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Hass im Internet
Rubrik

Umfrage Hass im Internet - Wie geht man in einer anonymen und digitalen Welt damit um?

vvg - 08.02.2022 - 09:00 Uhr

Kritik sollte man konstruktiv gegenüberstehen. Dumme, hässliche Kommentare aber sollte man löschen, ignorieren, nicht drauf eingehen und die Leute vereinsamen lassen und ihnen keine Plattform geben. Online haben nur die eine Stimme, denen man eine gibt. Ich selber habe schon diverse Hasskommentare erhalten, bin auch als „Schwuchtel“ angemacht worden. Natürlich verletzt einen das, denkt sich aber andererseits, das sind irgendwelche Internet-Oaks, die sich nie trauen würden, ihre Meinung im realen Leben zu sagen. Hinzu kommt, dass sie sich nicht einmal mit ihren richtigen Namen nennen und lieber anonym bleiben. Menschenverachtend ist es, wenn mit Gewalt oder Mord gedroht wird; in dem Fall sollte man das zur Anzeige bringen. Leute, die vor ihren PCs sitzen und andere mit schlechten Kritiken oder negativen Kommentaren zumüllen, sind frustrierte Menschen. Vielleicht sind sie einsam und in ihrem Leben passiert nichts.

Meines Erachtens verändert sich die Gesellschaft gerade. Das Thema LSBTIQ* steht mehr in der Öffentlichkeit und wir dadurch auch. Wächst die Anerkennung der Community, wachsen auch die Gegner. Sie diskutieren mit den Argumenten „Ihr habt doch alles erreicht. Ihr dürft heiraten, was wollt ihr denn noch?".

Solange aber jemand auf der Straße als “Dumme Schwuchtel" bezeichnet wird und vom Grundgesetz die sexuelle Orientierung nicht geschützt ist, ist der Kampf um die Rechte der LSBTIQ*-Community nicht beendet.

Wir hatten im August 2021 unseren 20. CSD in Magdeburg und wir erhalten auch da Hasskommentare. Auf berechtigte Kritik gehen wir ein. Man kann sich immer verbessern und neue Ideen entwickeln. Magdeburg ist schwulenfreundlich, wir werden von der Stadt angenommen und haben sehr viele Unterstützer. Aber in diesem Jahr ist uns zum ersten Mal die Regenbogenfahne angezündet worden. Da wurde der Hass aus dem Internet zum Hass in der Realität.
Dennès aus Magdeburg
 

© VVG
Dennès aus Magdeburg © VVG

Ich habe den Hass erlebt, gerade als ich die Titel der Mr. Gay Wahlen gewonnen hatte. Jeder denkt, er hat eine Meinung und muss sie jedem mitteilen. Ich frage mich, wenn ich schon bei einer Freundin überlege, wie ich ihr höflich sagen möchte, dass sie zugenommen hat, wieso wildfremde Personen im Netz deswegen Beleidigungen verteilen müssen. Inzwischen ist mein liebstes Feature geworden, solche Personen einfach zu blockieren und gar nicht darauf zu reagieren. Man gäbe den Leuten sonst eine Bühne, die sie nicht verdient haben. Trotzdem kann man sich nicht davor schützen, dass es einen trifft, denn zuvor hat man es ja gelesen. Suche dir stattdessen Leute, die dich unterstützen mit positiver Kritik oder nutze auch Hilfe-Hotlines.

Durch den Titelkampf hatte ich eine gewisse Aufmerksamkeit und Bekanntheit und es waren sehr persönliche Angriffe wie „Du bist nicht der Schönste.“, „Deine Kampagne ist Schei…“ oder „Du hast es nicht verdient zu gewinnen.“. Nach dem Titelsieg verstärkten sich die Hasstiraden noch und das sollte einfach nicht als normal angesehen werden. Bei belanglosen Beleidigungen kann ich drüberstehen, aber bei antisemitischen, homophoben oder rassistischen Angriffen, hätte ich mir schon überlegt, diese zur Anzeige zu bringen. Das ist deutsches Gesetz und europäisches Recht. Diese Hasser glauben immer, dass sie im Netz anonym sind, aber es gibt Möglichkeiten, sie mit rechtsstaatlichen Mitteln zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Warum Menschen so sind, weiß ich nicht. Ein kleiner Teil kam aus dem Umland von Frankfurt, Mainz und Köln, wo ich vielleicht mal jemand abgewiesen oder ignoriert habe, der dann sein persönliches Drama daraus gemacht hat, die meisten kannte ich nicht.
Enrique aus Mainz, Mr. Gay Europe 2018
 

© VVG
Enrique aus Mainz © VVG

Als Betreiber eines schwulen Restaurants musste ich mich einer Hass-Kampagne in den sozialen Medien bei FB stellen: Ein schwuler Gast hatte sich darüber ausgelassen, dass er bei mir nicht genügend wertgeschätzt wurde. Der Grund war eine Auseinandersetzung mit einer ebenfalls im Restaurant sitzenden Frau, die sich aufregte, weil die beiden Jungs rumgeknutscht hatten. Mein schwuler Mitarbeiter holte mich zur Schlichtung herbei, die beiden Jungs waren aber so aufgebracht und nicht mehr zu beruhigen. Sie zogen empört ab, weil sie das Gehabe der Frau als extrem schwulenfeindlich empfanden.

Es ist als Restaurantbetreiber sicherlich sehr schwer, es allen Gästen Recht zu machen und erst recht schwer, eine verfahrene Situation zu schlichten, wenn die Parteien nicht aufeinander zugehen wollen, um ein Missverständnis oder einen Streit aus der Welt zu schaffen. Einer der beiden Jungs schrieb auf FB einen wirklich bösen Hasskommentar, den mir unbekannte Personen (die die Situation gar nicht miterlebt hatten, vermutlich waren das eher seine Freunde) vehement unterstützten. Außerdem riefen einige zum Boykott meines Geschäftes auf, hier sei es viel zu teuer etc... Ich glaube, einige von ihnen habe ich noch nie in meinem Restaurant gesehen. Fazit: In den Medien wird viel zu schnell ge- und verurteilt, kaum jemand informiert sich über alle Seiten und Fakten einer Darstellung. Schnell ein ‚dislike‘ setzen und weiter zur nächsten Aktion oder Mitteilung scrollen. Diese Meinungsmache ist äußerst gefährlich, fahrlässig, unüberlegt und hat oft weiterreichende Konsequenzen, als sich die Hater ausmalen könnten. Man(n) sollte nicht ALLES glauben, was geschrieben steht und nicht voreilig urteilen, sondern sich genauer über eine Sache informieren, wenn man mitreden und ein Urteil fällen möchte.
Hans aus Berlin
 

© VVG
Hans aus Berlin © VVG

Hass aus dem Internet habe ich zum Glück noch nicht persönlich erfahren, aber ich bekomme es schon mit, wenn in den sozialen Medien etwas hochkocht. Wenn ich solche Posts lese, halte ich mich zurück, einen Kommentar abzugeben, um die ganze Geschichte nicht noch weiter anzuheizen. Ich ärgere mich aber darüber, dass so viele Leute Dinge kommentieren, anstatt einfach weiter zu scrollen und darüber hinwegzusehen. Jeder hat zwar das Recht, seine eigene Meinung zu äußern, aber ich muss nicht jeden Scheiß kommentieren und meinen eigenen Senf auch noch dazu tun. Das mag ich nicht und ich verstehe Leute, die das machen, auch nicht.

Wenn Hass aufkommt – ganz egal, um was es geht, seien es politische Äußerungen, Kritik mit Blick auf die Community oder ganz persönliche Geschichten – das ärgert mich. Leider kann ich das Verhalten dieser Leute nicht ändern, weil ich die Personen gar nicht kenne und die sich nur anonym trauen, ihre Kommentare rauszuhauen. So muss ich es hinnehmen, muss es aber auch nicht noch weiterverbreiten. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Ich glaube, das hat viel mit der Erziehung der Jugend zu tun, welche von Generation zu Generation immer mehr degeneriert. Man sieht das deutlich, wenn man mit Jugendlichen zu tun hat: In unserem Betrieb gab es in den letzten drei Jahren kaum Auszubildende, die von sich aus Initiative gezeigt haben. Und das Ganze spiegelt sich auch in unserem sozialen Umfeld wieder. Man muss es akzeptieren und kann nur hoffen, dass die Menschen irgendwann begreifen, dass es die Gesellschaft krankmacht und das soziale Miteinander zerstört.
Markus aus Bad Mergentheim
 

© VVG
Markus aus Bad Mergentheim © VVG

Ich persönlich bin noch nie angefeindet worden. Aber natürlich bekomme ich Hass im Internet auf öffentlichen sozialen Seiten bei anderen Personen mit. Und der Hass gegen diese Personen ist auch so gelagert, dass sie sich oft nicht wehren können, sie sind Personen mit Migrationshintergrund, haben eine andere Ethnie, sind in ihrer geschlechtlichen Identität so geboren oder möchten sich nicht eindeutig als Mann oder Frau definieren.

Ich kann diese Art Hass nicht nachvollziehen, denn Hass gibt es für mich persönlich nicht, auch nicht in meinem Vokabular. Hass kommt aus einem Blickwinkel, aus dem es nur schwarz und weiß gibt, nur Gut und Böse oder Lieben und Hassen. Mein Blickwinkel ist bunt und deshalb kenne ich den Hass als Gefühl nicht. Ich nehme jeden Menschen an, wie er ist, was ich allerdings nicht toleriere, ist Hass, weil ich das nicht nachvollziehen möchte. Hass ist ein negatives Gefühl, das dich leitet, aber nicht weiterbringt. Hass im Internet entsteht durch Menschen, die vielleicht keine andere Ebene finden, um sich sonst mitzuteilen, welche die Anonymität nutzen, um ihre Meinung unreflektiert zu äußern. Es ist eine totale Schwäche, denn ich glaube, dass diese Menschen in der Realität weder niveauvoll Kritik sachlich äußern können, noch offen sind für Kritik an sich selbst. Wenn man Hass keine Bühne gibt und ihn ignoriert, erledigt sich das meist von selbst.

Ein Beispiel, welches mir einfällt ist Dr. Lauterbach, ein origineller markanter Zeitgenosse, der seine Meinung zu Corona wissenschaftlich untermauert und kundtut. Der brauchte zwischenzeitlich Personenschutz, weil sich Personen medial hasserfüllt äußerten und sein Leib und Leben bedrohen. Wie armselig ist das denn bitte? Aber es kippte die öffentliche Meinung und er wurde der neue Gesundheitsminister.
Sebastian Schäfer aus Köln

Ich hatte bei der „Deutschen Welle“ ein Interview über mein Leben in Deutschland, das in meiner Heimat Indonesien ausgestrahlt und über Facebook zu sehen war. Darin berichtete ich, dass ich hier in Deutschland glücklich mit einem Mann zusammenlebe. Das hatte schon gereicht und es kam zu 90 % Hassreaktionen – in den meisten Fällen religiösen Ursprungs. Es fielen Sätze wie „Homosexuell zu sein, ist eine Sünde!“ oder „Schwule dürfen in unserer Religion und unserer Welt nicht leben!".

Die Indonesier sind nicht so tolerant. Durch ihre Erziehung, ihre Bildung und ihren Glauben kennen sie so etwas nicht und sie können damit nicht umgehen. Dabei gibt es mittlerweile jede Menge Indonesier, die schwul sind. Ein weiterer Grund, der Anlass zu Hasstiraden gibt, ist, dass ich hier in Deutschland ein Ausländer bin. Meine Erfahrung ist allerdings, dass ich das mehr verbal mitbekomme. Man sagt mir, ich solle zurück in mein Land gehen. Und mir wurde auch schon Prügel angedroht, sodass ich weglaufen musste. Beides, sei es Hass gegen Schwule oder gegen Ausländer, schmerzt. Ich denke aber über negative Aussagen nicht lange nach. Ich bleibe der Mensch, der ich bin und der ich sein möchte.

Warum so viele Menschen mit dem Leben anderer Probleme haben? Vielleicht fehlt es am "open mind" oder es liegt am kulturellen Hintergrund? Vielleicht ist es die eigene Unzufriedenheit? Oder sie sind einfach nur einsam und neidisch? Ich persönlich richte mich nach dem Motto: "If we cannot make other people happy, better be silent!” Ich habe gerade bei einem Video der Band „Part of the Art“ mitgemacht, die den Song „Hey little Girl“ von Icehouse gecovert haben. Ich spiele darin mich selbst, das Mädchen. Bin gespannt, welche Reaktionen ich darauf bekomme.
Winardi aus Indonesien, lebt in Köln
 

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Winardi aus Indonesien © VVG

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