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Jürgen // © vvg
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Umfrage Wenn ich noch mal 20 wäre?

vvg - 16.06.2024 - 14:00 Uhr

Das wäre furchtbar; denn ich wüsste nicht, welche Zukunftsperspektive ich hätte - sowohl beruflich als auch privat. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Phase leben, die vergleichbar mit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist: Damals gab es auch keine Orientierungspunkte. Die jungen Leute heute sind auf der Suche und süchtig nach Kommunikation, finden aber in der digitalen Welt keine Erfüllung. Bis zum „Arabischen Frühling" dachte ich, dass die neuen Kommunikationsmittel nützlich sind. Handys und die moderne Kommunikationstechnik befriedigen nicht das Grundbedürfnis nach Harmonie. Es geht um viel Äußerlichkeit, jeder „muss“ auffallen und besonders sein. Es herrscht eine große Leere. Wenn mich junge Menschen fragen, was wichtig ist, antworte ich „Man muss nicht alles wissen müssen, aber man muss verlässlich sein. Dann setzt man dich ein, wo du nützlich bist.“

Ich habe mein ganzes Leben als Hochbauingenieur gearbeitet und würde das auch ein weiteres Mal machen. Mit 81 bin ich noch genauso neugierig aufs Leben, wie ich es mit 20 war; ich will die Welt erfassen, will noch Sprachen lernen und sehen welche Entwicklungen mir noch möglich sind.

Ich bin als Jugendlicher von der Lederszene geprägt worden. Natürlich hat Aids aber auch Corona viel verändert. Die Menschen mussten ihre Freiheit auf Null runterfahren. Ich habe die Aids-Krise und die Corona-Krise überstanden. Da hatten Jugendlich bei Corona viel mehr Probleme, aber ich beneide die junge Generation nicht um ihre Freiheiten, die wir mit der Szene erkämpft haben. Ich war weder verpartnert noch verheiratet. Mein gestörtes Elternhaus war kein Vorbild für eine gelebte Beziehung. Ich hatte sowohl meine Freiheit als auch die Verantwortung für das, was ich wann, wo und wie tue oder lasse.
Jürgen, 81 Jahre

Klaus-Peter // © vvg

Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas anders machen würde; hoffe aber, dass ich die 50 Jahre, die ich jetzt schon erlebt habe, genauso gut und gesund mit allen Möglichkeiten ein zweites Mal erleben dürfte. Meine Generation hat eine Zeit ohne Krieg und Belastungen hinter sich gebracht – obwohl es um uns herum ja schon kriselt – da hat keiner die Gewissheit, in der heutigen Zeit passiere einem nichts. Da hätte ich heute deutlich mehr Angst, als 20jähriger negativen Einflüssen in der Welt doch näher zu stehen. Die Situation in der Welt ist momentan so schwierig, dass man nicht weiß, ob man nicht wieder eingezogen würde, um mit der Bundeswehr Einsätze machen zu müssen; so wie es unsere Großväter damals als Jugendliche machen mussten. Ich würde hoffen, dass ich, wenn ich noch einmal 20 sein müsste, meine neuen 50 Jahre wieder so wären, wie ich sie schon erleben dufte.

Ich beneide die Jugend nicht um ihre sexuellen Freiheiten; diese hatte ich in meiner Vergangenheit und würde das so wieder handhaben, wie es war. Ich war über 20 Jahre mit einer Frau verheiratet und genauso lange bin ich heute mit (m)einem Mann zusammen. Beides war eine wahnsinnige Bereicherung. In meiner Jugend war ein offenes Zusammenleben mit einem Mann nicht möglich, da hat es die Jugend heute einfacher. Aber Freiheiten zu haben, bedeutet auch eine Begrenzung von Dingen, die man nicht immer sofort bekommen kann.  Das wäre auch für die Entwicklung eines Menschen nicht gut, denn man muss lernen, abwarten zu können und Geduld aufzubringen. Ich würde mein Leben als Neu-Twen mit den neuerworbenen 50 Jahren auch ein zweites Mal so verbringen, wie ich es schon erleben durfte.
Klaus-Peter, 71 Jahre

Norbert // © vvg

Ich würde alles genauso ein zweites Mal machen. Gut, mit 20 war ich noch - Dank meiner Erziehung - sehr katholisch, was mich sehr geprägt hat: Für mich gab es während der Pubertät nur die Kirche. Wäre ich heute jung, würde ich mich in der Hinsicht nicht mehr so einlullen lassen; ansonsten ist eigentlich alles gut gelaufen. Ich habe mit 14 meine Lehre als Verkäufer in Aachen angefangen und mich über Köln und Frankfurt mit viel Elan und Engagement zum Abteilungsleiter hochgearbeitet. In Frankfurt hat man mich dann "entdeckt". Damals besuchte man die Klappen, das lief ja alles komplizierter ab als heute. Ich hatte das Glück, dort einen Mann zu treffen, der mich sehr behutsam in die Liebe eingeführt hat und mit dem ich bis zu seinem Tode 37 Jahre lang zusammenlebte. Ich beneide die junge Generation aber nicht, das Leben hat sich verändert. Wäre ich 20 würde ich es genauso machen wie sie.

Im Laufe der Zeit habe ich die neuen Freiheiten nach dem Tode meines Mannes auch kennen gelernt. Ich stehe dazu, dass ich Männer mag, was viele ältere Schwule doch verschweigen, weil sie Skrupel haben, offen dazu zu stehen. 

Wenn ich momentan sehe, was in der Welt geschieht, bin ich doch sehr glücklich, dass ich so eine gute Zeit erleben durfte. Die jungen Menschen gehen einer sehr ungewissen Zeit entgegen.

Damals hat man seine Kontakte über die Augen gemacht, heute geschieht das alles über Internet und Computer. Ich glaube das wollte ich nicht, denn mir war immer wichtig, dass die Chemie stimmte. Ich würde also mein Leben nicht groß ändern wollen. Ich bin rundum glücklich und zufrieden, weil ich Freunde habe und nicht einsam bin.
Norbert, 82 Jahre

Oliver // © vvg

Nicht noch einmal 20, dann eher 35 bis 40, das war mein Alter, wo ich auf der Überholspur gelebt habe. Vielleicht würde ich eine andere Berufswahl treffen: Mein Traumberuf war Pilot, geworden bin ich Beamter. Wenn ich aber bedenke, abgesehen von Start und Landung – acht Stunden über den Atlantik zu fliegen, ist ja auch langweilig. Im sexuellen Bereich würde ich nicht viel ändern. Man sagt, die junge Generation heute hätte mehr Sex als wir. Möglich, ich weiß aber, wie ich in meiner Sturm und Drangzeit rumgehurt habe; das war schon geil. Natürlich existierte noch der §175 und viele haben sich deswegen versteckt und manche Chancen dadurch verpasst; mich hat das aber nicht interessiert oder von irgendetwas abgehalten. 

Lediglich mein Outing wäre heute früher und offener. Ich habe es zuerst versteckt und sogar verleugnet. Eines Abends orderte mich mein Vater ins Wohnzimmer und stellte mich mit den Worten "Wir haben gehört, dass du homosexuell bist“ zur Rede. Übrigens hatte ich zu dem Zeitpunkt ein Verhältnis mit einer älteren Frau, die mich immer bekehren wollte, was ihr aber nicht gelang. Aber es gab genügend andere eindeutigere Situationen: Es gab weder Handys, Internet noch Whatsup; wenn man notgeil war, besuchte man die öffentlichen Klappen. Meine Mutter fügte dann hinzu, dass ein Privatdetektiv mich im Auftrag meines Vaters ausspioniert hat. Ich erwiderte darauf: „Na dann hat der Mann ja gute Arbeit geleistet und ihr wisst Bescheid!“ Damit war ich froh, dass es ausgesprochen war.

Ein bisschen neidisch werde ich, wenn ich die jungen „Hasenkinder" mit klasse Bodys und geilen Klamotten sehe, wie selbstbewusst sie sich präsentieren und wie offen sie mit ihrer Sexualität umgehen. Diese Freiheit hatten wir leider nicht.
Oliver,  65 Jahre

Irmgard Knef // © vvg

Meine Generation hat ja die Jugend im Keller verbracht - aber nicht im Darkroom oder in der Disco sondern im Luftschutzkeller. Die schönste Zeit wurde uns gestohlen. Denn die Jugend ist eine kurze Zeit atemloser Spannung - und das war es. Wenn man mitten in ihr steckt, weiß man nicht um deren Vergänglichkeit und Einzigartigkeit - und wenn man an sie zurückdenkt, wird man alt.

Eine offene, demokratische, emanzipierte Gesellschaft kannten wir nicht. Wenn man jung ist, hat man aber keine Vergleiche und man nimmt das, was man vorfindet erst mal so hin. Ausprobieren, verschiedenste Beziehungserfahrungen sammeln,– dit wär schön jewesen.

Da würde ich gerne was nachholen…

Wenn ich heute 20 wäre, würde ich mich auf Tinder tummeln und tabulose Dates realisieren.

Ich wäre überzeugt, dass jede sexuelle Spielart in eine eigne Schublade muss und kategorisiert gehört. Mit eigener Fahne und eigenen Buchstaben und das Mann und Frau keine biologischen Grundprinzipien unseres Lebens sind, sondern traditionelle Dogmen, die es zu überwinden gilt. Ich wäre bereit der vorgefundenen Welt - samt Sprache und Konventionen - den Kampf anzusagen und ich wäre gewöhnt, ein digitales, materiell abgesichertes und egozentriertes und sensibilisiertes Leben zu führen, mich ständig zu fotografieren und aus meinem Leben eine Diashow zu machen. Ich tauschte das analoge Leben mit der digitalen Scheinwelt und fände mich dabei groß, gefragt und persönlich globalisiert. Als 18jährige wäre ich der tiktok-Propaganda ausgesetzt und meine Weltsicht davon geprägt. Ooch nich jerade prickelnd. Das Leben ist nicht leicht mit knapp 100 nicht und ooch nicht mit achtzehn. Also ruf ich nicht: Ja unbedingt, bitte nochmal.
Irmgard Knef, die unbekannte Zwillings-Schwester von Hildegard (alias Uli M. Heisig)

Sabine // © vvg

Ich glaube, ich würde mich erschrecken, weil ich es nicht erstrebenswert finde, noch mal Twen zu sein. Man müsste den ganzen Kinderkram und all die persönlichen Entwicklungsschritte noch einmal durchleben. Das Einzige, was mich locken könnte, dass man mit 20 körperlich ganz anders drauf ist und man Sachen machen kann, die einem heute nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Ich würde vielleicht in der Jugend mehr reisen, obwohl der Nachteil ist, dass es im Alter wieder an Knete mangelt.

Ich habe mein Outing mit 28 durchgemacht. Ich fand Frauen schon immer toll, ohne zu wissen, dass Homosexualität meine Lebensprägung ist. Das war damals alles Tabu. Geäußert habe ich mich wohlbedacht bei Personen meines Vertrauens und bin auch vorbehaltlos angenommen worden. Ich habe mich auch nie unter Druck gefühlt. Ich hatte eine öffentliche Stellung und war für Menschen verantwortlich. Heute muss man achtsamer sein, denn die Ängste vieler, „… die macht sich doch nur an unsere Kinder ran.“, ist größer geworden.

Ich glaube, für junge Leute ist diese unsichere Zeit eine extreme Herausforderung, da kämen bei mir Ängste auf und ich wäre mit Sicherheit weniger frei und unbelastet.

Positiv wäre, dass man heute mehr Möglichkeiten hat, Frauen kennen zu lernen und Beziehungen auszuleben. Ich würde mir vielleicht wünschen meiner Frau Dagmar - meiner großen Liebe - schon früher im Leben begegnet zu sein. Aber das, was wir haben, haben wir vielleicht auch nur aus dem Grunde, weil wir eben keine 20 mehr sind.

Last not least, würde mich etwas doch reizen: Ich möchte die Erde einmal von oben aus betrachten. Das ist ja zukunftsnah und sicherlich irgendwann machbar. Aber wie gesagt, nur, wenn ich auch tatsächlich jünger wäre.
Sabine, 67 Jahre

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