD-Homepage im Sommer 2022 immer noch als Neuigkeit Bilder von 2019 anpreist. Zwei Kernaspekte sind in diesem Jahr allerdings führend quer durch die ganze Bundesrepublik hindurch: Vielfalt und Sichtbarkeit. Gleich mehrere Demonstrationen wie in Nürnberg, Regensburg, Erlangen oder auch Neustadt an der Waldnaab haben sich das Motto „Sichtbarkeit schafft Sicherheit“ gegeben, das Credo einer bayernweit beliebten und bekannten, inzwischen allerdings bereits verstorbenen Drag-Queen namens Uschi Unsinn. Auch in Augsburg geht es 2022 mit „Be Proud – Be Visible“ um die Sichtbarkeit der queeren Community in der Öffentlichkeit.

Das Thema ist dabei ein durchaus wichtiges und aktuelles, blickt man auf die jüngsten Zahlen bezüglich der Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen. Vereine wie der LSVD gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer von rund 90 Prozent aus – kurz gesagt, die meisten Opfer erfahren eben keine Sichtbarkeit. Sie verschwinden aus Scham oder Angst in der Anonymität, die seinerseits wieder weniger Sicherheit schafft – für sich selbst genauso wie für die ganze Community. So beginnt ein Teufelskreis, der wohl tatsächlich nur durch eine starke Präsenz durchbrochen werden kann.

Der zweite Schwerpunkt ist die Vielfalt – ein Begriff, der politisch mit allen, damit verbundenen Rechten in diesem Jahr besonders stark eingefordert wird, wohl auch, weil die Hoffnungen gegenüber der Ampel-Koalition sehr groß sind, queere Herzensangelegenheiten wie eine Ergänzung des Grundgesetzes mit der “sexuellen Identität“ als besonders schützenswerten Aspekt oder auch einen landesweiten Aktionsplan gegen Hass und Anfeindung endlich umgesetzt zu sehen. In Gelsenkirchen ist man dieses Jahr dabei „Unite in Diversity“, in Walsrode ruft man zum „Tag der Vielfalt“, während man in Duisburg schließlich gleich „Zwei Jahrzehnte sichtbare queere Vielfalt“ feiert. Dass diese Vielfalt auch Arbeit bedeuten kann, stellt Karlsruhe dieses Jahr mit „Queer ist kein Hobby – Sichtbarkeit für queere Jugendliche“ fest. In Hamburg wird aus der Feier direkt ein Aufruf: "Auf die Straße! Vielfalt statt Gewalt", in Altenburg dagegen stellt man klar, „Vielfalt ist Freiheit“, während der Pride in Cottbus und der Niederlausitz etwas kritisch fragt: „Vielfalt – bunt, offen, frei?“. Für die Würzburger Pride-Veranstalter steht dabei besonders kreativ fest: „Vielfalt vereint.“

Doch stimmt das eigentlich wirklich? Es macht den Anschein, dass die Community auch untereinander noch nie so verstritten war wie aktuell. Die Fronten scheinen sich immer weiter zu verhärten, mancherorts werden Stimmen laut, dass eine Spaltung der Community in lesbisch, schwul und bisexuell auf der einen Seite, und trans, inter und queer auf der anderen Seite sinnvoll sein könnte. Ketzerisch für die einen, ein möglicher Versuch für die anderen. Eines dieser besonders strittigen Punkte ist das neue, geplante Selbstbestimmungsgesetz, das auf vielen CSDs dieses Jahr ein großes Thema sein wird. Schwule und Lesben, die kritisch nachfragen oder Anmerkungen haben, werden aktuell gerne in die rechte Ecke gestellt. Teilweise nehmen die Cancel Culture und die Sprechverbote immer absurdere Formen an, während andererseits die täglichen Übergriffe beispielsweise auf trans-Personen zeigen, dass baldmöglichst eine Lösung gefunden werden sollte – aktuell scheitert ein Teil der Community aber dabei, in Ruhe und sachbezogen zu diskutieren und zu debattieren. Und so klingt das Pride-Motto in Kiel beinahe wie eine Mahnung: „Nur gemeinsam weiter - we´re all in this together“, und München bringt es direkt auf dem Punkt mit: „Less me, more we.“

 

Natürlich gibt es in diesem Jahr auch jene CSDs, die sich ganz der Liebe verschrieben haben. In Berlin ist man „United in Love – gegen Hass, Krieg und Diskriminierung“, im Main-Taunus-Kreis bedeutet Liebe vor allem Vielfalt, während in Prignitz schlicht klargestellt wird: „Love is Love“. In Freiburg liebt man länderübergreifend mit der Schweiz und Frankreich nach dem Credo: „Liebe grenzenlos – Amour sans frontières“ und Recklinghausen übernimmt direkt den Titel eines Reinhard Mey Songs: „Liebe ist alles“.

Natürlich ist auch der Krieg in der Ukraine ein weiterer Aspekt, der bei den Pride-Events 2022 eine Rolle spielen wird. Im Schongau und Bochum fordert man Solidarität, Köln will „Für Menschenrechte - Viele. Gemeinsam. Stark!“ bleiben und der Rhein-Neckar-Kreis fordert direkt: „Free Ukraine!“ Und sonst? Es gibt alte Hasen wie Frankfurt und Leipzig, die ihre 30-jähriges Pride-Jubiläum feiern, genauso wie es jungfräuliche Pride-Babys in Salzwedel oder Bremerhaven gibt. Für einen kleinen Eklat sorgte das Pride-Team in Kassel, das im März beschloss, die Sichtbarkeit von Parteien beim CSD massiv einzuschränken – keine Parteiflaggen, Infostände oder Redebeiträge erlaubt. Die SPD und die FDP zogen daraufhin beleidigt von dannen. Das Team erklärte derweil: „Der CSD ist nicht dafür da, dass Parteien ihre parteipolitischen Interessen durchsetzen können. Ein CSD ist auch nicht da, um auf Stimmenfang bei queeren Menschen zu gehen.“ Vielleicht ein revolutionärer Gedanke auch für andere Prides?

Drei Motto-Highlights sollen dabei zuletzt nicht verschwiegen werden: Ganz im Sinne von James Bond feiert Düsseldorf unter dem Slogan „Leben und leben lassen“, während das Überleben in Mittelhessen mit „Die LGBT*IQA+ ist dem Heteronormativ sein Tod“ durchaus in Frage gestellt werden kann. Stuttgart vereint in deutscher Elektropop-Kraftwerk-Art alles unter seinem Motto: „Community.Kraft.Europa." – da bleiben keine Fragen offen, oder?

TOP TEN:

  1. LESS ME, MORE WE – München
  2. SICHTBARKEIT SCHAFFT SICHERHEIT – Nürnberg, Regensburg, Neustadt, Erlangen,
  3. QUEER IST KEIN HOBBY – Karlsruhe
  4. LEBEN UND LEBEN LASSEN – Düsseldorf
  5. DIE LGBT*IQA+ IST DEM HETERONORMATIV SEIN TOD – Mittelhessen
  6. NUR GEMEINSAM WEITER – WE´RE ALL IN THE TOGETHER – Kiel
  7. COMMUNITY.KRAFT.EUROPA – Stuttgart
  8. FREE UKRAINE – Rhein-Neckar / Mannheim
  9. VIELFALT – BUNT, OFFEN, FREI? – Cottbus und Niederlausitz
  10. AUF DIE STRASSE! VIELFALT STATT GEWALT – Hamburg

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