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Leserumfrage Jung und Alt - Gibt es ein Miteinander?

vvg - 05.03.2021 - 09:00 Uhr

Ich betreue und koordiniere mehr als fünf Seniorengruppen für Schwule in Köln, in denen ihre Interessen angesprochen und Probleme, z.B. gesundheitliche oder Rechts- und Erbschaftsfragen besprochen werden.

Wir haben zum ersten Mal in unserer Geschichte den Vorzug, das sowohl offene schwule Ältere, als auch eine junge aufgeklärte queere Generation zusammenkommen können. Da könnte ich mir vorstellen, dass es mehr Austauschmöglichkeiten zwischen den Generationen geben könnte. Allein das Vokabular für die Benennung unserer Identität, stellt schon die erste Hürde dabei dar. Kaum ein Älterer Schwuler würde sich als >queer< bezeichnen, geschweige denn versteht er, was damit gemeint ist. Das ist zuerst nur ein verbaler Unterschied, der aber eine Verständigung zwischen den Generationen erschwert. Da hilft nur, wenn man miteinander redet und sich austauscht.

Dabei finde ich persönlich die Bezeichnung >queer< viel besser als das sperrige LGBTI*. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir durch unser Auseinanderdividieren im Inneren unserer Szene nicht unsere nach Außen erkämpften Rechte gefährden.

Aber besteht überhaupt Interesse der jungen queeren Menschen an einem solchen Austausch oder liegt ihr Schwerpunkt in ihrer persönlichen und sexuellen Selbstfindung? Bei einer Video-Premiere im Jugendzentrum Anyway z.B waren die Älteren in der Überzahl, die jungen Leute waren alle vom Filmteam selbst.

Es gibt deutschlandweit zu wenige Treffpunkte, wo sich Ältere und Jüngere treffen, so wie es früher einmal im Schwulen- und Lesbenzentrum SCHULZ möglich war. Das wird zwar auch als wichtiges Thema gesehen, aber es steht in der kommunalen Prioritätenliste nicht an vorderer Stelle.
Andreas Kringe, kommunaler Netzwerkkoordinator für die offenen schwulen Seniorengruppen
 

Andreas Kringe // © vvg

Ist der Generationskonflikt wirklich der Hauptkonflikt, oder macht man es sich nicht zu einfach, Probleme auf den Altersunterschied zu schieben? Es gibt vielleicht politische Konflikte oder Konflikte von Weltanschauungen. Unterschiedlich ist in den Generationen teilweise der Blick auf die Welt, was allein dem Erlebten und den Erfahrungen geschuldet ist. Da gibt es auch mal Verständigungsprobleme, einfach weil die Jugend neue Definitionen sucht, welche für ältere Generationen schon festgelegt sind. >Queer<, >nicht-binär< und >Gender< sind solche neuen Begriffe, mit denen einige Ältere Probleme haben. Ihre Welt ist seit Jahrzehnten in >schwul<, >lesbisch<, >bi- und transsexuell< gegliedert. Und auch ansonsten ist doch nicht nur die queere Szene in Alt und Jung strukturiert. Meine Oma chillt auch nicht mit 23-Jährigen. Das ist nicht mit Altersdiskriminierung per se gleichzusetzen. Es ist normal, dass man sich überwiegend mit Gleichaltrigen umgibt, weil man den gleichen pop- und soziokulturellen Hintergrund hat. Das führt aber nicht zwangsläufig zum Konflikt der Generationen. Das Jugendzentrum anyway ist exemplarisch ein gutes Beispiel für generationsüberschreitende Verantwortung. In den 90er Jahren hat sich eine ältere Generation aus ihren Erfahrungen heraus Gedanken gemacht über ein Zentrum für Jugendarbeit. Sie haben für Teenager etwas geschaffen, was sie damals vermisst haben und gebraucht hätten. Aktuell gibt es bei uns ein Mentor*innen-Projekt, bei dem sich Erwachsene und Jugendliche zu einem Tandem zusammenfinden, von dem beide profitieren.

Ich sehe auch, dass Räume für Ältere abseits der kommerziellen Angebote kaum vorhanden sind. Es gibt berechtigte Forderungen aus der Community, wieder einen solchen gemeinsamen Treffpunkt, vergleichbar wie das ehemalige LGBTI*-Zentrum SCHULZ, zu schaffen. Es sind Einzelfälle, wenn Ältere auf die Jugend schimpfen oder Jugendliche Solidarität mit den Älteren missen lassen, aber der große Konflikt der Generationen ist mir zu hochstilisiert.
Falk Steinborn, Mitarbeiter im Jugendzentrum anyway
 

Falk Steinborn // © vvg

Es gab auch früher Kneipen in Köln, wo vornehmlich Ältere hingingen. In den Kneipen, in denen ich damals verkehrte, waren sie hingegen nicht so sichtbar. In meiner Sturm- und Drangzeit war ich meist im Schampanja. Da gab es zwei ältere Schwule, mit denen ich mich gerne unterhalten habe und mit denen sich alle gut verstanden. Heute bin ich selbst ein alter schwuler Mann. Ich bin kaum noch unterwegs in Kneipen. Auf Veranstaltungen aber, bei denen ich Gast oder auch einer der Gastgeber bin, gibt es schon einen regen Gedankenaustausch zwischen den Generationen. Das sind meistens Aktivist*innen, die großes Interesse haben, Erfahrungen aus unserer „erlebten" Geschichte direkt zu erfahren. Ich akzeptiere, das Andere in Anderen, was vielleicht erklärt, warum ich persönlich und in meinem Beruf gut mit jungen Leuten zurechtkomme und ebenfalls akzeptiert werde.

Ansonsten haben die jungen Menschen aber, wie wir früher auch, ihre eigenen Orte wie das anyway und ihre Kneipen, in denen sie unter Gleichaltrigen sind. Das ist auch gut so.

Ich würde mir wünschen, das die Generationen vorbehaltloser miteinander reden. Es geht auch in Gay-Bars nicht nur um Sexualität. Und miteinander ins Gespräch kommen, bedeutet doch nicht, dass man miteinander im Bett landet. Es geht darum, Gemeinschaft zu erleben. Das finde ich wichtig. Ansonsten sind die Jugendlichen nicht anders als wir früher waren. Der einzige Unterschied, der mir auffällt ist verbaler Art. Für mich war und ist es wichtig, mich als schwul zu bezeichnen. Junge Leute benutzen eher das Wort queer, um sich selbst zu beschreiben.

Ich denke es gibt zwischen den Generationen eher Unterschiede als Konflikte, die man oftmals unbegründet heraufbeschwört.
Georg Roth, Fachberater im RUBICON für gleichgeschlechtliche und transidente Lebensweisen in NRW
 

Georg Roth // © vvg

Im Kopf bin ich immer noch der junge Klaus, nur an Jahren wird es immer mehr. Wir sind ja noch mitten in der Pandemie, so dass man nur schwer abschätzen kann, ob das Generationenverhältnis darunter gelitten hat. Was man aber abschätzen kann ist, dass die Leute wieder rauswollen, so dass illegale Parties stattfinden. Das ist für jedermann nachvollziehbar, weil die jungen Leute ein Anrecht haben, fröhlich und locker zu sein und ihr Leben zu entdecken und nicht in ihrer Bude zu versauern. Gott sei Dank leben wir nicht in einem System, welches sich keinen Deut um die Freiheiten der Menschen schert und Leute in ihren Wohnungen einsperrt und die Türen zuschweißt.

Aber wir sind jetzt durch die Pandemie fast ein Jahr eingeschränkt und wenn es nicht im Frühjahr oder Sommer zu Öffnungen Richtung Normalität kommt, werden wir noch unruhige Zeiten erleben, da werden sich der Treppensturm am Reichstag, die Ausschreitungen Jugendlicher in Stuttgart oder den Niederlanden wiederholen. Und auch die Älteren brauchen ihre Freiheiten wieder.

Allerdings stört mich – und ich habe Jahre im Krankenhaus gearbeitet –, dass Dinge den Virus betreffend, nicht mehr medizinisch, sondern politisch begründet werden. Da leidet nicht nur Deutschland, sondern vor allem die Europäische Union darunter, ich denke da z.B. an Grenzschließungen oder die Impfstoffbeschaffung.

Ich zähle sehr auf die Impfungen und wenn die Bevölkerung durchgeimpft sein wird, werden die Menschen im öffentlichen Raum groß feiern. Ich hoffe, dass sich die Generationen dann wieder mischen, denn die Vorsicht vor Ansteckungen hat eine Scheu vor dem Anderen verursacht, zur Vermeidung von Körperkontakt geführt und eine Distanz zum Gegenüber geschaffen. Junge Menschen meiden aus Rücksicht den Kontakt zu älteren Menschen.
Klaus „Lola“ Duch, Gastronom und Kölner Travestiestar
 

Klaus „Lola“ Duch // © vvg

Auch wenn ich schon im vierten Lebensjahrzehnt bin, rechne ich mich noch zu den Jüngeren. Ich glaube nicht, das sich durch Corona eine Kluft zwischen Jung und Alt auftut. Eher rücken die Generationen durch die Pandemie enger zusammen. Die meisten jungen Menschen verstehen, dass die Älteren in Zeiten der Pandemie am meisten Schutz brauchen. Keiner neidet ihnen, dass sie zuerst geimpft werden. Und ich fände es unerträglich, wenn man den Alten vorwerfen würde, dass sie schuld daran sind, dass es keine Partys für die Jugend gibt.

In der Szene dagegen gibt es eine deutliche und sichtbare Abgrenzung der Altersgruppen, Beispiel Köln: Bermuda-Dreieck für die Jungen, Altstadt für die Alten. Das hat sich über die Jahrzehnte so entwickelt und wird auch in Zukunft so bleiben. Man bewegt sich eben lieber unter Gleichaltrigen, auch wegen des Beuteschemas für das Sexuelle. Sicher gibt es immer Grenzgänger, so dass Jungs auf Daddys stehen und Ältere nur mit Boys „können“. Da braucht man nur mal in die Apps zu schauen, wo neben der sexuellen Aktivität das Alter eine ganz entscheidende Rolle spielt. Und ich glaube auch, dass beim Alter am meisten gelogen wird, denn auf alten Bildern sieht man immer jünger aus. Es ist für mich aber keine Diskriminierung, wenn man in einer bestimmten Altersgruppe sucht. Außerdem verschieben sich die Grenzen. Früher war für mich ein 60-jähriger ein Opa, heute nicht mehr.

Gesamtgesellschaftlich müssen wir aber darauf achten, dass die Generationen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gerade Medien spielen da eine nicht zu vernachlässigende Rolle, Stichworte: „Jugendwahn“, „Rentnerschwemme“ und „Gammelfleischparty“ für eine Ü30-Veranstaltung. Um das Verständnis zwischen den Generationen zu fördern, fände ich es sehr sinnvoll, wenn Jugendliche nach der Schule ein Jahr im Altenheim arbeiten würden.
Tom Wolff, Benrath
 

Tom Wolff // © vvg

Ich bin neugierig, offen und tolerant, würde mich nicht in eine Alterskategorie einstufen. Ich betrachte mein Umfeld schon mit einer gewissen Reife und Distanz. Früher wollte ich allen gefallen, heute bin ich, wie ich bin. Über das Alter oder die Zahl denke ich nicht nach, ich lebe im Hier und Jetzt. Ich war und bin offen zu Kontakten mit allen Altersstufen. Ich bin in der Eifel großgeworden und wir lebten in den Generationen vom Enkel bis zur Urgroßmutter zusammen. Ich mag und akzeptiere ältere Menschen und ich schätze es als große Leistung, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Das war in meinem ganzen Freundeskreis so und ich empfinde im Nachhinein das Miteinander der Generationen offener als ich es heute in der Großstadt erlebe. Auch in der Szene war früher mehr „miteinander“. Auf Parties war jeder so willkommen wie er war. Es war eine gute Mischung. Heute habe ich das Gefühl, es ist immer wichtiger jung zu sein. Man darf zwar alt sein, aber nicht alt aussehen.

Das Verständnis für Ältere schwankt zwischen Mitleid: „Die Arme muss jetzt zu Hause bleiben.“, „Warum geht die denn auf die Straße, wenn sie gefährdet ist?“ und „Warum muss ich die Maske tragen? Damit die Alte nicht stirbt?“. Genauso gibt es aber auch Hilfsangebote oder Nachbarschaftshilfe für Ältere. Das ist kein Problem der Generationen, sondern der eigenen persönlichen Einstellung und der Ausgeprägtheit des persönlichen Egoismus’.

In der Szene gibt es nur selten ein Miteinander von Alt und Jung. Man geht meist nur aus, auf der Suche nach einem temporären Partner und da sucht man in der selben Altersgruppe.
Torsten Leuchtenberg aus Köln, Tanz-, Theater- und Sozialpädagoge
 

Torsten Leuchtenberg // © vvg

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